Berlins 115. Ehrenbürger Biermann beehrt das Rote Rathaus


Der Liedermacher hatte zuvor richtig Krach gemacht. "Verbrecherisch" sei sie, die rot-rote Koalition in Berlin, hatte Wolf Biermann gewettert - und sich dennoch die Ehrenbürgerwürde verleihen lassen. Klaus Wowereit hielt die Laudatio.
Von Florian Güßgen und Jan Rosenkranz

Seit Montagnachmittag darf Wolf Biermann Bus fahren. So viel er will. Umsonst. Und Trambahn. Und U-Bahn. Den ganzen Tag. Für immer. Vom Westen in den Osten, vom Osten in den Westen. Immer durch Mitte. Auf ewig für lau. Seit Montag, halb vier, ist Biermann beurkundeter Ehrenbürger Berlins, ausgestattet mit Dauerkarte der Verkehrsbetriebe, Lebenslang-Abo des Verwaltungsspiegels, und Anrecht auf ein Ehrengrab.

Biermann, der 70-Jährige, ist der 115. Ehrenbürger der Stadt, in einer Reihe mit lebenden und postumen Dauerkartenbesitzern wie Max Liebermann, Marlene Dietrich oder Michail Gorbatschow. Ausgezeichnet wurde der Liedermacher für seine lyrische Kritik am DDR-Regime, seine Rolle als Bürgerrechtler, seine legendären Ausbürgerung im Jahr 1976, seinen Beitrag zum Zerfall des DDR-Regimes. Das Berliner Abgeordnetenhaus hat für diese Auszeichnung gestimmt, nur die "Linkspartei" hat sich enthalten.

Wowereits "verbrecherische" Liaison

Dabei hat der in Hamburg lebende Biermann die Rolle des aufrechten Aufrührers offenbar so verinnerlicht, dass er gar nicht anders kann, als Eklats zu provozieren. Wie in den vergangenen Tagen, unmittelbar vor dem Festakt zu seinen Ehren. Es sei "verbrecherisch", hatte er geschimpft, dass sich die SPD zur PDS, der SED-Nachfolgepartei, ins Bett gelegt habe, schimpfte Biermann laut und vernehmbar - und inszenierte so ein Stück in Sachen Wahrheit und Kritik, dessen dramaturgischer Höhepunkt bei der Zeremonie im Roten Rathaus erreicht werden sollte. Denn dort sollte Klaus Wowereit, der Mann mit den verbrecherischen Lüsten, die Laudatio halten. Vor rund 400 Biermann-Fans, von Verlags-Eignerin Friede Springer bis hin zu Bundestagspräsident Norbert Lammert.

"Das geht zu weit"

Wowereit wartete nicht lange mit seiner Replik auf die Biermannsche Provokation. Zwar sei die Ehrenbürgerwürde eine Ehrung durch die Stadt, sagte er, und deshalb über Parteipolitik erhaben. Aber was Biermann über die Koalition gesagt habe, das gehe nun doch zu weit, das weise er zurück, sagte der Regierungschef, bevor er Biermann in einer monoton abgelesenen, aber nicht schlechten Rede mit schönen Worten rühmte. "Wolf Biermann", sagte Wowereit etwa, "ist keiner, der sich in altersmildem Glanz sonnen würde. Er liebt die scharfen Kontraste. Und ist sein Bart auch grau, so hat dieser Wolf doch Zähne, die trägt er im Gesicht. Und manchmal beißt er auch zu und freut sich über die Reaktion." Er pries Biermanns Kampf für einen freien und gerechten Sozialismus in der DDR und dessen Rolle beim Zerfall des Regimes. "Die Ausbürgerung Wolf Biermanns", las Wowereit ab, "hat die innere Erosion der SED-Herrschaft stark beschleunigt, sie war ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zum Fall der Mauer und zur deutschen Wiedervereinigung."

"Das tut mir weh"

Dann war Biermann höchstselbst dran. Im schwarzen Ledersakko ergänzte er Wowereits kühle warme Worte mit einer teils versöhnlichen, teils provokativen, fast immer unterhaltsamen Rede, einer Art Auto-Laudatio, die er selbst offenbar als erfrischendes, pädagogisch wertvolles Lehrstück in Sachen ultimative Wahrheitsfindung begriff. Bisweilen wirkte Biermanns etwas selbst verliebter Auftritt dabei wie eine Retro-Show in eigener Sache. Sicher, brav bedankte er sich zunächst bei geschätzten 730 Leuten namentlich - vom Mentor Hans Eissler über seinen Kohlenträger bis hin zu diversen Musen. Ohne sie gäbe es diesen Wolf Biermann nicht, so Biermann, ohne sie wäre er "verloren gewesen und verzagt, verstumpft, verblödet und vergessen." Oder andersherum: Dank ihnen, ist er so ein doller Typ geworden, der "Gavroche d'allemagne", wie ihn die französische Zeitung "Le Monde" einmal nannte, woran Biermann gern noch einmal selbst erinnern wollte. Nach einer teils gesungenen Retrospektive des eigenen Werks und des eigenen Wirkens wandte sich der Dichter nochmals dem irdisch-politischen Geschehen in jener Stadt zu, in dem er nun unbegrenzt Busfahren darf. Wowereit, sagte er, sei für ihn zwar selbst kein Verbrecher, was man schon allein daran ablesen könne, dass er, Biermann, mit ihm in einem Raum sei. Aber "verbrecherisch" sei es dennoch, dass Wowereit sich mit den "Erben der DDR-Nomenklatura so tief eingelassen" habe, deklamierte Biermann. "Das tut mir weh" Die Ehrenbürger-Würde, und auch das war ihm wichtig, empfinde er dennoch als "Kuss der Stadt Berlin in meine Seele." Denn: "Ich verdanke Berlin nicht viel", sagte der Dichter, "sondern fast alles."


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