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Prozess gegen ehemaligen SS-Mann Oskar Gröning: Auschwitz-Opfer empört über Versöhnung mit SS-Mann

Die Holocaust-Überlebende Eva Kor hat dem im Auschwitz-Prozess angeklagten Oskar Gröning verziehen. Ihre Vergebungsgeste erzürnt die Nebenkläger: Sie werfen Kor "öffentliche Inszenierung" vor.

Eva Mozes Kor kam mit zehn Jahren ins Konzentrationslager Auschwitz - dort wurde sie zum Opfer von KZ-Arzt Josef Mengele.

Eva Mozes Kor kam mit zehn Jahren ins Konzentrationslager Auschwitz - dort wurde sie zum Opfer von KZ-Arzt Josef Mengele.

Am Rande des Lüneburger Auschwitz-Prozesses gegen den ehemaligen SS-Mann Oskar Gröning hatte die KZ-Überlebende Eva Mozes Kor dem Angeklagten die Hand gereicht. Opfer und Täter umarmten einander sogar – ein Bild der eindrucksvollen Geste ging um die Welt, Kor selbst teilte das Bild auf Twitter.

"Ich habe ihm vergeben", sagte Kor am zweiten Prozesstag im Lüneburger Landgericht und bekräftigte dies erneut in der ARD-Sendung "Günther Jauch" am Sonntagabend. "Wir sind alle Menschen", sagte Mozes Kor vor laufender Kamera. Sie habe kein Interesse daran, einen alten Mann ins Gefängnis zu bringen.

Holocaust-Überlebende umarmt SS-Mann

Der 93-jährige Gröning ist wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen angeklagt. Dass nun ausgerechnet Mozes Kor als Holocaust-Überlebende einem der NS-Täter öffentlich vergibt, löst unter den weiteren Nebenklägern offenbar Entrüstung aus.

Nebenkläger sind empört

Wie die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" berichtet, werfen 49 Nebenkläger Mozes Kor eine eigenmächtige Rehabilitierung Grönings vor. Eine entsprechende Erklärung der Anwälte der Nebenkläger liegt der Zeitung vor. Daraus wird zitiert: "Nebenklägerin im Namen der Ermordeten zu sein und diese Rolle zur öffentlich inszenierten persönlichen Verzeihung zu nutzen – das passt nicht zusammen." Sowohl die öffentliche Umarmung zwischen Kor und Gröning, als auch die Aussagen der Auschwitz-Überlebenden in der ARD werden von den Nebenklägern und ihren Angehörigen scharf kritisiert.

Im Prozess hatte die 81-jährige Mozes Kor bereits deutlich gemacht, dass sie den Nazis vergeben wolle. "Das spricht den Täter aber nicht davon frei, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen“, sagte sie.

Kor lehnt die Opfer-Rolle ab

In einem Interview mit der BBC hatte Eva Mozes Kor bereits erwähnt, dass sie für ihre versöhnliche Haltung den Nationalsozialisten gegenüber "stark kritisiert" worden sei. "Sie haben mich nicht nur kritisiert, sie nannten mich eine Verräterin."

Sie wolle sich jedoch nicht in die typische Opfer-Rolle fügen, sagte die 81-Jährige. "Ich bin keine bemitleidenswerte Person, ich bin ein siegreicher Mensch, dem es gelungen ist, den Schmerz hinter sich zu lassen." Und weiter: "Ein Opfer hat das Recht, frei zu sein. Man kann nicht frei sein von dem, was einem angetan wurde, wenn man diese tägliche Last aus Schmerz und Wut nicht abschüttelt."

Kor war Versuchsobjekt von KZ-Arzt Mengele

Die damals zehnjährige Mozes Kor war im Mai 1944 gemeinsam mit ihren Eltern und drei Schwestern in Auschwitz-Birkenau inhaftiert worden. Vor dem Landgericht Lüneburg hatte die Überlebende in einer eindringlichen Aussage geschildert, wie es ihr in dem Konzentrationslager ergangen war. Kor und ihre Zwillingsschwester Miriam wurden zu Versuchsobjekten des gefürchteten Lagerarztes Josef Mengele.

Unter der Aufsicht des KZ-Arztes begann für die Zwillinge ein Martyrium: In einem Labor seien den Schwestern giftige Flüssigkeiten injiziert worden, um ihre Körperreaktionen zu testen, berichtete Kor. Obwohl der KZ-Arzt ihnen nur eine Überlebensdauer von zwei Wochen vorausgesagt hatte, überlebten Mozes Kor und ihre Schwester.

Gröning fühlt sich moralisch mitschuldig

Der frühere SS-Unterscharführer Gröning war im KZ für das Gepäck der verschleppten Menschen auf der Bahnrampe zuständig gewesen. Er verbuchte auch das Geld, das sie bei sich hatten. Gegen den sogenannten "Buchhalter von Auschwitz" wird seit vergangenem Dienstag vor dem Landgericht in Lüneburg verhandelt.

Der 93-Jährige hat ein umfassendes Geständnis abgelegt - es stehe außer Frage, dass er sich "moralisch mitschuldig gemacht" habe, so Gröning vor dem Gericht.

Annika Lasarzik