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Eurovision Song Contest: Jury soll "Ostblockmafia" knacken

Sie war 2002 abgeschafft worden, in Moskau wird sie erstmals wieder über den Gewinner mitbestimmen: Die Jury feiert beim Grand Prix ihr Comeback und soll der "Ostblockmafia" das Handwerk legen. Hat Deutschland damit wieder Sieg-Chancen?

Von Jens Maier

"Grand Prix peinlich wie nie!" titelte die "Bild"-Zeitung, "Die Blamage von Belgrad" schrieb die "Hamburger Morgenpost". Deutschland landete beim Eurovision Song Contest (ESC) 2008 in Belgrad mit der Popband "No Angels" auf dem letzten Platz. Großbritannien (ebenfalls Letzter), Frankreich (Platz 19) und Spanien (Platz 16) erging es mit ihren Beiträgen nicht viel besser. Das verheerende Abschneiden der Westeuropäer hat im nächsten Jahr Konsequenzen. Die Jury-Wertung, die 2002 durch ein reines Televoting der Zuschauer ersetzt wurde, wird wieder eingeführt. Sie soll die als "Ostblockmafia" bezeichnete Sympathiewertung der Osteuropäer verhindern.

Beim Grand Prix 2009 in Moskau wird also wieder eine Jury über den Sieger mitbestimmen. Jedes Teilnehmerland stellt fünf Juroren, die zu 50 Prozent Einfluss auf die Punktevergabe der eigenen Nation haben werden. Die Zuschauerwertung per Televoting, ebenfalls mit 50 Prozent gewichtet, wird damit nicht abgeschafft, sondern durch das Urteil einer Jury ergänzt. Das haben die Verantwortlichen des ESC auf einer Tagung am Donnerstag in Moskau beschlossen.

Punktevergabe nach Sympathien sorgte für Unmut

Die Jury soll jeweils aus fünf Mitgliedern "aus einem professionellen Musikumfeld" bestehen, erklärte NDR-Unterhaltungschef Ralf Quibeldey, der für Deutschland an der Sitzung teilnahm. Wer der Jury in Deutschland angehören soll, stehe aber noch nicht fest. Mit der neuen Abstimmungsregel zeigte sich Quibeldey hochzufrieden: "Das ist eine gute Sache. Ich glaube, dass die Qualität der Musik so stärker zu ihrem Recht kommen wird", sagte er. Er erwarte einige Überraschungen beim künftigen Abstimmungsverhalten.

Seit Jahren hat die Punktevergabe der ehemaligen Ostblock-Staaten immer wieder zur Verstimmung bei den Westeuropäern geführt. Von Schiebung und "Ostblockmafia" war die Rede, weil die einstigen Gründungsmitglieder des Grand Prix regelmäßig nur die hinteren Plätze belegten. Der Hauptvorwurf: Der Osten würde sich die Stimmen gegenseitig zuschustern und die Punkte nicht aufgrund der Güte eines Liedes, sondern aufgrund von Sympathien für die einzelnen Länder verteilen.

Fakt ist, dass seit der flächendeckenden Einführung der Zuschauerwertung 2002 (in Deutschland und anderen Staaten wurde das Televoting bereits 1997 eingeführt) vier Nationen aus dem ehemaligen Ostblock auf dem Siegertreppchen standen: Lettland, Ukraine, Serbien und Russland. Fakt ist auch, dass der Sieger aus Russland in diesem Jahr, Dima Bilan, auffällig viele Höchstwertungen aus ehemaligen Ostblockstaaten bekommen hat. Zwölf Punkte kamen aus Weißrussland, Estland, Lettland, Litauen, Ukraine und Armenien. Nur einmal hingegen kam die Höchstwertung aus einem traditionellen Grand-Prix-Land (Israel), dafür umso mehr niedrige Wertungen aus Großbritannien (0), Schweiz (0), Dänemark (0), Schweden (0), Frankreich (1), Niederlande (1), Belgien (3) und Spanien (5). Wäre es nach den Westeuropäern gegangen, hätte "Kalomira" aus Griechenland gewonnen.

Hauptgeldgeber erhöhen Druck

Der Veranstalter des Grand Prix, die European Broadcasting Union (EBU), hatte wegen der Nachbarschaftsstimmen bereits in Belgrad eine Jury in den beiden Halbfinals eingeführt. Nach ihrem erneuten Debakel im Finale haben die Westeuropäer, die das meiste Geld für die Veranstaltung zur Verfügung stellen, ihren Druck auf eine durchgreifende Regeländerung offenbar nochmals erhöht. Grund: Den West-Sendern laufen wegen des schlechten Abschneidens der eigenen Beiträge die Zuschauer der Live-Übertragung weg, die Quoten sinken. Bereits im September hatte Svante Stockselius, Generalsekretär der EBU, die Einführung einer Expertenabstimmung gefordert: "Nichts ist demokratischer als eine Abstimmung der europäischen Zuschauer. Aber eine Jury hat die Möglichkeit, sich Lieder mehrfach anzuhören, bevor sie eine Entscheidung fällt."

Ob Deutschland mit den geänderten Regeln wieder mehr Chancen auf einen Sieg hat, bleibt allerdings fraglich. Erstens: Weil wir - anders als zum Beispiel Skandinavier oder Anglo-Länder, auch mit Jury keine Unterstützung von unseren deutschsprachigen Nachbarn zu erwarten haben. Dass aus Österreich und der Schweiz wenige oder gar Null Punkte kommen, hat fast schon Tradition. Zweitens: Weil eine Jury kein Garant für eine faire Abstimmung ist. In der über 50-jährigen Grand-Prix-Geschichte hat es zahlreiche Schiebungs-Vorwürfe (1968 soll Spanien den Grand Prix gewonnen haben, weil Staatschef Franco angeblich Stimmen gekauft hat), Unmut und Zorn gerade wegen der Jurys gegeben. Drittens: Letztlich zählt die Qualität eines Songs. Und da hat Deutschland einigen Nachholbedarf.

Deutscher Vorentscheid in der Kritik

Das liegt zum einen daran, dass die Kandidaten nicht professionell genug auf das Finale vorbereitet werden. Sieger Russland zum Beispiel soll für den Auftritt von Dima Bilan mehrere Millionen Euro Sponsorengelder gesammelt haben. Das Ergebnis war eine teure, aber perfekt inszenierte Show, die nichts dem Zufall überließ. Zum anderen aber auch am System des deutschen Vorentscheids. Bisher wählt der NDR die Kandidaten alleine aus, die Kriterien dafür sind unklar. Herausgekommen waren in diesem Jahr fünf Beiträge die "eher seicht und belanglos" waren, wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ihnen attestierte.

Dass der Vorentscheid geändert werden muss, hat auch der NDR erkannt. Was im nächsten Jahr anders werden soll, will Unterhaltungschef Ralf Quibeldey allerdings noch nicht verraten. Einer hat vorsorglich schon mal seinen Hut in den Ring geworfen: Ralph Siegel, der den einzigen deutschen Siegertitel "Ein bisschen Frieden" komponiert hat. "Mr Grand Prix" möchte gerne gegen Dieter Bohlen, Stefan Raab, Frank Farian (Boney M.) und Alex Christensen (U96) im Vorentscheid antreten, hatte er bereits im Juni angekündigt.