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87. Academy Awards: Was sich bei den Oscars ändern muss

Die Oscar-Verleihung 2015 hatte miese Einschaltquoten, einen langweiligen Gastgeber und einschläfernde musikalische Showeinlagen. Die Academy Awards brauchen dringend eine neue Identität.

Von Frank Siering, Los Angeles

Auch der Auftritt in Unterhosen von Oscar-Moderator Neil Patrick Harris hat die Show in den AUgen der Kritiker nicht spannender gemacht

Auch der Auftritt in Unterhosen von Oscar-Moderator Neil Patrick Harris hat die Show in den AUgen der Kritiker nicht spannender gemacht

Am Rühren der Werbetrommel oder am Mangel echter Stars und Sternchen kann es wahrlich nicht gelegen haben. Doch drei Tage nach der Ausstrahlung der 87. Academy Awards in Los Angeles steht fest: Die Show war nicht nur gefühlt eine Enttäuschung, auch die Einschaltquote bestätigt, dass die wohl größte Selbtbeweihräucherungs-Party des Jahres längst nicht mehr die "größte Fete auf diesem Planeten" ist, wie Vorjahressieger Matthew McConaughey bei Interviews auf dem Roten Teppich in die Mikrofone der Journalisten hauchte.

16 Prozent weniger schalteten in den USA in diesem Jahr ein. Die Fachzeitschrift "Variety" will das Problem erkannt haben. Dem Blatt zufolge zelebrieren die Oscars längst nicht mehr die Filme, die sich die Menschen in den Kinos wirklich anschauen. Stattdessen mutiere die Verleihung schon seit geraumer Zeit immer mehr zu einer viel zu langen "Mitarbeiter des Jahres"-Feier, bei der sich die Industrie-Insider für ihre abgelieferte Kunst kräftig selbst auf die Schulter klopfen, aber die Fans und deren Meinung einfach ignorieren.

Schlechte Auswahl der Gastgeber

An diesem Argument ist tatsächlich etwas dran. Sicher, "Birdman" ist ein toller Film, der seine Oscars am Sonntag durchaus verdient hat. Aber an der Kinokasse, und nur hier kann wirklich quantitativ ermittelt werden, wer sich welchen Film anschaut, ist "Birdman" mit seinen bislang eingespielten 37 Millionen Dollar ein eher kleiner Fisch im Vergleich zu Streifen wie "Die Tribute von Panem: Mockinjgay" oder "Captain America 2", die weit über die 100 Millionen Dollar in die Kinokasse spülten, aber ohne Oscar-Nominierung blieben.

"Variety" glaubt, dass fünf Krisenherde Schuld an der Oscar-Misere sind. Zum einen scheint die Academy einfach ein schlechte Händchen zu haben, wenn es um die Wahl der Gastgeber geht. Viele Opfer und kaum Gewinner, so das lapidare Urteil für die Moderatoren der vergangenen Jahre.

Anne Hathaway, James Franco, Seth MacFarlane, Jon Stewart - allesamt eher peinlich denn powerful. Einzig Ellen DeGeneres machte eine gute Figur im vergangenen Jahr. Doch die Talk-Show-Moderatorin lehnte eine erneute Einladung der Academy of Motion Picture Arts and Sciences (Ampas) in diesem Jahr angeblich ab. So musste Tony-Gastgeber Patrick Neil Harris ran. "Doogie Howser" versuchte sein Bestes, zog sich ständig um und sogar bis auf die Unterhose aus, aber die Witze waren flach und langweilig, spröde und hölzern.

Die Jury ist zu alt

Die Kritiker und Branchenkenner sind sich sicher, dass Harris im nächsten Jahr nicht auf die Oscar-Bühne zurückkehren wird. Eine mögliche Alternative für die nächste Show: "The Tonight Show"-Gastgeber Jimmy Fallon, der allerdings beim Konkurrenz-Sender NBC unter Vertrag ist.

Außerdem, so "Variety" weiter, sollte die 6000 Mitglieder starke Academy ihre Auswahl-Richtlinien für die Oscar-Kandidaten noch einmal genau unter die Lupe nehmen. Die Academy hat ein Altersproblem und weiß das auch. Alle Versuche, jüngere Mitglieder und somit als Wahlberechtigte an Bord zu holen, scheinen noch immer nicht zu funktionieren. Wie sonst kann ein Film wie "The Lego Movie" von den Oscar-Oberen einfach ignoriert werden, fragt "Variety"? Ein demographischer Wandel scheint also unausweichlich.

Dreieinhalb Stunden "Danke, Danke, Danke"

Die Länge der Show ist ein weiteres Problem. Dreieinhalb Stunden "Danke, Danke, Danke" ist selbst für den größten Movie-Fan zuviel. Knackige zwei Stunden müssten im Zeitalter geringerer Aufmerksamkeitsspannen reichen, um eine spannende Show präsentieren zu können. Und warum eigentlich nicht einige Gewinner im Live-Stream bekanntgeben? Immer mehr Filmfanatiker streamen ihre Lieblings-Shows und Filme doch ohnehin längst auf einem mobilen Gerät.

Und das führt zum vierten Problemfeld der Academy Awards. Wie kann das Publikum in den Oscar-Abend aktiver mit eingebunden werden? Dieses Jahr gab es 47 Prozent weniger Tweets bei den Oscars als im Vorjahr. Ein Grund dafür ist wohl, dass die Academy noch immer so tut als existiere das Internet nicht. Keine Zuschauerumfragen, keine Hashtags oder spannende Selfies, die sich – wie im vergangenen Jahr – in Windeseile im Netz ausbreiten und der Show eine neue Relevanz verleihen.

"Golden Globes" als Vorbild

Zu guter Letzt sollten auch die Promis selbst bei ihrer größten Betriebsfeier aktiver werden. Schließlich werden sie dafür meist fürstlich bezahlt. Hier könnte sich die Academy einen kleinen, aber sehr feinen Trick bei ihrer kleinen Schwester, den Golden Globes abgucken. Dort wird während der Veranstaltung Alkohol serviert. Langeweile dürfte somit kein Thema sein.

Ideen, die vom Academy-Vorstand im nächsten Jahr hoffentlich aktiv umgesetzt werden. Sonst droht die einst "größte Party der Welt" tatsächlich zu einer langweiligen Betriebsfeier mit übertrieben viel Pomp zu verkommen. Dann doch lieber gleich ins Kino gehen.