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ARD-Programmdirektor Herres: "Sat1 geht shoppen - kein Grund zur Aufregung"

Wer braucht schon Pocher, wenn er Pilawa und Plasberg hat? ARD-Programmdirektor Volker Herres spricht im stern.de-Interview über den neuen Shopping-Wahn von Sat1, warum ihm das keine schlaflosen Nächte bereitet und verrät, um welche Show er RTL beneidet.

Herr Herres, über Fernsehen reden heißt dieser Tage vor allem auch über Sat1 reden. Johannes B. Kerner geht vom ZDF zu Sat1, Oliver Pocher wechselt von der ARD ebenfalls zum Privatsender - ein Aderlass für die Öffentlich-Rechtlichen?

Nein, so weit würde ich nicht gehen. Ich habe den Eindruck, Sat1 geht jetzt ein bisschen shoppen. Kein Grund zur Aufregung. Im Gegenteil. Da kann man ja jetzt wieder ganz beruhigt sein: Offensichtlich geht es den kommerziellen Sendern wirtschaftlich doch nicht so schlecht, wie immer geschrieben wird.

Bereitet es Ihnen keine schlaflosen Nächte, dass Sat1 den Öffentlich-Rechtlichen große Namen wie Kerner und Pocher wegschnappt?

Nein.

Keine Angst um Harald Schmidt?

Ich bin relativ angstfrei. Und ich habe keine Ahnung, was Sat1 noch so vorhat. Wir beobachten die Entwicklungen. Aber ich bin da sehr entspannt.

Mit Oliver Pocher ist jetzt eine der aufsehenerregendsten Verpflichtungen der ARD weg. Was nun?

Wir haben sehr starke Protagonisten in der ARD. Es fehlt uns nicht an prominenten Gesichtern. Jörg Pilawa ist der beste Moderator, den es im Showbereich gibt. Wir haben Frank Plasberg, Anne Will, Reinhold Beckmann, Sandra Maischberger, Gerhard Delling und ein Topduo in den Tagesthemen. Und Harald Schmidt und... Aufzählen ist gefährlich, weil man meist jemanden vergessen hat...

Pilawa und Plasberg sind nicht Pocher...

Wir werden immer wieder versuchen, neue Akzente zu setzen. Im Hinblick auf die jüngeren Zuschauer haben wir das zum Beispiel mit Ina Müller getan, die wir ins Erste geholt haben. Im Bereich Sport haben wir Mehmet Scholl als Fußballexperten. Und wir haben Tim Mälzer geholt. Also da passiert eine ganze Menge.

Die junge Zielgruppe sitzt ja direkt bei Ihnen zu Hause - Sie haben eine 20-jährige Tochter und einen 12-jährigen Sohn...

Der 12-Jährige sieht wenig fern. Der ist vor allem im Internet. Wenn allerdings Obama in Deutschland ist, dann schaltet er als Obama-Fan auch Das Erste ein, um die Live-Berichterstattung zu verfolgen.

Das sind ja brave Kinder...

... eher ganz normale.

Macht Ihnen der Trend Sorgen, dass sich die Jüngeren immer mehr im Internet aufhalten?

Nein, Medien haben sich immer verändert. Ich finde das nicht dramatisch. Es bedeutet aber, dass wir als Fernsehanbieter auch im Netz präsent sein müssen. Das Internet wird immer mehr ein Bewegtbild-Medium. Und am Ende ist es dann wieder Fernsehen.

Also hat das Fernsehen neben dem Internet eine Zukunft?

Auf jeden Fall. Kein Medium wird von einem anderen verdrängt. Fernsehen ist ein Lean-back-Medium. Man schaltet ein, um abzuschalten. Dieses Bedürfnis werden Menschen immer haben. Da bin ich sehr optimistisch. Die Menschen verbringen sowieso schon den ganzen Tag vor dem Computer, weil ein Großteil der Arbeit - egal ob sie Autos reparieren oder Arzt sind - dort stattfindet.

Wenn Kinder unter 13 Jahren fernsehen, dann vermehrt private Formate. Das hat eine Studie ergeben. Warum schalten Kinder vermehrt von der ARD zu ProSieben und RTL?

Dass Jüngere eher kommerzielle Sender nutzen und nicht öffentlich-rechtliche, das liegt in der Natur der Angebote. Die privaten Sender zielen ja ausschließlich auf jüngeres Publikum. Für die endet das Leben mit 49.

Es ist ja nicht so, dass Sie nicht auch gerne das junge Publikum erreichen würden. Aber wie verjüngt man das Programm, ohne die Stammseher zu vergraulen?

Das ist genau das Kunststück, das wir vollbringen wollen. Wir wollen niemanden vergraulen. Das ältere Publikum in Deutschland guckt immerhin weitaus mehr fern als das jüngere und ist auch viel treuer. Es ist aber auch nicht so, dass wir keine jungen Zuschauer hätten. Wir haben sie beim Sport, beim "Tatort", bei den Mittwochsfilmen, im seriellen Vorabend. Wir haben sie auch bei der Tagesschau um 20 Uhr. Das ist unverändert auch bei den unter 49-Jährigen die am häufigsten gesehene Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen. Und wir haben den Echo zurück ins Erste geholt und senden demnächst den Eurovision Song Contest aus Moskau.

Fragen Sie Ihre Kinder, was sie gerne in Papas Sender sehen würden?

Ja, ich gucke mit ihnen. Ich bitte meine Kinder auch schon mal, sich etwas anzuschauen und mir zu sagen, wie es ihnen gefällt. Jetzt habe ich zum Beispiel gerade mit meiner Tochter "Die Frau, die im Wald verschwand" gesehen. Das hat ihr sehr gut gefallen.

Ihre Tochter ist 20. Da guckt man doch "Germany's next Topmodel" auf ProSieben!

Aus dem Alter ist sie raus.

Und Sie? Gucken Sie Quotenhits wie "DSDS" oder die "Topmodels"?

Es wäre ja fahrlässig, wenn ich als Programmverantwortlicher nicht alles, was sich im Fernsehen tut, beobachten würde.

Gefällt Ihnen das, was Sie da sehen?

Das schaue ich professionell, nicht weil ich es selber gerne sehen will. Aus privatem Interesse würde ich mir "DSDS" sicherlich nicht angucken.

Trotzdem orientieren sich die Öffentlich-Rechtlichen an den Privaten. Es gibt Casting-Shows, von ProSieben holte man einst Oliver Pocher und Bruce Darnell...

Das ist Unsinn. Es gibt keine Annäherung an die Kommerziellen und die ist auch nicht beabsichtigt. Unsere Programme unterscheiden sich eindeutig voneinander. Wir haben im Ersten einen Informationsanteil von rund 40 Prozent. Wir machen Fernsehen für alle. Wir haben politische und kulturelle Magazine. Wo gibt es denn die bei den Privaten?

Lesen Sie auf Seite 2: Um welche Sendung Volker Herres RTL beneidet und wie er den Quoten-Flop "Eine für alle", die neue ARD-Vorabenserie, verteidigt...

Lassen Sie sich nicht auch schon mal von den Privaten inspirieren?

Es gibt sicherlich immer wieder Dinge, wo man sagt: Das ist eine Idee, die man eventuell mal variieren könnte. Aber allzu viel Inspirierendes habe ich nicht entdecken können.

Die Serie "Die Anwälte" haben Sie RTL immerhin abgekauft...

"Die Anwälte" war ja kein typisch kommerzielles Produkt. Es war eine durchaus anspruchsvolle Serie, die RTL wegen schlechter Quoten nach einer Folge aus dem Programm genommen hat. Wir wollten ihr eine zweite Chance geben. Leider hatte sie auch bei uns keinen Erfolg.

Und um welches erfolgreiche Format beneiden Sie die Privaten?

"Wer wird Millionär" ist schon gut.

Welches würden Sie nicht einmal geschenkt haben wollen?

So etwas wie das Dschungelcamp würde sicherlich niemals in die ARD passen.

Wie sieht es mit US-Serien aus. RTL fährt äußerst erfolgreich mit Serien wie "Dr. House".

Ich will nicht ausschließen, dass auch die ARD mal wieder auf US-Serien setzt, wenn es Angebote gibt, die uns überzeugen und die zu unserem Programm passen. Unser Schwerpunkt wird allerdings immer bei den deutschen Eigenproduktionen liegen.

Wie "Eine für alle", die neue Serie, mit der sich die ARD erhoffte, den schwachen Vorabend zu retten. Die Quoten sind allerdings im Keller...

Der Auftakt ist verhalten und nicht so, wie man es sich als Programmdirektor wünschen würde. Ich habe aber auch nicht damit gerechnet, dass auf diesem schwierigen Sendeplatz eine neue Serie gleich einschlägt wie eine Bombe. Der Vorabend muss neu aufgestellt werden, das ist richtig. Aber wir sollten da ganz gelassen ran gehen und einen langen Atem haben.

Es gehört wahrscheinlich eine Menge Mut dazu, eine Serie zu senden, die keiner sehen will. Sind Sie ein mutiger Programmchef?

Meine Eigenschaften sind hoffentlich vielfältiger. Ich bemühe mich, mutig und vernünftig zu sein.

Seit einem halben Jahr sind Sie nun Programmdirektor der ARD. Wie ist es Ihnen seitdem ergangen?

Glänzend. Es ist einer der schönsten Jobs im deutschen Fernsehen.

Was ist das Schöne daran?

Dass es spannend ist und dass man jeden Tag um die Qualität des Programms streiten und diskutieren kann.

Und die Schattenseiten?

Wenn in München das Wetter mal schlecht ist. Aber das kommt selten vor...

Inwiefern ist Ihre gute Laune von der Quote abhängig?

Ich freue mich immer wenn viele Menschen unsere Programme sehen. Für mich war Quote schon immer ein Synonym für Menschen. Dieser technokratische Begriff "Quote" ist leider so negativ behaftet. Ich sehe das anders. Schon Goethe hat gesagt: "Wer nicht eine Million Leser erwartet, der sollte keine Zeile schreiben".

Interview: Katharina Miklis