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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Männer, die auf Züge starren - 4100 Euro purer Hass

Muss man im Jahr 2016 unbedingt noch eine Kolumne über die Deutsche Bahn schreiben? Man muss - denn Bahnchef Grubes Bahn(anen)republik ist so gut organisiert wie Simbabwe oder der HSV.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz über die Deutsche Bahn

Micky Beisenherz ärgert sich über die Deutsche Bahn

Eigentlich veröffentliche ich ja immer mittwochs. Somit erscheint diese Kolumne mit massiver Verspätung. Was selten besser zu einem Thema passte, als heute.

DB. Dummdreiste Bescheißer. Doppelt Bodenlos. Dämliche Bimmelbahner. Speziell in den Momenten der Wut fallen einem viele passendere Bedeutungen für das Akronym DB ein. Und Momente der Wut gibt es viele.

Am wütendsten macht es mich aber, dass die Deutsche Bahn es fertig gebracht hat, mich noch so weit zu bringen, allen Ernstes eine Kolumne über die Deutsche Bahn zu schreiben. Das hier zu tun, ist wirklich das letzte, das ich vorhatte. Aber ich sitze zwischen Wagen 23 und 24 auf dem Boden, es ist nicht geheizt - und Wut hält mich warm.

Muss man im Jahr 2016 unbedingt noch eine Kolumne über die Deutsche Bahn schreiben? Gegenfrage: Muss man im Jahr 2016 noch das Personal im ICE darauf hinweisen, dass es mit Heizung gemütlicher wäre? Zumindest lässt mich die Kälte vergessen, dass das W-Lan nicht funktioniert. Es ist ja nun wirklich kein Geheimnis, dass Bahnchef Grubes Bahn(anen)republik so gut organisiert ist wie Simbabwe oder der HSV. Das weiß die Allgemeinheit - und ich im ganz besonderen.

Mache ich diese Erfahrung doch jede Woche mehrmals. Als Vielfahrer und Bahncard-Inhaber. Bahncard 100. Zweite Klasse. Volksnaher Superstar, is' klar. Außerdem wäre die BahnCard 1. Klasse 2000 Euro teurer, und man kann sich auch bereits für vier Riesen ein ganzes Jahr lang fürstlich ärgern.

Den Blick des Schaffners muss man gesehen haben, als ich ihm vom Boden aus die "Black Mamba" hinhalte. Das Ding kostet 4100 Euro und der Umstand, dass ich dennoch gerade auf dem teilbekotzten Teppich zwischen den Abteilen hocke, entlockt ihm ein anerkennendes "Hoioioi. Teurer Spaß." Dabei blickt er mich so verständnislos an, als hätte ich mir gerade für exakt diese Summe ein mannshohes rosa Porzellan-Einhorn für den Vorgarten gekauft oder, um im masochistischen Grundkontext zu bleiben: Ein Ganzjahres-Abo für den Paddel- und Peitschenkeller unter Madame Satanas Klötenklemmenkabinett.

Schlimm wird es, wenn man umsteigen muss

Was war eigentlich passiert? Als treuer Kunde hatte ich mich spontan gegen den Flug von München nach Köln entschieden und stattdessen den Zug gewählt. Ich hatte Zeit. Und Zeit sollte man immer einplanen, wenn man sich für dieses Verkehrsmittel entscheidet. Schließlich sind die Fahrpläne eher so eine Art, nun ja, Serviervorschlag: Sieht für den Kunden schön aus - aber jeder weiß, dass es natürlich nie so kommt.

Schlimm wird es vor allem, wenn man irgendwo umsteigen muss. Das bedeutet: Immer eine Stunde früher losfahren, als eigentlich geplant, denn am Ende wird der Zug exakt so viel Verspätung haben, die eben nötig ist, um den Anschlusszug zu verpassen. Mein Gott, wie viele Stunden habe ich schon in Hannover verbracht? Und niemand will nach Hannover.

Ein wundervoller Klang: Der unverhohlene Stolz des Schaffners, wenn er eine planmäßige Ankunft oder zumindest das Erreichen aller Anschlusszüge verkünden darf. Ist ein wenig wie eine Ufo-Sichtung. Klingt utopisch. Wollen aber schon welche erlebt haben.

Bahn präsentiert ICE 4


"Nicht da."

Wo war ich? Ach, ja, richtig. In München. Es ist neun Uhr morgens und ich blicke auf eine fünfstündige Fahrt nach Köln. Nicht aber auf Wagen 35. Was schade ist. Denn in eben diesem sollte sich mein reservierter Platz befinden. Das tut der sicher auch. Nur ist halt eben der gesamte Waggon nicht ... also ... nun ... ich frage eine beeindruckend desinteressierte Schaffnerin am Gleis.
"Guten Morgen. Ich hab reserviert. Wo ist denn Wagen 35?"
"Nicht da."
"Puh. Und das Bahn-Comfort-Abteil?"
"Voll"

Kälter als sie kann der Bahnsteig kaum sein. Ihr Herz ist ein ICE - und ich bin leider Wolfsburg. Und ich habe 5:40 Stunden Zeit, auf dem Boden zwischen den Waggons darüber nachzudenken, was ich mir Schönes kaufe von dem Geld, das ich sonst für 'ne BahnCard 100 ausgebe.
 Was habe ich nur getan?

Was die Bahn getan hat, weiß ich: Die haben einfach mal spontan Wagen 31 bis 38 vergessen. Warum ich die Eiskönigin nach diesem Bahn-Comfort-Abteil gefragt habe? Nun, es gibt einen Waggon, in dem ein paar Plätze reserviert sind, damit Vielfahrer und BahnCard100-Member wie ich immer einen Platz haben. Das ist auch oben angezeigt, dass die für uns reserviert sind. Wird aber vom Normalreisenden verstanden als: Hier is' frei.

Und deshalb setzt sich jeder da hin. Würde ich vermutlich auch so machen. Was ich wiederum nie machen würde, ist, daraufhin wie ein Blockwart durch die Reihen spazieren und jeden aufzufordern, mir zu zeigen, ob sie sich im Besitz einer Bahncard befinden. Das ist dann noch unwürdiger, als auf dem Boden zu sitzen.
Wenngleich es schon reizvoll wäre, den Polizisten, der sich gerade eben widerrechtlich auf einen dieser Frequent-Traveller-Throne gesetzt hat, mit einer scharfen Ermahnung des Platzes zu verweisen.

Das mit den angezeigten Reservierungen ist eh so eine Sache: Werden sie angezeigt, kann ein jeder sich gut orientieren und weiß, welche Niederlassung er sich sparen kann. 

Ein Ausweichen in den Speisewagen ist sinnlos

Für gewöhnlich ist aber ein Fehler im System, sodass die Digitalanzeige überall lediglich anzeigt: "ggfs freigegeben", was im Grunde genommen nicht mehr bedeutet als "viel Glück!" und den Reisenden einem unwürdigen Ratespiel aussetzt, welcher Sitzplatz unter Hunderten tatsächlich unbesetzt sein könnte. Für gewöhnlich kommt der Platzkarteninhaber immer dann zum Stresswiederaufbau, wenn man sich gerade verschwitzt und abgekämpft mit all seinen Sachen auf einen Sitz hat fallen lassen und langsam zur Ruhe kommt. 

Wir rollen bereits eine ganze Weile, als die Zugdurchsage verkündet, dass die fehlenden Wagen in Stuttgart nachgereicht, bzw. angekoppelt werden sollen. Na, das ist doch mal ne schöne Idee. Nutzt aber bis Stuttgart erstmal wenig.

Das rollende Stück Altmetall ist proppenvoll. Ein Ausweichen in den Speisewagen ist sinnlos. Dort belegen bereits alle die letzten kostbaren Plätze. Viele sind auf der Suche nach Sitzgelegenheiten so verzweifelt, dass sie sich sogar einen bordeigenen Cappuccino bestellen. Ein Hasardeur wagt sich gar an eine Hauptmahlzeit. Kenner wissen: Das lässt man besser sein. Die Gulaschsuppe beispielsweise ist niemals heiß. Hätte man sie aber gern kochend heiß, empfiehlt es sich, die Suppe bis zum nächsten Sommer bei sich zu führen. Spätestens im Juli, wenn wieder die Klimaanlagen ausgefallen sind, dürfte sie ausreichend kochen.

Seifenspender so leer wie die Gesichter der Schaffner

Ich mache einen langen Spaziergang. Nicht, weil ich das Ambiente so toll finde - eine funktionierende Zugtoilette zu erwischen ist in etwa so aussichtsreich, wie eine Moschee in Dresden zu finden. Die Dinger sind entweder kaputt oder nur für Zugpersonal. Vermutlich, um sich dort vor wütenden Kunden zu verschanzen.

Die Mängelliste ist lang. Nicht selten knallt mir bei der Sitzung die defekte Waschbeckenunterschranktür gegen das Schienbein, traktiert mich mit der Akribie eines Uli Borowka. Die Seifenspender sind so leer wie die Gesichter der Schaffner, und Hygiene wird von den Verantwortlichen wohl immer noch für ein böses Tier gehalten. Die meisten Bordtoiletten sehen aus wie Kulissen von "Game of Thrones" - oder die Attendorner Tropfsteinhöhle.

Richtig klasse auch, wenn die Verriegelung der Toilette wider Erwarten defekt ist und man während der Verklappung Besuch von Mitreisenden bekommt. Am besten immer dann, wenn man in einer dieser Großaumtoiletten sitzt, deren elektrische Schiebetür einmal in quälender Langsamkeit komplett wieder auf und zu geht, während man feststellen muss, dass die eigenen Arme zu kurz sind, um die schnell panisch wieder zuzuzerren.

Ein Feeling irgendwo zwischen LaGeSo und Primark-Eröffnung

Dass man in dieser Situation allen Ernstes Mitarbeiter mit einem Fragebogen durch dieses Stück Scheitern auf Schienen schickt, kann nur der unendlichen Grausamkeit der Konzernchefs geschuldet sein. "Entschuldigung, wir machen eine Kundenzufriedenheitsbefragung der Deutschen Bahn und würden Sie gern ..."

"Gerne. Lassen Sie mich bitte nur eben elf Abteile weiter in die einzige funktionierende Toilette, weil sie vor Abfahrt vergessen haben, die Wassertanks zu füllen."

Ankunft in Stuttgart. Die Wagen 31 bis 38 sind, richtig, nicht da. Sehr zum Leidwesen vieler Stuttgarter, die sich darüber bestimmt sehr gefreut hätten. Nun steigen sie trotzdem in die Bahn ein, deren Fassungsvermögen langsam ausgereizt scheint.

Kurz und schlecht: Es kommt ein Feeling auf, irgendwo zwischen LaGeSo und Primark-Eröffnung. Nichts bewegt sich. Weder im Zug - noch der Zug selbst. Stattdessen eine genervte Durchsage, dass alle Passagiere ohne einen Sitzplatz gefälligst auszusteigen hätten, da die Bahn ansonsten nicht losfahren würde. Dass der Grad der Überfüllung einzig und allein darauf zurückzuführen ist, dass "die Gleissens" einfach mal ganze Tickets für ganze acht Waggons verkauft, diese aber schlicht nicht geliefert haben, wird im Deportationstonfall des Zugführers nicht ganz deutlich.

Giftgasattacken aus geöffneten Tupperdosen

Ein Mann, bewaffnet mit zwei Tuben Löwensenf und einer Dose City Hugo (was macht man eigentlich damit, wenn man aufs Land zieht?), stolpert fast über meine Beine. Er ist auf dem Weg zu einem beschwingten Sechser-Abteil, das nach Köln will. Sie müssen nach Köln wollen. Solche Menschen wollen immer nach Köln.

Die Ablenkung durch die wut- und stressgetränkte Kakophonie des übervollen Wagens erspart es mir zumindest, die übliche Folter ertragen zu müssen, die einem in der Ruhe eines Abteils sonst die Fahrt versaut, sprich: Frauenreisegruppen. Männerreisegruppen. Gemischtreisegruppen. Jamba Sparabo-Klingeltöne, volle Pulle aufgedreht. Olfaktorische Ei- und Frikadellenbrötchen-Fallouts. Giftgasattacken aus geöffneten Tupperdosen. Die Tatsache, dass ich sämtliche Fabrikate deutscher Rucksäcke mit dem Jochbein erkennen kann. Habe ich doch schon jeden davon im Sitzen mehrfach in die Fresse gekriegt.

Unternehmensberater, die volle drei Stunden für alle Mitreisenden unüberhörbar ihren Heuschreckenrap in ihr Smartphone schmettern, nach getaner "Arbeit" für eine halbe Stunde wegnicken, nur, um nach dem Aufwachen das Bahnpersonal abzusauen, da die zehnminütige (hui!) Verspätung des Zuges sie davon abhält, rechtzeitig einen Konzern zu zerschlagen.

Wir leben noch

Schaffner. Noch mehr als den Kunden gilt mein Mitleid diesem Berufsstand, der sich tagtäglich mit all dem auseinandersetzen muss, was uns als Kunden oft jeglichen Benimm vergessen lässt - und uns dazu treibt, einen Zorn an ihnen auszulassen, heißer, als die Gulaschsuppe im Bordbistro je werden könnte.

Ankunft in Köln. Wir alle sind erschöpft, aber immerhin: Wir leben noch.
Noch heute Abend werde ich dem Konzern eine Mail schreiben, eine Fahrt im ICE mit in den Katalog von Jochen Schweitzer aufzunehmen. Mehr Adrenalin als hier schüttet man beim Haitauchen vor Südafrika auch nicht aus. Davon abgesehen hat man im Unterwasser-Käfig mehr Platz. Das Schlimmste an dieser Nahzugerfahrung aber ist: Diese Kolumne hier habe ich im ICE geschrieben. Denn immer noch ist die Deutsche Bahn mein Lieblingsverkehrsmittel. 

Vielleicht ist es das Prinzip Hoffnung. Möglicherweise schon das Stockholm- Syndrom. Es gibt ja auch noch Fans des HSV.

Liebe Bahn, hilf mir dabei, Dich wieder zu mögen!