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Veronica Ferres: Superweib goes Hollywood

Nach zehn Tagen Koma und Trennung von Helmut Dietl krempelte sie ihr Leben um: Veronica Ferres über späte Selbstfindung und Hollywood-Pläne.

Frau Ferres, Ihr Vorname ist Veronika. Sie haben das "k" durch ein "c" ersetzt, weil Sie sich mit 15 sagten: "Wenn du mal nach Hollywood gehst, dann ist das besser für die Amerikaner, weil es internationaler ist." Wie kam es, dass Sie jetzt - knapp ein Vierteljahrhundert später - einen Agentenvertrag in Hollywood unterzeichnet haben?
Ich bin mit dem Schweizer Produzenten Arthur Cohn befreundet. Er hat meinen Film "Annas Heimkehr" ein paar Leuten in Hollywood gezeigt. Danach wollten mich mehrere Agenten kennen lernen, darunter Chuck Binder, der Erfahrungen hat mit Klienten wie Daryl Hannah, Jacqueline Bisset, Bo Derek und Sharon Stone. Er stellte mir dreieinhalb Stunden lang im Stakkato-Stil Fragen wie: Warum wollen Sie in Amerika drehen? Was machen Sie in Drehpausen? Wie schnell können Sie zu Castings nach Los Angeles kommen? Wie war die Zusammenarbeit mit Gerard Depardieu?

Schauspielert man in so einer Prüfungssituation?
Ich bin zu alt, irgendwem irgendwas vorzumachen. Deshalb hat Binder von mir authentische Antworten bekommen. Ich bin da ja nicht als Bittsteller hingefahren. So war es vielleicht 1993, als ich für ein halbes Jahr nach Los Angeles gezogen bin. Damals habe ich lichterloh gebrannt, und wenn mir jemand ein Projekt ins Ohr pfiff, dachte ich jedes Mal: "Ja, genau, das wird's!" In Wirklichkeit war es dann wieder mal nur Wind und Hype.

Binder sagt: "Ich werde Veronica Ferres berühmter machen als Sharon Stone!" Was empfinden Sie bei so einem Satz?


Ich habe mich köstlich amüsiert. Mir ist klar, dass ich von einer Hollywood-Karriere so weit entfernt bin wie ein Elefant vom Schlittschuhlaufen. Für mich ist das ein schönes Abenteuer, mehr nicht. Ich weiß doch genau, wie das nach hinten losgehen wird, wenn nichts passiert. Dann bin ich hierzulande der Oberdepp mit dem geplatzten Hollywood-Traum.

Sie sind immerhin für die weibliche Hauptrolle in "Mission Impossible III" im Gespräch.


Abwarten. Gott sei Dank gibt es aber auch schon Resultate. Ab September spiele ich neben John Malkovich und Sophie Marceau die Lebensgefährtin des Malers Gustav Klimt.

Wegen ihres Akzents werden deutsche Schauspieler in Hollywood meist nur für Ausländerrollen gecastet. Werden auch Sie an der Sprachbarriere scheitern?


"Die Rückkehr des Tanzlehrers"…

…eine Henning-Mankell-Verfilmung, die diese Woche in der ARD gezeigt wird…

…ist mein sechster englischsprachiger Film. Ich habe mit Osman Ragheb einen genialen Dialect Coach, der schon mit Meryl Streep und Brad Pitt gearbeitet hat und zum Glück seit einigen Jahren in München lebt. Er gibt mir das Selbstbewusstsein, nicht zu verkrampfen.

Sie hatten in Los Angeles auch ein Abendessen mit Michael Douglas. Der soll Sie 1997 nach Ihrem gemeinsamen Auftritt bei "Wetten, dass..." auf seine Eroberungsliste gesetzt haben.


Wir hatten ein halbes Jahr lang intensiveren Kontakt. Er lud mich zu Filmpremieren nach Los Angeles und London ein, und ich sollte in seine Finca auf Mallorca kommen. Dann verlief das im Sande. Über die Gründe haben wir ganz offen gesprochen: Ich war damals in einer Beziehung und konnte seine Erwartungen nicht erfüllen. Jetzt haben wir mit einem Lächeln an diese Zeit zurückgedacht.

Nach der Vorspeise erschien Catherine Zeta-Jones am Tisch.
Sie ist charming und überhaupt nicht stutenbissig. Wir haben uns dann auch mehr über Kindererziehung unterhalten als über Männer und Frauen.

Sönke Wortmann, bei dem Sie im "Superweib" Ihre erste Kinohauptrolle spielten, sagte mal über Sie: "Es ringt mir durchaus Respekt ab, dass es jemand mit durchschnittlicher Begabung so weit bringen kann."


Das war verletzend. Aber es war mein Fehler, gesagt zu haben, "Das Superweib" sei nicht mein bester Film gewesen. Das hat Wortmann zutiefst enttäuscht. Und ich muss ihm im Nachhinein Recht geben: Man pinkelt auch nicht gegen die eigene Familie. Das hat die trottelige Klein-Vroni erst lernen müssen. Vor zwei Jahren habe ich ihm geschrieben, ich würde mich freuen, wenn wir lernen, uns wieder zu mögen. Wir haben dann die Friedenspfeife geraucht.

Nach Ihrer Rückkehr aus den USA titelte die "Frau im Spiegel" über die Chancen Ihrer Ehe: "Hollywood oder Liebe".


Die tun so, als ob ich mich jetzt zwischen Karriere oder Ehe entscheiden müsste. Ich bin es aber gewohnt, dass ich im Abstand von ein, zwei Jahren einen ungedeckten Schlag voll vor den Bug kriege. Vor ein paar Wochen hat sich Ingo Appelt bei der "Goldenen Kamera" unterhalb der Gürtellinie über mich lustig gemacht und dafür gesorgt, dass ich eine Woche lang der Idiot der Nation war.

Appelt nannte Sie eine begabte Schauspielerin, weil Sie schon mal mit dem Regisseur Helmut Dietl geschlafen haben.


Super. Sollte das witzig sein? Im Saal hat niemand gelacht, weil das unter jeglichem Niveau ist. Es sind auch sehr viele Kollegen und Freunde aus Protest aufgestanden und haben den Saal verlassen. Eine neunjährige Lebensbeziehung mit Helmut Dietl wurde auf einen One-Night-Stand reduziert. Wäre ich nicht mit "Annas Heimkehr" nominiert gewesen, wäre ich auf die Bühne hochgegangen und hätte dem Appelt eine gescheuert. Ich bin so. Schade, dass ich es nicht gemacht habe.

Wie hat das ZDF reagiert?
Von der Intendanz und allen anderen Verantwortlichen habe ich Entschuldigungsschreiben bekommen. Aber was ist das für eine Strategie? Einerseits macht das ZDF mir Anträge, mich exklusiv haben zu wollen, weil ich denen mit ernsten Stoffen immer so tolle Quoten bringe; andererseits macht mich derselbe Sender niveaulos lächerlich.

Was Appelt über Sie sagte, wurde vom ZDF nicht gezeigt.


Als die Aufzeichnung vier Tage später gesendet wurde, hatte man diese Appelt-Passage rausgeschnitten. Der Hammer ist nur, dass man die Sequenz vorher an RTL, Pro Sieben und Sat 1 verkauft hat. Und die haben sie dann zigmal gesendet. Da hat das ZDF demonstriert, wie man einen Imageträger des eigenen Senders mal so richtig vorführt und den Konkurrenzsendern einen Knüller verschafft. Können Sie mir helfen, das zu verstehen?

Kann es sein, dass Appelt sein Ferres-Bashing improvisiert hat?


Nein. Ich kenne jemanden aus dem Team. Das Ganze war geprobt, und im Script stand der genaue Text von Appelt, dazu in Klammern: "Kamera vier groß auf das Gesicht von Veronica Ferres".

Haben Sie mit Appelt gesprochen?


Er sagt, das wurde bestellt. Er habe nur das gemacht, was von ihm verlangt wurde, und es tue ihm alles so leid.

Das ist nicht Ihr Ernst.
Meine erste Reaktion war: Du gibst deine beiden Goldenen Kameras zurück, trittst als Academy-Mitglied der Goldenen Kamera zurück und stampfst beim ZDF alle Projekte ein. Irgendwann habe ich mir dann gesagt: "Schraub mal runter und lern, dich nicht so wichtig zu nehmen. Immerhin hat das ZDF ja Quote mit dir gemacht - wenn auch für die Konkurrenzsender."

Es vergeht kaum eine Talkshow, ohne dass heimische Schauspieler klagen, die Deutschen seien ein neidisches Volk, das seine Stars kaputtmache. Sind das Phantomschmerzen oder gibt es das Ute-Lemper-Syndrom wirklich?


Von mir haben Sie noch nie gehört, dass andere Nationen ihre Stars viel mehr verehren als wir. Die englischen Medien sind zehnmal härter, und niemand geht so zynisch und gnadenlos mit Stars um wie Hollywood. Die Filmbranche setzt dort mehr um als die Autoindustrie. Ein Budget von 200 Millionen Dollar pro Film potenziert natürlich die Härte. Da sagen Produzenten und Regisseure einem Star schon mal brutal die Wahrheit ins Gesicht. Durch diese Bodenhaftung sorgen sie aber auch dafür, dass dieser Mensch ein Star bleibt.

Mario Adorf klagte kürzlich: "Deutschland hat keine Stars. Wir sind alle schon zu greifbar, zu nah am Publikum. Star zu sein verlangt immer Entfernung: weit weg von der Masse sein, sein Geheimnis bewahren."
Vielleicht sind deutsche Stars auch zu brav und langweilig und produzieren nicht genügend Skandale. Wir haben keine Drogenkranken wie Whitney Houston, keinen Hugh Grant, der sich am Straßenrand einen Blow-Job machen lässt, und niemanden wie Julia Roberts, die über ihre Bindungsprobleme mit Männern einen Film macht wie "Die Braut, die sich nicht traut". Das ist cool.

Als Teenager litten Sie unter Bulimie und Fresssucht, verstümmelten Ihr Haar und ritzten sich mit einem Zirkel die Unterarme auf.


Ich war mal 30 Kilo schwerer als heute, und es gab eine Zeit, da habe ich 42 Kilo gewogen - und ich bin 1,83 Meter groß. Ich war voller Komplexe und Selbstzweifel und stand bis Mitte 20 mehr auf der dunkleren Seite des Lebens. Ich fühlte mich nicht liebenswert, hasste mich wegen meiner furchtbaren Nase und fürchtete immer, dummes Zeug zu reden - was ich dann auch tat. Ich zermarterte mich jahrelang, indem ich mir einredete: "Um Gottes willen, irgendwann werden alle entdecken, dass du als Schauspielerin gar nichts kannst. Wann erwischt es mich endlich?"

Nach drei Therapien: Wie fremd ist Ihnen heute die junge Frau von damals?
Ich kann über sie reden, ohne dass es wehtut, und ich lerne, sie zu lieben. Und ich kann sie gnadenlos für meine Rollen benutzen.

Ihr Wechsel ins Charakterfach fiel mit einer privaten Zäsur zusammen.


Nach Ostern 1999 überschlug sich mein Leben. Ich wurde sehr krank, meine Mutter starb viel zu früh, und zeitweise dachte ich, dass ich meine Trennung von Helmut Dietl nicht überleben werde.

Sie hatten eine Meningitis und Enzephalitis, lagen zehn Tage im Koma und mussten drei Monate lang in einer Reha-Klinik wieder sprechen und gehen lernen. Wie haben Sie das geheim halten können?


Ich hatte gute Leute um mich herum, die mich schützten. Die Erklärung nach außen war, dass ich eine schwere Lebensmittelvergiftung hätte. Das Problem war, dass irgendjemand im Krankenhaus die "Bild" informiert hatte. Ich wurde dann mehrmals in Nachtaktionen mit einem Laken überm Gesicht auf andere Stationen gefahren. Meine Einweisung wurde aus dem Computer gelöscht, und ich bekam einen neuen Namen, mit dem mich auch Ärzte und Schwestern ansprachen. Ähnliche Panik hatte ich, als Zeitungen herausfanden, wo ich mein Kind gebäre, und ein Fotograf sich als Pfleger ins Krankenhaus schmuggelte. Das war grausam. Da habe ich kurz vor der Geburt einen Nervenzusammenbruch gehabt und geschrien: "Ich will das Kind nicht kriegen, wenn ich weiß, dass jeden Moment die Tür im Kreißsaal aufgehen kann und ein Pfleger zieht die Kamera!" Wir sind dann geflüchtet, filmreif, durch die Tiefgarage und mit Sicherheitsleuten.

1997 sagten Sie: "Wenn ich verheiratet wäre, würde ich sofort Panik bekommen. Ich würde durchdrehen, auswandern oder betrügen." Vier Jahre später fuhren Sie mit 14 Hochzeitskutschen über den Salzburger Domplatz und heirateten Martin Krug. Was hat Ihren Sinneswandel bewirkt?


Ich bin näher bei mir selbst und brauche keine pseudointellektuellen Scheinargumente mehr, um mir mein Leben zurechtzulegen. Den von Ihnen zitierten Satz habe ich mir auf Druck von Journalistenfragen hingebogen. Der wahre Grund war, dass Helmut Dietl nach acht Jahren Zusammensein mit mir noch immer mit einer anderen Frau verheiratet war. Das hat mir wehgetan. Und bevor ich zynisch werde, bin ich lieber tot.

Sven Michaelsen / print