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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier A Zar is born – das Ende einer Illusion

Der russische Präsident Wladimir Putin
Der russische Präsident Wladimir Putin während eines Urlaubs im August 2017
© Alexei Nikolsky/TASS/dpa / Picture Alliance
Nach der Eskalation in der Ukraine-Krise müssen wir uns fragen: Was in Gottes Namen dachten wir, wer Putin ist? Das Verschrotten des Minsker Abkommens ist der Schuss, den der Westen lange nicht gehört hat. Oder wohl auch nicht hören wollte, findet Micky Beisenherz.

Wir alle kommen Zeit unseres Lebens nie wirklich vom Schulhof herunter. Immer wieder finden wir uns in Situationen wieder, die uns unsere Parzelle auf dem betonierten Areal zuweist, das in so frühen Jahren unser Verständnis von Gesellschaft geprägt hat. Wo würden wir jemanden wie Putin einordnen?

US-Präsident Joe Biden stellte gestern die rhetorische Frage: "Wer in Gottes Namen denkt Putin, wer er ist." Die viel angebrachtere Frage muss doch lauten: "Was in Gottes Namen dachten WIR, wer er ist?"

Möglicherweise haben wir diesem Mann, der regelmäßig oberkörperfrei posierte wie das Centerfold vom "Fisch und Fang"-Katalog, auch etwas zu viel Bereitschaft zugetraut, sich unserer westlichen Achtsamkeitsrhetorik anzunehmen.

Letzte Woche sah es irgendwie noch ganz gut aus, als Macron und der deutsche Bundeskanzler an dessen Tisch Platz nehmen durften, um in Gesprächen einen Konflikt zu besprechen, den der russische Präsident für sich zu diesem Zeitpunkt vermutlich längst gelöst hatte.

Es sah so schön aus. Ein Teil der Truppen schien abzuziehen. Saskia Esken war kurz davor, den Friedensnobelpreis für ihren Kanzler zu fordern. Doch, ach. Wir müssen erkennen: Zwischen den Gesprächspartnern an diesem absurd dimensionierten Möbel lagen gefühlt nicht nur zwei Zeitzonen, sondern auch komplett unterschiedliche Weltanschauungen. Auf der einen Seite die Nato als Verfechter unbedingter Gewaltfreiheit – und dort der Ex-KGB-Mann, der selbst beim Kuscheln mit einem Labrador so wirkt, als wolle er das Tier für immer zum Schweigen bringen.

Jahrelang fröhlich aneinander vorbei gelebt

Das Verschrotten des Minsker Abkommens ist der Schuss, den der Westen lange nicht gehört hat. Oder wohl auch nicht hören wollte. Wir haben fröhlich aneinander vorbei gelebt.

Lange Jahre hat die Nato munter vor sich hin expandiert, die Russen empfanden wir mit wohligem Grusel international als irgendetwas zwischen Zweitligist und Trödeltrupp, und wenn wir ehrlich sind, war das mit Obamas "Regionalmacht"-Gleichnis auch ganz amüsant. Kann man ja mal sagen, wenn's läuft.

Klar, da war Georgien 2008, die Annexion der Krim 2014. Unschön, sicher.  Aber vom Weiterbau von Nordstream 2 hat uns das auch nicht weiter abgehalten, oder? Eben.

Micky Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier

Mein Name ist Micky Beisenherz. In Castrop-Rauxel bin ich Weltstar. Woanders muss ich alles selbst bezahlen. Ich bin ein multimedialer (Ein-)gemischtwarenladen. Autor (Extra3, Dschungelcamp), Moderator (ZDF, NDR, ProSieben, ntv), Podcast-Host ("Apokalypse und Filterkaffee"), Gelegenheitskarikaturist. Es gibt Dinge, die mir auffallen. Mich teilweise sogar aufregen. Und da ständig die Impulskontrolle klemmt, müssen sie wohl raus. Mein religiöses Symbol ist das Fadenkreuz. Die Rasierklinge ist mein Dancefloor. Und soeben juckt es wieder in den Füßen.

Hätten wir wissen müssen, dass dieser würfelartige Judoka mit dem seltsam leeren Gesicht seit Jahren geradezu körperliche Schmerzen empfindet bei dem Gedanken an diese "Regionalmacht"-Schmähung oder den ehemaligen Präsidenten Jelzin, den wir Deutsche als drollig-besoffenen Tanzbären als Manifestation russischer Harmlosigkeit so liebgewonnen hatten?

Hat er auf Russland geblickt wie Klimaschützer auf Gletscher? Was für Verfasstheiten treffen hier aufeinander? Wir reden aneinander vorbei in Dimensionen, das passt auf keinen Zarentisch.

Und was willst du jemandem anbieten, der die Rechtmäßigkeit eines ukrainischen Staates gar nicht anerkennt und im Grunde genommen den ganz großen Rollback zurück ins große russische Reich wünscht.

Dieser wütende, fast schon psychotische Mann, wie er da in seinem komischen Sessel saß, mit diesen Telefonen wie in einem Duisburger Gesundheitsamt und sich in einen Zustand hinein wütete, als ginge es gleich rauf aufs Feld, um die Champions League zu gewinnen.

So unterschiedlich kann es laufen: Die einen großen Staatsmänner begnügen sich damit, jenseits der Siebzig vor dem Instagram-Ringlicht weinselig Rilke zu zitieren – andere wiederum wünschen sich als persönliches Vermächtnis eine Art prorussische Osmose, die Wiedereinnahme abtrünniger Staaten.

Wenig Hoffnung für die Ukraine

Dass ein Krieg mitunter ganz dienlich sein kann, um eine Nation zur inneren Geschlossenheit um den Präsidenten zu bringen, während es wirtschaftlich nicht so gut läuft, das ist nun strategisch auch im Westen nicht ganz unbekannt.

Da wir alle aber wie eingangs erwähnt dem Pausenhofdarwinismus unterworfen sind, gibt es für die Ukraine wenig Hoffnung. Da ist der stufenberüchtigte Bully, der den kleineren Staat drangsaliert. Der ruft um Hilfe – und drumherum stehen alle und inspizieren mehr oder weniger verdruckst ihre Schnürsenkel.

Völlig klar, dass wir alle heilfroh sind, dass hier nicht der Bündnisfall eintritt. Nur, weil #Weltkrieg bei Twitter trendet, muss das nicht der logische Schluss einer Volksbefragung sein.

Wenn Joe Biden Putin zwar mit Sanktionen droht, aber gleichzeitig ankündigt, nicht vorzuhaben, "gegen Russland zu kämpfen", dann ist er als Klassensprecher des Westens für den russischen Präsidenten vor allem: harmlos. Und wir: ratlos.

Mit Sanktionen hat sich Putin gut arrangiert

In Sanktionen hat sich der expansionsfreudige Aggressor im Laufe der Jahre ganz gut eingelebt. Die einzige Sprache, die er versteht, sind wir – nachvollziehbarerweise – nicht bereit zu sprechen. Die Werkzeuge in unserem "Instrumentenkasten" indes sind so stumpf wie die 2G-Lösung in einer sächsischen Frittenbude für Impfgegner.

Die Geschubsten und Getretenen auf diesem bildlichen Atrium sind die Ukrainer, die dem Westen geostrategisch bedauerlicherweise zu wenig wert sind, sich selbst eine blutige Nase zu riskieren. Wie denen ernsthaft geholfen werden soll, da fällt mir nur wenig zu ein.

Vermutlich wird es laufen wie immer. Unsere Empörung wäscht sich raus, die Sanktionen gehen gerade so weit, dass sie uns selbst nicht allzu weh tun, Gewöhnung setzt ein. Ich mein, nix gegen das Völkerrecht, aber Jürgen und Marion wollen ja auch bezahlbar heizen.

Und wenn unser Fokus in ein paar Wochen auf andere Konflikte gerichtet ist, ist das sukzessive Vorrücken des St. Petersburger Eroberers kaum mehr als ein Schulterzucken wert. Das mag eine falsche Einschätzung sein.

Doch wenn ich nicht einmal die sonst so demonstrationsfreudigen Friedensaktivisten für die Ukraine zu Zehntausenden auf die Straße gehen sehe, dann darf man sich schon fragen: How much do Ukrainian Lives matter?

Mehr als ratlos daneben stehen ist wohl kaum drin.

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