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Unfall von Paul Walker: Der Fahrer, die Maschine, der Crash

Über den Unfall von Paul Walker wird viel spekuliert. Für stern-Autoredakteur Frank Janssen steht fest: Es kamen zu hohe Geschwindigkeit, menschliches Versagen und Selbstüberschätzung zusammen.

Es ist eine traurige Wende des Schicksals, dass ein erfolgreicher Schauspieler, der einen Teufelskerl am Steuer spielt, in einem schnellen Auto stirbt. #link;www.stern.de/thema/paul-walker;Paul Walker#, Held aus "The Fast and the Furious" und sein Geschäftspartner Roger Rodas kamen bei einem Verkehrsunfall in Santa Clarita bei Los Angeles in einem Porsche Carrera GT ums Leben. Ich fand, die Filme Walkers waren gut gemachtes Unterhaltungskino, aber ich bin kein Filmkritiker. Ich bin Autojournalist und wurde gebeten, den Unfall aus meiner Sicht einzuordnen.

Ich selbst habe in meiner 20-jährigen Laufbahn Hunderte verschiedene Modelle gefahren. Auch sehr schnelle, auch Rennwagen wie ein DTM-Auto oder einen Audi, der in Le Mans siegte. Ich habe dreimal das 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring zu Ende gefahren, was für einen Journalisten keine schlechte Leistung ist. Doch ich würde mich keinesfalls als Profirennfahrer bezeichnen.

Ich fahre ganz gut, aber zwischen mir und Profirennfahrern liegen Welten. Am deutlichsten wurde mir dieser Unterschied, wenn ich bei Rennen auf dem Nürburgring in einem 200-PS-Honda nachts und bei Regen von Rennwagen überholt wurde, die dreimal so stark waren. Immerhin, die Vorteile von Rennstrecken gegenüber öffentlich Straßen sind folgende: Alle fahren in die gleiche Richtung. Zweitens: Rettungskräfte sind immer in der Nähe. Drittens: Das fahrerische Niveau ist relativ homogen. Aber nur relativ.

Rodas war kein Profi, sondern Hobbyrennfahrer

Roger Rodas wird in manchen Berichten als Profirennfahrer bezeichnet. Einigen wir uns doch auf die Bezeichnung Hobbyrennfahrer. So wie James Dean, der 1955 ebenfalls in einem Porsche starb - übrigens nur etwa 150 Meilen nordwestlich von der Stelle, wo Rodas und Walker ums Leben kamen. Der Schauspieler James Dean war Gelegenheitsrennfahrer. Rodas war ein Geschäftsmann, der schnelle Autos liebte, und gelegentlich bei einer oder zwei Rennserien mitfuhr. Es gibt einige solcher Typen. Smudo von den Fantastischen Vier zum Beispiel ist ein kluger Hobbyrennfahrer. Er hat Talent, aber er kennt auch seine Grenzen.

Professionelle Rennfahrer von heute wachsen mit dem Kartsport auf und können sich, wenn sie gut sind, von Rennserie zu Rennserie nach oben arbeiten. Manche kommen dort nicht an. Die Fahrzeugbeherrschung geht Profis ins Blut über, ähnlich wie es bei sogenannten musikalischen Wunderkindern geschieht, die im Alter von drei oder vier Jahren mit dem Geigespiel oder dem Klavier beginnen. Sebastian Vettel ist das beste Beispiel für so einen Rennfahrer.

Ich will nicht behaupten, dass Profis keine Fehler unterlaufen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ihnen ein so schlimmer Unfall wie der in Santa Clarita passiert, ist einfach sehr gering. Ich habe in den vergangenen Jahren manchmal die Gelegenheit bekommen, mich mit professionellen Piloten auszutauschen oder mit ihnen mitzufahren. Es war jedes Mal eine andere Dimension, doch im Straßenverkehr waren alle stets sehr besonnen unterwegs. Beim genialen Rallyeweltmeister Walter Röhrl (hier ein Video auf Youtube) beispielsweise, der den Carrera GT mitentwickelt hat, wurde ich Zeuge, wie er, während er sich mit mir unterhielt, jedem Gullideckel auswich, jedem Schlagloch und jedem Steinchen. Weil tief in seinem Unterbewusstsein verankert ist, wie gefährlich ein kleiner Stein bei hoher Geschwindigkeit für seine Reifen und damit für sein Leben sein kann.

Spekulationen über defekte Lenkung sind Unsinn

Was auf der kurzen Strecke zwischen der Constellation Road und der Hercules Street geschah, wo der Porsche verbrannte, wird der Untersuchungsbericht hoffentlich aufdecken. Glücklicherweise ist sonst niemand zu Schaden gekommen. Kurz nach dem Unfall gab es Spekulationen, die Lenkung hätte versagt, weil in der Nähe des Wracks Hydraulikflüssigkeit gefunden wurde. Dieser Rückschluss ist Unfug. Die Lenkung funktioniert auch ohne die Hydraulik. Sie ist dann nur ein bisschen schwergängiger, beim Einparken zum Beispiel. Bei hohem Tempo ist das zu vernachlässigen.

Etwas Unvorhergesehenes ist Rodas und Walker vielleicht in die Quere gekommen. Ein Stein? Eine Ölspur? Ein Fußgänger oder Radfahrer, dem sie ausweichen mussten? Hat sich eine Radmutter gelöst? War es doch ein illegales Rennen? Was niemand aufdecken muss, ist folgende Tatsache: Rodas und Walker waren viel zu schnell. Und sie waren in einem Fahrzeug unterwegs, das ursprünglich als Rennwagen entwickelt worden war.

Ein Porsche Carrera GT ist ein sensibles Gerät

Der Porsche Carrera GT ist eine Rennmaschine, die ein klein bisschen alltagstauglich gemacht wurde. Der GT bekam ein hübsches Cockpit mit zwei bequemen Sitzen. Der Zehnzylindermotor wurde den gängigen Geräuschvorschriften ein wenig angenähert; am Ende dieser Prozedur kamen immer noch 612 PS dabei heraus, die mit nur 1450 Kilogramm Fahrzeuggewicht ein leichtes Spiel haben: Höchstgeschwindigkeit 330 km/h; von Null bis Hundert in 3,9 Sekunden.

So ein Modell zum Stückpreis von 452.000 Euro, wie es von 2004 bis 2007 in einer Kleinserie gebaut wurde und heute ein rares Sammlerstück darstellt, ist ein sensibles Gerät, das für die Rennstrecke gebaut wurde. Vielleicht auch für eine Autobahn, wie wir sie in Deutschland haben, dreispurig und übersichtlich und bolzengerade. An einem guten Tag ohne Niederschlag und mit wenig Verkehr kann man dort 330 km/h schnell fahren. Aber kein Auto, das ich kenne, wurde gebaut, um in einer Ortschaft so schnell zu fahren, dass es an einem Laternenmast in Stücke gerissen wird und in Flammen aufgeht.

Ein Schicksal, das vielen jungen Fahrern widerfährt

Wir wissen nicht viel darüber, was auf der kurzen Strecke von der Constellation Road, wo Roger Rodas eine Tuningwerkstatt betrieben hat, bis zum Crash auf der Hercules Street geschah. Der Blickwinkel der Überwachungskamera, die den Unfall zufällig aufgenommen hat, ist ungünstig; man erahnt den Porsche erst, als er schon in Flammen steht. Paul Walker, der ersten Meldungen zufolge bei der Todesfahrt auf dem Beifahrersitz saß, wurde also mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Opfer dessen, was hierzulande meist lapidar als "nicht angepasste Geschwindigkeit" in den Akten der Staatsanwaltschaft vermerkt wird, die bei tödlichen Unfällen ermittelt.

Das sind leider häufig jene Schicksale, über die man Montags im Lokalteil der Zeitung lesen kann, wenn junge Menschen am Wochenende nachts auf der Landstraße in einem tiefergelegten VW Golf an einem Baum gestorben sind. Manche von ihnen haben die Filme mit Paul Walker wahrscheinlich sehr gern gesehen.

Frank Janssen