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TV-Kritik

Polit-Talk: Dieselskandal? Welcher Dieselskandal? VW-Manager erzeugt bei "Anne Will" helle Empörung

Man könnte in Sachen Dieselskandal auch mal was zugeben. Doch auch bei "Anne Will" will es keiner gewesen sein. Ein VW-Verantwortlicher und der Bundesverkehrsminister waschen ihre Hände in Unschuld. Und Nico Rosberg verwahrt sich gegen "Politikfragen".

Von Sylvie-Sophie Schindler

Anne Will mit Nico Rosberg und Minister Christian Schmidt in der Sendung zum Dieselskandal

Anne Will diskutiert mit Formel-1-Welmeister Nico Rosberg und dem amtierenden Verkehrsminister Christian Schmidt

Das Diesel-Chaos - wer übernimmt jetzt die Verantwortung? Fragt Anne Will. Ach, so, Verantwortung. Dass man mit so was belästigt werden muss. Es sollte doch einfach nur ein schöner Sonntagabend werden, mit dem üblichen Blabla (wurde es dann leider auch).

Bundesverkehrsminister Christian Schmidt wehrt sich: "Warum suchen wir in Deutschland eigentlich immer nach Schuldigen?" Es gibt im Publikum Menschen, die ihm dafür applaudieren. Anne Will klärt nochmal die Begrifflichkeiten: es gehe um Verantwortung, nicht um Schuld. Auch einer wie Herbert Diess weiß sich da nicht einzuordnen. Er ist Mitglied des Konzernvorstands der Volkswagen AG. Er sitzt neben der Moderatorin. Sitzt so da und sagt Sätze wie: "Stickoxide sind gefährlich. Sie führen zu Atemwegserkrankungen." Könnte ja sein, dass einer das noch nicht weiß. Sonst noch was, Herr Diess? "VW hat schon einiges gemacht." Er verweist unter anderem auf die Software-Updates. Und was ist mit der Hardware-Umrüstung? Sei nicht zu empfehlen, da "ein komplexer Eingriff". Will: "Oder einfach zu teuer?" Diess schweigt dazu.

Im Forum herrscht helle Empörung

Zwischenrufe von Katrin Göring-Eckardt werden von ihm gekonnt ignoriert: "Sie haben doch die Leute betrogen, Sie tragen schuld daran", echauffiert sich die Grünen-Politikerin. Sie nimmt auch die Politik in Haftung: "Die Bundesregierung hat über Jahre und Jahre hinweg ihre Verantwortung nicht wahrgenommen."

Auch im Forum zur Sendung Empörung: "Da werden mit voller Absicht Autos produziert, die betrügerisch auf die Straßen geschickt werden!" Ein User erklärt: "Verursacherprinzip: Erzeuge ich einen Schaden oder leiste ich Vorschub das dieses geschehen kann, muss ich auch dafür haften." Ein anderer ist fassungslos: "Sag doch mal einer, wo lebe ich eigentlich?"


Wozu ist eigentlich Nico Rosberg da?

Könnte vielleicht Nico Rosberg beantworten. Warum der überhaupt da ist, müsste auch mal geklärt werden. Seine einzige Qualifizierung für die Teilnahme an der Diskussionsrunde: er fährt Diesel. Lange übrigens in allerschönster Unschuld. Er sei so auf die Reduzierung der CO2-Emissionen fixiert gewesen: "Was ich nicht wusste, dass ich mir und meinen Mitmenschen durch Stickstoffemission mehr schade." Die Zukunft sehe er ohnehin in Elektroautos, Deutschland hinke da anderen Ländern längst hinterher, der Verbrennungsmotor habe langsam ausgedient.


Zunehmend scheint sich der Formel-1-Weltmeister 2016 von den Fragen der Moderatorin bedrängt zu fühlen. Erst faselt er noch schön brav vor sich hin, obwohl er fast so viel Ahnung haben dürfte von der Antwort wie etwa Heidi Klum. Will: "Herr Rosberg, wie sieht der Individualverkehr in 20 Jahren aus?" Rosberg: "Da wird es eine Veränderung geben wie damals vom Pferd zum Auto." Schließlich sein Hinweis: "Jetzt kommen Sie hier auch schon mit Politikfragen." - Was erlaube Will.


Anne Will sucht noch einen Schuldigen

Die Moderatorin redet dann plötzlich doch von Schuld und wendet sich an Thomas Geisel, Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf: "Einer muss schuld sein und ich schlage vor, Sie sind das." In Düsseldorf wurden Spitzenbelastungen gemessen - die Grenzwerte für Stickstoffdioxid wurden an mehreren Stellen deutlich überschritten. "Was hätte die Stadt machen können, dass die Luft so rein gehalten wird, dass jemand durch die Straßen laufen und so etwas machen kann wie Luft holen?", fragt Will. Geisel räumt ein, man habe zu lange Verkehrspolitik für das Auto gemacht. Den Schadensverursacher benennt er aber ganz klar: "Die Autoindustrie."

Nochmal hören, was Christian Schmidt so sagt. Dass die Politik alles getan habe. Dass die Luft schon "besser" geworden sei. Dass ein "Du darfst nicht fahren" eine "kalte Enteignung" sei. Mit ihm werde es das nicht geben. Er hat eine andere Vision: "Wir wollen saubere Luft – ohne Fahrverbote." Herr Diess lächelt. Nico Rosberg hofft sicher immer noch, dass er nicht wieder drankommt. Und ein User schreibt: "Es wird geredet und geredet, was soll das?"

Die komplette Sendung zum Nachschauen findet sich in der ARD-Mediathek.