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TV-Kritik zu "Günther Jauch" Prozess gegen SS-Mann Oskar Gröning spaltet ARD-Talk


"Für Gerechtigkeit darf es nie zu spät sein", sagt Justizminister Maas zum Prozess gegen Auschwitz-Buchhalter Gröning. Ein Gast hat den "Nazis vergeben". Nur Jauch fremdelt erneut mit der Moderation.
Von Sylvie-Sophie Schindler

Eine Schweigeminute für die im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge. In der Vorwoche war es Talkgast Harald Höppner, der diese vor laufender Kamera engagiert einforderte. Günther Jauch allerdings brach sie nach 37 Sekunden ab. Weil er überfordert war? Weil die Schweigeminute nicht in sein Konzept passte? Am Sonntagabend nun musste der Moderator erneut mit Mitmenschlichkeit zurechtkommen - und auch dieses Mal wusste er nicht, wie. Eingeladen war unter anderem Eva Mozes Kor zu einem Thema, das Günther Jauch lapidar so formulierte: "Was bringt ein Prozess gegen einen 93-jährigen SS-Greis?" Es ging um Oskar Gröning, der von 1942 bis 1944 als Buchhalter im Konzentrationslager Auschwitz tätig war. Er wird nun der Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen beschuldigt. Der Prozess gegen ihn hat vor wenigen Tagen in Lüneburg begonnen.

Jauch fremdelt und moderiert nicht

Eva Mozes Kor ist Auschwitz-Überlebende und Nebenklägerin im Gröning-Prozess. Und sie sagt, und das nicht nur am Sonntagabend bei Jauch: "Ich habe den Nazis vergeben." Vor Gericht habe sie ihm, Gröning, die Hand gereicht. "Es interessiert mich nicht, einen alten Mann ins Gefängnis zu bringen", stellte sie außerdem in der Talkrunde klar. Ihr Vorschlag: Gröning solle stattdessen beispielsweise an Schulen gehen und jungen Leuten nahebringen, welche Folgen der Nazismus habe und ihnen verdeutlichen, dass heutige und künftige Generationen nie wieder zulassen dürfen, was damals geschehen ist. Hierin würde ein großer Gewinn für die Gesellschaft liegen.

Überhaupt, was bringe es, ehemalige NS-Täter wieder und wieder zu beschuldigen? Sie verwies mehrmals darauf, dass "wir mit dem Anklagen aufhören müssen". Denn durch Anklagen könnten wir die Welt nicht verändern – wir hätten auch bisher nichts damit erreicht. Wir müssten vielmehr, so die 81-Jährige weiter, miteinander sprechen, wir seien schließlich alle Menschen. Die Opfer dürften außerdem nicht in ihrer Opferrolle bestärkt werden: "Die Opfer müssen geheilt werden, damit sie keine neuen Täter werden."

Was Eva Mozes Kor sagte und wie sie es sagte, hatte so viel menschliche Größe, wie man sie leider nur selten in solchen Gesprächsrunden antrifft. Jauch aber fremdelte damit und ließ all ihre Appelle ins Leere laufen. Und verwies zudem darauf, dass auch Eva Mozes Kor ihre Kritiker habe und nicht alle Holocaust-Überlebenden beziehungsweise ihre Angehörigen zur Vergebung in der Lage wären, und man das auch nicht verlangen könne. Kann man freilich nicht. Was man aber kann, und das wäre der Rolle eines Moderators entsprechend, man kann verlangen, dass er auf seine Gäste eingeht. Auch wenn ihm deren Geisteshaltung noch so unkonventionell erscheinen mag.

"Versagen der Justiz"

Mit den anderen Gästen hingegen hielt sich Jauch auf vertrautem Terrain auf. Die Journalistin Gisela Friedrichsen betonte: "Ich kann jeden Überlebenden verstehen, der sagt, ich möchte mit denen nichts zu tun haben." Bundesjustizminister Heiko Maas bekräftigte, Gröning habe kein Recht auf einen ruhigen Lebensabend. Für den SPD-Politiker stehe es außer Frage, dass der Prozess seine Berechtigung habe: "Für Gerechtigkeit darf es nie zu spät sein." Allerdings kritisierte er, dass der Prozess nicht schon viel früher stattgefunden habe - das Verfahren gegen Gröning wurde 1985 eingestellt und sollte eigentlich bereits 2005 wieder aufgenommen werden. Maas sprach von einem "Versagen der Justiz".

Der Historiker Michael Wolffsohn äußerte, er sei sehr skeptisch, "dass durch Recht Gerechtigkeit erreicht werden kann." Es gebe im Grunde keine angemessene Strafe für die "einzigartigen" NS-Verbrechen. Egal, wie viel Jahre Haft Gröning bekomme, ob drei oder zehn Jahre, das sei, so Wolffsohn, "läppisch" in Bezug auf die Anzahl der Opfer. Eva Mozes Kor, die sich alles angehört hatte, ohne zu unterbrechen, fasste schließlich zusammen: "Vergeben und Heilung hat hier auf diesem Podium keiner außer mir akzeptiert." Günther Jauch schaute sie daraufhin an. Und dann wieder weg.


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