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"Geißeln der Talkshows": Karl Lauterbach: Der Anführer der Laberindustrie

Wo Kameras sind, ist Karl Lauterbach nicht weit. Der SPD-Gesundheitsfachmann nutzt jede Gelegenheit zur langen Rede. Dabei grillt er am liebsten mit seinen Gegnern. Teil fünf der Serie, in der stern.de sechs Geißeln der Talkshows vorstellt.

Von Wolfgang Röhl

Leicht unterspitzt könnte man sagen, Dr. Dr. Karl "G." Lauterbach sei der Idealfall für die deutsche Laberindustrie. Dem "Karlchen Überall", wie er genannt wird, ist es nämlich physisch wie psychisch einfach unmöglich, an einer Kamera vorbeizugehen, ohne zu länglichen Vorträgen anzuheben. Als mal ein Auftritt in der RBB-Talkshow "Klipp & Klar" platzte, weil ver.di-Männer die Sendung boykottierten, gestand er, das käme ihm nicht völlig ungelegen: "Ich war sowieso total verschnupft und hatte mich zu dem Auftritt hingeschleppt." Was für ein Kämpfer, der notfalls auch verwundet in den Ring steigt!

Innerhalb von nur wenigen Jahren - Lauterbach sitzt erst seit 2005 im Bundestag - hat der oberste Gesundheitsexperte der SPD es in so gut wie jede Talkshow geschafft, von "3 nach neun" und "Markus Lanz" über "Menschen bei Maischberger", "2+Leif" und "Berlin Mitte" bis zum "Kölner Treff" und ins "Nachstudio". Bei "Anne Will" ist er zwischen 2007 und 2009 fünf Mal aufgetreten, bei "Hart aber fair" von Frank Plasberg gleich zehn Mal. Selbstredend ist die "Zwei-Klassen-Medizin", die er unablässig an die Wand malt, sein ureigenster Beritt; sind Ärzte, Kassen und Pharmakonzerne die Mühlen, gegen die er seine Rosinante unbarmherzig antreibt. "Erstklassig kassieren, zweitklassig kurieren " Wer stoppt Dr. Maßlos", "Mehr Geld für Ärzte, schlechtere Medizin für Patienten?" oder "Katastrophe Krankenhaus" - in diesem Ambiente bewegt sich der Mann mit der bunt gemusterten Gelehrtenfliege und der ulkigen Frisur wie ein Kormoran im Gartenteich.

Karlchen und das "G"-Dilemma

Doch der Egalitarier vom linken Flügel der SPD, der so ziemlich alle Probleme des Planeten über Umverteilung lösen möchte, hat auch zu Themen wie "Gibt es gute Schulen nur für Reiche?", "Renten-Schock - Null-Lösung für die Alten" oder "Warum wir Europas Moppelkönige sind" etwas zu vermelden. Etwa zum Thema Grillen, für welches das inoffizielle "G" in seinem Namen steht. Nachdem der hochintelligente Harvard-Professor im vergangenen Frühsommer die Gefahren des Freizeitgrillens angeprangert und damit die eher bodenständigen Genossen in seinem Wahlkreis 102 Leverkusen/Köln IV etwas verprellt hatte, ruderte er rasch zurück. Kreierte prompt eine salzlose Grillsauce ("Marinade à la Lauterbach") und ließ sich beim "Solargrillen" mit den berühmten Energieexperten Sigmar Gabriel und beim "Multikultigrillen" mit dessen Busenfreundin Andrea Nahles ablichten.

Klatschen bis der Notarzt kommt

Sein Gedächtnis ist phänomenal. Um was es auch geht vor laufender Kamera, Lauterbach zaubert dazu einen Strauß Zahlen aus dem Hut, der seine Kontrahenten alt aussehen lässt. Auch irgendeine "Studie" hat er immer parat, die seine Einlassungen stützt. Dass die in allen Talkshows beliebte Studienhuberei unsinnig ist, da man heutzutage zu jedem Komplex völlig divergierende Datensalate anrichten kann - je nachdem, was bewiesen werden soll -, das sagt der Herr Professor natürlich nicht. Lieber pflegt er sein Image, der von raffgierigen Medizinern und skrupellosen Pillendrehern meist gehasste Politiker zu sein. Das hat er sich tatsächlich hart erarbeitet. Sein aufreizendes rheinisches Näseln, mit dem er seine Thesen vorträgt, grundiert mit der professoralen Attitüde, die Wahrheit über unser Gesundheitssystem für die nächsten 99 Jahre erbgepachtet zu haben, treibt seine Gegner in der Talkrunde oft zur Weißglut. Er selber gibt sich lässig: "Ich halte mich mit negativen Gefühlen nicht auf, das wäre nur Zeit- und Energieverschwendung. Wirklich erfolgreiche Leute machen das nicht."

Könnte man ihn ärgern, wenn man ihn fragte, wie es um seine Unabhängigkeit bestellt sei, da er immerhin als Aufsichtsratmitglied der privaten, börsennotierten Krankenhauskette Rhön-Klinikum fungiert? Oder warum er vor Jahren engagiert für die Einrichtung eines Brust-Referenzzentrums am Klinikum Aachen warb, dessen Tumorzentrum zufällig von seiner Frau geleitet wurde? Ach, Karlchen Überall ließe solche Anwürfe einfach abtropfen. Und würde gelassen seinen Lieblingssatz aufsagen: "Die Deutschen bezahlen für die Gesundheit einen Mercedes, kriegen aber nur einen Golf." Da klatscht das Talkshowpublikum, bis der Notarzt kommt.