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Bevölkerungsschwund: Demographie ist plötzlich Topthema

Das Deutschland ein Demographie-Problem hat, ist seit Jahren bekannt. Doch erst jetzt wird diese Problematik in den Medien ausführlich diskutiert. Der Grund: Das erste Mal treffen die Interessen von Politik, Medien und der Bevölkerung aufeinander.

Wieso erst jetzt? Seit vielen Jahren ist die demographische Entwicklung in Deutschland bekannt. Die Geburtenrate geht stark zurück, zugleich steigt die Lebenserwartung stetig. Altersstrukturen verschieben sich in einem Staat mit mehr als 82 Millionen Einwohnern nicht von heute auf morgen. Trotzdem ist erst jetzt, wo es nach Ansicht vieler Fachleute eigentlich schon zu spät ist, die Demographie plötzlich zum Topthema im Lande geworden.

Medien beschäftigen sich mit Geburtenschwund

Nicht nur die Politik, auch die Medien rücken den Geburtenschwund ins Zentrum der Diskussion. Allen voran der Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Frank Schirrmacher, mit seinem Bestseller "Minimum" und der Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, Kai Diekmann, der sich jüngst mehrere Tage lang auf der Titelseite dem Thema widmete.

Wie entsteht eine solche Themensetzung? "Es gibt niemals nur den einen Auslöser für eine solche Diskussion. Niemals kann ein einziger Akteur, können die Medien allein oder aber die Politik ein solches Thema setzen", sagt der Direktor des Hans-Bredow-Instituts für Medienforschung in Hamburg, Prof. Uwe Hasebrink. "Ein hinreichendes Interesse muss immer von mehreren Seiten vorhanden sein, insbesondere auch bei der Bevölkerung."

Großes Interesse in der Bevölkerung

Dies ist derzeit der Fall. "Breite Teile der Bevölkerung werden im Alltag mit den negativen Auswirkungen des Geburtenrückgangs konfrontiert, sei es durch die Rentendebatte oder durch die Schließung von Schulen", erläutert Hasebrink. Zurzeit kämen die Interessen von Politik, Medien und Bevölkerung zusammen. "Und genau so entstehen dann Topthemen in der Öffentlichkeit."

Der Medienforscher mutmaßt, dass die Politiker das Problem des Bevölkerungsrückgangs lange Zeit deshalb nicht thematisieren wollten, weil es "eine schlechte Nachricht für alle" bedeutet. "Damit profiliert sich keine Partei - aber jetzt, nach der Bundestagswahl, ist die Bereitschaft etwas größer, auch die unangenehmen Themen ans Tageslicht zu bringen."

Offenheit für eine gemeinsame Lösung der Koalition

Der Mainzer Politikwissenschaftler Prof. Jürgen Falter hält einen weiteren Gesichtspunkt für bedeutsam: "Das Thema ist weder von der CDU noch von der SPD ideologisch besetzt, so dass die große Koalition nicht Gefahr läuft, sich darüber zu zerstreiten. Vielmehr besteht jetzt eine große Offenheit, zu einer gemeinsamen Lösung zu kommen." Zudem sei unter den Politikern bei dieser Thematik insgesamt die "Einsicht gewachsen".

Ein Patentrezept zur Lösung des Problems ist damit allerdings noch nicht gefunden. Weitgehend Einigkeit besteht darin, dass die Republik mehr Kinder braucht. Den zuweilen erhobenen Einwand, wo denn für diese Kinder bei heute schon mehr als fünf Millionen Arbeitslosen Jobs herkommen sollen, hält Falter für unbegründet: "Mehr Kinder bedeuten mehr Nachfrage, zum Beispiel nach Kinderbettchen und Bobby- Cars. Dies bedeutet mehr Produktion. Und mehr Produktion bedeutet mehr Arbeitskräfte." Alle anderen Überlegungen seien zu kurzfristig gedacht. "So funktioniert Ökonomie", meint Falter.

"Ältere Menschen müssten einfach länger arbeiten"

Bleibt die Frage, wie sich der Fortpflanzungstrieb der Deutschen ankurbeln lässt. Mit Schuldzuweisungen etwa an "karriereversessene Frauen" oder "egoistische Männer" ist es sicher nicht getan. Falter schlägt stattdessen "ein Anreizsystem aus Belohnung und Bestrafung vor". "Frauen und Männer, die sich für Kinder entscheiden, müssten besser unterstützt werden." Ein Schritt in diese Richtung seien kostenlose Ganztagsschulen und Kinderhorte, die von Steuergeldern finanziert werden. "Die Betreuungsmöglichkeiten über die Steuer zu finanzieren, wäre auch gerecht, denn so würden die Bürger je nach der Dicke ihres Geldbeutels beansprucht", meint Falter.

Noch einen Schritt weiter geht der Direktor des Max-Planck- Instituts für demographische Forschung in Rostock, Prof. James Vaupel: "Die älteren Menschen müssten einfach länger arbeiten, dann würden sie den Staat entlasten, der dann mehr Kapazität für die Jungen hätte."

Nicola Korte/DPA / DPA