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Attentat in Norwegen: Breivik kommt erst 2012 vor Gericht

Die Anklageschrift sei so umfassend, dass Behring Breivik frühestens 2012 der Prozess gemacht werden kann, erklärte Norwegens Generalstaatsanwalt. Indes wurde bekannt: Die Polizei hätte den Attentäter kurz vor seiner Festnahme fast erschossen. Die Sucharbeiten

Der Rechtsradikale Anders Behring Breivik kommt nach der Ermordung von 76 Menschen wohl erst im nächsten Jahr vor Gericht. Dann soll er jeden Mord einzeln erklären, sagte Norwegens Generalstaatsanwalt Tor-Aksel Busch dem Rundfunksender NRK. "Aus Respekt vor den Toten und die Angehörigen muss der Täter für jede einzelne Tötung Rechenschaft ablegen."

Das stelle auch entsprechende Anforderungen an die Beweisführung, sagte er weiter. Der Fall der zwei Terroranschlägen vom vergangenen Freitag sei so umfassend, dass die Ausarbeitung der Anklageschrift lange dauern werde. "Ich hoffe, die Leute haben Verständnis dafür", sagte Busch. Anklage kann nach seinen Angaben nicht vor dem Jahreswechsel erhoben werden. "Wir hoffen, dass die Hauptverhandlung im Lauf des nächsten Jahres angesetzt werden kann", erklärte Norwegens Chef-Ankläger.

Als Vertreter der Angehörigen der Opfer hatte der Anwalt Brynjar Meling ebenfalls bei NRK erklärt, seine Mandanten hofften auf einen Prozess im Herbst. Die meisten seien Eltern getöteter Teenager.

Ihre Suche auf der Ferieninsel Utøya hat die Polizei mittlerweile eingestellt. "Die Suche bei Utøya ist abgeschlossen", sagte Chef des Polizeistabes, Johan Fredriksen, vor Journalisten.

Schießbefehl in letzter Sekunde zurückgenommen

Unterdessen wurde bekannt, dass Breivik nur Sekunden vor seiner Festnahme auf Utøya beinahe von der Polizei getötet worden wäre. Wie die norwegische Nachrichtenagentur NTB unter Berufung auf Polizeikreise berichtet, hatten Beamte der Eliteeinheit bereits auf den Attentäter angelegt. Als sich einer der Polizisten sicher war, dass der 32-Jährige unbewaffnet war, wurde der Schießbefehl in letzter Sekunde zurückgenommen. Ausschlaggebend sei gewesen, dass Breivik keinen Sprengstoff am Körper trug, hieß es. Der Attentäter kam mit erhobenen Armen auf die Beamten zu.

Die Zeitung "Aftenposten" berichtet, dass die Polizei Breivik auf Überwachungskameras im Osloer Regierungsviertel schon vor Beginn des des Massakers auf Utøya als Täter identifizieren konnte. In Oslo hatte er einen gemieteten Kleintransporter mit 500 Kilogramm Sprengstoff geparkt, ehe er in einem anderen Mietwagen zur 40 Kilometer entfernten Insel Utøya weiterfuhr.

Zufall verhinderte Einsturz von Osloer Hochhaus

Möglicherweise nur durch einen glücklichen Zufall ist der Einsturz des Osloer Regierungshochhauses nach der Bombenexplosion am Freitag verhindert worden. Der Bombenexperte der Hilfsorganisation Norsk Folkehjælp, Per Neergaard, berichtet, dass Anders Behring Breivik das Auto mit dem Sprengstoff direkt über einem Keller vor dem Haupteingang des Hochhauses parkte. Die Explosion riss einen Krater von vier Metern Tiefe.

Dies habe "sehr viel Sprengkraft nach unten gelenkt", sagte Nergaard der Zeitung "Verdens Gang". "Das hat viele Menschenleben gerettet und noch größere Schäden am Hochhaus verhindert." Im Osloer Regierungsviertel sind Gebäude mit insgesamt 2000 Büroplätzen unbrauchbar. Offen ist noch, ob das Regierungshochhaus abgerissen werden muss. Im obersten Stock hatte bislang Ministerpräsident Jens Stoltenberg seinen Arbeitsplatz. Er zog mit seinem Stab vorerst ins Verteidigungsministerium um.

Unabhängige Kommission soll gebildet

Der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg hat eine "umfassende Aufarbeitung" der Umstände der Anschläge in Oslo und auf der Insel Utøya angekündigt. Dazu soll auch eine von der Regierung unabhängige Kommission gebildet werden. Vor Auslandsjournalisten sagte der Sozialdemokrat am Mittwoch, diese Zeit sei aber noch nicht gekommen. "Noch geht es darum, die Angehörigen der Opfer zu trösten und den vielen Verletzten beizustehen."

Bei dem Bombenanschlag im Regierungsviertel waren acht Menschen getötet worden. Auf der kleinen Insel erschoss Anders Behring Breivik mit einem Schnellfeuergewehr und einer Pistole 68 meist junge Teilnehmer eines Sommercamps der Arbeiterpartei.

"Eine noch offenere und tolerantere Demokratie"

Der Vorsitzende der Arbeiterpartei und Regierungschef seit 2005 sagte auch: "Es ist für uns klar, dass es in Norwegen eine Zeit vor und eine Zeit nach dem 22. Juli gibt." Er habe seit vergangenem Freitag "viele wichtige Signale" dafür erlebt, dass Norwegen nach den Terroranschlägen "eine noch offenere und tolerantere Demokratie sein wird als vorher". Als Beispiel nannte Stoltenberg massive Eintritte bei politischen Parteien in Norwegen als Reaktion auf den Terror.

Die Anschläge beschäftigen nun auch Anti-Terrorexperten der EU. Bei einem Treffen heute in Brüssel beraten Experten aus den 27 EU-Ländern und Norwegen über die Konsequenzen. Bei der Zusammenkunft auf Arbeitsgruppen-Ebene geht es um eine bessere Kooperation der Regierungen im Kampf gegen den Terrorismus, teilte Polen mit, das derzeit die EU-Ratspräsidentschaft innehat. Zudem wollen die norwegischen Behörden die Ereignisse in Oslo detailliert vorstellen und analysieren. Norwegen ist kein Mitglied der EU. An dem Treffen nehmen auch Vertreter der europäischen Polizeibehörde Europol und der Antiterror-Koordinator der EU, Gilles de Kerchove, teil.

Geheimdienst bleibt bei Einzeltäterthese

Nach Überzeugung des norwegischen Geheimdienstes PST handelte Breivik auf eigene Faust und tötete aus Berechnung. Für Breiviks Behauptung, gewaltbereite Komplizen in Norwegen und im Ausland zu haben, fehlt noch immer jeder Beweis. Zugleich wies PST-Chefin Janne Kristiansen Vermutungen von Breiviks Anwalt Geir Lippestadt zurück, der 32-Jährige sei geisteskrank.

Der Attentäter soll demnächst im Ila-Gefängnis westlich von Oslo von zwei Psychiatern untersucht werden. Breivik will den Bombenanschlag in Oslo und das Massaker auf der Insel Utøya über neun Jahre vorbereitet haben. Er wurde Dienstagabend in die Haftanstalt westlich von Oslo für eine zunächst achtwöchige Untersuchungshaft gebracht. Er wird in einer sieben Quadratmeter großen Zelle rund um die Uhr überwacht, um einen Selbstmord auszuschließen. Die ersten vier Wochen der Untersuchungshaft muss er mit fast kompletter Kontaktsperre verbringen.

be/ins/DPA / DPA