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"Geißeln der Talkshows": Jürgen Falter: Das Schweinchen Schlau unter den Politikexperten

Jürgen Falter ist der ungekrönte König der simplen Fakten. Als Parteien- und Wahlforscher quatscht er sich regelmäßig durch die deutschen Fernsehprogramme. Teil sechs der Serie, in der stern.de sechs Geißeln der Talkshows vorstellt.

Von Wolfgang Röhl

Wahlforscher haben manchmal das Problem, den Leuten nach der Wahl umständlich erklären zu müssen, warum diese anders ausgegangen ist, als sie es vorausgesagt haben. Und warum sie trotzdem mit ihrer Prognose Recht hatten, irgendwie. Nicht so Prof. Dr. Jürgen "A." Falter von der Uni Mainz, A wie Akademiker. Was er sagt, ist empirisch erhärteter Fakt, wie der, dass es nachts oft dunkel und tagsüber tendenziell hell ist ("Eine Demokratie kann auch ohne Volksparteien funktionieren. Aber einfacher ist es mit Volksparteien."). Beziehungsweise handelt es sich um genial sinnbefreite Satzkonstrukte, wo reihenweise Hintertürchen eingebaut sind, durch die Falter sich zur Not verdrücken kann ("SPD und Linke werden sich auch im Bundestag aneinander gewöhnen. Das kann aber lange dauern...").

Auf diese Weise ist es dem stets verbindlich lächelnden, druckreif schwadronierenden Politologen gelungen, nicht bloß ein, sondern "DER deutsche Parteienforscher" (Bayrischer Rundfunk) zu werden. Zumal in Zeiten von Landtags- oder Bundestagswahlen kann ihn der Zuschauer praktisch nicht verfehlen. Auf irgendeinem Kanal hockt er immer und erklärt mit Kennermiene, was womöglich auch dem Aushilfsvolontär eines Anzeigenblättchens in Ost-Holstein einfiele: "Die Zeit der Volksparteien ist vorbei." Liegt auf der Hand, da ja SPD und CDU bekanntermaßen massenhaft Wähler verlieren. "Wenn Menschen von der Demokratie enttäuscht werden, dann wird es gefährlich." Stimmt auch, nicht wahr (Adolf!)? "Die SPD muss einig auftreten." Oder sind heillos zerstrittene Sozen etwa attraktiv? "Berlin ist nicht Mecklenburg-Vorpommern". Aber Mainz bleibt Mainz.

Falter, das Multitasking-Talent

Man könnte meinen, dass die TV-Anstalten Experten wie Falter nicht dringlich benötigen. Sind sie selber nicht überreich gesegnet mit fest bestallten Spruchblasenproduzenten wie Peter Hahne und Zahlenjongleuren wie Ulrich Deppendorf, die bei jeder neuen Wahl den alten Senf aus der Tube drücken? Sicher, jede der Falter'schen Plattitüden kann ein Angestellter von ARD oder ZDF ebenso fehlerfrei aufsagen. Doch Fernsehredakteure sind gehalten, zwecks Vortäuschung von politisch austariertem Qualitätsjournalismus regelmäßig auch aushäusige Leuchten aufscheinen zu lassen, die im Gespräch gelehrtenschwurbelig formulieren, worauf der Moderator raus will - meist auf etwas ganz Simples. Multitasker Falter ist da gut zu gebrauchen - eine Fachkraft gleichermaßen für Wahlen und Parteien, Rechts- und Linksextremismus sowie Schweinchen-Schlau-Erkenntnisse wie diese:

Frage: Die FDP muss um ihre Umfragewerte bangen. Was heißt das für ihre Strategie?
Falter: Der Gedanke, mit dem sie versucht, ihre Klientel zusammenzuhalten, ist der der Leistungsgerechtigkeit.
Frage: Erklären Sie sich so die verbalen Profilierungsversuche der letzten Tage?
Falter: Ja, das hat natürlich etwas mit den Umfragewerten zu tun.

Oder er erklärt uns, worauf wir von alleine nie gekommen wären: "Die Bürger wählen die Katze im Sack! Wahlversprechen sind eine Fiktion. Die Politiker sagen nur, was sie machen würden, nicht, was sie wirklich machen werden."

Und wo, glaubt der Experte, steht die SPD gerade? "Irgendwo zwischen Skylla und Karyptis, zwischen, sagen wir mal, der Wende nach links einerseits oder der Wende mehr zur Mitte hin" befinde sie sich. Zumindest in den Augen der Wähler! "Gabriel muss erst noch Tritt fassen. Das wird noch Wochen und Monate dauern." Glänzende Analyse!

Rent a Falter

Falter, 66, ist seit den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts nimmermüde in der Quasselrunden-Zulieferindustrie tätig. Er hat es weit gebracht: Professur (C 4), Adabei in diversen Beiräten, alle möglichen Veröffentlichungen und "Rufe", Träger des Verdienstkreuzes am Bande. Für Politiker, "die etwas zu sagen haben", hält er Talkshow-Habitués wie "Ludwig Stiegler und Dieter Wiefelspütz von der SPD, Christian Wulff und Wolfgang Bosbach von der CDU und Wolfgang Gehrhardt und Rainer Brüderle von der FDP". Manches, was er bei Talkshows gelernt hat, kann der Zuschauer nur unterschreiben: "In Zukunft sollten weniger Gäste eingeladen werden und vor allem weniger Schauspieler." Bravo! Überhaupt nicht mehr eingeladen werden sollten Parteien- und Wahlforscher. Sie sollten sogar Hausverbot bei den Sendern kriegen. Und zwar lebenslänglich.

Übrigens, man kann Jürgen Falter für Veranstaltungen - zwischen Skylla und Karyptis oder so - auch buchen. Rent a Falter! Er referiert dann zum Beispiel über seine Lieblingsthemen wie "Deutschland zwischen Reform und Blockade" oder "Wählerwille und Wählerauftrag. Anmerkungen zu Macht und Ohnmacht der Parteien in der Mediendemokratie." Und das komische Geräusch dahinten, das kommt vom Schnarchen der Zuhörer.