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Interview

Erinnerungskultur: Deutsche Jugendliche wissen zu wenig über den Holocaust - was läuft falsch?

Der Bundestag gedenkt in dieser Woche den Opfern des Holocaust. Doch viele Jugendliche wissen wenig über diesen Abschnitt der deutschen Geschichte. NEON hat einen Experten gefragt, was Schule, Politik und Gesellschaft ändern müssen.

Holocaust Erinnerungskultur

Jugendliche putzen Stolpersteine – die kleinen Gedenktafeln sollen an das Schicksal von Menschen erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus vertrieben, verfolgt und ermordet wurden.

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"Boah, bloß nichts mehr über den Holocaust – darüber haben wir in der Schule ewig gesprochen!" Diesen Satz haben wahrscheinlich schon sehr viele gehört oder sogar selbst gesagt, wenn es um die Erinnerung an den Nationalsozialismus geht. Doch eine Studie belegt, dass Lernen nicht gleich Wissen heißt: Rund 40 Prozent der deutschen Jugendlichen zwischen 18 bis 34 Jahren gaben in einer Umfrage des amerikanischen TV-Senders CNN an, "wenig" oder "gar nichts" über den Holocaust zu wissen. 33 Prozent der Europäer schätzten ihr Wissen als "gering" ein. Bitte, was? Wie kann das sein, dass unsere Generation so wenig über eines der prägendsten Ereignisse in der deutschen Geschichte weiß?

Wir haben mit Patrick Siegele, Leiter des Anne Frank Zentrums in Berlin, gesprochen und ihn gefragt, was bei unserer Erinnerungskultur falsch läuft. 

Herr Siegele, sind die Zahlen der aktuellen CNN-Studie wirklich so schlimm - oder wie kann man das bewerten?
Das sind natürlich beunruhigende Zahlen und bestätigen andere Studien, die es zu diesem Thema in den letzten Jahren gab. Auch die Körber Stiftung hat 2017 festgestellt, dass nur die Hälfte der 14- bis 16-jährigen weiß, was Auschwitz-Birkenau war. Andere Zahlen dieser Studie machen aber auch Hoffnung. Es gibt einen großen Konsens darüber, welch wichtigen Beitrag die Auseinandersetzung mit Geschichte und speziell mit NS-Geschichte für die Demokratie leistet. Über 90 Prozent der Befragten denkt, dass Geschichtsunterricht wichtig beziehungsweise sehr wichtig ist, um etwa Inhalte kritisch hinterfragen zu können oder Lehren für aktuelle gesellschaftliche Themen ziehen zu können. Dieser gesellschaftliche Konsens reicht aber nicht, wenn das Bildungssystem diesem hohen Anspruch auf der anderen Seite nicht gerecht wird.

Holocaust Erinnerungskultur

Patrick Siegele ist Leiter des Anne Frank Zentrums in Berlin. Nach seinem Studium war er als Referent und Kurator für verschiedene Einrichtungen der historisch-politischen und interkulturellen Bildungsarbeit tätig.

Was meinen Sie damit - was macht das Bildungssystem falsch?
Das deutsche Schulsystem leidet an Lehrkräftemangel und Finanzierungsproblemen. Teilweise können Fächer wie Geschichte nicht unterrichtet werden oder Lehrer haben gar nicht die Chance, sich Projekten wie Gedenkstättenbesuchen zu widmen. Von der Politik gibt es einerseits die Forderung nach Pflichtbesuchen an Erinnerungsorten, auf der anderen Seite wird am Unterricht der Gesellschaftswissenschaften gespart. Oftmals scheitern die guten Absichten nicht an den Lehrern und Schülern, sondern an den Rahmenbedingungen.

Vielerorts wird nun diskutiert, ob ein Besuch einer Gedenkstätte in der Schule verpflichtend sein sollte.
Als Vertreter eines Erinnerungsortes finde ich es natürlich gut, dass Gedenkstätten im Fokus der Politik stehen. Aber wir haben die Erfahrung gemacht, dass alles, was verpflichtend ist, schnell an Bedeutung verliert. Unter den aktuellen finanziellen und personellen Rahmenbedingungen wären solche Pflichtbesuche aller Schüler in Deutschland auch nicht möglich. Ich würde mir eher eine Empfehlung zum Besuch wünschen, die aus meiner Erfahrung bei Lehrern immer auf große Resonanz stößt.

Der Nationalsozialismus und der Holocaust sind in vielen Schulen Pflichtthemen im Lehrplan. Warum ist das Wissen der jungen Menschen trotzdem so gering?
Diese Frage lässt sich nicht pauschal für alle Bundesländer beantworten. Tatsache ist, dass es in der Mittelstufe in immer weniger Bundesländern Geschichte als eigenständiges Schulfach gibt. Dies hat natürlich Auswirkungen auf historisches Wissen. Generell sollte in der Schule aber nicht nur auf Wissensvermittlung gesetzt werden, sondern auch auf aktivierende Methoden, wie etwa Projektarbeit oder eben auch mal der Besuch eines außerschulischen Lernorts.

Interessiert die Jugendlichen das Thema möglicherweise nicht und wenn ja, warum?
In der schon erwähnten Studie der Körber Stiftung geben 60 Prozent der Schüler an, dass sie sich selbst sehr für Geschichte interessieren, gleichzeitig glauben aber 75 Prozent von ihnen, dass andere Mitschüler dies nicht tun. Und bei den Erwachsenen glauben nicht einmal 20 Prozent daran, dass sich Jugendliche für Geschichte interessieren. Selbst- und Fremdwahrnehmung liegen hier also deutlich auseinander und so schlecht sieht es mit dem Interesse der Jugendlichen gar nicht aus, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Es geht nicht nur um die Frage, ob man sich erinnern sollte, sondern vor allem darum,  wie. Unterricht muss so gestaltet sein, dass Jugendliche Schlüsse für ihr eigenes Leben ziehen können. Nach meiner Wahrnehmung findet gerade eher eine Politisierung der Jugendliche statt , denn Themen wie Rassismus oder Diskriminierung sind wieder sehr aktuell.

Wie nehmen Sie den Umgang von Jugendlichen mit dem Thema Holocaust und ihr Wissen darüber in Ihrer täglichen Arbeit wahr? 
Wir stellen fest, dass sich viele Jugendliche, egal welcher Herkunft, auch weiterhin sehr für die Themen Nationalsozialismus und Holocaust interessieren. Dass dies übrigens nicht nur unter Jugendlichen so ist, zeigen die ständig steigenden Besuchszahlen in deutschen Gedenkstätten, auch in unserem Ausstellungszentrum in Berlin. Das Wissen, das Jugendliche mitbringen, hängt sehr stark vom schulischen und familiären Umfeld ab. Das lässt sich nicht verallgemeinern. Im Rahmen unserer bundesweiten Wanderausstellungen zu Anne Frank suchen wir in jedem Ort nach jugendlichen Peer Guides, die wir zu Ausstellungsbegleitern ausbilden, damit sie andere Jugendliche durch die Ausstellung führen. Ich kann mich an keinen Ort erinnern, wo wir Probleme gehabt hätten, Jugendliche zu finden, die sich freiwillig dafür melden. Wichtig ist, in der Bildungsarbeit einen Bezug zur Lebenswelt der Jugendlichen herzustellen. Sie sollten verstehen, was die Auseinandersetzung mit NS-Geschichte mit ihnen heute zu tun hat. Eine Biographie wie die von Anne Frank bietet dafür eine besondere Chance. Sie bietet viele Anknüpfungspunkte und spricht die Jugendlichen auch emotional an.

Ist dieses mangelnde Wissen ein Problem - auch im Hinblick auf die Bedeutung von Antisemitismus in unserer Gesellschaft?
Jede Form von sogenannter gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit – also auch Rassismus, Seximus, der Hass gegen Sinti und Roma oder Homosexuelle – hat eine Geschichte. Antisemitische Vorurteile und Stereotype sind in Deutschland und Europa ein Gedankengut, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Ein Blick in die Geschichte hilft, um zu verstehen, wie dies entstanden ist, welche Motive Antisemiten hatten, Juden zu diskriminieren und zu verfolgen, und was dies mit Mehrheiten, Minderheiten und Macht zu tun hat. Die Geschichte des Holocausts wiederum zeigt, wohin Hass und Diskriminierung führen, wenn demokratische und rechtsstaatliche Prinzipien vollkommen verloren gehen; wenn es keine Instanzen mehr gibt, die Menschen- und Grundrechte garantieren und Minderheiten vor Verfolgung und Willkür schützen.

Was müssten denn die Schulen, aber auch die Gesellschaft und die Politik tun, um das Interesse und das Wissen zum Thema Holocaust zu steigern?
Aufgaben von guter Bildung ist, Jugendlichen Orientierung im Heute zu geben. Dazu gehört auch geschichtliches Wissen. Ich gehe soweit zu sagen, dass Jugendliche die Demokratie und die Gesellschaft, wie wir sie heute in Deutschland kennen, nicht verstehen, ohne die entsprechenden historischen Kenntnisse. Das geht schon bei der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte los bis hin zum Grundgesetz. Beide sind vor dem Hintergrund der NS-Verbrechen entstanden. Jugendliche haben ein Gespür dafür, ob es im Unterricht zur NS-Geschichte nur um die Erzeugung von Betroffenheit geht oder um Sinnstiftung für ihre Lebenswelt heute.

Die Politik kann die Vielfalt in der Auseinandersetzung mit dem Thema Holocaust stärken, wenn sie sich auch weiterhin und verstärkt für die schulische wie außerschulische Bildungsarbeit zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust einsetzt. Dies gelingt einerseits über die Stärkung des Faches Geschichte in allen Schulformen, aber auch durch die Förderungen der wichtigen Arbeit, die Gedenkstätten und Erinnerungsorte wie das Anne-Frank-Zentrum leisten. Wichtig scheint mir darüber hinaus, dass die Arbeit zwischen den Schulen und den Gedenkstätten noch besser koordiniert wird. Der Besuch einer Gedenkstätte sollte gut im Unterricht verankert werden, zum Beispiel durch entsprechende Vor- und Nachbereitung. Dann bleibt das Erlernte nachhaltiger bei den Jugendlichen haften.