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New York: Wie ein Bayer Rabbinern Singen beibringt

Vom singenden Lausbub zum Gesangslehrer am Broadway: Der blonde, blauäugige Recke Johannes Schwaiger unterrichtet den chassidischen Reggae-Sänger Matisyahu. Auch viele Rabbiner gehören zu den Schülern des Deutschen. Eine typische New-York-Geschichte.

Von Michael Streck

An einem blauen New Yorker Abend steht Johannes Schwaiger vor dem Ansonia-Gebäude in Manhattan und wartet. Es ist ein prächtiges Gebäude mit großer Geschichte, ein Haus der Musik. Toscanini lebte darin, Strawinsky komponierte darin, Yehudi Menuhin probte darin. Und nun wartet Schwaiger, 50, auf einen prominenten Schüler, die jüdische Reggae-Sensation Matisyahu, der Millionen Alben verkauft, aber noch was lernen will. Das Handy am Ohr, biegt Matisyahu schließlich um die Ecke, 1,95 groß mit Rauschebart, Jarmulke auf dem Kopf. "Sorry", sagt er, wie das Schüler sagen, die zu spät zum Unterricht erscheinen. Die beiden fahren in den 13. Stock. Eine ältere Dame öffnet die Tür zu ihrer Wohnung, ein langer Flur, Zimmer zur rechten und zur linken, Gesangsstunden in allen; Musik strömt aus ihnen.

Matisyahu, 28, chassidischer Jude, lernt von Johannes Schwaiger, deutsch, blond, blauäugig. Seit einem Jahr lässt sich der Reggae-Star, wohnhaft im Orthodoxenviertel Crown Heights in Brooklyn, von dem deutschen Gesangslehrer, geboren in Tabertshausen, Landkreis Deggendorf, tiefes Niederbayern, Nachhilfe geben in Atemtechnik, Intonation und Ausdauer. Schwaiger ist Operntenor. Trat auf in München, Hamburg, Philadelphia, Phoenix, New York. Schon als Kind war er ein Star, galt Ende der 60er Jahre als niederbayerische Antwort auf Heintje, nahm Platten auf, die so wonnige Titel tragen wie "Mein Vati hat die Mutti lieb", füllte damit Bierzelte und Festhallen und wurde als "singender Lausbub" gefeiert.

Marley meets Wagner

Matisyahus Platten heißen "King Without A Crown" oder "Late Night In Zion". Sie handeln vom auserwählten Volk, Glauben, Liebe und Gott. Er fliegt um die Welt, füllt Konzertsäle in Moskau, London, Tel Aviv und in den Staaten sowieso. Der "Rolling Stone" nannte ihn "das schrägste Ding, das es je in die Hitparaden schaffte". Und wahrscheinlich funktioniert es nur in einer Stadt wie New York, dass das schräge Ding, ein schlaksiger, orthodoxer Reggae-Sänger, einem Deutschen lauscht, der wie Siegfried aussieht und auch in der Walküre sang. Marley meets Wagner. In einem Zimmer am Ende des langen Flures im Ansonia setzt sich Schwaiger ans Piano: "Wir beginnen mit der Tonleiter. Mit U, bitte." Und Matisyahu, geboren als Matthew Miller, ehe er Gott traf, gibt ihm das U, die Tonleiter hinauf. Er wird später sagen, dass er ohne Johannes bei seinen Konzerten nach drei Liedern krächzen würde und dass es ein "gigantischer Unterschied sei" zu früher. Und Johannes wird sagen, "dass der Matis großartige Fortschritte gemacht hat". Sie sind Freunde geworden, und sie touren zurzeit gemeinsam.

Die Liebe führte ihn nach New York

Dies ist eine Geschichte über die Kraft der Musik, völkerverbindend, ohne Misstöne. Sie beginnt mit einem Traum, den Johannes hatte, in München, wo er Anfang der 80er Jahre am Richard-Strauss-Konservatorium Gesang studiert und Tessa, eine Deutsch-Amerikanerin, kennenlernt. Sie verlieben sich, heiraten, ziehen nach Amerika, gehen nach Deutschland zurück und ziehen abermals in die Staaten um. Das war vor neun Jahren. Die beiden singen und unterrichten fortan, und sie haben diesen gemeinsamen Traum: Wiegenlieder. Die haben etwas Versöhnliches, Friedliches. Das braucht die Welt.

Schwaiger fördert deutsch-israelische Freundschaft

Schwaiger spricht vor beim deutschen Konsultat in New York zwecks finanzieller Unterstützung, wendet sich sodann mit identischem Plan an die Israelis, und heraus kommt im Mai 2005, am jüdischen Holocaust-Gedenktag, ein deutsch-israelisches Konzert in der Cami Hall. Tessa und er geben Schuberts "Ave Maria", aber eben auch das hebräische "Eli Eli". "Der Cellist war aus Israel, der Pianist amerikanischer Jude, der Violinist Schwede, ich bin Deutscher, meine Frau Amerikanerin", sagt Schwaiger. Es war einer dieser New Yorker Momente. Ruhe legte sich über den Saal, und dann begann das Publikum zu toben. Darunter ein Rabbiner, Levy Kapplan, der Schwaiger fragte: "Kannst du mich unterrichten?" So ging das los.

Der große Blonde mit großem Herz und Stimme

Sonntags fährt Schwaiger seitdem nach Crown Heights. In dem Orthodoxenviertel in Brooklyn kommen am späten Nachmittag Kantore zusammen, man hört sie schon auf der Straße schmettern. Johannes begleitet sie am Klavier. Er unterbricht, lobt laut, kritisiert leise, lacht viel. Levy Kapplan sagt: "Wir sind durch ihn eine Klasse besser geworden." Johannes schwärmt: "Ihre Stimmen sind keinen Deut schlechter als die der Drei Tenöre, ich scherze nicht." Am Ende der Stunde rufen sie im Chor "Mazel tov", viel Glück. Es spricht sich herum in der chassidischen Gemeinde, dass dieser große Blonde ein großes Herz hat und eine große Stimme. Mehr Rabbiner kommen und wollen von jenem Deutschen lernen, der Jiddisch versteht und spricht, und irgendwann hört auch Matisyahu von ihm. Nun sind die beiden ein Team.

Ein Konzert im Hammerstein Ballroom, einer der besten Adressen New Yorks. 3000 Leute sind gekommen, die Vorgruppe müht sich redlich, aber vergebens. Das Volk will Matisyahu. Der sitzt im zweiten Stock über der Bühne in einem winzigen Zimmerchen, Schwaiger singt ihn ein und sagt: "Das Instrument ist dein Körper." Er lässt ihn auf dem Boden eine Brücke bauen, "Bauch durchdrücken", erklärt sanft, dass die hohen Noten "von unten kommen müssen" und fragt: "Fühlst du die Energie?". Matis nickt, und Schwaiger sagt: "Dann lass sie raus!" Sodann federt Matisyahu auf die Bühne. Eineinhalb Stunden Reggae, mit spirituellen Texten, aber ohne politischen Impetus. Vielleicht erklärt das, weshalb Matisyahu populär ist jenseits aller Konfessionen. "Wir haben nie über Politik geredet, und auch die deutsche Vergangenheit stand nie zwischen uns", sagt Schwaiger.

17 Wiegenlieder in acht Sprachen

Der Mann ist beseelt von der Macht der Noten und sagt Sätze wie: "Jeder Mensch hätte die Kraft, New York City eine Woche lang zu beleuchten, mit der Energie, die in ihm steckt. Jeder." Johannes Schwaiger, der wie seine Frau Gesang an der renommierten New York University Tisch School of the Arts/Cap 21 lehrt, glaubt unverdrossen an das Gute im Menschen. Die Welt ist in Aufruhr, und er will dagegen-halten mit seiner Stimme. Nahm mit Gattin Tessa tatsächlich Lullabies auf - 17 Wiegenlieder in acht Sprachen, "Dreamgates" heißt das Werk. Mozart, Brahms, Schubert, Türkisches, Jiddisches, Hebräisches, Französisches, Englisches. Manchmal hört sich Johannes Schwaiger an wie ein Prediger, jenseits aller Konfessionen. "Jede Mutter", sagt er, "singt ihrem Baby vor. In Palästina wie in Israel. Im Irak wie im Iran. Musik holt das Beste aus den Menschen hervor. Wir wollen Grenzen überschreiten. Gerade jetzt." Ein Deutscher, ein orthodoxer Reggae-Star, singende Rabbiner. Im grenzenlosen New York klappt das wunderbar. Aber Johannes träumt schon wieder und diesmal größer. Diesmal von der ganzen Welt. Mazel tov.

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Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo