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Zeugin spricht im Gröning-Prozess: Wie Irene Weiss die Hölle von Auschwitz erlebte

Sie verlor ihre Familie in Auschwitz, ließ sich die KZ-Nummer aus dem Arm schneiden - und fand sich und ihre Brüder irgendwann auf alten Fotos wieder. Nun sagt Irene Weiss im Gröning-Prozess aus.

Von Alexandra Kraft

Irene Weiss, 84 Jahre alt, in ihrer Heimat in den USA. Auf alten Schwarz-Weiß-Fotos hat sie ihre Familie wiedererkannt.

Irene Weiss, 84 Jahre alt, in ihrer Heimat in den USA. Auf alten Schwarz-Weiß-Fotos hat sie ihre Familie wiedererkannt.

Irene Weiss tat alles, um zu vergessen. Die Albträume, die unerträglichen Erinnerungen, die in ruhigen Minuten in ihren Kopf schlichen, ihre Furcht vor Menschen, weil sie wusste, wozu diese in der Lage sein können - all das wollte sie los werden. Nichts sollte sie an ihre Zeit im Konzentrationslager Auschwitz erinnern. Für ein paar Dollar ließ sie sich die tätowierte Häftlingsnummer von einem Arzt aus dem linken Arm schneiden. Anfang 20 war sie damals, ein paar Jahre zuvor in die USA ausgewandert und frisch verheiratet. Sie hoffte, so Ruhe zu finden. Aber die Träume und die Angst blieben.

Heute ist Irene Weiss 84 Jahre alt. Sie sitzt zusammen gesunken auf dem Sofa, jedes Wort scheint zu schmerzen, schon lange flüstert sie nur noch. Sie macht gerade Ferien bei ihrer Tante in Florida. In ihren schmalen Händen hält sie ein Schwarz-Weiß-Bild. Damit kam die Erinnerung zurück, sagt sie. Aufgenommen wurde es von einem SS-Mann am 26. Mai 1944 an der Rampe in Auschwitz, gerade hatte ein Transport mit Juden aus Ungarn das Lager erreicht. Die Vernichtungsmaschinerie lief auf Hochtouren. Nazi-Arzt Mengele überwachte die Selektion. Nach links ging es ins Gas, nach rechts ins Arbeitslager. "Das bin ich", sagt Irene Weiss und zeigt auf den Bildrand. Da steht die damals 14-Jährige mit einem viel zu großen Mantel und einem weißen Kopftuch. Verloren blickt sie nach links. "Ich wollte sehen, wo meine 12-jährige Schwester Edit hingeschickt worden war", sagt sie. In die Gaskammer, wie sie heute weiß.

Irene Weiss an der Rampe in Auschwitz - auf der Suche nach ihrer Schwester

Irene Weiss an der Rampe in Auschwitz - auf der Suche nach ihrer Schwester

Sie greift in einen braunen Umschlag, zieht ein zweites Bild hervor: "Das sind meine kleinen Brüder Reuven und Gershon wie sie in einem Wäldchen vor der Gas-Kammer warten." Sie stockt kurz, atmet tief durch. "Und meine Mutter. Ich suchte sie stundenlang mit dem Vergrößerungsglas - bis ich eines Tages endlich ihr kleines Gesicht fand." Zärtlich streichelt sie mit der Fingerspitze über die Stelle. "Sie glaubten, sie würden zum Duschen gehen."

"Es war nicht nur ein furchtbarer Traum"

Mehr als 20 Jahre ist es her, dass sie die Bilder zum ersten Mal sah. Wer ihr das Foto-Buch gab, in denen sie abgedruckt waren, weiß sie nicht mehr. Das sei auch nicht wichtig, meint sie. Seitdem ist kaum ein Tag vergangen, an dem Irene Weiss die Fotos nicht angeschaut hat. Sie sagt: "Es war nicht nur ein furchtbarer Traum, es ist wirklich passiert. Ich habe es mir nicht eingebildet."

Auch Oskar Gröning war in Auschwitz. Bei der Ankunft von Irene Weiss und ihrer Familie, arbeitete der damals 21-Jährige dort als Unterscharführer der Waffen-SS. Er war überzeugter Nazi, hatte sich freiwillig gemeldet und glaubte, es sei richtig, die Juden auszurotten.

93 Jahre ist Oskar Gröning heute alt. Auch er wollte lange vergessen. Jahrzehnte lebte er, als sei das Grauen von Auschwitz nie passiert. Als habe er mit all dem nichts zu tun gehabt. Seit Ende April wird Oskar Gröning vor der 4. Kammer des Landgerichtes in Lüneburg der Prozess gemacht. "Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen", so steht es nüchtern in der Anklage gegen Gröning.

Auf diesem Bild, aufgenommen vor einer Gaskammer, fand Irene Weiss ihre Brüder wieder - am linken Bildrand, einer zieht sich gerade die Jacke an. Die Mutter kniet, kaum sichtbar, hinter ihren Söhnen.

Auf diesem Bild, aufgenommen vor einer Gaskammer, fand Irene Weiss ihre Brüder wieder - am linken Bildrand, einer zieht sich gerade die Jacke an. Die Mutter kniet, kaum sichtbar, hinter ihren Söhnen.

Das Schweigen wurde zu Oskar Grönings Wahrheit

Von September 1942 bis Oktober 1944 war er im KZ Auschwitz stationiert. Er nahm den Deportierten Geld und andere Wertgegenstände ab, lieferte sie in Berlin beim "Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt in der SS" ab. Nach der Selektion half er, die Zugrampe von Koffern und Taschen frei zu räumen, damit neue Transporte ankommen konnten. "Durch seine Tätigkeit unterstützte er das fortlaufende Tötungsgeschehen und half dem NS-Regime, wirtschaftliche Vorteile aus der massenhaften Tötung zu ziehen", so die Staatsanwaltschaft.

Gröning ist ein Greis, der den Gerichtssaal auf einen Rollator gestützt betritt. Der kleine Mann ist vom Alter gebeugt, seine Wangen sind eingefallen, die grauen Haare streng nach hinten gekämmt. Er hört nur noch schlecht. Seine blauen, sehr wachen Augen huschen durch den Raum, und scheinen jede Bewegung wahr zu nehmen.

Gleich am ersten Prozesstag sagt Oskar Gröning: "Ich habe mich moralisch mitschuldig gemacht."

70 Jahre brauchte er für diesen Satz. Als er nach dem Kriegsende nach Hause in sein kleines Dorf nach Norddeutschland zurück kehrte und sein Schwiegervater ihn nach der Arbeit im KZ fragte und ob er ein Mörder sei, schrie er ihn an: "Ich sitze hier, weil ich nicht schuldig bin. Ich bin ein ehrenvoller Mensch." Und seiner Frau raunte er zu: "Mädchen, tu dir und mir einen Gefallen: Frag nicht."

So wurde zunächst Schweigen zu Oskar Grönings Wahrheit. Nur nachts in seinen Träumen konnte er den Schreien aus der Gaskammer, die er so oft gehört hatte, nicht entgehen. Geradezu manisch versuchte er, dem Thema auszuweichen. Las nichts darüber, schaltete bei Nachrichten weg. So wusste er bis vor wenigen Jahren nicht, dass es 1963 einen Auschwitz-Prozess gab. Er kennt weder den Film "Holocaust", noch "Schindlers Liste." Wer nicht getötet hat, kann nicht schuldig sein, so seine Überzeugung. Er war sein eigener Richter.

"Ich habe alles gesehen. Ich war da."

Dann trifft er 1985 in seinem Briefmarkenclub auf einen Mann, der den Holocaust leugnete. Als der ihm das Buch "Die Auschwitzlüge" des Altnazis Thies Christophersen schenkt, schickt Gröning es zurück und schreibt dazu: "Ich habe alles gesehen. Ich war da."

Wenig später erscheinen seine Worte in einer Neonazi-Zeitschrift, die Holocaust-Leugner machen sich lustig über ihn. Er bietet ihnen die Stirn. Gröning will nun seine Geschichte erzählen, endlich, so viele Jahre nach Kriegsende. Stundenlang gibt er Interviews. Er wirkt darin wie ein Chronist. Denn seinen eigenen Anteil, seine Schuld erkennt er noch immer nicht an, im Gegenteil. Er sagt: "Schuld hängt eigentlich immer mit Taten zusammen, und da meine ich, ein nicht tätiger Schuldiger geworden zu sein, und ich meine auch, nicht schuldig zu sein." Gröning erinnert sich, einsichtig wurde er nicht.

Irene Weiss verlor in Auschwitz ihre Mutter, ihren Vater, eine Schwester und drei Brüder. Sie wuchs als Waisenkind in einer jüdischen Familie in den USA auf. Dass Oskar Gröning und so viele andere nach dem Krieg einfach davon kamen, erträgt sie nur schwer. Die kleine, zerbrechlich wirkende Frau sagt: "Er hat geholfen, die Koffer weg zu räumen. Das half beim Morden der Menschen, die mit dem nächsten Transport im Lager ankamen. Was tat er, um das Töten zu stoppen? Er schaute zu und ließ es geschehen." Es ist einer der wenigen Momente, in denen die alte Dame bitter klingt. "Ich will, dass dieser Unmensch versteht, was er uns angetan hat."

Trotz ihres hohen Alters reist sie als Nebenklägerin aus ihrer Heimatstadt Washington nach Lüneburg und tritt als Zeugin auf. "Ich will ihm in die Augen sehen", sagt sie. Die Zeit, in der sie schwieg, ist längst vorbei.

Die Bilder hat sie nach Lüneburg mitgebracht. Sie werden auf einer Leinwand im Sitzungssaal gezeigt. So hofft Irene Weiss, den kalten Zahlen der Anklage ein menschliches Antlitz zu geben. Was auf den Bildern zu sehen ist, kann niemand leugnen: Wie ihre neun und acht Jahre alten Brüder vor der Gaskammer warten und einer noch versucht, seinen Wintermantel überzuziehen.

Männern wie Oskar Gröning vergab man schnell

Dass die Bilder noch heute existieren, ist ein glücklicher Zufall. Ihre genaue Geschichte und warum sie gemacht wurden, ist nicht bekannt. Wenige Tage nach Kriegsende fand die KZ-Überlebende Lilly Zelmanovic sie unter 191 weiteren Fotos hunderte Kilometer von Auschwitz entfernt in einer verlassenen SS-Baracke. Es sind die einzigen Aufnahmen, die dokumentieren, wie die Juden aus Ungarn in Auschwitz ankamen. Seit 1995 werden die Originale als Fotoalbum mit dem Titel "The Auschwitz Album" in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ausgestellt. Ihr historischer Wert wächst täglich, jetzt, da die Generation der Auschwitz-Überlebenden ausstirbt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg versagte das moralische Gewissen der Deutschen. Kaum jemand war an echter Aufarbeitung interessiert. Der Aufbau des Landes war wichtiger. Und zu viele, die nun mit entscheiden durften, waren selbst Teil des Systems gewesen. Schuld einzugestehen fiel schwer. Wo die Grenze ziehen? War jeder Soldat der im KZ gearbeitet hatte automatisch Täter? Oder nur hilfloser Befehlsempfänger? Waren Männer wie Gröning willige Helfer, ohne deren Zutun der Holocaust gar nicht möglich gewesen wäre? Waren sie Täter, weil sie das System trugen? Ein Dilemma, das Generationen von Staatanwälten verdrängten und ignorierten. So wurden in der Regel nur die angeklagt, die für den Holocaust ursächlich verantwortlich waren, wirklich gemordet hatte oder besonders brutal gewesen waren. Fakt ist: Von den etwa 6500 SS-Männern in Auschwitz wurden nicht einmal 30 verurteilt.

Männern wie Oskar Gröning vergab man schnell. Er fand Arbeit und die Vergangenheit war vergessen. Oskar Gröning heiratete, wurde Vater zweier Söhne, machte Karriere als Buchhalter einer Glasfabrik und arbeitete zwölf Jahre als ehrenamtlicher Richter für die Handelskammer. Irene Weiss sagt: "Er hatte ein gutes Leben und Wohlstand. Meine Familie wurde ermordet. Ich habe fast alles verloren. Mir blieb nur die Trauer."

Nachdem Irene Weiss das Foto von sich im Auschwitz-Album entdeckt hatte, verbrachte sie viele Stunden damit. Für sie war es, als hätte sich damit die Tür zu einem lange verschlossenen Teil ihrer Seele geöffnet. Nach fast 50 Jahren begann sie, mehr und mehr über ihre Erlebnisse zu reden. Zuerst mit ihrer Familie, ihren Kindern. Dann mit Freunden. Später vor Schulklassen. Heute führt sie Gruppen durch das Holocaust Museum in Washington.

Verzweifelte Schreie aus den Gaskammern

Aber immer noch kostet Irene Weiss die Erinnerung viel Kraft. Wenn sie über Auschwitz berichtet, weicht alle Freundlichkeit aus ihrem Gesicht. Mit durchgestreckten Rücken sitzt sie da, die Finger sind auf dem Schoß fest ineinander verhakt. Eine Szene will sie unbedingt erzählen. "Unsere Baracke stand direkt an dem Weg, den die ankommenden Frauen und Kinder zu den Gaskammern nahmen." Und: "Sie riefen uns zu: "Wie ist es im Lager? Was machen sie mit uns?" Dann schweigt die 84-Jährige. Unruhig dreht sie ein Taschentuch in ihrer Hand, schaut nach unten.

"Was sollten wir denn sagen? Dass sie gleich sterben würden? Wir konnten ihnen nicht antworten." Sie erzählt, wie sie sich dann auf ihre Betten gekauert habe. Versuchte, sich die Hände auf die Ohren zu pressen und trotzdem die verzweifelten Schreie aus den Gaskammern gehört habe. "Nach ein paar Minuten wurde es still", sagt Irene Weiss. "Dann kam schon der nächste Transport an."

Serena Neumann glaubt heute, Irene habe versucht, sich abzukapseln. Nur so habe sie das Leid ertragen können. Die 88 Jährige ist die ältere Schwester von Irene Weiss, gemeinsam überlebten sie das KZ. Bei ihrer Ankunft waren sie getrennt worden, fanden sich aber bald wieder. Serena Neumann lebt heute in New Jersey, wenige Kilometer von New York entfernt. Am Abend vor Sabbat ist sie bei ihrer Tochter zu Besuch. Auf einem Tischchen neben ihr steht ein gerahmtes Schwarz-weiß Bild, darauf ihre Eltern festlich in Kleid und Anzug. "Das einzige Erinnerungsstück, das wir von unseren Eltern haben. Nachbarn gaben es uns nach dem Krieg."

Anders als ihre Schwester trägt Serena noch ihre Häftlingsnummer. Sie wollte nie vergessen, konnte es einfach nicht. Ihr Mann überlebte ebenfalls ein KZ. Man blieb unter sich, so sei es einfacher gewesen, meint Serena Neumann. Bevor sie zu erzählen beginnt, sagt sie wie zur Entschuldigung: "Ich muss mein Gefühle in Zaum halten." Dann spricht sie davon, wie ihre Familie in der ungarischen Hei-matstadt Botragy alles verlor. Wie sie ins Ghetto gesperrt wurden, dann nach Auschwitz kamen, weil die Nazis beschlossen hatten, die Juden in Ungarn auszurotten.

Mit jedem Satz verhärtet sich ihr Gesicht. Sie erzählt, dass sie nach zwei Wochen im KZ erfahren hätten, dass ihr Vater nicht sofort vergast worden sei. "Ein Mann sagte uns über den Zaun zum Männercamp, er sei eingeteilt, die Leichen aus den Gaskammern in die Krematorien zu räumen", erinnert sie sich. Es ist ein brutaler Job. In ihrer Verzweiflung klammerten sich die Menschen so aneinander, dass viele nach ihrem Tod nur mit Axthieben getrennt werden konnten.

Sie glaubt nicht mehr an Gerechtigkeit

Wenig später hören die Mädchen, dass ihr Vater erschossen worden sei. "Er wurde getötet, so sagte man uns, nachdem er die Leichen unserer Mutter und Geschwister gefunden hatte und ihn das in den Wochen danach in den Wahnsinn trieb", sagte Serena Neumann.

Mit 93 Jahren ringt Oskar Gröning nun in Lüneburg vor Gericht und in aller Öffentlichkeit mit seiner Geschichte. Manchmal wirkt er seltsam distanziert. Und ganz oft klingt seine Reise durch die Vergangenheit nur lapidar. Er redet davon, wie gut es sich anfühlte, einer zackigen Gruppe anzugehören, und dass er es für vernünftig hielt, die Juden auszurotten.

Irene Weiss überrascht das kaum. Sie glaubt längst nicht mehr an Gerech-tigkeit. Dafür ist es zu spät: "Ich weiß, dass dieser alte Mann sicher keinen Tag im Gefängnis verbringen wird. Er ist vor 70 Jahren davon gekommen." Sind all die Erinnerungen, mit denen sie so sehr gerungen hat, also wertlos? "Nein", sagt sie: So hört die junge Generation hoffentlich meine Geschichte und versteht, wozu Menschen in der Lage sind."

Mitarbeit: Kerstin Herrnkind