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"Bornholmer Straße"-Star Charly Hübner: "Wir haben den Fall der Mauer schlicht versoffen"

Charly Hübner spielt in "Bornholmer Straße" den Grenzer, der am 9. November 1989 die Mauer öffnete. Ein Interview über seine Jugend in der DDR, Zonen-Punks und die Stasi-Vergangenheit seines Vaters.

Charly Hübner hat vom Mauerfall erst am nächsten Morgen erfahren - durch zwei "stadtbekannte Trinker". Eine Party war schuld.

Charly Hübner hat vom Mauerfall erst am nächsten Morgen erfahren - durch zwei "stadtbekannte Trinker". Eine Party war schuld.

Das Interview mit Charly Hübner erschien in der stern-Printausgabe Nr. 44 am 23. Oktober 2014.

Herr Hübner, Sie spielen in dem TV-Film "Bornholmer Straße" den Grenzer Harald Jäger, der am 9. November 1989 den ersten Schlagbaum öffnete und seine Landsleute in den Westen ließ. Konnten Sie sich als ehemaliger DDR-Bürger gut in den Mann hineinversetzen?


Charly Hübner: Als ich Harald das erste Mal traf und er zu erzählen anfing, da standen auf einmal auch Vatti und Onkel Helmut und andere Männer seiner Generation vor mir. Das war der Sound der DDR-Provinz. Der war mir gleich sehr vertraut. Die Grenzer kamen ja tatsächlich fast alle vom Land, weil die keinen Bezug zu Berlin haben sollten.

Was glauben Sie: Warum ist es damals nicht zu Gewalt gekommen?


Weil Harald die Grenze aufgemacht hat.

Dieser Mann hat also Weltgeschichte geschrieben.


Wenn Sie so wollen, ja. Wir haben uns lange gefragt, wie wir diesen magischen Moment erzählen. Das Dumme ist nur: Harald kann ihn nicht erklären. Er sagt dann so Sachen wie: "Da sah ich dann all die vielen Leute stehen, und da hab ich gedacht: Mach den Schlagbaum uff." Wir konnten also nicht den Charly Hübner als Harald Jäger in Großaufnahme zeigen, wie er die Augen aufreißt, in den Himmel blickt und flüstert: "Ich tu’s!" Er hat das einfach entschieden. Aus einem Impuls heraus.

Was haben Sie am Abend des 9. November gemacht?


Gefeiert. Aber aus anderen Gründen. Mein Vater hatte den Karneval nach Mecklenburg gebracht. Wir Jungen im Ort planten für den 11. 11. eine Art Verarschungs-Fasnacht, mit satirischen Büttenreden und so. Und am 9. November war Generalprobe. Lief super. Ab 21 Uhr wurde Bier ausgeschenkt. Reichlich. Keiner guckte fern. Smartphones gab es noch nicht. Es wurde spät, und wir haben den Fall der Mauer schlicht versoffen.

Wann haben Sie es denn mitbekommen?


Am nächsten Morgen. Ich war damals erst knapp 17 und musste zur Schule. In der Bahn traf ich zwei stadtbekannte Trinker, die sich darüber unterhielten, wann sie denn heute rüber nach West-Berlin fahren. Und ich dachte: so früh, und schon so besoffen. Erst in der Schule hab ich dann erfahren, was los war.

Und was fühlten Sie?


Vor allem Verwunderung darüber, dass es so schnell ging. Der größere Schock war für mich vier Wochen vorher, dass Honecker entmachtet wurde, weil der immer da war, und auf einmal war der weg.

Wie lange dauerte dieser Schockzustand an?


Nicht lange. Das ist das geilste Alter, in dem so etwas passieren kann: zwischen 15 und 18. Das war ein Segen. Du bist selber auf dem Sprung. Du willst weg von zu Hause, weg aus deinem Dorf. Mich zog es zu der Zeit nach Ost-Berlin. Die dortige Punkszene hat mich fasziniert. Jetzt kam der ganze Westen dazu. Und ich war glücklich, dass mir bis dahin vieles erspart geblieben war.

Zum Beispiel?


Ein Regisseur, mit dem ich viel am Theater gemacht habe – nur ein Jahr älter –, ist noch zur NVA eingezogen worden, und der stand in Dresden bei den Montagsdemos mit einer geladenen Knarre in der ersten Reihe. Mit vielen anderen blutjungen Rekruten. Er hatte tierisch Angst, dass seine Mutter und sein Bruder an ihm vorbeigehen.

Wie war die Reaktion Ihrer Eltern auf den Mauerfall?
Sie wirkten geschockt. Ich sehe sie noch still und kopfschüttelnd vorm Fernseher sitzen. Das Ganze hatte ja was Kafkaeskes. Über Nacht war der Staat weg, in dem sie 40 Jahre gelebt hatten. Das ganze System – auf einmal ein Lügengebäude. Ein Irrtum der Geschichte. Das mussten sie erst einmal verarbeiten.

Und später?


Den ersten richtigen Bruch spürte ich Monate später, als mein Vater auf einmal sagte: Ich möchte mit euch in die Kirche, zum Gottesdienst. Und wir: Hä? Kirche? Da waren wir nie gewesen. Aber wir sind hin. Ich kannte keines der Lieder. Dauernd standen die Leute auf und setzten sich wieder. Aber meinem Vater war das wichtig. Nach seinem Tod bekamen wir heraus, dass er nie aus der Kirche ausgetreten war.

Sie erfuhren Jahre später, dass Ihr Vater für die Stasi gearbeitet hatte.


Das war nach der Premiere des Films "Das Leben der Anderen" in Neustrelitz. Ich war mit meinen Eltern da, weil ich darin einen Stasi- Mann spielte. Vater war schon während der Premierenfeier so still. Und als wir im Auto nach Hause fahren, da sagt er plötzlich: "Solche Kameras wie ihr da im Film hatten wir nicht in echt."

Was passierte dann?


Ich wiederholte: "Wir?" Und guckte in den Rückspiegel. Und ich sah meine Mutter, wie sie hektisch das Fenster runterkurbelte, um frische Luft hereinzulassen. Dann haben wir geredet. Er hat erzählt, wie er 1956 eine Beitrittserklärung unterschrieben hatte. Dass er sich bereit erklärt hatte, das Ministerium für Staatssicherheit im Kampf gegen die Feinde des Landes zu unterstützen, oder so ähnlich. Da war er 23. Viel mehr haben wir nicht aus ihm herausgekriegt. Er war erschüttert, hat geweint. Leider lebt er nicht mehr. In zwei Jahren sollen wir endlich seine Akte bekommen.

Hatten Sie was geahnt?


Ja, mein Vater hatte etliche Ämter im Ort inne. Er führte ein Hotel, in dem auch Biermann und seine Entourage abstiegen. Mein Bruder und ich haben immer gewusst, dass er mindestens IM gewesen sein musste. Aber er hat geleugnet und gesagt, er wäre da drum herumgekommen.

"Wir hatten keine Lust mehr, dass man uns sagt, was wir anziehen sollten."

Wenn Sie die ersten Jahre Ihres Lebens rekapitulieren: Wie unwohl hatten Sie sich in Ihrem Land gefühlt?
Man muss bei der Wahrheit bleiben: nicht sehr unwohl. Wir hatten bei uns in Mecklenburg acht Seen mit glasklarem Wasser. Wir bauten Höhlen im Wald. Ein riesiger Abenteuerspielplatz. Den großen politischen Überblick hatten wir nicht. Es war eher so, dass die, die West-Verwandtschaft hatten, immer hörten: Bei euch soll es ja scheiße sein. Aber das empfanden wir als Kinder und Teenager nicht so.

Sie fühlten sich nicht eingesperrt?


Nee. Ich war in Polen, in der ČSSR, in der Sowjetunion. Und als dann einer sagte: Jetzt kannst du auch nach Mallorca, da wusste ich gar nicht, wo das liegt.

Blieb das so? Das Gefühl, nicht unterdrückt zu werden?


Nein, 1989 im Frühjahr änderte sich das. Da war ich beim Pfingsttreffen der Weltjugend als Delegierter des Deutschen Turn- und Sportbunds in Ost-Berlin. Dort trafen sich Jugendliche aus den sozialistischen Bruderländern und ein paar ausgewählte Delegationen aus dem Westen. Da habe ich die Mauer und die bewaffneten Grenztruppen zum ersten Mal bewusst wahrgenommen. Finster dreinblickende Leute, die verhinderten, dass wir nach drüben gehen konnten. Diese Realität fühlte sich unangenehm an.

Wie oft haben Sie sich aufgelehnt?


Zum Start in die Erweiterte Oberschule, wie das bei uns hieß, gab es eine Auftaktveranstaltung in der Aula, wo alle die blauen FDJ-Hemden tragen mussten. Und vier Freunde und ich beschlossen: Da gehen wir in Jeans und T-Shirt hin. Wir hatten keine Lust mehr, dass man uns sagt, was wir anziehen sollten. Das war ein spontanes Aufbegehren. Wir wurden sofort zum Direktor zitiert. Ob wir ein Problem mit der DDR hätten?

Welche Folgen hatte das?


Bei der nächsten großen Veranstaltung wurden wir ermahnt, diesmal das blaue Hemd zu tragen. Machten wir auch. Aber was passierte? Zwei Mädchen gingen nach vorn, zogen sich das FDJ-Hemd aus und sagten: "Wir treten hiermit aus der FDJ aus!" Und ich dachte: Fuck – was ist hier los? Das war wie ein Stromschlag. Da setzte bei mir diese Wahrnehmung ein: Hier passiert etwas im Land. Das war zwei Monate vor dem Mauerfall.

Wie aktiv haben Sie sich am Widerstand beteiligt?
Ich bin mitgelaufen bei den Montagsdemos. Aber ich war sehr naiv damals. Bei meiner ersten Demo hörte ich immer diese Rufe: "Stasi raus!" Und ich fragte einen älteren Kumpel: "Sag mal, was heißt denn Stasi?" Ich kannte nur den Begriff "Firma Horch und Guck". So hieß das bei uns im Dorf. "Ministerium für Staatssicherheit" hatte ich noch nie gehört.

Wo fand diese Demo statt?


In Neustrelitz. Das schwappte alles bis rüber in die Provinz. Da gab es auch Gebete in der Kirche. Tolle Stimmung. Alle formulierten Wünsche, was sie sich von der Zukunft erhofften. Einmal ging dann ein stadtbekannter Trinker nach vorn und sagte: "Ich wünsche mir, dass ich das mit dem Alkohol hinkriege." Das war rührend. Da ging ein ganzes Land baden, und der hoffte, mit dem Saufen aufzuhören.

Wann sind Sie das erste Mal rüber in den Westen?


Am 15. November 1989. Über den Übergang Bornholmer Straße in West-Berlin. Man bekam sein Visum und einen Hunderter Begrüßungsgeld. Wir sind in Wedding angekommen. Ich drehte mich um, guckte wieder rüber und dachte: Hä, wo ist denn jetzt der Unterschied? Ich hatte immer gehört, der Westen sei so farbig, und ich stellte mir das so knallbunt vor, wie in Filmen aus Hongkong. Erst am Ku’damm wusste ich: Das ist die Differenz.

Was haben Sie mit den 100 Mark gemacht?


Erst mal in einer Losbude verdoppelt. Irres Glück. Und dann coole Jacken gekauft. Und West-Jeans. Das war wichtig. Ich hatte ja keine West- Verwandten und musste immer die Ost-Jeans tragen. Und ich habe mir natürlich Leerkassetten gekauft. Für die richtige Musik. Die war schon zu DDR-Zeiten sehr wichtig.

Was haben Sie so gehört?


AC/DC, Motörhead, Slayer, Ramones, Bad Religion, Sex Pistols, Dead Kennedys.

Woher kannten Sie das alles?


Aus der Zeitschrift "Metal Hammer".

Die aber drüben nicht verkauft wurde.


Nee. Die brachte die Oma von einem Kumpel immer aus West-Berlin mit. Die ging dort zum Kiosk und sagte da: Und einen Metallhammer bitte. Aber wir haben auch Sachen aus unserer Gegend gehört: Die Skeptiker zum Beispiel. Musik wie von den Sex Pistols, aber mit Texten, die uns bewegten. Von der Band Feeling B natürlich: "Wir wollen immer artig sein, denn nur so hat man uns gern." Passt heute immer noch. Nicht offen systemkritisch, aber subversiv. Es gab in der DDR eine richtige Punkszene.

Aber auch eine Neonazi-Szene.


Absolut. Mit denen gab es Schlägereien. Schon in der Schule. Das ist so eine Legende: dass die Nazis durch die Wende kamen. Die waren schon lange da. 1986 in Neustrelitz konnte ich als Metal-Anhänger mit langen Haaren in eine der Discos nicht reingehen. Denn sie standen ganz vorn in dem Laden: in Bomberjacken mit Springerstiefeln. Da hätte es was aufs Maul gegeben.

"Der Tag der Wiedervereinigung kam zu früh"

Haben die Menschen in der DDR aus Ihrer Sicht etwas verloren nach der Wende?
Ja, das haben sie. Bei aller Begeisterung für den demokratischen Wandel, der bitter nötig war: Viele Menschen sind damals mit diesem abrupten Wechsel nicht klargekommen. Sie hatten nicht die Zeit, sich anzupassen. Das hat viele überfordert. Da kamen diese Typen aus dem Westen, schwatzten den Leuten Kredite auf. Damit man schnell ankommt im Westen. Leuten, die nicht wussten, was Tilgung und all das bedeutet. Da gab es Darlehen, das weiß ich, mit elf Prozent Zinsen. Wahnsinn. Es ging nur noch ums Konsumieren. Um das neue Auto.

Sie klingen etwas verbittert.


Nein, das bin ich nicht. Aber bei vielen gab es damals eine Aufbruchsstimmung, als Honecker und vor allem Mielke endlich weg waren. Mielke war der Härteste. Die anderen waren alle alt und besoffen. Und als die weg waren, hatten viele die Hoffnung auf einen dritten, einen basisdemokratischen Weg.

Sie auch?


Für mich als jungen Menschen war das damals die spannendste Option. Das Alte, Verrottete war weg. Dieser Wessi-Karriere-Staat erschien nicht erstrebenswert. Es gab Prominente wie Christa Wolf, Stefan Heym, Bärbel Bohley und andere. Die signalisierten einen dritten Weg. Wahre Demokratie und sozial gerechtes Wirtschaften. Aber dem wurde kein Zeitraum gestattet. Der Tag der Wiedervereinigung war für mich damals kein Tag der Freude. Ich fand, der kam zu früh.

Was sagen Sie zu dem Satz: Es war nicht alles schlecht in der DDR?


Kommt drauf an, wer ihn sagt. Ich halte nichts von Ostalgie. Aber man muss die Fakten sehen. Es gibt so ein paar Standardsätze. Zum Beispiel: Die Krippensituation war damals besser. Ja, und? Stimmt ja auch! Kriegen die hier nicht hin. Ich will wirklich nicht das damalige politische System verteidigen. Aber es war für Frauen in der DDR einfacher und vor allem selbstverständlicher zu arbeiten. Ohne schlechtes Gewissen. Das war einfach cool für deren Selbstwertgefühl. Es gibt diese tolle Dokumentation "Die Kinder von Golzow", da sagt eine Frau freudestrahlend: Ich bin Melkerin. Die war da so stolz drauf, weil das in ihrem Umfeld was bedeutete.

Was wäre denn aus Charly Hübner geworden, wenn die Mauer nicht gefallen wäre?


Das würde ich auch gern wissen. Zur Armee wäre ich auf keinen Fall gegangen. 1989 musste ich noch zur Musterung. Da bin ich angetrunken hin, habe mich extra auffällig benommen. Liegestütze verweigert, mich da überall so hingefläzt. Da hieß es dann: disziplinarisch auffällig, zweite Musterung im Frühjahr 90. Aber dann hat Harald zum Glück den Schlagbaum aufgemacht.

Interview: Oliver Creutz und Kester Schlenz