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Kolumne

Lilli Hollunder: Schicksalstage einer Spielerfrau

Sie hat viel Tagesfreizeit und ist permanent auf der Suche nach Luxus: Lilli Hollunder nimmt in ihrer Kolumne sämtliche Klischees auf die Schippe, die mit Spielerfrauen verbunden werden.

Von Lilli Hollunder

Lilli Hollunder und ihr Ehemann René Adler

Lilli Hollunder und ihr Ehemann René Adler

An der Seite eines Fußballspielers sollten Frauen gut aussehen, wissen auf welches Tor die eigene Mannschaft spielt und Chanel von Saint Laurent unterscheiden können. Aber an oberster Stelle steht: Sie sollten flexibel sein. Ich würde behaupten, mein Beruf ist wie gemacht für ein Leben am Spielfeldrand. Egal in welchem Land und in welcher Liga - arbeitslose Schauspielerin kann man überall sein. Wenn morgen der Verein gewechselt wird, habe ich garantiert genügend Zeit, den Umzug zu organisieren, die Wohnung einzurichten und neue Restaurants zu testen. Und genau das tat ich nachdem es von Hamburg nach Mainz ging.

Es war eine regelrechte Odyssee der Gefühle, den richtigen Supermarkt zu finden. So viele Enttäuschungen musste ich anfangs ertragen! Weder gab es meine Lieblings-Marmelade, noch glatte Petersilie. Wer benutzt heute noch krause? Die Wurstauswahl war ernüchternd und für gesammelte Treuepunkte erhielt man Porzellan des Grauens. Erst nach ganzen zwei Monaten (zwei Monaten!) fand ich den Supermarkt meiner Träume! Als ich durch die automatischen Schiebetüren trat, wusste ich sofort, ich war tot und im Lebensmittel-Himmel. Eine Vielfalt, eine Auswahl, eine Farbenpracht! Noch Tage lang erzählte ich meinen Millionen Followern in meiner Insta-Story von dem Erlebnis, das mein Leben für immer bereichern sollte.

Glutamat beim Thailänder - welch ein Rückschlag!

Doch nur eine Woche später erlitt ich einen herben Rückschlag. Mein Mann und ich probierten den Thailänder aus, der um die Ecke und online sehr gut bewertet war. Es hätte der Jackpot sein können: An faulen Tagen einfach schnell bestellen und zu Hause eine leckere Tom Kha Gai und ein Giow Grob kredenzen, dann ein feuriges Phad Med Mamuang, gefolgt von süßen Gluay Thord. Perfekt. Als René und ich die Karte aufschlugen, platzte der Traum so schnell wie eine Seifenblase. Auf vier Seiten thailändische Spezialitäten folgten chinesische, vietnamesische und indische Gerichte. Zur Krönung informierte uns die letzte Seite noch darüber, dass alle Speisen Glutamate und Geschmacksverstärker enthielten. Wenn ich also nicht den Abend auf der Toilette verbringen wollte, musste ein Jasmin-Tee genügen.

Ja, als Spielerfrau hat man es nicht leicht. Ständig wirst du vor neue Herausforderungen gestellt. Ich meine, jetzt mal im Ernst, der Ikea hier ist 35 Minuten entfernt! Ich muss eine neue Hymne lernen und das Wetter ist auch besser als in Hamburg. Wozu hatte ich mir also die ganze Mühe gemacht, meine stylische Regenjacke und die sexy Gummistiefel 528 Kilometer runterzufahren?? Versteht ihr jetzt warum Spielerfrauen mehr Schlaf und häufiger Facials brauchen als andere Homo Sapiens?

Doch damit nicht genug. Das Drama nahm wenig später seinen Lauf. Ein Jobangebot an einem Theater in Stuttgart flatterte herein! Hatte ich wirklich Zeit dafür? Ich musste doch noch die Gardinen kürzen lassen und hatte erst gerade angefangen mit einem neuen Personal Trainer zu arbeiten. Außerdem übte ich mehrmals in der Woche einen Song aus meiner Lieblingsserie "Nashville" an meiner Karaoke-Maschine. Konnte ich das einfach unterbrechen? Und so langsam musste ich mich doch auch um Renés Adventskalender kümmern… Nachdem ich ein paar Tage über das Angebot meditierte, entschied ich mich, das Engagement anzunehmen.

WG-Zimmer im Süden von Stuttgart

Von nun an war mein Leben nicht mehr wie es einmal war. Dass ich in den nächsten dreieinhalb Monaten alle Heim- und Auswärtsspiele verpasste, weil ich eine 6-Tage-Woche hatte, muss ich, denke ich, nicht erwähnen. Dafür würde ich sicher im Fegefeuer schmoren. Ich wohnte in einem kleinen WG-Zimmer im Süden von Stuttgart. Ich dachte eigentlich, dass ich das WG-Zeitalter hinter mir gelassen hätte. Aber es hatte auch etwas (was, weiß ich bis heute nicht, vielleicht ist hier das Wort archaisch angebracht). Sich das Bad mit zwei anderen zu teilen und immer genau abzuwägen und abzupassen, wann man Nummer 2 erledigt, stellte mich jeden Tag aufs Neue auf die Probe. Für alle, die mit "Nummer 2" nichts anfangen können (guten Morgen!): Ins Büro gehen, einen Biobreak einlegen, abknödeln, einen Wal durch die Backen pressen, eine Wurst pellen, einen Baum fällen, die längste Praline der Welt verschenken oder einfacher gesagt, Aa machen. Dieses Unterfangen musste ganz genau getimed werden. Es gibt doch nichts Unangenehmeres als eine Mitbewohnerin, die zum Schminken ins Bad geht, sofort nachdem man sich gerade "den Lidstrich nachgezogen hat". Ihr versteht? 

Aber auch Grundsätzliches änderte sich: Mein Spielerfrauen-Gehirn musste aus seinem Dornröschenschlaf erwachen. So hieß es von nun an Text lernen, vorbereiten, nachbereiten und vor allen Dingen früh aufstehen. Ja, manchmal klingelte sogar schon um 8.30 Uhr oder 9 Uhr der Wecker. Die Wohnung befand sich im dritten Stock. Kein Aufzug. Mehr ist dem wohl nicht hinzuzufügen. Und dann auch noch das: Genau gegenüber meiner WG lag ein Café mit den besten Käsespätzle der Stadt. Welch innere Kämpfe ich von nun an ausfechten musste, sie nicht drei Mal die Woche dort zu essen. Mission impossible!

René Adler verletzte sich

Alles in allem konnte ich aber nach den ersten Wochen in Stuttgart sagen, ich liebte es! Besonders die Arbeit mit Regisseur und Ensemble machte großen Spaß, und so stand ich jeden Morgen mit Vorfreude auf die Arbeit auf. Aber dann passierte genau das, was ich so gar nicht gebrauchen konnte: Mein Mann verletzte sich im Pokalspiel gegen Holstein Kiel, während ich in einer anderen Stadt lebte und arbeitete. Das sind die Momente im Leben einer Spielerfrau, die wirklich keinen Spaß machen. Und das sage ich ausnahmsweise völlig ohne Unterton. Da meine WG keinen Fernseher besaß, verfolgte ich das Spiel über einen Liveticker im Handy. Plötzlich, es war die 38. Minute, sah ich den roten Pfeil, der eine Auswechslung für Mainz 05 bedeutete. Ich hatte sofort ein mieses Gefühl. Und leider wurde es bestätigt: Es war René! Mir wurde schlecht. Nicht selten spreche ich vor den Spielen ein leises Gebet, das dafür sorgen soll, dass mein Mann gesund nach Hause kommt. Erst letztens ist ein Torwart bei einem Zusammenprall mit dem Gegner ums Leben gekommen, ein anderer hat sich den Kiefer und wieder ein anderer den Schädel gebrochen. So fasziniert und stolz ich oft bin, wenn ich René in seinem Element sehe und tausende Menschen seinen Namen rufen, so beängstigend ist es aber auch zu wissen, was bei diesem körperbetonten Spiel alles passieren kann.

Stunden vergingen, in denen ich nicht wusste, wie es ihm ging. Ich saß dort, in Stuttgart auf der Ausziehcouch, das Handy in der Hand und wartete. Nach zwei sehr langen Stunden dann der Anruf. Es ging ihm soweit gut, er müsse in derselben Nacht noch ins MRT. Dann, um drei Uhr in der Früh der nächste Anruf. Die Sehne war abgerissen, eventuell OP. Am nächsten Tag nach den Proben, kam ich nachmittags hundemüde wieder in der WG an. Eigentlich wollte ich den verpassten Schlaf nachholen. Doch mein Bauch schrie geradezu: "Nimm den Hund, pack ein paar Sachen, fahr nach Hause und sei für deinen Mann da!" Und so fand ich mich eine Stunde später mit meiner Hündin Momo auf dem Boden der Deutschen Bahn wieder und fuhr nach Mainz. So ist das, wenn der Mann sich verletzt und man spontan reisen muss: Keine freien Sitzplätze. Ich erlaubte mir ein wenig Selbstmitleid und dachte darüber nach, jemanden zu fragen, ein Instagram-Foto von mir, Momo und der misslichen Lage zu machen. Erkannte aber dann noch rechtzeitig wie armselig es wäre, aus dieser Nummer Profit zu schlagen. Auch die Idee von einem Live-Video verwarf ich, machte stattdessen nur drei, vier Selfies.

Die Premiere rückte mit jedem Tag näher

In Mainz angekommen überraschte ich René. Er freute sich total und gemeinsam mit den Ärzten entschieden wir, dass er am nächsten Morgen nach München fahren würde, um sich dort operieren zu lassen. Wenige Stunden später saß René im Zug nach München und Momo und ich wieder auf dem Boden eines ECs nach Stuttgart. Dort würde ich zwei Tage proben, dann nach München fahren, einen Tag später mit René weiter nach Mainz, dort ein paar Tage Mann auf Krücken helfen, dann wieder zu den Proben nach Stutti. Diesmal fand ich mein Selbstmitleid mehr als gerechtfertigt. Ich hasste das Gefühl, meinen Mann zu einer Vollnarkose fahren zu lassen und nicht bei ihm sein zu können.

Die Premiere rückte mit jedem Tag näher. An frei nehmen war nicht zu denken. Und langsam aber sicher tat mir auch noch mein Steiß weh. Ich nahm mir vor, zwischen Ankunft und Theaterproben ein bisschen zu weinen und dann auf die Nachricht vom Arzt zu warten, dass alles gut gegangen war. Es war alles gut gegangen. Und doch frage ich mich, warum die Verletzung ausgerechnet dann kommt, wenn ich mal nicht mit der saisonalen Dekoration von Sofakissen beschäftigt, sondern dabei bin, berühmte Theater-Schauspielerin zu werden und wir zudem noch eine Fernbeziehung führen? Aber so ist das im Leben. Glück im Spiel, Pech in der Sehne. To be continued...

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