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Max Mutzke: Die Stimme aus Waldshut

Wer ist der Mann, der beim Grand-Prix-Finale abräumen soll? Der märchenhafte Aufstieg des Max Mutzke, the Voice aus Waldshut.

Von Hannes Ross und Bert Heinzlmeier (Fotos)

Neulich musste Angela Merkel nach Waldshut. Die Kleinstadt liegt am südlichen Zipfel des Schwarzwaldes, dort, wo Deutschland aufhört und die Schweiz anfängt. Es ist ein kleiner CDU-Kreisparteitag, und als Angela Merkel auf dem Podium der Stadthalle Platz nimmt, begrüßt sie der Abgeordnete Thomas Dörflinger mit feierlicher Stimme: "Ich heiße Sie willkommen in der Heimatstadt von Max Mutzke." Angela Merkel nickt verständig. Wahrscheinlich aber denkt sie in diesem Moment: Wer, zum Teufel, ist Max Mutzke?

Max Mutzke heißt der Mann, der die musikalische Ehre Deutschlands retten soll. Der "Superstar"-Schönling Alexander Klaws hatte sie ordentlich ramponiert: Beim Gesangswettbewerb "World Idol" landete er auf dem vorletzten Platz. Nun soll Mutzke, der 22-jährige Schüler aus Waldshut, beim Grand Prix am 15. Mai in Istanbul wieder für Deutschland siegen. Die Chancen stehen nicht schlecht: Die von Stefan Raab komponierte Soulballade "Can't Wait Until Tonight" führt schon seit ein paar Wochen die deutschen Charts an, und auch im Ausland läuft das Lied im Radio-Dauereinsatz.

Es ist später Nachmittag, und Max steht etwas verloren im kleinen VIP-Aufenthaltsraum des Fernsehstudios "TV-Total" in Köln. Wie der Retter der verlorenen Ehre sieht er nicht aus. Ausgewaschene Jeans, ein buntes T-Shirt, weiße Turnschuhe. Typ: Langzeitstudent. Er grüßt kumpelhaft. "Hi, ich bin Max!" Schwer, ihn nicht auf Anhieb zu mögen.

Eine Betreuerin hat ihm ein Glas mit lauwarmem Orangensaft gebracht und ihn dann allein gelassen. Alle paar Minuten rennen hektische junge Menschen mit Walkie-Talkies am Ohr durch den Raum und rufen Sätze wie "Hi, Max, wie war das Abi?" oder "Ey, Max, wieder da?". Doch wenn Max zu einer Antwort ansetzt, sind sie schon ein paar Gänge weiter. An der Wand hängen Polaroids von Stars wie Lenny Kravitz, James Brown, Eminem, die schon mal bei Raab zu Gast waren. Max schaut sie eine Weile an. "Ich muss da erst mal reinkommen. Diese Show-Welt ist mir noch ziemlich fremd."

In den vergangenen Monaten hat Max viel Zeit im Fernsehstudio in der Schanzenstraße 22 in Köln verbracht. Denn in Raabs Casting-Wettbewerb "SSDSGPS" ("Stefan sucht den Super-Grand-Prix-Star") wurde der junge Sänger kontinuierlich aufgebaut. Und Raab, der Chef-Zyniker, zeigte dabei sogar väterliche Fürsorge: Er bezahlte zwei Nachhilfelehrer, damit der Schüler aus Waldshut seine letzte Abiturprüfung noch vor dem Finale in Istanbul schafft. "Ist gut gelaufen", sagt er. "Ich muss nach Istanbul nur noch zur Sportprüfung. 3000-Meter-Lauf. Daran sollte es jetzt nicht mehr scheitern." Dafür, dass sonst alles einigermaßen glatt lief mit dem Abi, sorgten Freunde. Sie warnten ihn vor den Kamerateams von "Brisant" und "RTL-Explosiv", die sich in den vergangenen Wochen vor seiner Schule postiert hatten. "Die haben mich heimlich aus der Schule gelotst, damit ich meine Ruhe hatte. Es wäre das Schlimmste für mich, wenn ich zu einem Klatschthema wie Daniel Küblböck würde."

Seine erste Lehrstunde

hat er bereits hinter sich. Der "Bild"-Zeitung, die sich der Aufzucht und Hinrichtung von Casting-Stars verpflichtet fühlt, wollte Max kein Interview geben. Da brachte das Blatt die Geschichte einer "Zechprellerei" in einem türkischen Hotel. Dort sollte er angeblich in einem Urlaub eine Rechnung über etwa 100 Euro schuldig geblieben sein. Der Hotelier und Mutzke haben diese Behauptung inzwischen mit einer einstweiligen Verfügung stoppen lassen. "Ich bin vorsichtiger geworden, vielleicht auch schon ein wenig misstrauisch", sagt Max.

Er hat für sein Alter erschreckend wenig Haare. Die kämmt er sich vom Hinterkopf in die Stirn, und seine dichten Augenbrauen wachsen über der Nasenwurzel ein wenig zusammen. "Ein Stylist hat mir mal geraten, sie wegzurasieren. Nein, danke! Die bleiben, wie sie sind."

Mutzkes Image ist es, kein Image zu haben. Beim Grand-Prix-Vorentscheid in Berlin saß er auf einem Barhocker mit geschlossenen Augen, bewegte sich kaum. Was die Leute hörten, reichte ihnen: diese raue, dunkle, soulige Stimme, die so gar nicht zu dem schlaksigen, blassen Mann auf der Bühne passte. Es mag sich zunächst wie das übliche PR-Getöne anhören, wenn sein Entdecker, Produzent und Songwriter Stefan Raab verkündet, es habe in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren keine vergleichbare Stimme gegeben. Doch wenn man eine Weile darüber nachdenkt, fällt einem tatsächlich kaum jemand ein, der mithalten kann.

Aufgewachsen ist Max Mutzke in einem alten Pfarrhaus mit vier Geschwistern und 23 Zimmern. Der Vater arbeitet als Frauenarzt, die Mutter als Schauspielerin. Im obersten Stockwerk ließ Papa Mutzke es jedes Wochenende krachen. Mit seiner Funk-Band Die Spätzünder, die auch heute noch aktiv ist, beschallte er den ganzen Ort Krenkingen, ein paar Kilometer von Waldshut entfernt, wo die Mutzkes jetzt wohnen. "Schon als ich mit drei Jahren laufen konnte, bin ich zu meinem Vater in den Probenraum geschlichen und habe mitgesungen", sagt Max. Sein Lieblingsplatz war die Basedrum, die große Trommel, die man mit dem Fuß bedient. Dorthinein legte sich der kleine Max auch gern mal zum Schlafen.

Auf Familienfesten

sorgt er ein paar Jahre später mit eigenwilligen Gesangseinlagen für Aufsehen. Er singt das Kinderlied "Zehn kleine Negerlein" als herzzerreißenden Blues. Die Verwandten fragen sich besorgt, warum der kleine Junge schon so heiser ist, als ob er mitten in der Pubertät sei. "Wahrscheinlich ist das eine Verwachsung in meinem Hals", sagt Max grinsend, "weil: Auf das Ende meines Stimmbruchs warte ich heute noch." Nach dem Hauptschulabschluss beschließt Max, mit seinem Traum als Musiker Ernst zu machen. Er schreibt sich als Schlagzeuger an der Jazz- und Rockschule in Freiburg ein, doch der staubtrockene Theorieunterricht nervt ihn schnell. Max kehrt nach Waldshut zurück, Musikkarriere adieu. Er will das Abitur nachholen und sich nur noch in der Freizeit seiner eigenen Gruppe Project Five widmen.

Sein Schulfreund Matthias Troendle aber sorgt dafür, dass es anders kommt. "Als ich von Raabs Aktion erfuhr, wusste ich: Die werden Max' Gesangstalent einschätzen können", erzählt Troendle. Er sagt zu Max: "Dann kannst du zwei Tage Schule schwänzen!" Das überzeugt. Ohne seinen Eltern davon zu erzählen, fährt Max im alten Ford Mondeo seiner Mutter nach Köln. Weil er sich allein nicht traut, muss Matthias beim Casting mit in die Gesangskabine. Eigentlich darf jeder Kandidat nur 45 Sekunden singen, doch die Techniker hinter den abgedunkelten Scheiben genehmigen eine Ausnahme. Sie sind so begeistert von der Interpretation des Al-Green-Klassikers "Ain't No Sunshine", dass sie den Jungen aus Waldshut durchsingen lassen. "Ich dachte danach: Wenn ich Glück habe, reicht das noch für die nächste Runde." Es hat gereicht. Ein paar Tage später hat Max die Zusage von Stefan Raab in seinem Briefkasten in Waldshut.

Wer durch die 22.000-Einwohner Stadt Waldshut im Südschwarzwald geht, trifft überall auf Menschen, die etwas zu Max Mutzke sagen möchten. Es scheint fast so, als hätten ihn schon alle gekannt, bevor er ein Star wurde. Der Bürgermeister sagt, er spüre einen positiven Ruck, der sich durch seine Stadt zieht, seit Max in Deutschland bekannt geworden ist. Was er damit meint, kann er auch nicht so genau erklären. Immerhin: Er wird die übliche Sperrstunde für das Grand-Prix-Finale am 15. Mai aufheben und den Alkoholausschank bis drei Uhr nachts erlauben.

Der Hotelier erzählt,

dass Max noch vier Geschwister habe, die alle ein Instrument spielten, das hätten sie vom Vater mitbekommen. Die Besitzerin des Modegeschäfts möchte "vom Max-Hype profitieren" und verkauft T-Shirts, auf die "Max Goes Istanbul" gedruckt ist. Wenn Max in der türkischen Metropole beim European Song Contest auftritt, wie der Grand-Prix neuerdings heißt, soll ganz Waldshut im Fan-Shirt vor den Fernsehern hocken, "denn ein richtiger Star aus Waldshut, das passiert vielleicht erst in 50 Jahren wieder". Ein Bierbrauer aus der Umgebung von Waldshut hat ein "Max"-Bier erfunden. Na ja, im Grunde ist es ein ganz normales Lager-Bier, was es bereits unter anderem Namen gab. Man hat einfach nur 30.000 neue Etiketten mit goldenem "Max"-Logo auf die Flaschen gedruckt. Leider war der Namensgeber für einen PR-Termin zur Präsentation seines eigenen Bieres nicht erreichbar. "Man sieht Max im Augenblick mehr im Fernsehen als auf der Straße in Waldshut", klagt der Bierbrauer.

Es ist bezeichnend für den traurigen Zustand der Musikindustrie, dass ausgerechnet Stefan Raab mit der Parodie einer Casting-Show jenen Sänger aufgespürt hat, der genug musikalisches Talent mitbringt, um vielleicht wirklich so etwas wie der nächste Herbert Grönemeyer oder Xavier Naidoo zu werden. Der grandios gesungene Soulsong "Can't Wait Until Tonight" lässt schon mal hoffen. Doch ob Max tatsächlich der neue Heilsbringer der deutschen Popmusik ist, wird sich erst im Oktober zeigen. Dann erscheint sein erstes Album, an dem er jetzt zusammen mit Stefan Raab arbeitet.

Raab sitzt auf dem weißen Sofa

seines Chefzimmers in der Kölner Schanzenstraße. Der 37-Jährige hat Schnupfen und trompetet zwischen seinen schnellen Sätzen immer wieder in ein Tempo-Taschentuch: "Sorry, eine Sekunde nur!" An den Wänden seines Büros hängen die Musik-Trophäen der vergangenen Jahre: goldene Schallplatten für "Maschen-Draht-Zaun" oder die Kanzler-Parodie "Ho' mir ma 'ne Flasche Bier".

Raab genießt keinen guten Ruf im Showgeschäft. Er gilt als Ausbeuter, der andere in seinem Circus Maximus vorführt. "Mir wird oft unterstellt, dass ich mich nur für mich selbst interessiere. Das stimmt nicht. Wenn ich jemanden gut finde, dann versuche ich, ihn zu fördern", sagt Raab. Und so machte er mit viel Hingabe aus dem Provinzsänger Max Mutzke im Eiltempo den Popstar Max inklusive Nummer-eins-Hit. Die Musikunternehmen beschäftigen für diesen Zweck Marketingabteilungen mit Millionen-Euro-Budgets - und landen trotzdem in den allermeisten Fällen Flops. "Es war nicht schwer, eine vernünftige Casting-Show auf die Beine zu stellen, weil die anderen so leicht zu toppen sind", sagt Raab und grinst sein berühmtes Haifisch-Grinsen.

Max steckt den Kopf durch den Türspalt von Raabs Büro. "Kann ich reinkommen, Stefan?", fragt er vorsichtig. Sie wirken nicht wie Geschäftspartner. Eher wie Brüder. Raab ist der Große, der schon ein bisschen Erfahrung hat und dem Kleinen sagt, wo es langgeht. "Ich schau mir viel vom Stefan ab", sagt Max. Raab wiederum findet: "Wir sind uns sehr ähnlich. Auf der Aftershow-Party beim Vorentscheid des deutschen Grand Prix in Berlin hat Max zwei Mineralwasser getrunken, gute Nacht gesagt und ist ins Hotel verschwunden. Außerhalb der Bühne sind wir beide komplett unöffentliche Menschen. Das verbindet uns. Bisher haben wir uns nicht in die Haare gekriegt." "Na ja", sagt Max, streicht sich seine spärlichen Haare in die Stirn und beginnt zu lachen. "Welche Haare denn auch!"

Vor zwei Wochen ist Max noch einmal mit seiner Band Project Five in Waldshut aufgetreten. Es war nur der Schulball seines Gymnasiums, doch die ganze Stadt wusste von dem Konzert. Auf den Plakaten vor der Schule stand jetzt nicht mehr "Project Five", sondern "Max und Project Five". Es gab eine Gästeliste, und zwei Muskelmänner mit Schäferhunden mussten die Tür sichern. Es war nicht mehr wie früher. Und vielleicht war es auch der letzte Auftritt von Max in Waldshut für lange Zeit. Er hat es noch niemandem zu Hause gesagt. Aber bald wird er nach Köln ziehen.

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