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Michelle Obama: Mrs President

Harvard-Absolventin und Mutter, Stilikone, Vorbild für Schwarze - noch nie hat eine amerikanische First Lady die Welt so sehr fasziniert wie Michelle Obama. In der neuen Rolle steht der selbstbewussten Frau nun ihr Meisterstück bevor: Gattin des mächtigsten Mannes der Welt zu sein, ohne sich zu verlieren.

Von G. Di Grazia, S. Luxat und J. Ch. Wiechmann

Die alten Sklavenhütten stehen noch immer an der Küste von South Carolina, wo Michelle Obama als Kind einst ihre Ferien verbrachte. Auch die alte Sandstraße ist noch da, Slave Street genannt, und im Dorf leben Weiße und Schwarze noch immer so getrennt wie damals, als ihr Ururgroßvater Jim Robinson als Sklave auf den Reisplantagen arbeitete. Irgendwann in den 30er Jahren schlug sich Michelles Großvater Fraser aus dem rassistischen Süden nach Chicago durch, und als sie es 50 Jahre später nach Princeton und Harvard schaffte, sahen sich die Robinsons als Verkörperung des amerikanischen Traums, am Ende einer fast unwirklichen Familienreise von den Sklavenfeldern des Südens auf die Eliteuniversität der USA.

Seit zwei Wochen nun lebt sie, Michelle Robinson Obama, in jenem Weißen Haus, das einst von Sklaven miterbaut wurde. Sie nennt ihr neues Leben "noch etwas surreal". Sie hat sich als First Lady mit den 35 Badezimmern vertraut gemacht und den 132 anderen Räumen. Sie hat die mehr als 100 Bediensteten kennengelernt und ihren ersten Empfang ausgerichtet, für die Frauenrechtlerin Lilly Ledbetter, die seit Jahrzehnten für die faire Bezahlung von Frauen kämpft. Sie ließ Aprikosenkuchen, Apfelmuffins und Obstteller servieren und rief allen zu: "Fühlt euch frei, zieht herum, berührt alles." Es war ihr bisher einziger offizieller Termin als First Lady der USA. Michelle Obama will es langsam angehen.

"America's Next Top Model"

Doch die Welt da draußen, das weiß sie nur zu gut, giert nach jedem Detail ihres neuen Lebens. Sie hat den Innenarchitekten von Steven Spielberg und Cindy Crawford für die Neugestaltung des Weißen Hauses ausgewählt, heißt es. Sie bevorzugt Möbel der Kette Pottery Barn. Sie legt Wert auf "sauberes Essen", frei von chemischen Zusätzen. Sie will Picknicks auf dem Rasen des Weißen Hauses veranstalten und einen Gemüsegarten anpflanzen und ihren eigenen Modestil entwickeln. Das "Time Magazine" nennt sie "America's Next Top Model", die "Washington Post" "Führerin der modischen Welt", ihre Umfragewerte sind die besten einer Präsidentengattin seit 30 Jahren. Die Faszination, die selbst enge Freunde überwältigt, spiegelt die Sehnsucht der Menschen nach einer neuen glanzvollen Epoche wider und die unendliche Neugier auf die erste schwarze First Lady, 1,80 Meter groß, 45 Jahre alt, attraktiv und stark, Ghetto-gestählt und Harvard-geschult. "Sie hat Intelligenz, Schönheit, Stil und - Trommelwirbel bitte - einen Hintern", schreibt die Essayistin Erin Aubrey Kaplan.

Michelle Obama sieht sich selbst als eine ganz normale Frau, und vielleicht erklärt das die Faszination, mit der die Welt sie umarmt. Sie ist glamourös und intellektuell, gesellschaftlich engagiert, aber ohne eigenen politischen Ehrgeiz. Eine fürsorgliche Mutter, die es irgendwie schafft, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen und immer toll auszusehen. Sie ist eine emanzipierte Frau die daraus keinen Machtkampf macht. Und sie stillt die Sehnsucht nach einer heilen Welt, in der Kinder um acht zu Bett gehen und Eltern verliebt über das Tanzparkett schwingen. Michelle begeistert und verwirrt, weil es so jemanden wie sie im Weißen Haus noch nicht gegeben hat. Ihr Sozialmärchen ist das einer Evita, doch nicht ein Prinz hat sie aus der Armut gezogen, sondern sie selbst war der Boss ihres Prinzen damals bei der Anwaltskanzlei Sidley Austin. Sie wird mit Jackie Kennedy verglichen, doch viel mehr als die Position der First Lady teilen die beiden nicht: weder Herkunft noch Bildung, weder Aussehen noch Alter. Michelle Obama sieht stets elegant aus, doch bei ihr hat man immer das Gefühl, sie könnte ihren Mann gleich zu einem Basketballmatch herausfordern.

Sie ist "Mrs President" von nebenan. Sie liest die Klatschzeitschrift "US Weekly", trägt auffallenden Modeschmuck zum Designerkleid, sie hasst Strumpfhosen ("reißen immer") und bevorzugt Schuhe mit niedrigem Absatz. "Ihr werdet es noch heute Abend bereuen", mahnt sie junge Mitarbeiterinnen auf High Heels. Sie ist eine moderne Frau, doch sie bleibt selbst in Zeiten einer fast schon hysterischen Obamania auf dem Boden.

Die ersten Entscheidungen hat sie getroffen in diesem Job als First Lady, für den es keine Gebrauchsanweisung gibt und keine Richtlinie und schon gar keine Erwähnung in der Verfassung. Sie will weder ein Büro im West Wing haben noch sich in die Politik ihres Mannes einmischen, wie es Hillary Clinton tat. Sie will im Weißen Haus erst mal "Mom-in-Chief " sein, eine Fulltime-Mutter, ihren 300.000-Dollar-Job als Vizepräsidentin an den Kliniken der Universität von Chicago hat sie am 9. Januar gekündigt. Sie will sich Militärfamilien und deren Nöten zuwenden und dem Konflikt vieler Frauen, unter dem sie selbst lange gelitten hat: Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Sie will das Weiße Haus öffnen für Künstler und Dichter und die Bürger der Stadt Washington, in der jeder dritte Bewohner als Analphabet gilt.

Vorbild sein

Vor allem will sie Vorbild sein für eine angeschlagene Nation: eine schlanke Frau in Zeiten weitverbreiteter Fettleibigkeit. Eine disziplinierte Sportlerin in Zeiten der Bewegungsarmut. Ein strenge Mutter in Zeiten von Junkfood und exzessivem Fernsehkonsum. Eine verliebte, noch immer turtelnde Ehefrau nach 16 Jahren einer nicht immer einfachen Ehe. "Das ist eine Menge", sagt ihre gute Freundin Cheryl Whitaker, "aber wenn es jemand schafft, ist es Michelle." So nennt man sie. Nur Michelle. Der Vorname reicht. Wie bei Diana. Oder Evita.

Whitaker ist eine ihrer besten Freundinnen. Die Obamas und Whitakers haben den Hawaii-Urlaub im Dezember zusammen verbracht und wollen die Tradition gemeinsamer Urlaube auch im Weißen Haus beibehalten. Die Frauen waren füreinander da während der Schwangerschaften, ihre Kinder sind etwa gleich alt, "ich bin Michelle auf ewig dankbar, dass sie mich überzeugte, Kinder zu kriegen", erzählt Whitaker. "Mit ihrer unendlichen Energie hat sie auf mich eingeredet, dass wir großartige Eltern wären, bis wir nachgaben. So ist Michelle."

Whitaker gibt das Interview in der Mittagspause ihrer Arbeit im Westen Chicagos. Sie ist Dozentin an der Rush-Universität und so beschäftigt wie ihre Freundin Michelle. Whitaker hat die ersten Tage im Weißen Haus mit der First Lady verbracht. Die Freundinnen wissen, dass sie nicht mehr so leicht shoppen gehen können oder am Abend mal Scrabble spielen, aber sie errichten nun eine Art Shuttleservice zwischen Chicago und Washington. Sie sehen sich als eine Art Abschirmdienst in Zeiten der Volkshysterie. Michelle hat Chicago nie verlassen außer fürs Studium, erzählt Cheryl Whitaker. Sie sei durch und durch ein "South Side Girl", diszipliniert, fleißig, ehrgeizig, ein Arbeiterkind. "Und plötzlich sind alle Obamas Popstars. Wie tragen die Mädchen ihr Haar? Welches Kleid tragen sie? Kein Magazin, das sie nicht auf den Titel packt."

Keine neue Jackie

Eines ist schon klar geworden in diesen ersten Tagen: Die Tochter eines Mitarbeiters der städtischen Wasserwerke und einer Sekretärin hat schon jetzt mehr Macht über Mode und Stil, über die kollektive Fantasie als jede andere Frau dieser Welt. Selten war ein Hype um das Äußere einer First Lady so groß wie bei ihr. Doch sie ist keine neue Jackie, kein Accessoire ihres Mannes. Kennedy trug vorzugsweise französische Haute Couture, entwarf selbst mit.

Michelle Obama übersetzt dagegen die "Change"-Rufe Baracks in die Mode. Sie interessieren Designer, deren Biografien sich ähnlich lesen wie die ihres Mannes: Isabel Toledo, Einwanderin aus Kuba, entwarf das sonnige Etuikleid, das Michelle Obama zur Parade für die Amtseinführung trug. 14 Meter feinster St. Gallener Guipure-Spitze verarbeitete die Designerin für das Ensemble. Der junge Jason Wu, Immigrant aus Taiwan, kreierte die einschultrige Chiffonrobe, mit Organzablüten und Swarovski-Kristallen übersät, mit der die First Lady den Ball der Bälle eröffnete.

Bereits vor fünf Jahren kaufte Michelle Obama bei der Chicagoer Designerin Maria Pinto, Tochter eines italienischen Einwanderers, ein. Pinto, die mit Michelle Obama inzwischen befreundet ist, entwirft auch für die Moderatorin Oprah Winfrey, sie kann Frauen mit Kurven glücklich machen: "Michelle hat nicht die Maße eines Fotomodells, aber sie bewegt sich mit der Grazie einer selbstbewussten Frau, die im Leben steht und wirklich stolz auf ihren athletischen, groß gewachsenen Körper ist", schrieb Maria Pinto mal auf ihrer Website.

Michelle Obama hat offiziell keine Stylistin. Auffällig ist allerdings, dass ihre Outfits vor allem aus einem Laden stammen, dem von Ikram Goldman. Sie wird von Insidern als die heimliche Modeberaterin von Michelle Obama bezeichnet. Ihr gehört die Boutique "Ikram" in der North Rush Street, der nobelsten Einkaufsmeile Chicagos. Auf fast 400 Quadratmetern hängt an zimtfarbenen Wänden Mode von amerikanischen, europäischen und japanischen Designern und Labels wie Proenza Schouler, Alexander McQueen, Yohji Yamamoto - aber auch von Jason Wu. Ikram Goldman war es, die das Abendkleid für Michelle Obama bei Wu in Auftrag gab. Auch das 1500 Dollar teure Seidenkleid für die Präsidentenparade lieferte ihre Boutique.

Nah am Volk

Michelle Obama shoppt nicht nur in edlen Läden, sondern auch im Internet. Zum Beispiel bei der Modekette J. Crew, die als Marke für die amerikanische Masse gilt. Sie ist die erste First Lady, die offen erzählt, auch günstig einzukaufen: "Einige meiner Lieblingssommerkleider sind von H & M und Gap." Eigentlich will sie keine Modeikone sein, sagt Michelle Obama. Zumindest will sie nicht auf ihr Äußeres reduziert werden. Auch wenn sie sich sichtlich über die "Dress, she can"-Rufe der Nation freut.

Im Urlaub auf Hawaii haben Michelle Obama und ihre Freundin Cheryl Whitaker viel darüber gesprochen, wie das neue Leben als Vorbild sein wird. Eine Rolle, von der Michelle einmal skeptisch sagte: "Wenn du in die Politik gehst, liegt dein Leben offen. Ich bin ein ziemlich privater Mensch und umgebe mich mit Leuten, denen ich vertraue."

Jede Entscheidung, jedes Kleid steht nun unter den Argusaugen einer reformwilligen, aber doch konservativen Gesellschaft: Michelle gibt den Kindern Malia und Sasha einen Dollar Taschengeld pro Woche und schickt sie um acht Uhr ins Bett. Sie entscheidet sich für gesunde, fettarme Biokost. Sie wird ihre Töchter nicht bauchfrei und in Miniröcken durch die Straßen laufen lassen und ist so streng, dass ihre eigene Mutter einmal sagte, sie behandle ihre Töchter wie Soldaten. Michelle ist nun auch so etwas wie die Oberpädagogin des Landes.

Politisch im Hintergrund bleiben

"Sie inspiriert die Menschen. Sie wird Geschichte schreiben als First Lady. Und nicht nur, weil sie die erste Schwarze im Weißen Haus ist", sagt Myra Gutin, Historikerin und Autorin von Büchern über First Ladys. Gutin vergleicht Michelle Obama schon jetzt mit Eleanor Roosevelt, der wohl einflussreichsten Präsidentenfrau der vergangenen Jahrzehnte. Die fügte sich in den 30er und 40er Jahren dem Zeitgeist, indem sie das Gewicht ihrer politischen Arbeit stets herunterspielte und die Karriere ihres Mannes Franklin D. Roosevelt mit allem Einsatz förderte. Myra Gutin sagt: "Michelle Obama wird es so ähnlich machen wie Eleanor. Sie wird mit ihrem Mann über alles sprechen, aber sie wird klug genug sein, es für sich zu behalten. Kaum einer wird erfahren, was sie zu Irak oder Afghanistan zu sagen hat."

Dass sie das Format dafür hat, bezweifelt niemand. Ihr Mann hat einen Heidenrespekt vor ihrem politischen Instinkt, schließlich war er einmal ihr Praktikant. Wenn Barack Obama von der Wirkung seiner Frau Michelle auf Menschen erzählt, kokettiert er gern: "Oft kommen Leute auf mich zu und sagen: ,Barack, du weißt, wie viel ich von dir halte, aber deine Frau - wow!‘ Ich nicke und weiß, dass ich gegen sie verlieren würde, wenn wir für das gleiche Amt kandidieren würden."

Gespräche über Michelle beginnen oft mit ihrem Fitnesstraining gegen fünf Uhr in der Früh und enden mit Geschichten über verrückte Poolpartys. Ihre Freundinnen beschreiben sie als unabhängige, postfeministische Frau, eine Stütze ihres Mannes, aber nicht unkritisch. Für Valerie Jarrett, einst ihr Boss und heute Beraterin ihres Mannes, ist sie die "disziplinierteste Person, die ich kenne". Schon einen Monat vor dem Parteitag in Denver kannte Michelle ihre Rede auswendig.

Respekt und Vertrauen

Die Ehe der Obamas, so erzählen Michelles Freundinnen, sei geprägt vom Respekt und Vertrauen zweier willensstarker Individuen, die sich gegenseitig brauchen. Barack ist ihre Verbindung zur Welt und zu allem Fremden, und sie ist seine Verbindung zum schwarzen Amerika, zu Glaube und Tradition. Sie ist die Sorgenvolle, er der Optimist. Obama beschrieb seine Frau einmal so: "Sie ist mir gleichzeitig sehr vertraut und ein Mysterium. Es ist diese Mischung aus Bekanntem und Geheimnisvollem, das etwas ganz Starkes schafft." In ihrem ersten gemeinsamen Interview seit der Wahl gaben sie sich bei CBS wie immer. Sie saßen nebeneinander wie gleichberechtigte Partner.

Michelle Obamas ganze Körperhaltung ist anders als die früherer First Ladys. Hillary Clinton kam als Gouvernante rüber, die immer aufpassen musste, dass Bill keinen Unfug machte. Laura Bush saß neben ihrem Mann wie die anhimmelnde, gütige Ehefrau. Michelle und Barack Obama unterbrechen sich gegenseitig, sie flirten miteinander und mit der Kamera. Natürlich ist das auch Show, Reality-Show eben. Also prustet sie los, wenn er behauptet, er würde im Haushalt mithelfen.

Michelle Obama ist es gewohnt, dass Frauen ihren Mann attraktiv finden, aber Angst vor möglichen Affären hat sie nicht. Valerie Jarrett erzählte einem Obama-Biografen: "Er weiß genau: Wenn er es vermasselt, wird sie ihn verlassen." Und dann fügte sie mit einem Lächeln hinzu: "Wissen Sie, sie wird ihn zuerst killen und danach verlassen. Es gibt da eine gewisse Furcht seinerseits, und das ist gut so."

Nicht nur rosige Zeiten

Es ist nicht so, dass die Ehe keine Probleme kennt. Freunde sprechen von "harten Zeiten", als die Töchter klein waren. Am offensten äußerte sich Obama selbst, der in seinem Buch schrieb: "Meine Frau konnte ihre Wut mir gegenüber kaum zügeln. Ich wurde hineingezogen in unendliche Verhandlungen über jedes Detail im Haushalt, ich bekam lange Listen von Dingen, die ich zu tun hatte oder zu tun vergaß, und stieß auf Ablehnung."

Und Michelle sagte vor einem Jahr in einem Interview: "Eines Morgens wachte ich auf und sagte: Ich kann nicht mit dieser Wut leben, es macht keinen Spaß. Eine Weile war ich überzeugt, die Hilfe müsse von ihm kommen. Ich machte mir Sorgen, dass meine Töchter sich ungeliebt fühlen könnten, wenn Barack abends nicht da war. Wenn er heute abends heimkommt, trägt er den Müll raus, macht die Wäsche und schlägt die Bettdecken zurück. Er weiß, dass ich das brauche."

Es ist der rote Faden ihrer Ehe: Barack Obama hat volles Verständnis für ihre Bedürfnisse, doch letztendlich verlangte sein Aufstieg Opfer von ihr: "Egal wie aufgeklärt ich mich selbst sah, als die Kinder kamen, war sie es und nicht ich, von der erwartet wurde, die notwendigen Anpassungen zu machen. Klar habe ich geholfen, aber dann, wenn es mir passte und meinem Terminkalender." Sein größtes Opfer: Er gab das Golfspielen auf.

"Barack liebte Michelle", sagt Gerald Kellman, Obamas Mentor, "aber er wählte auch eine Person, die ihm helfen würde, mit dem Druck des Lebens umzugehen, das er anstrebte."

Letztendlich gab sie sich immer so, wie er sie wollte. Cassandra Butts, eine Freundin von Obama aus Harvard-Zeiten, sagt: "Wenn Barack irgendetwas wirklich will, wird Michelle das tun, was dazu notwendig ist. So ist ihre Beziehung immer schon gewesen." Innerhalb weniger Wochen unterzog sein Wahlkampfteam sie einer Generalüberholung. Am Anfang noch war Michelle sie selbst, die unabhängige, auch sarkastische Ehefrau. Das kam nicht bei allen gut an. Also erzählte sie nur noch wenig von ihrer Karriere und reduzierte sich auf die Rolle der Mutter, Tochter, Ehefrau.

"Man hat sie weichgespült", sagt die schwarze Journalisten Allison Samuels, die Michelle lange begleitet hat. Feministinnen nennen dies die "Vermutterung von Michelle Obama": Amerika hat die am besten ausgebildete, im Beruf erfolgreichste First Lady aller Zeiten - und sperrt sie in das Retrobild der 60er Jahre. Die Autorin Rebecca Traister nennt es in Anspielung auf die Kennedys "die Wiederbelebung der Camelot-Zeit mit einer schwarzen Besetzung" und fragt: "Wie fühlt sie sich wohl jetzt, da sie etwas ist, was sie nie sein wollte - ein Beistück ihres Mannes?" Enttäuschte Feministinnen fragen in einschlägigen Blogs: "Hast du gesehen, wie er seine Staranwältin in eine Kinder erziehende Kleiderstange verwandelt hat?"

Karrierefrau im Weißen Haus

Cherie Blair, die Frau des ehemaligen britischen Premierministers Tony Blair, schrieb vor Kurzem eine Art offenen Brief an Michelle Obama: "Sie müssen lernen, in den Hintergrund zu treten. Nicht nur in der Öffentlichkeit, auch im Privaten." Blair, Mutter von vier Kindern und wie Michelle Obama Juristin, wundert sich darüber, dass ausgerechnet die Frauen von Männern, die sich politisch für Gleichberechtigung einsetzen, ihre eigenen Ansprüche und Ambitionen zurückstellen müssen, sobald diese das höchste Staatsamt besetzen.

Ist Amerika wirklich noch nicht reif für eine Karrierefrau im Weißen Haus? "Doch, ich glaube schon", sagt die Historikerin Myra Gutin, "aber der erste afroamerikanische Präsident und dazu noch eine First Lady, die erwerbstätig ist - da wären wohl einige Amerikaner überfordert." Die berühmteste schwarze Familie Amerikas waren die Huxtables aus der "Bill Cosby Show". Viele glaubten, das sei die einzige intakte schwarze Familie des Landes. "Es ist gut, wenn die Welt sieht, dass es die heile Familie nicht nur im Fernsehen gibt", sagt die Anthropologin Faye Harrison, Leiterin der African-American-Studien an der Universität von Florida. "Die Obamas und vor allem Michelle werden das Bild der Schwarzen prägen."

Etwa die Hälfte aller schwarzen Kinder wächst bei alleinerziehenden Müttern auf - wie Barack Obama selbst. Nur ein Drittel der schwarzen Frauen lebt überhaupt noch in einer Ehe. Michelle ist vor allem Vorbild für sie. Erfolgreiche, selbstbewusste, verheiratete schwarze Frauen kommen in den amerikanischen Medien kaum vor. Es gibt nur Stereotype: Schwarze Frauen werden von ihren Männern verlassen, erziehen die Kinder allein, sie haben mehrere Jobs, sind jähzornig, vom billigen Crack oder Alkohol abhängig, notgeil und Aids-gefährdet. Faye Harrison sagt: "Michelle Obama ist nun die bekannteste schwarze Frau der Welt. Sie hat die Macht und den Einfluss, Ansichten in der Gesellschaft über schwarze Frauen zu verändern, nicht zuletzt unter schwarzen Frauen selbst."

"Regular sister"

Schwarze Frauen identifizieren sich mit Michelle Obama, weil sie so ist wie sie, eine "regular sister". Die meisten denken: Sie sieht so aus wie ich. Und sie meinen: dunkel. Michelle Obama ist nicht so hell wie Halle Berry und Beyoncé, die das schwarze Schönheitsideal verkörpern. "In dieser Gesellschaft gilt: Je heller man ist, je europäischer die Gesichtszüge wirken, desto begehrenswerter ist man", sagt die Schauspielerin Whoopi Goldberg. "Und je dunkler, desto weniger entspricht man dem Ideal. Und das macht dich krank im Kopf." Die schwarze Journalistin Allison Samuels ergänzt: "Endlich haben Millionen schwarzer Mädchen in Michelle ein Vorbild, mit dicken Lippen und breiter Nase."

Die First Lady hat ihr mal erzählt, wie schwer es war, einen Mann zu finden, der es mit einer intelligenten und dunklen Schwarzen aufnehmen wollte. "Jeder schwarze Rapper und Sportstar entscheidet sich für die hellere Ausgabe. Barack Obama hätte jede Frau haben können, weiß, schwarz, gemischt, aber er hat sich für den Intellekt entschieden und die dunklere Frau."

Oder sie sich für ihn. Michelle Obama sagt über Barack Obama: "Er ist ein wunderbarer Mann, ein hochbegabter Mann. Aber letztlich ist auch er bloß nur ein Mann."

Mitarbeit: Katja Gloger, Anuschka Tomat, Viola Keeve

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