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"Markus Lanz" "Ich habe gesehen, was der Krieg mit Menschen macht" – Ex-Soldatin zieht bittere Bilanz des Bundeswehr-Abzugs aus Afghanistan

Dunja Neukam war mehrfach im Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan und hätte sich einen würdigeren Empfang der Soldatinnen und Soldaten bei ihrer Rückkehr gewünscht
Dunja Neukam war mehrfach im Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan und hätte sich einen würdigeren Empfang der Soldatinnen und Soldaten bei ihrer Rückkehr gewünscht
© Screenshot ZDF
Markus Lanz thematisiert eine mögliche nächste Fluchtursache. Eine Debatte darüber kommt allerdings nicht in Gang. Obwohl der Rückzug der deutschen Truppen aus Afghanistan auf der Agenda steht, wird erstmal Lars Klingbeil in die Zange genommen, der "Laschets Gegackere" scharf verurteilt.
Von Sylvie-Sophie Schindler

Armin Laschets Faux-Pas-Gelächter oder Annalena Baerbocks Abschreiberei – was wiegt schwerer? Lars Klingbeil, bitte antworten Sie. Und wie ist das mit der Hochwasserkatastrophe, darf man damit Wahlkampf machen? Man sieht übrigens Olaf Scholz immer alleine bei seinen Auftritten, warum diese Solonummer? Wo ist der Teamgeist der SPD?

Am Donnerstagabend haute Markus Lanz eine Frage nach der anderen an den SPD-Generalsekretär raus und betrieb damit mal wieder sein typisches Manöver "Ich treibe Sie in die Enge, mal sehen, ob Sie da rauskommen." Klingbeil parierte mit Contenance, teilte Seitenhiebe – "Laschets Gegackere" – ausschließlich gegen den CDU-Kanzlerkandidaten aus, verlor kein böses Wort über Baerbock – "Das ist taktisch geschickt", so Lanz - und gab die erwartbaren Lobeshymnen von sich: "Wir haben den überzeugendsten Kanzler."

Hätte es dieses 22-Minuten-Geplänkel denn gebraucht? "Wir kommen zu Afghanistan", leitete Lanz danach endlich das gewichtigere Thema ein. "Harter Bruch", kommentierte Klingbeil, der eben noch über die Nuancen zwischen freundlichem Grinsen, mittelstarkem Lachen, heftigem Lachen und Lächeln philosophiert hatte. Lanz übrigens stellte bei der Kritik um das Laschet-Lachen klar: "Da gehe ich nicht mit, tut mir leid." Er zeigte Verständnis: "Wir alle kennen das von Beerdigungen."

Die weiteren Gäste der Talkrunde:

Katrin Eigendorf, ZDF-Reporterin

Nadia Nashir-Karim, Vorsitzende "Afghanischer Frauenverein e.V."

Dunja Neukam, ehemalige Soldatin und psychologische Beraterin in Afghanistan

Die deutsche Beteiligung am Krieg in Afghanistan. "Das ist ein Thema, das wir so seltsam verdruckst verhandeln", kommentierte Lanz. "Warum ist das so?" Ende Juni, nach knapp 20 Jahren wurden die internationalen Truppen und somit auch die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr von ihrem Einsatz am Hindukusch abgezogen. Aus Deutschland waren insgesamt 160.000 im Laufe der Jahre dort stationiert, viele von ihnen mehrfach, 59 starben, 35 von ihnen wurden im Gefecht oder durch Anschläge getötet. Nadia Nashir-Karim sprach von einem "überraschend schnellen Abzug." Fast über Nacht, ohne Konzept. "Das hat ein Vakuum hinterlassen in Afghanistan." Die Bevölkerung sei enttäuscht. "Was sie uns versprochen haben, hat nicht stattgefunden."

Neue Fluchtbewegung aus Afghanistan?

Was bedeutet es, wenn die radikalislamistischen Taliban die Macht übernehmen? Löst das nächste Fluchtbewegungen derer aus, die das Land verlassen möchten? "Was machen wir, wenn Tausende, Zehntausende vor der Tür stehen?", wollte Lanz von Klingbeil wissen. Im SPD-Parteiprogramm habe er, Lanz, zu den Themen Migration und Asyl nur Allgemeinplätze gefunden. Damit musste er sich begnügen, denn seine Frage blieb in der Luft hängen. Klingbeil bekräftigte stattdessen, es sei richtig gewesen, aus Afghanistan rauszugehen: "Als die Amerikaner entschieden, sie gehen raus, war für uns klar, wir müssen auch gehen." Katrin Eigendorf schilderte, das nun ein Sharia-Staat errichtet werden solle, Teile der ländlichen Bevölkerung seien aber sogar dankbar, denn die Taliban würden für eine Ordnung sorgen, nach der sich viele sehnten. "Die schwache Regierung ist dem nicht nachgekommen." 

Welche Kraft die Taliban im eigenen Land hätten, so Eigendorf weiter, hätten die USA von Anfang an unterschätzt: "Die Amerikaner sind reingegangen mit dramatischer Unkenntnis". Wer Turban trage und Bart, sei als Taliban eingeordnet worden. Das hatte zur Folge, dass der Krieg nicht gezielt gegen die Taliban, sondern gegen die afghanische Bevölkerung geführt worden sei. Man möchte, kaum hat sie ausgesprochen, schreien. Und das, so die Journalistin weiter, basierend auf ganz anderen als den bundesdeutschen Interessen: "Wir wollten das Land grundlegend aufbauen, die Amerikaner kämpften hingegen für ihre eigene Sicherheit." Deren Ziel: Afghanistan solle kein Rückzugsgebiet für internationalen Terrorismus sein. Der Einsatz der deutschen Truppen basierte, so resümierte sie, auf einer grundlegenden Fehleinschätzung. Die Reporterin hält es ohnehin nicht für möglich, dass sich ein Land von außen militärisch demokratisieren ließe. 

Amerikaner mit ganz anderen Ziele als die Deutschen

Es tut jeder Talkshow gut, wenn Betroffene zu Wort kommen und Debatten nicht aus ausschließlich von journalistischen Schreibtischen und aus bundespolitischen Sesseln geführt werden. Ex-Soldatin Dunja Neukam brachte den Afghanistan-Krieg, in dem sie vier Mal im Einsatz war, viel näher als es die anderen in der Runde je gekonnt hätten. Sie berichtete von ihrer großen Enttäuschung, als sie verstanden habe, dass die Amerikaner etwas Anderes wollten als die deutschen Truppen. Trotzdem habe sie ganz lange gedacht, "es hat einen Sinn, was wir tun". Schließlich seien die Einschläge näher gekommen, man habe nicht mehr, wie am Anfang, den guten Kontakt zu der Zivilbevölkerung pflegen können. Bei einem Busanschlag seien drei Kameraden, mit denen sie kurz vorher ihren Geburtstag gefeiert habe, verletzt worden, an Körper und Seele. "Ich habe gesehen, was der Krieg mit Menschen macht", erzählte sie. Die Traumata allerdings würden immer noch nicht genug berücksichtigt. "Wir müssen immer noch beweisen, dass etwas passiert ist und genau angeben, wo man verwundet worden ist, und da wird es bei seelischen oder moralischen Verwundungen sehr schwer." Mitunter würde sich das Trauma erst 25 Jahre später bemerkbar machen: "Wie soll man das beweisen?"

Neukam sprach noch einen anderen wunden Punkt an: die fehlende Würdigung bei der Rückkehr. 264 Männer und Frauen landeten am 30. Juni mit drei Transportflugzeugen der Luftwaffe auf dem niedersächsischen Fliegerhorst Wunstorf. Mit Hinweis auf die Corona-Pandemie verzichtete die Bundeswehr allerdings auf einen gebührenden Empfang. Genauer: niemand kam. "Das war sehr traurig, es hätte jemand als Symbol dastehen können, einer der sagt, danke für euren Dienst und die Opferbereitschaft", sagte Neukam. Auch Klingbeil hält das für ein großes Versäumnis: "Da hätte jemand stehen müssen, das war total unwürdig", stimmte er zu – immerhin gäbe es einen Großen Zapfenstreich vor dem Reichstaggebäude. Zudem: es gäbe noch viel aufzuarbeiten. Dazu sei der Deutsche Bundestag verpflichtet. Ebenso wie zum Schutz der Soldaten. "Bewaffnete Drohnen gehören dazu", bekräftigte der Politiker und Sohn eines Berufssoldaten – der in dieser Debatte schon länger eindeutig seine Position bezieht. Die SPD demnach als verlässlicher Partner für die Bundeswehr? Wieviel Pazifismus ist bei den Sozialdemokraten eigentlich drin? In die Details zu gehen, dazu fehlte am Schluss leider die Zeit, die man zu lange mit der Analyse des Gelächters von Armin L. verbracht hatte.

tkr

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