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Momente der TV-Geschichte "Was sollen wir jetzt machen?" - der völlig irre ESC-Abend von Madrid

ESC 1969
Damals reichte noch ein kleines Theater: Der Eurovision Song Contest 1969 fand im Teatro Real in Madrid statt.
© Picture Alliance
Der Eurovision Song Contest 1969 ist ein denkwürdiges Fernsehereignis. Vier Teilnehmer landen punktgleich auf dem ersten Platz. Eine ratlose Moderatorin weiß nicht, was sie tun soll. Bis es eine verrückte Entscheidung gibt.

Der 29. März 1969 sollte ein gemütlicher TV-Samstagabend werden. Obwohl das Farbfernsehen bereits seit zwei Jahren in Deutschland eingeführt war, saßen viele noch immer vor ihrem Schwarz-Weiß-Gerät und verfolgten eine Sendung, die in ganz Europa live übertragen wurde: Der 14. Eurovision Song Contest, damals noch Grand Prix genannt, fand in Madrid statt. Für Deutschland ging Siw Malmkvist mit "Primaballerina" an den Start und erreichte einen mittelprächtigen neunten Platz. Gewinnen sollten andere. Der Musikwettbewerb endete mit einem verrückten Ergebnis.

"Was sollen wir jetzt machen?", fragte die völlig ratlose Moderatorin Laurita Valenzuela und griff sich nervös hinters Ohr. Gerade hatte mit Finnland das letzte Teilnehmerland seine Stimmen per Telefon durchgegeben. Ein großes Raunen ging durch das voll besetzte Teatro Real in Madrid. Vier Länder waren mit 18 Punkten gleichauf: Großbritannien, Niederlande, Frankreich und das Gastgeberland Spanien. Weitere Punkte gab es nicht mehr zu vergeben. Wer hatte nun gewonnen? "Wir haben vier Gewinner", war die logische Antwort der Punktrichter. "Und wem übergebe ich den Preis?", fragte Valenzuela, die nur eine Medaille bereit liegen hatte. "Den müssen sie reihum wandern lassen", war die pragmatische Antwort.

Vier Gewinner und verwunderte Gesichter

Vier ESC-Sieger. Wahnsinn. Dass es so kam, war fehlenden Regularien bei Punktegleichstand geschuldet. Offenbar hatte sich niemand bei der Europäischen Rundfunkunion vorstellen können, dass es dazu kommen könnte. Dabei war das rechnerisch sehr leicht möglich. Denn die "Douze Points", die berühmten zwölf Punkten, gab es 1969 noch nicht.

In jedem Teilnehmerland saßen zehn Jurymitglieder, die jeweils einen Punkt an ein Land vergeben konnten. Sehr viele Beiträge erhielten deshalb meist nur jeweils einen Punkt. Die höchste Einzelwertung bekamen die Niederlande mit sechs Punkten aus Frankreich. Am Ende stand das bekannte Ergebnis mit vier Gewinnern - und verwunderte Gesichter.

Punktgleichstand beim ESC gab es 1991 noch einmal

Im Jahr darauf wurden die Regeln geändert. Fortan sollte bei Punktegleichstand noch einmal für den Sieger abgestimmt werden. Erst 1975 wurde das bis heute gültige Zählsystem zwischen einem und zwölf Punkten eingeführt. Trotzdem war ein Punktegleichstand auch weiterhin möglich. Und tatsächlich: 1991 in Rom sollte das Unfassbare noch einmal geschehen. Schweden mit Carola ("Fångad av en stormvind") und Frankreich mit Amina ("C’est le dernier qui a parlé qui a raison") lagen mit 146 Punkten gleichauf. Doch dieses Mal hatten die Verantwortlichen vorgesorgt. Das Land, das mehr Zwölf-Punkte-Bewertungen erhalten hatte, gewann – in diesem Fall Schweden.

Obwohl sich die Abstimmungsmodalitäten beim ESC mehrfach geändert haben, ist ein Punktegleichstand bis heute theoretisch möglich. Doch eine völlig aufgelöste Moderatorin werden wir wohl trotzdem nicht mehr auf der Bühne sehen. Ein kompliziertes Regelwerk definiert genau, was in diesem Fall zu tun ist. Die vier Sieger von 1969 bleiben einmalig.

mai

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