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Brexit-Folgen: Merkel im EU-Finale: Alleine wird sie es nicht schaffen

Nach dem Brexit ist Berlin im Krisenmodus, die Kanzlerin versucht einmal mehr, alle zu beruhigen. Aber das wird nicht reichen. Nur die EU kann die EU retten.

Die Briten haben für den Brexit gestimmt. Schon wieder muss Angela Merkel eine Krise managen.

Die Briten haben für den Brexit gestimmt. Schon wieder muss Angela Merkel eine Krise managen.

Schon wieder: Krise. Schon wieder: Alarm. Kann nicht einmal einfach nur Sommer sein? Nein. Seit acht Jahren geht das schon so. Finanzkrise, Eurokrise, Griechenlandkrise, Krimkrise, Flüchtlingskrise. Nun der Brexit. Die Krise der EU. Fetter kann es nicht mehr kommen, es sei denn – Gott bewahre – es bräche ein Krieg aus.

Berlin hat mit einer fast schon unheimlich wirkenden Routine in den Krisenmodus geschaltet und das große Besteck aufgelegt. Statement der Kanzlerin, Statement des Vizekanzlers, Konsultationen mit Außenministern und Regierungschefs, Sondersitzung des Bundestags, EU-Gipfel in Brüssel, erste Konzepte und Pläne.

Mit ihrem Statement tat Angela Merkel, was sie in solchen Situationen immer zu tun pflegt. Tempo rausnehmen ("keine schnellen und einfachen Schlüsse"), sich in Allianzen stellen ("wir, die anderen 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union"), auf die Rechtslage hinweisen ("ein klar festgelegtes und geordnetes Verfahren"), Zuversicht verbreiten ("Die Union ist stark genug, um die richtigen Antworten zu geben") – und ansonsten möglichst nüchtern und sachlich wirken. Die Message, auch diesmal: Don't panic!

Widerstreitende Ziele

Krisen sind Merkels Geschäft. Und es ist ja auch nicht so, als übten sie nicht einen gewissen intellektuellen Reiz auf die Kanzlerin aus. Manchmal benutzt sie zur Beschreibung Formulierungen, in denen die Wissenschaftlerin aufblitzt. In der Flüchtlingskrise sprach sie zum Beispiel davon, die Unordnung in einen geordneten und gesteuerten Zustand zu überführen. Als würde sie gerade im Labor sitzen und versuchen, chaotische chemische Prozesse so zu manipulieren, dass sich aus dem Endprodukt formidable Gummistiefel herstellen lassen.

Diesmal jedoch ist der Komplexitätsgrad so hoch, dass kaum zu erkennen ist, wie sich die Krise managen lassen soll. Zumal es überall widerstreitende Ziele gibt.

Zielkonflikt 1: Merkel muss führen, aber es darf nicht nach Führung aussehen. Überall in Europa, aber vor allem im Osten, stöhnen die Regierungen über die deutsche Dominanz. Daraus ist ein Widerwille entstanden, der für die EU gefährlich ist. Andererseits: Mit den Briten ist ihr gerade ein starker Partner abhanden gekommen – und die Franzosen sind wirtschaftlich und politisch geschwächt. Wer springt in die Lücke?

Zielkonflikt 2: Die EU muss die Briten schonen, sie aber auch leiden lassen. Sollten potenzielle Nachahmer – die EU-Feinde in Dänemark, Schweden, Frankreich und den Niederlanden trommeln schon für eigene Abstimmungen – das Gefühl bekommen, die Briten kämen "billig" weg, würde sie das nur bestärken. Andererseits: Gerade die Deutschen haben kein Interesse daran, dass die Wirtschaft ihres drittgrößten Handelspartners absäuft. Einer von vielen Gründen: Jedes zweite neu zugelassene Auto auf der Insel ist ein deutsches.

Zielkonflikt 3: Die Globalisierung erzwingt eine weitere Vertiefung der EU. Wer Steuerhinterziehung vermeiden will, muss eine gemeinsame Fiskalpolitik wollen; wer Flüchtlinge verteilen möchte, braucht ein europäisches Asylrecht; wer sich gegenüber den Machtzentren in Asien und Amerika behaupten will, kann das nicht daheim in der Staatskanzlei regeln. Andererseits: In Europa grassiert das Gefühl, von Brüsseler Bürokraten ferngesteuert zu werden und die nationale Selbstbestimmung zu verlieren. Das passt nicht zusammen.

Ob die Deutschen ins EM-Finale kommen, ist nicht sicher. Dass Merkel schon im EU-Finale steht, ist klar. Es ist ihr schwierigstes Spiel, weil es nicht mehr um Teilprobleme geht, sondern um das große Ganze. Deswegen wird Merkel es nicht alleine schaffen. Die EU kann nur von der EU gerettet werden. Sie hat aktuell 27 Mitglieder. Noch.