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"Tatort"-Kritik: Wenn der Spießbürger den Dolch zückt

Ein Mann sieht rot: Die Doppelmoral der "Zunft der Wächter am Pilatus" hat ihn seinen Ruf und seinen Sohn fast das Leben gekostet. Die Fasnachtszeit in Luzern ist perfekt für seinen Rachefeldzug.

Von Susanne Baller

Nicht nur die deutsche Nation teilt sich zur Faschingszeit. Da gibt es die Jecken, die jedes Jahr spätestens zur Weiberfastnacht nach Köln, Münster oder Düsseldorf reisen und vor Aschermittwoch nicht an Rückkehr denken. Es gibt die Desinteressierten, die im Norden oder Osten Deutschlands wohnen und von dem ganzen Rummel gar nichts mitbekommen (müssen oder wollen). Und es gibt die Karnevalshasser. Sie wohnen in oder in der Nähe einer der Hochburgen, können dem lärmigen bunten Treiben nichts abgewinnen, sind ihm aber auf Gedeih und Verderb ausgesetzt. So ergeht es Reto Flückiger (Stefan Gubser), den es aus dem Kanton Thurgau im Schweizer Norden vor einem knappen Jahr nach Luzern verschlagen hat. Er erlebt seine erste Fasnacht dort, schlaflos muss er das Gejohle unter seinem Fenster ertragen - und flieht an den einzigen ruhigen Ort der Stadt, auf den See.

Doch am "Schmutzigen Donnerstag", der Schweizer Weiberfastnacht, gibt es für ihn kein Entkommen, Flückiger muss zurück und einen Mord aufklären: Ein Fasnacht-Sensenmann hat Franz Schäublin erdolcht, Vorsteher des Luzerner Bauausschusses und Mitglied der Vereinigung "Zunft der Wächter am Pilatus". Auf geht es in die Welt der Schweizer Bünzli (Spießbürger).

Das Dani-Levy-Konzept

Zum ersten Mal zeichnet Dani Levy für die Regie bei einem "Tatort" verantwortlich. Der gebürtige Schweizer, seit vielen Jahren in Berlin beheimatet, hat 1986 seinen ersten Film ("Du mich auch") gedreht, bei dem er neben der Regie auch als Drehbuchautor und Schauspieler mitwirkte. Für seine Filmkomödie "Alles auf Zucker!" erhielten Levy und Holger Franke 2005 den Ernst-Lubitsch-Preis, im selben Jahr räumte der Film bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises sechs Auszeichnungen ab.

Obwohl es in "Schmutziger Donnerstag" keinen nachsynchronisierten Dialekt mehr gibt, der in den vorhergehenden Fällen aus der Schweiz als stümperhaft bemängelt wurde, lässt sich die Handlung nicht leicht verstehen. Levy hält das breite Fernsehpublikum für "manchmal sträflich unterschätzt" und hat statt auf Verständlichkeit und Logik eher auf Authentizität und Lebendigkeit gesetzt. Mit zwei Kameras und ohne Proben vertraute er auf "Spontaneität und die Wahrheit des Moments", merkt Levy zur Regieführung an.

Nichts für eine entspannte Sofahaltung

Während Liz Ritschard (Delia Mayer) es schafft, die Fasnachtszeit zu genießen (inklusive einer lesbischen Affäre als Biene Maja) und trotzdem ihrem Job gerecht zu werden, ermittelt Reto Flückiger sauertöpfisch vor sich hin. Kollegen und Chef verabschieden sich der Reihe nach in die Fasnachtsferien und Flückiger steht verständnislos davor. Nach einer Vergewaltigung und einem weiteren Mord würde er die ganze Fasnacht am liebsten abbrechen. Dem ein oder anderen Zuschauer mag es ähnlich gegangen sein: Viele parallele Handlungsstränge und mehr persönliche Schicksale als in einem Dostojewski-Roman sorgen für Verwirrung. Die einzige Konstante, das scheinbar an Flückiger festgewachsene Segel-Outfit, macht das nicht besser.

Die Aussage von Marianne Steiner (Karin Pfammatter), die vermutet, dass ihr Mann noch lebt und die beiden Morde begangen hat, sowie das Einschreiten von Daniel (Andri Schenardi spielt herrlich tuckig) geben dem Fall allmählich einen roten Faden. Daniel erklärt Flückiger die erzkonservativen Verhaltensregeln der Zunft, unter denen auch er zu leiden hat, und wieso der Kommissar selbst in die Geschehnisse verstrickt ist: Er hatte einst den Junkie Gabriel Steiner verhaftet, der kurz darauf versucht hat, sich zu erhängen. Obwohl er gefunden wurde, hat die lange Unterbrechung der Blutzufuhr ihn zum Pflegefall gemacht. Sein Vater, Martin Steiner (Peter Zumstein), steckt also tatsächlich hinter dem Fasnachts-Rachefeldzug: Er lastet der Zunft die Schuld am Schicksal seines Sohnes an.

Fazit

Keine leichte Kost für einen Sonntagabend. Sollten Sie den "Tatort" aufgezeichnet haben, beim zweiten oder dritten Mal schauen kann man ihn richtig genießen, offenbar hat man sich dann an das "Konzept Levy" gewöhnt. Durch das Ausleuchten der Klischees allerdings - erzkonservativ und streng gläubig - werden die Schweizer zu Dino-Urschweizern und wirkt manche Szene holzschnittartig.

Falls Sie ihn nicht erkannt haben: Als Reto Flückiger geknebelt seinen halluzinogenen Träumen nachhängt, ist es DJ Bobo, der sein Auto zertrümmert. Unter all den Kostümierten bleibt der Gastauftritt fast unbemerkt.