Wahlabend in Wiesbaden Kochen mit 0,1 Prozent


Kaum hatte der Wahlleiter bestätigt, dass die CDU mit 0,1 Prozentpunkten Vorsprung stärkste Kraft bleibt, jubelten sich die Konservativen im Fraktionssaal die Kehlköpfe wund. Das ändert indes nicht die politische Diagnose: Roland Koch wird in die Geschichte eingehen - als bester Wahlkampfhelfer der SPD.
Von Lutz Kinkel, Wiesbaden

23 Uhr 20. Gedränge im Keller des Wiesbadener Landtags, die Kameraleute lassen ihre Scheinwerfer aufblitzen. Vorne ein Pult, der Landeswahlleiter soll in wenigen Minuten das amtliche Endergebnis verkünden. An den Wänden flimmern Wahlsendungen über die Flatscreens. Eine letzte Hochrechnung: Die CDU liegt mit 0,1 Prozentpunkten vor der SPD. Ungläubiges Staunen. "Das rettet seinen Arsch", raunt ein Journalist.

Der Wahlleiter tritt ans Pult. Er wolle, um die Neugier zu befriedigen, zunächst zwei Dinge sagen. Erstens: Die hessische CDU bleibe die stärkste Kraft. Zweitens: Die Linkspartei habe den Sprung in den Landtag geschafft. Ein Blick auf die Flatscreens. Live-Schaltung in den Fraktionssaal der CDU, sechs Stockwerke über dem Keller. Jubel, Lachen, Biergläser. Die blauweißen Schilder, die stundenlang unbeachtet in der Ecke lagen, tanzen wieder durch die Luft. "Starkes Hessen. Roland Koch" steht darauf. Oder: "Roland Koch. Wer sonst." Welch eine perfide Wendung. Was für ein lächerlicher, kleiner Triumph.

Brutalstmöglicher Populismus

Roland Koch hatte einen Wahlkampf geführt, der das ganze Land emotional auseinander riss. Er operierte mit Ressentiments gegen Ausländer. Mit dem Schreckgespenst einer kommunistisch inspirierten Rotfront im Landtag. Er scheute auch nicht davor zurück, beides miteinander zu verquirlen: Auf seinen Plakate warnte er vor "Ypsilanti, Al-Wazir und Kommunisten", vor einer fremdartigen, anti-bürgerlichen Unterwanderung. Das war selbst der Bundes-CDU zuviel. Die Parteivorsitzende Angela Merkel stellte sich zwar offiziell hinter Kochs Vorschläge zur Bekämpfung der Ausländerkriminalität. Aber sie vermied tunlichst jede Zuspitzung. CDU-Ministerpräsident Christian Wulff, der parallel in Niedersachsen wahlkämpfte, ließ sich erst gar nicht in Kochs Niederungen herab.

Die Meinungsforscher prophezeiten Koch, dass ihm die Kampagne auf die Füße fallen werde. Denn er hatte die Fachleute und die öffentliche Meinung gegen sich. Kochs Strategie war zu durchsichtig, er selbst zu unglaubwürdig. Die Zeitungen hielten ihm die Versäumnisse seiner eigenen Amtszeit vor: deutlicher Anstieg der Gewaltkriminalität in Hessen, weggekürzte Planstellen bei Polizei und Gerichten, lange Verfahrensdauer bei Gewaltdelikten, zu wenig Plätze im Strafvollzug. Koch galt rasch als skrupelloser Kampagnero.

Eigene Wähler abgeschreckt

Aber er machte weiter - in der Hoffnung auf die "schweigende Mehrheit", auf Menschen, die sich in Umfragen empört von politisch Unkorrektem distanzieren, in der Anonymität der Wahlkabine aber ihr Kreuzchen bei der CDU machen. Doch es kam ganz anders: Die Kampagne schlug mit voller Wucht auf ihren Urheber zurück. Wer in Wiesbaden vor der Wahl das Wort "Koch" fallen ließ, konnte Menschen toben hören, dass sie diesen "Lügner" nie wählen würden. Wer von der Anti-Koch-Stimmung am meisten profitieren würde, war absehbar: SPD-Sptizenkandidatin Andrea Ypsilanti. "Koch hat nicht nur die SPD-Wähler mobilisiert. Sondern auch seine eigenen Wähler demobilisiert", sagt Parteienforscher Jürgen Falter zu stern.de. Eine bessere Wahlkampfhilfe hätte sich Ypsilanti nicht erträumen können. Wenige Monate vor dem Urnengang galt sie noch als aussichtlose SPD-Quotenfrau.

Der Reflex dieser Fehlkalkulation lässt sich im Wiesbadener Landtag schon kurz vor 18 Uhr besichtigen. Gewühle und pulsierende Euphorie im SPD-Fraktionssaal. Betretene Gesichter bei der CDU. Erste Prognose: Die CDU verliert mehr als 12 Prozent. Die Botschaft ist klar: Der Kampagnero hat es brutalstmöglich versemmelt. Die CDU-Regierung in Hessen geht vermutlich hops, was die CDU bundesweit schwächt. Koch selbst, immer wieder als möglicher Nachfolger Merkels gehandelt, kann diese Ambition vorerst begraben. "Seinen Status als Kronprinz ist er los", resümiert Falter auf dem Landtagsflur knapp. Außerdem hat Koch den Konservativen der Partei, die unter Merkel an den Rand gedrängt wurden, einen Bärendienst erwiesen. Er, Koch, das Aushängeschild der Konservativen, ist demoliert.

Koch ratlos

Gegen 19.30 Uhr, ewige eineinhalb Stunden nach der ersten Prognose, stellt sich Koch seinen Anhängern. Einige klatschen, einige rufen "Roland, Roland!", doch es ist nichts weiter als Trotz. Mit einer bemerkenswerten Chuzpe versucht Koch die Geschichte umzudeuten. Er leugnet nicht das Ergebnis, er leugnet nicht seine Verantwortung. Aber definiert seine Rolle neu: Der Täter will nun Opfer sein. Gegen ihn sei eine "Diffamierungskampagne" gelaufen, er habe die Angriffe der "drei Linksparteien" über sich ergehen lassen müssen. Außerdem sei Hessen immer ein "knappes Land" gewesen - ein Land also, in dem CDU nur schwer gegen die SPD gewinnen könne. Das sagt der Mann, der 2003 die absolute Mehrheit holte. Und nun das schlechteste CDU-Ergebnis seit Jahrzehnten eingefahren hat.

Koch wiederholt diese Erklärungen in diversen Fernsehinterviews. Er trägt sie nicht forsch vor, wie es sonst seine Art ist. Der Ministerpräsident scheint in sich versunken, er blickt meist zu Boden, es ist, als spräche er zu sich selbst. Vermutlich hängt ihm der Schock über das Ergebnis in den Gliedern, auch die Entbehrungen der letzten Wochen, als er, von einer Bronchitis geschwächt, eine mörderische Wahlkampftour abriss. Die Sonnenstudiobräune in seinem Gesicht kann das nicht übertünchen. Koch wirkt wie sein eigenes, völlig ausgelaugtes Double.

Vor der Neuwahl

00.00 Uhr, Die CDU liegt 0,1 Prozentpunkte vor der SPD. Wichtig sei der "psychologische Effekt", sagt Paul Dries, CDU-Mitglied in Rüdesheim, der nach Hause will. Koch, schon seit Stunden unauffindbar, sei vermutlich in der Staatskanzlei, einem prachtvoll renovierten ehemaligen Hotel in der Innenstadt, das der Milliarden-Pleitier Jürgen Schneider einst halbfertig zurückgelassen hatte. Eine Prognose, wer Hessen regieren könnte, wagt Dries nicht abzugeben. Schwarz-gelb und rot-grün haben jeweils keine Mehrheit. Eine Große Koalition wollen weder Ypsilanti noch Koch. Die Ampel scheitert an FDP-Chef Jörg-Uwe Hahn. Ein rot-rot-grünes Experiment ist SPD-Chef Kurt Beck zu riskant. Jamaika ist ebenfalls illusorisch, Grünen-Chef Tarek Al Wazir will Koch nicht einmal die Hand geben. Neuwahlen? "Das liegt in der Luft", sagt Dries. Hessen, ein politisches Absurdistan. Koch hat die Parteien soweit polarisiert, dass zwischen den Lagern kaum noch etwas geht. Quälende Verhandlungen werden kommen. Mittendrin Roland Koch, mit 0,1 Prozentpunkten in der Tasche. Sie werden ihn nicht retten.


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