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WARheit: Harte Reime, weicher Kern

Die Frankfurter Rap-Formation WARheit macht sich mit ihrem explosiven Debütalbum "Betonklassik" zum Sprachrohr einer selbstbewussten Unterschicht. stern.de sprach mit ihnen über umweltbewusste Autos und die Kunst, einen Säugling zu wickeln.

Azad, Sie waren bislang nicht für zarte Verse berühmt - Ihr Soloalbum "Der Bozz" steht wegen jugendgefährdender Inhalte auf dem Index. Jetzt beklagen Sie auf Ihrer Single "Hölle auf Erden" das Leiden der Menschen in Afrika und werben für Amnesty International. Woher der Sinneswandel?

Azad: Ich habe tatsächlich einige krasse Texte geschrieben. Aber es ging auch immer wieder um friedliche und positive Themen, doch wenn Du einmal angeeckt bist, dann nehmen die Medien nur noch das wahr, der Rest wird nicht mehr gesehen.

"Hölle auf Erden" ist vor allem eine Attacke gegen die USA. Im Video tragen Sie orangefarbene Overalls, wie sie auch von den Häftlingen in Guantánamo Bay getragen werden. Machen Sie es sich nicht zu leicht, wenn Sie Bush und seine Regierung so pathetisch an den Pranger stellen?

Chaker:

Es ist doch wahr, dass es den Amerikanern nur um Profit geht - warum sonst sind sie in den Irak und Afghanistan einmarschiert, in eine Region, die bloß wegen ihrer Ölexporte interessant ist? Warum stürzen sie kein Terrorregime in Afrika.

Azad:

Natürlich formulieren wir überspitzt, wenn wir behaupten, "Amerika führt sich auf wie ein Zuhälter" - schließlich wollen wir provozieren und eine Diskussion in Gang setzen.

Kann wenigstens Angela Merkel Ihre Herzen erobern?

Azad:

Ich habe den Glauben an die Politik aufgegeben. Es ist für mich egal, welcher Partei jemand angehört, ich halte die alle für Heuchler. Darum gehe ich auch nicht mehr wählen.

Chaker:

Ich fand Helmut Kohl klasse! Als der an der Regierung war, sah es doch wirtschaftlich lange gut aus.

Azad:

Willy Brandt mochte ich gern, der brachte Herz und Hirn ins Spiel.

Sezai:

Wir brauchen eine Revolution!

Was halten Sie von dieser Tischdecke hier? Wir könnten uns ein Transparent daraus basteln und demonstrieren gehen...

Azad: Im Ernst: Ich finde es richtig, für seine Forderungen zu demonstrieren.
Chaker: Die Deutschen lassen sich echt vieles bieten. Es ist unfassbar, dass kürzlich Duftproben von G8-Gegnern genommen und ihre Briefe geöffnet wurden - das sind doch alte Stasi-Methoden! Bis die Leute hier mal für ihre Rechte aufstehen, da haben die Franzosen längst ein paar Autos angezündet.
Sezai: Aber unser Gesellschaftssystem ist doch gar nicht dazu angelegt, dass wir es hinterfragen. Jeder versucht, am Ball zu bleiben, sich mit Jobs über Wasser zu halten und die Konsumwünsche zu befriedigen, die ständig geweckt werden - wir sollen gar nicht erst die Zeit haben, darüber nachzudenken, was wir hier eigentlich machen und was wir tatsächlich wollen.

Apropos Demo: In den nächsten Wochen werden wieder tausende Schwule in deutschen Großstädten auf dem Christopher Street Day für ihre Gleichberechtigung demonstrieren - was halten Sie davon?

Azad:

Ich habe damit kein Problem - mir gefällt es, wenn Leute für ihre Sache einstehen.

Erstaunlich, wo Sie doch in Ihren Texten das Wort "Schwuchtel" gerne als Beleidigung verwenden.

Azad:

Beim Battle unter Rappern hat ein Schimpfwort nicht die selbe Bedeutung wie im alltäglichen Sprachgebrauch - es geht darum, sich aneinander zu messen und sich abzureagieren. Ach, da darf man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, weißt Du.

Sind Sie selbst schon einmal für etwas auf die Straße gegangen?

Sezai: Ja, für eine Massenschlägerei in einem Stadtteil von Frankfurt!
Chaker: Ich habe mal gegen den Einzug der Republikaner ins Wiesbadener Rathaus demonstriert.

Wenn Sie schon nicht glauben, dass Politik etwas ausrichten kann, können Sie vielleicht als Vorbild dienen, um etwas zu verändern. Halten Sie sich für die Männer, an denen 15-Jährige sich orientieren sollten?

Chaker:

Wir kennen das harte Leben der Frankfurter Nordweststadt zwischen Gewalt und Drogen, und wir wollen die Jugendlichen davon abhalten, die gleichen Fehler zu machen wie wir...

Azad:

Wir sind eben mittlerweile alt genug, um zu wissen, dass es dumm ist, jemandem auf die Nase zu hauen, nur weil er Dich blöd anguckt.

Wie ist Jugendlichen, die mit ihren Gangs durch die Straßen ziehen, überhaupt zu helfen?

Sezai:

Das Problem ist nicht die Straße selbst, das ist ein politisches Thema - es ist doch klar, dass ein Kind seine Bildung vernachlässigt und auf die schiefe Bahn gerät, wenn schon die Eltern keine Perspektive haben. Natürlich können zwei Akademiker, die ein hohes Einkommen haben, ihren Kindern viel mehr bieten.

Chaker

: Die Kommunen schließen die Jugendzentren, um Geld zu sparen: Ist es dann ein Wunder, dass die Kinder auf der Straße herumhängen?

Sie kommen aus den unterschiedlichsten Teilen der Erde: Aus dem Iran (Azad), Tunesien (Chaker), Sizilien (Jeyz) und der Türkei (Sezai). Fühlen Sie sich als Deutsche?

Azad:

Ich bin hier, seitdem ich neun Monate alt bin - mein Blut ist kurdisch, aber meinem Wesen nach bin ich deutsch.

Sezai:

Wenn Du früh in ein anderes Land ziehst, fühlst Du Dich immer ein bisschen fremd: In der Türkei bin ich für die Leute der Deutsche, hier bin ich für die Deutschen ein Türke.

Haben Sie Kinder?

Azad:

Ich habe eine siebenjährige Tochter.

Sezai:

Mein Sohn ist jetzt sechs Monate alt.

Wie hat sich Ihr Leben durch die Kinder verändert?

Sezai:

Ich möchte, dass mein Sohn eine schönere Kindheit hat, als ich sie hatte. Darum wollte ich nach seiner Geburt von dieser asozialen Schiene runter und ein geregeltes Leben führen. Aber dazu gehört eben auch, dass ich die ganz harten Rap-Texte heute in Frage stelle - irgendwann steht mein Sohn vor mir und fragt, hey, was hast Du denn da früher gemacht?

Azad:

Sagen wir mal, man hadert mit sich.

Sezai:

Und Du bekommst Angst vor der Zukunft, Du fragst Dich, ob Du auch später für Dein Kind sorgen kannst.

Azad:

Wir wollen mit unserer Musik an Werte wie Liebe und Gemeinschaft erinnern: Wenn Du Mutter oder Vater wirst, hast Du auf einmal Verantwortung für ein Menschenleben und musst dafür sorgen, dass es diesem Menschen seelisch und körperlich gut geht. Das hat mich schon weicher gemacht.

Können Sie Babys wickeln?

Azad:

Natürlich.

Sezai:

Klar, ist ganz leicht.

Jeyz:

Ich habe einen kleinen Bruder, den habe ich damals gewickelt, als ich erst zwölf war.

Sezai:

Nachts das Schreien eines Babys auszuhalten, das ist viel schwerer!

Azad:

Eigentlich habe ich gar nicht richtig geschlafen in den ersten Wochen, ich war ständig in Alarmbereitschaft: Wir hatten immer die Zimmertüren einen Spalt offen, und es musste nur einmal kurz der Atem meiner Tochter aussetzen, schon war ich wach!

Sezai:

Trotzdem ist ein eigenes Kind das Schönste, was es gibt. Ich war bei der Geburt meines Sohnes dabei, und ich habe alles empfunden: Freude, Angst, Liebe - das war unbeschreiblich. Da wusste ich: Es muss einen Gott geben.

In "Hölle auf Erden" prangern Sie einen Krieg um Öl an, aber das Ölgeschäft lebt schließlich von der Nachfrage des Einzelnen: In vielen Rap-Videos chauffieren die Männer ihre Frauen mit einer dicken Limousine herum...

Azad:

Eigentlich habe ich in der Gegenwart genug Probleme, aber seitdem ich meine Tochter habe, frage ich mich tatsächlich, welche Gletscher es wohl noch gibt, wenn sie einmal alt ist...

Jeyz:

Wenn jetzt schon Autos angeboten würden, die mit Wasserstoff fahren, würde ich mir eins kaufen.

Und wenn Sie sich entscheiden müssten zwischen einem sexy BMW und einem Toyota mit Hybridmotor?

Sezai:

Dann hätte ich gern den BMW mit dem Hybridmotor!

Die Härte zum Schluss: Stellen Sie sich vor, Sie haben alle eine Krankheit, die tödlich verläuft, wenn sie nicht behandelt wird. Es gibt zwei Medikamente, die beide eine schlimme Nebenwirkung haben: Das eine Mittel nimmt Ihnen das Gehör und das andere Mittel bedeutet, dass Sie nie wieder einen Orgasmus bekommen. Ihr Votum, bitte.

Sezai:

Ich behalte mein Gehör.

Azad:

Ich auch.

Chaker:

Ich auch, ganz klar.

Jeyz:

Mann, ist das schwer! Sex ist doch 80 Prozent des Spaßes am Leben... Na, trotzdem: Lieber möchte ich weiterhin hören können.

Azad:

Überleg mal, durch Musik entstehen so tolle Gefühle! Du kannst immer noch einen "Ohrgasmus" haben, quasi.

Interview: Burkhard Zimmermann