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Web-Serien "Alpha House" und "Betas": Amazon macht den TV-Sendern Konkurrenz

Mit "House of Cards" landete der Streamingdienst Netflix einen großen Erfolg. Jetzt steigt auch Amazon in die Serienproduktion ein. Die deutschen Fernsehsender sollten sich langsam warm anziehen.

Von Carsten Heidböhmer

Volker Kauder, Peter Altmaier, Peter Hintze und Philipp Mißfelder wohnen zusammen in einer WG. So ungefähr muss man sich die Serie "Alpha House" vorstellen, mit der das Versandhaus amazon.com unter die Inhalteproduzenten geht. Zugegeben: Der Vergleich hinkt ein wenig, denn Senatoren können - im Unterschied zu Bundestagsabgeordneten - nur direkt gewählt werden, was für die Handlung der Serie von Bedeutung ist. Vor allem aber reicht Peter Altmaier trotz seiner stattlichen Leibesfülle nicht annähernd an den großen John Goodman heran, der mit jedem Gramm den gemütlichen republikanischen Senator Gil John Biggs verkörpert.

Biggs wohnt zusammen mit drei Parteifreunden in einem Haus in Washington. Doch die lustigen Tage in der Männerpension sind bedroht: Die Politiker müssen sich zur Wiederwahl stellen, und erstmals droht parteiinterne Konkurrenz vom Tea-Party-Flügel. Um als starke Männer und überzeugte Patrioten dazustehen, unternehmen sie einen Truppenbesuch in Afghanistan. Die Reise gerät zum Fiasko: Der liebestolle Senator Andy Guzman (Mark Consuelos) nimmt seine Geliebte mit. Dagegen trennt sich der ängstliche Louis Laffer nur ungern von Stahlhelm und Bleiweste - und erscheint dadurch in den Augen der Soldaten als kompletter Waschlappen. Die Serie ist voller Gags und politischer Anspielungen, die vielfach nur von politisch interessierten Amerikanern verstanden werden können. Für den deutschen Markt ist sie nicht attraktiv. Doch mit "Alpha House" lässt Amazon erstmals seine Muskeln spielen und zeigt, zu was der Konzern imstande ist.

Amazon wird ein Inhaltehaus

Denn Amazon hat einen sehr weiten Weg zurückgelegt. Gestartet war der Versandhändler vor knapp 20 Jahren als Online-Buchhändler. Schon bald wurde die Produktpalette mit Musik und Filmen erweitert. Inzwischen gibt es nichts, was man dort nicht bekommt: Elektro- und Haushaltswaren, Baby-Produkte, Kleidung. Sogar Bier und Spirituosen kann der durstige Konsument hier bestellen. Und doch ist der Verkauf von Produkten nur ein Standbein. Immer mehr entwickelt sich der Händler zum Inhaltehaus. Von der Akquise neuer Autoren über Druck und Vertrieb bis hin zum Verkauf hat Amazon alles in einer Hand. In diesem Jahr hat dieser Verlag eine eigene Niederlassung in Deutschland geöffnet. 40 Titel sind inzwischen auf Deutsch erhältlich.

Und nun kommen - als vorerst letzter Schritt in einem atemberaubenden Expansionsprozess - noch die Amazon Studios hinzu. Hier ist "Alpha House" gedreht worden, eine von zwei neuen Serien, mit denen das Versandhaus zum Angriff auf die etablierten US-Fernsehsender wie HBO, AMC oder Showtime bläst.

Vor nicht allzu langer Zeit hätte man diese Attacke nur müde belächelt und nicht ernsthaft diskutiert. Doch seit dem Erfolg von Netflix scheint vieles möglich, was vor einiger Zeit noch undenkbar war. Der Streamingdienst wollte sich nicht mehr damit begnügen, die Serien anderer Produzenten zu übertragen - sondern stieg selbst ins Inhaltegeschäft ein. Rund 100 Millionen Dollar ließ man sich die Produktion einer 13-teiligen Staffel der Serie "House of Cards" kosten und verpflichtete Top-Personal: hinter der Kamera die Regisseure David Fincher ("Fight Club") und Joel Schumacher ("Batman & Robin"), davor Topstars wie Kevin Spacey und Robin Wright.

Gib den Leuten, was sie wollen

Der hohe Einsatz hat sich gelohnt: Die Serie um einen US-Kongressabgeordneten, der bei seinem Machtstreben über Leichen geht, verschaffte dem Streamingdienst eine ungeahnte Bekanntheit. Beim Entwickeln der Serie halfen die Nutzerdaten, die Netflix zur Verfügung stehen. Wer guckt was von wem wann am liebsten? So entstand ein Politthriller von Regisseur David Fincher mit Kevin Spacey. Entsprechend ihrer Philosophie "Gib den Leuten, was sie wollen, wann immer sie es wollen - und so viel sie wollen" wurden alle Folgen auf einmal ins Netz gestellt. Denn aus den Nutzerdaten wussten die Macher: Serienjunkies sehen gerne mehrere Folgen am Stück. "House of Cards" wurde die erste große Webserie - sie hatte Erfolg bei Publikum und Kritikern.

Ganz ähnlich plant das nun Amazon. Denn der Versandhändler sitzt ebenfalls auf einem Berg an Nutzerdaten, die es möglich machen sollen, Inhalte maßgeschneidert für die Bedürfnisse der Zuschauer zu produzieren. Doch ganz so weit wie Netflix will man bei Amazon dann doch nicht gehen: Alle Folgen auf einmal - das ist nicht erwünscht. Um die Zuschauer anzufixen, sind aber immerhin die ersten drei Folgen kostenlos. Wer dann mehr sehen will, muss sich für 79 Dollar Jahresgebühr bei "Amazon Prime" anmelden und damit Premiumkunde werden. Produkte sind dann schon unter 20 Euro versandkostenfrei, schon am nächsten Tag erfolgt die Gratis-Lieferung. Und jetzt kommen die Serien hinzu. Bislang sind es nur "Alpha House" und die Comedy-Serie "Betas". Doch das ist nur der Anfang. Als nächstes ist "Bosch" geplant, eine Serie über die populäre Ermittlerfigur Harry Bosch von Erfolgsautor Michael Connelly.

Für 79 Dollar Jahresgebühr

Für Netflix ist die Strategie schon jetzt wirtschaftlich aufgegangen. Der Online-Videodienst verzeichnet mehr als 40 Millionen Abonnenten und hat den Pay-TV-Sender HBO überholt. Innerhalb eines Jahres konnte die Zahl der Kunden um ein Drittel gesteigert werden. Der Umsatz beträgt 1,1 Milliarden Dollar, und mit 32 Millionen Dollar wirft das Unternehmen bereits einen bescheidenen Gewinn ab. Und die Erfolgsgeschichte soll noch lange nicht zu Ende sein: Netflix rechnet für das vierte Quartal mit 3,32 Millionen neuen Abonnenten.

Und auch Amazon träumt von Millionen neuer Nutzer/Kunden. Bedroht ist hingegen das Geschäftsmodell von Pay-TV-Sendern, die nach wie vor auf eine wöchentliche Ausstrahlung setzen. Deutsche Sender können vorerst aufatmen: Geschichten aus einer Republikaner-WG - das ist dann doch nicht der Stoff, der das Imperium von RTL, ProSieben & Co. zum Einsturz bringt. Doch sie sollten sich nicht zu sicher sein: Wenn Amazon ernsthaft den deutschen Markt in Angriff nimmt - dann dürften die Zuschauer wohl kaum jeden Donnerstag lange Werbeblöcke in Kauf nehmen, um "Alarm für Cobra 11" zu gucken.