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TV-Kritik

"Anne Will": Aus der Traum von den Vereinigten Staaten von Europa

Großbritannien hat die Scheidung eingereicht. Bei Anne Will zeigten EU-Anhänger ihre emotionalen Wunden und EU-Gegner machten klar, dass der Kreuzzug gegen Brüssel auf dem Festland erst angefangen hat.

Anne Will und Gäste

Anne Will und ihre Gäste - Ursula von der Leyen, Rolf-Dieter Krause, Anna Firth, Sir Peter Torry und Richard Sulík - diskutierten über den Brexit und die Folgen

"Anne Will" hat die Sommerpause für den Brexit unterbrochen, sie fragt "Großbritannien sagt Nein - Wer sagt jetzt noch Ja zu Europa?" Das Gute zuerst: Die Sendung ist nicht in die Wählerbeschimpfung eingestiegen, in der sich andere seit dem schwarzen Donnerstag des Referendums geübt haben. Man kann also auch in Deutschland eine Stunde über den Brexit sprechen, ohne zu unterstellen, dass nur Rassisten, Dummköpfe und verhärmte Alte gegen die EU stimmen konnten. Auch eine andere Hoffnung mancher Kommentatoren wurde nicht geteilt: Niemand erging sich in der Vision, bei dem Misstrauensvotum habe es sich nur um einen einmaligen Irrtum gehandelt. Keiner glaubt, man müsse nur einen Trick finden, um die Abstimmung wiederholen zu lassen, dann würde das Ergebnis schon stimmen.

Weg ist weg. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) rechnet nicht mehr mit einer Rückkehr Großbritanniens in die Europäische Union: "In meiner Lebenszeit wird es auch nicht wieder einen Eintritt Großbritanniens in die Europäische Union geben." Wie tief die EU in der Krise steckt, verrät von der Leyen eher ungewollt. Noch 2011 bekannte sie sich offensiv zum Ziel der Vereinigten Staaten von Europa. Diese Formel will sie jetzt nicht mehr in den Mund nehmen, denn der Slogan ist in fünf Jahren zu politischen Gift geworden. Von der Leyen musste erleben, dass die Vision von den Vereinigten Staaten von Europa für die EU-Gegner zum "Totschlagargument" gemacht wurde. Der Wind hat sich nicht nur in Großbritannien gedreht.

Anne Will: Sommerpause wegen Brexit unterbrochen

Das Enfant Terrible in der Runde gibt der slowakische Europa-Abgeordnete Richard Sulík, der beim allgemeinen Gejammer nicht mitmacht. Nein, ihm hätten die Briten nicht "gegen das Schienenbein" getreten. Für ihn hat die Braut Europa deutlich an Attraktivität verloren: Regulierungswut, Schulden, Verachtung der eigenen Regeln. "Europa taumelt von Krise zu Krise in den letzten acht Jahren. Der Austritt ist nur eine Folge, dass die Union an Attraktivität verloren hat."

Als Anhänger großer Vereinfachung mit einer offensichtlichen Freude an konstruktiver Zerstörung hat er auch eine Lösung parat: Die Führung der EU muss abtreten: "Wegen wem ist das Vertrauen in die EU denn weg? Wegen den europäischen Eliten, die da drin ist! Die sollten als allererstes abtreten. Das ist ihre Schande, dass die Briten raus sind." Vor allem schießt er sich sich auf Personen wie Jean-Claude Juncker ein, den Präsidenten der Europäischen Kommission. "Der ist seit zwanzig Jahren da, der ist der Mensch, der am meisten verantwortlich ist."

Sicherlich ist es weit überzogen, Jean-Claude Juncker und Parlamentspräsident Martin Schulz allein für den Niedergang der EU verantwortlich zu machen. Aber ebenso offenkundig ist es auch, dass die Führungsetage in Brüssel in den letzten Jahren vieles gewaltig falsch gemacht hat, denn die Menschen wenden sich nicht nur in Großbritannien von der EU ab. Bezeichnend, dass ein Politprofi wie von der Leyen diese bohrende Fragen nur mit pathetischen Europa-Bekenntnissen beantwortet.

Am Liebsten ergeht man sich in emotionalen Betroffenheitsbekundungen. Anna Firth, britische Konservative und Initiatorin der „Women-for-Britain"-Kampagne, ist natürlich glücklich mit der Entscheidung. Sir Peter Torry, ehemaliger Botschafter Großbritannien, tut es leid für die Kinder und Enkel. Und von der Leyen ist entsetzt, wie "unsere gemeinsame Erfolgsgeschichte mit den Füßen getreten" wird. Traurig, traurig. Der Schock sitzt auch am Sonntag noch genauso tief wie am Freitag Morgen. Neues ist kaum hinzugekommen.

Eine Runde ohne Insider-Wissen

Der Zuschauer merkt schnell: Bis auf die rhetorisch mit allen Wassern gewaschene Firth sind die Gäste nur Beobachter und nicht Gestalter des Prozesses. Das wurde deutlich bei der endlos diskutierten Frage, wann die Briten dann das offizielle Austrittsgesuch stellen müssten. Da war viel von Anstand und Fairness die Rede, aber es gab kein Insider-Wissen. Etwa über die Machtspiele in London, in denen die Nachfolge des Premiers Cameron im gleichen Moment entschieden wird.

Beim Schlusswort konnte Politikrabauke Sulík noch einen Tiefschlag gegen seinen Intimfeind Juncker anbringen. Er endete mit einem berüchtigten Zitat des Kommissionsvorsitzenden: "Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter - Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt." Das sagte Juncker einst dem "Spiegel".

Solange die Europa-Anhänger auf diese Auswüchse der EU-Arroganz keine Antwort finden, haben Populisten und Europa-Zerstörer wie Sulík leichtes Spiel. Nur Sir Peter Torry erinnert daran, dass die Unzufriedenheit mit Europa in allen Ländern sehr hoch sei: "Das sind Probleme, die Europa lösen muss." Hübsche Sätze wie "Europa, das sind wir" werden da nicht ausreichen.