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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Ein guter TV-Unfall - #schweigejauch

Gast Harald Höppner übernimmt einfach die Regie von Günther Jauchs Talkshow und ordnet eine Schweigeminute an. Das war anmaßend. Und richtig.

Von Lutz Kinkel

Nicht protokollgemäß: Günther Jauch und Harald Höppner

Nicht protokollgemäß: Günther Jauch und Harald Höppner

Es waren schon viele Worte über das Flüchtlingsdrama gewechselt, als Günther Jauch seinen Publikumsgast Harald Höppner aus Brandenburg aufrief. Klar, was nun hätte folgen sollen: Höppner hätte, angemessen betroffen aber auch angemessen freundlich, seine Aktion "Sea Watch" vorstellen sollen. Den Fischkutter, den er mit Privatmitteln umgebaut hat. Mit dem er künftig Flüchtlinge aus dem Mittelmeer ziehen will. Doch Höppner passte nicht ins Schema. Er war nicht betroffen und freundlich. Er war fassungslos und wütend. Und riss mit emotionaler Gewalt die Show an sich.

Verordnete Gästen und Publikum eine Schweigeminute für die 700 aktuellen Opfer unter den Flüchtlingen.

Klagte darüber, dass zu viel über Politik und zu wenig über Menschen gesprochen werde.

Verabschiedete sich mit dem Hinweis, dass zu viel geredet und zu wenig gehandelt werde.

Höppner und Haase - zwei Inititativen

Das ist natürlich einseitig und falsch, denn Politiker und Gesellschaft müssen reden und um Lösungen ringen. Emotional jedoch war Höppners Auftritt genau richtig. Es war, als würde die grausige Realität in das durchgestylte Gasometer einbrechen. Der Schock über das Flüchtlingsdrama stand Höppner ins Gesicht geschrieben, jeder seiner Sätze war ein Aufschrei, nun endlich etwas zu tun und das Sterben zu beenden. Und gerade weil er sich nicht protokollgemäß verhielt, weil er den kleinen TV-Skandal riskierte, hatte er die volle Aufmerksamkeit. Sofort begannen in den Sozialen Netzwerken die Debatten über seinen Auftritt. Und damit auch - was noch viel wichtiger ist - die Debatten über die Frage, wie wir, und zwar jeder Einzelne, mit der Flüchtlingsfrage umgehen. Das war Höppners erstes Verdienst.

Sein zweites Verdienst war, dass er so manch' Anderen sehr, sehr selbstsüchtig aussehen ließ. Allen voran Christian Haase, Sprecher der Bürgerinitiative Bautzen, die gegen den Ausbau eines Asylbewerberheims kämpft - obwohl der Ausländeranteil in diesem Landstrich noch unter zwei Prozent liegt. Es ist schwer erträglich, wohlgenährte Männer davon faseln zu hören, dass die Grenzen der Belastbarkeit längst erreicht seien. Noch viel weniger erträglich ist jedoch die Ideologie, die da mitschwingt. Bevor es in Deutschland zu einer nächtlichen Ruhestörung oder gar einem Ladendiebstahl kommt, lassen wir lieber ... ja, was? Flüchtlinge und Asylsuchende krepieren? Das ist die Konsequenz der vielen, vielen "Ich habe überhaupt nichts gegen Ausländer, aber..."-Rassisten. Denen zu Flüchtlingsströmen nicht mehr einfällt als die reflexhafte Verteidigung der eigenen Laube.

Auftritt HP Friedrich, CSU

Und dann gibt es auch noch die Politiker, die meinen, sie müssten auf diese Stimmung Rücksicht nehmen. Ex-Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) sprach von der jeweils ganz individuellen Fähigkeit und Bereitschaft zur Integration, die mit einzukalkulieren sei. Was nichts anderes als eine Einladung ist, möglichst laut und derbe zu protestieren, um sich Flüchtlinge vom Leib zu halten. Derselbe Hans-Peter Friedrich wird übrigens bei nächster Gelegenheit wieder über den Fachkräftemangel jammern oder die demografischen Probleme Deutschlands. Eigentlich müsste auch er verstehen, dass es nicht nur aus humanitären Gründen höchste Zeit ist, über eine neue Flüchtlings- und Einwanderungspolitik zu sprechen.