VG-Wort Pixel

Der Tropen-Trump Gewalt, Korruption, Corona: Brasilien leidet. Und Präsident Bolsonaro? Der hält sich für auserwählt

Bolsonaro in der Reporter-Menge
© Getty Images
Brasilien leidet. An Corona, Korruption, Gewalt. Mittendrin: Präsident Jair Bolsonaro, der das Virus verniedlicht, Folter verherrlicht. Und sich selbst für auserwählt hält.
Von Jan Christoph Wiechmann

Wenn er nun schon in Quarantäne sein muss, dann nutzt er sie eben, um der Welt zu erklären, wie harmlos dieses Coronavirus ist und wie wirkungsvoll das „Wundermittel“ Hydroxychloroquin und dass sich alle Brasilianer Schusswaffen zulegen sollten, und er wäre nicht Jair Bolsonaro, wenn er die Quarantäne nicht doch umgehen würde, auf dem Motorrad in der Nacht und beim Plausch mit Putzfrauen.

Wie sein Kumpel Donald Trump besitzt Brasiliens Präsident die Fähigkeit, jeden Tag etwas noch Skandalöseres von sich zu geben als zuvor. Er hat schon propagiert, dass Indigene „immer mehr zu Menschen wie wir werden“ und dass die Folterer der Militärdiktatur wahre Helden sind und dass er, hätte er einen schwulen Sohn, es vorzöge, „dass der bei einem Unfall stirbt“.

Graffiti von Bolsonaro und seinen Söhnen
Protest: Ein Graffito nennt die Bolsonaros „Familienmiliz“ – Eduardo, Vater und Präsident Jair, Flávio und Carlos (v.l.)
© AFP/Mauro Pimentel

Wie Trump ist Bolsonaro einer der Männer, von denen man glaubte, dass sie mit dem 21. Jahrhundert ausgestorben sind.

Aber jetzt, im Jahr 2020, sind sie alle gemeinsam an der Macht: Nationalist Trump und Nationalist Putin und Nationalist Modi und der Nationalist Bolsonaro – die vielleicht radikalste, gefährlichste Ausgabe des rechten Populismus.

Twitter und Instagram haben Botschaften des brasilianischen Präsidenten zu Covid-19 wegen Gefahr für die Allgemeinheit gelöscht. Die Justiz ermittelt gegen seinen ältesten Sohn wegen Geldwäsche, seinen zweiten wegen Diffamierung und gegen ihn selbst wegen Strafvereitelung im Amt.

Jair Bolsonaro in Quarantäne
In Quarantäne: Am 7. Juli ver­kündet der Präsident, dass er sich mit Covid-19 infiziert hat. Zwei Wochen ­später wünscht er auf Facebook wohlgemut „Bom dia a todos“
© facebook

Aber er ist immer noch Präsident des fünftgrößten Landes der Erde. Und damit Herr über ihren größten Schatz, den Regenwald des Amazonas, den er zu einer riesigen Ackerfläche machen will. Und über ein 213-Millionen-Volk, das wie kaum ein anderes vom Virus heimgesucht wird. Bisher sind etwa 90.000 Brasilianer an Covid-19 gestorben. Zu wenige halten sich an die Corona-Richtlinien, am allerwenigsten der Präsident selbst, der Hände schüttelt und auch als Infizierter noch Menschen ohne Maske gegenübertrat – und die Losung ausgegeben hat: „Sterben muss jeder mal.“

Eine Ein-Mann-Show gegen den Rest der Welt

Es wirkt oft wie eine Ein-Mann-Show gegen den Rest der Welt, gegen Wissenschaft, UN, Aufklärung, und wenn einer weiß, was diesen Mann antreibt, müsste es Silas Malafaia sein, sein Spiritus Rector.

Malafaia, 61, evangelikaler TV-Prediger, empfängt den stern nach dem Gottesdienst in seiner 10.000 Teilnehmer fassenden Megakirche in Rio de Janeiro zum Interview über Bolsonaro. Es ist noch die Zeit vor Corona. Er ist ein scharfsinniger Psychologe mit zurückgekämmten Haaren, der überbetont sanft spricht, verständnisvoll – und dann plötzlich zischt, fast bebt, vor allem, wenn es um Homo-Rechte geht und Feministinnen und die Feinde seines guten Freundes Jair, dessen Trauung mit seiner dritten Frau er persönlich vollzog.

Pastor Silas Malafaia
Evangelikaler: ­Silas Malafaia gilt als spiritueller Berater des ­Präsidenten. ­Seine Predigten werden via Social Media von Zehntausenden gehört
© AP

„Die Linke will ihn vernichten“, sagt er. „Bolsonaro ist ein rechtschaffener Mann, der beim Militär gelernt hat, worauf es ankommt: Gott, Familie, Heimat, Ordnung. Er ist einer, der es wagt, noch für die wahren Werte einzustehen.“

Malafaia gibt Interviews stets im Hinterzimmer seiner Kirche, die so groß ist wie ein Sportpalast. Klimaanlagen vertreiben die tropische Schwüle Rios, ein Stab von Assistenten kümmert sich um Getränke und das Make-up des Predigers, der durch die Abgaben seiner Mitglieder zum Multimillionär geworden ist.

Er sitzt da wie ein Monarch in seinem Reich und gibt eine Audienz.

„Ich habe Bolsonaro schon oft gesagt, er soll sich emotional etwas im Zaum halten. Er ist aufbrausend. Aber seine Haltung von Recht und Ordnung ist genau die, die dieses geschundene Land braucht. Gott hat ihn uns gegeben.“ Nachdem im Wahlkampf ein schweres Messerattentat auf Bolsonaro verübt worden war, war Malafaia einer der wenigen, die ihn im Krankenhaus besuchen durften. „Schau, was Gott gemacht hat“, sagte er zu ihm. „Man hat versucht dich zu erdolchen, und jetzt beschweren sich alle Kandidaten, dass du die Aufmerksamkeit der Medien bekommst.“

Mental noch immer im Kalten Krieg

Die beiden Freunde sitzen oft zusammen, beim Grillen, im Präsidentenpalast, in der Kirche, und stimmen sich ab – über Predigten an die Gemeinde und Predigten ans ganze Volk. Ihr Weltbild ist geprägt vom Kampf des Kalten Kriegs, Links gegen Rechts, Kommunisten gegen Militärs, von Zeiten, als man Schwarze noch Neger nennen durfte, von einer vergangenen Epoche der Caudillos und Juntas, in deren Geist sie fortleben. Einwanderer hält Bolsonaro für „Abschaum“. Die UN für einen „Haufen von Kommunisten“. Einer Kongressabgeordneten sagte er, sie sei es „nicht wert, vergewaltigt zu werden“ – „zu hässlich“.

Damit konfrontiert, sagt Malafaia, dass sein Freund verbal manchmal über das Ziel hinausschieße, aber im Kern die richtigen Dinge anspreche. Wenn er das Phänomen Bolsonaro beschreibt, klingt der Präsident wie Brasiliens Säuberer, Restaurator, Moralapostel.

Aber warum, fragen wir, muss er auch den Regenwald angreifen, den letzten großen Schatz des Planeten? „Wir lassen uns in den Amazonas nicht reinreden. Ihr habt eure Urwälder in Deutschland zerstört. Ihr habt uns nichts zu sagen“, redet sich Malafaia in Rage, und man hat den Eindruck: Für jede weitere Kritik wird er persönlich einen Hektar Regenwald mehr abholzen.

Bilder einer illegalen Mine im Regenwald Brasiliens
Raubbau: Bolsonaro forderte Holzfäller und Minenarbeiter auf, die Rohstoffe des Amazonas zu nutzen. So kommt das Virus auch in abgelegene Gebiete
© AFP

Zum Schluss klärt er den Reporter da­rüber auf, dass Angela Merkel große Fehler gemacht habe und Muslime Deutschland überlaufen würden. Er sagt es mit einer Gewissheit, als habe Gott ihm das persönlich gesteckt. Und dann empfängt er den nächsten Journalisten, aus Norwegen, um seine Botschaft in die Welt zu tragen.

Plötzlich Präsident

Jair Messias Bolsonaro, 65, kam über Umwege in die Politik. Nachdem der damalige Fallschirmjäger eine Haftstrafe wegen angeblicher Anschlagspläne gegen eine Militärkaserne gerade noch umgehen konnte, suchte er Immunität als Abgeordneter und wurde tatsächlich gewählt. 28 Jahre lang war er Hinterbänkler und sagte unbeachtet die radikalsten Dinge, bis Brasilien, seit 1990 eine stabile Demokratie, so sehr unter Korruption, Wirtschaftskrisen und Gewalt litt, dass es für seine Militanz empfänglich war.

Da wurde der Hauptmann der Reserve – einmal inhaftiert, dreimal verheiratet, fünfmaliger Vater – im Januar 2019 plötzlich Staatspräsident.

Jair Bolsonaro mit seiner Frau Michelle
Dritte Ehe: Am Frauentag am 8. März mit Ehefrau Michelle. Mit ihr hat er eine Tochter, ein Moment der Schwäche, wie er sagt
© REUTERS

Das Volk glaubt ihn zu kennen in seiner oft bombastischen, beleidigenden, meist direkten Art, ein Nachfahre von Italienern, einer, der gern mal Mussolini-Sprüche auf Facebook verbreitet. Aber dann, in einer vertraulichen Kabinettssitzung im Mai, die später dennoch veröffentlicht wurde, zeigte sich der vermeintliche Antikor­ruptionskämpfer von einer neuen, einer korrupten Seite: Zunächst beschimpfte er Politiker als „Hurensöhne“, „Kacke“ und „Mutterficker“, insgesamt 31 Mal. In solchen Momenten wirkt er wie ein Seelenverwandter von Trump, zerfressen von tiefem Hass, der sich impulsiv entlädt.

Dann schlug in derselben Sitzung sein Umweltminister Ricardo Salles vor, dass man die Corona-Krise als „Chance“ sehen solle, um heimlich „Umweltgesetze zu ändern“ und die Industrialisierung des Regenwalds voranzutreiben.

In beinah Orwell’scher Weise hat Bolsonaro einen Umweltminister ausgewählt, der es als Aufgabe sieht, die Umwelt zu zerstören. Und als Indigenenbeauftragte eine evangelikale Missionarin, die die Indigenen zum Christentum bekehren will. Und ansonsten zehn Militärs – fast die Hälfte der Regierung – und 2900 Soldaten in Behörden, als brauchte er schon jetzt ein Kriegskabinett.

Wasser predigen und Wein saufen

Aber dann folgte die größte Entlarvung der inzwischen berüchtigten Sitzung: In Anwesenheit seines Justizministers Sérgio Moro, Brasiliens Korruptionsjäger Nummer eins, sagte Bolsonaro, dass er den Polizeichef absetzen wolle, weil die Bundespolizei gegen seine, Bolsonaros, Söhne ermittele und „ich nicht warten werde, bis die meine Freunde und Familie ficken“.

Es war nicht weniger als der Versuch der Justizbehinderung, der vorerst letzte Hinweis auf eine veritable Bananenrepublik.

Sérgio Moro, 47, ist ein gedrungener Mann, in dessen fleischiges Gesicht sich tiefe Falten gegraben haben. Er wirkt immer leicht mürrisch und bürokratisch und hat eine überraschend hohe Stimme. Der stern sprach mit ihm zum ersten Mal vor zwei Jahren, als er als Richter den Ex-Präsidenten Lula da Silva wegen Korruption zu mehr als neun Jahren Haft verurteilte und für viele zum Helden des Landes wurde, ja ganz Lateinamerikas.

Moro verschanzte sich damals hinter hohen Aktenbergen, in denen er sämtliche Korruptionsfälle führte, gegen Unternehmer, linke Parteien, rechte Senatoren, gegen die versammelte Elite Brasiliens. „Das ist eine Lebensaufgabe“, erklärte er die historische Chance, dieses notorisch korrupte Land endlich in einen Rechtsstaat zu verwandeln.

Moro war so etwas wie der wichtigste Korruptionsjäger der Welt. Und für Bolsonaro eine Trophäe.

Der Präsident holte den Aufsteiger ins Kabinett. Doch Moro traf dort auf einen Mann, der, wie er bald feststellte, gar kein Interesse an dem Thema Korruption hatte. Oder, wie es Brasiliens Medien­imperium „O Globo“ analysiert: „Er will die Bundespolizei in eine persönliche Polizei verwandeln wie ein Diktator der Dritten Welt.“

Brasiliens Bauernfänger, Gefährder und Hochstapler

Nach der ominösen Kabinettssitzung trat Sérgio Moro zurück und führt seitdem einen Kleinkrieg mit dem Präsidenten. Wenn Malafaia für Bolsonaro der Hauptberater ist, dann ist Moro heute sein Hauptfeind – und ein möglicher Konkurrent bei den nächsten Wahlen. „Ich bin in die Bolsonaro-Regierung eingestiegen, um den Kampf gegen die Korruption zu stärken“, lässt er ausrichten. „Ich gab auf, als ich einsehen musste, dass ich auf dem Gebiet keine Fortschritte machen kann.“

Die Drohungen eines Militärputsches im eigenen Land aus Bolsonaros Lager hält Moro für „destabilisierend“, sagte er der „New York Times“ – „ausgerechnet während einer Pandemie. Verabscheuenswürdig.“ Wenn er das Phänomen Bolsonaro beschreibt, klingt der Präsident wie Brasiliens Hochstapler, Bauernfänger, Gefährder.

Wenn er nicht im Präsidentenpalast weilt, lebt Jair Bolsonaro wie alle reichen Brasilianer hinter Mauern und Stacheldraht, im Stadtteil Barra de Tijuca in Rio de Janeiro. Seine Villa liegt am Atlantikstrand inmitten einer geschlossenen Wohnanlage. Die weißen Bewohner hier leben dauerhaft wie im Ferienresort, mit Schwimmbädern, Tennisplätzen, Spielplätzen, bedient von schwarzen Hausangestellten (Monatsgehalt 200 Euro) und beschützt von schwarzen Sicherheitsleuten.

Es ist das Brasilien, an dem sich seit der Kolonialzeit nicht viel geändert hat.

Einwohner reinigen die öffentlichen Wege einer Favela
Nachbarschaftshilfe: Da die Regierung nichts unternimmt, reinigen Einwohner die öffentlichen Wege in der Favela Santa Marta in Rio de Janeiro eigenhändig
© ddp/ZUMA

Ab und zu versammeln sich vor dem Eingangstor Demonstranten, häufiger jedoch seine Anhänger, die Brasilien- Flaggen schwenken und Pistolenschüsse imitieren, das Markenzeichen des Präsidenten. Wer mit ihnen spricht, erfährt, dass sie alles Mögliche satthaben, die Krisen, die korrupten Politiker, die Verbrechensraten – und in vielem haben sie recht.

Brasiliens Revolutionär, Querschläger und Stachel

Die Frage ist – ähnlich wie in den USA –, warum sie in dem reichen Mann des Establishments ihren Heiland sehen?

Oseias Aceredo, 49, ein Krankenwagenfahrer, der selbst in einem Armenviertel lebt, sagt stellvertretend für viele, dass er Bolsonaro als Militär vertraue und seinen Mut bewundere, sich mit allen anzulegen, den Medien, dem Obersten Gericht, dem Zeitgeist, ja, der ganzen Welt. „Der geht vor keinem in die Knie.“

Wenn Aceredo das Phänomen Bolsonaro beschreibt, klingt der Präsident wie Brasiliens Revolutionär, Querschläger, Stachel. Brasilien ist so kaputt, dass es eines Terminators bedarf.

Bolsonaros Zustimmungsrate liegt trotz aller Skandale stabil bei 33 Prozent, unter Armen ist sie sogar gestiegen. „Er weiß, dass wir Armen in der Pandemie weiterarbeiten müssen, weil wir sonst verhungern“, sagt Aceredo und muss schnell zu einer Sonderschicht im Krankenhaus, um sein mickriges Gehalt aufzubessern.

Es waren die Reichen, die das Coronavirus aus Europa nach Brasilien einschleppten und sich dann ins Homeoffice und in Selbstisolation begaben. Und es sind die Armen, die außer Haus arbeiten müssen und sich anstecken, weil sie nicht eine Woche lang ohne Job überleben.

Nicht weit von Bolsonaros Villa, in der Favela Cidade de Deus, aus der viele Hausangestellte stammen, ist nach Untersuchungen des Instituts IBOPE fast ein Drittel der Bewohner mit dem Virus infiziert. Etwa 2,5 Millionen Brasilianer haben Corona offiziell, unter ihnen – schwer krank – auch die Großmutter von Bolsonaros Ehefrau Michelle. Aber der Präsident bleibt dabei: Es handele sich um „eine kleine Grippe“, eine „popelige Erkältung“. Dass er sie gerade gut überstanden hat, sei der beste Beweis.

Kinder im Bundesstaat ­Roraima
Warteschlange: Kinder im Bundesstaat ­Roraima, im ­äußersten Nordwesten des ­Landes, stehen an für Covid-19-Tests durch Militärärzte
© Xinhua / eyevine / laif

Eher Möchtegern-Mussolini als Tropen-Trump

Seine Frau Michelle, 38, einst seine Sekretärin, hat den Katholiken Bolsonaro zum „Evangélico“ bekehrt – eine auch politisch mächtige religiöse Gruppe, ohne die er nie Präsident geworden wäre.

Bolsonaros zweite Frau, eine damals mittellose Sekretärin, hat sich in den zehn Jahren an seiner Seite 14 Immobilien zugelegt, oft bar bezahlt – und keiner weiß, woher all das Geld gekommen ist. Wie auch bei Bolsonaro selbst, er soll etwa eine Million Euro besitzen, dazu Immobilien.

Sein ältester Sohn Flávio, 39, den er „01“ nennt, ist Senator im Kongress und soll nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft mehrere Hunderttausend Euro Schwarzgelder über seinen Fahrer, einen Freund seines Vaters, gewaschen haben.

Gegen Bolsonaros zweiten Sohn Carlos, 37, genannt „02“, Stadtabgeordneter in Rio, wird von der Bundespolizei gerade wegen Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung ermittelt, die mithilfe von Falschmeldungen Richter und Politiker bedroht und diffamiert haben soll.

Seinen dritten Sohn Eduardo, 36, „03“, Kongressabgeordneter ohne Erfahrung in der Außenpolitik, wollte Bolsonaro zum US-Botschafter machen – mit der Erklärung, er sei ein Freund der Familie Trump.

Man mag Trump Nepotismus vorwerfen, aber Bolsonaro hat sehr viel mehr Familienmitglieder in die Politik geholt. Trump mag eine Vorliebe für militärischen Pomp haben, aber er feuert nicht Anhänger an, die eine Militärdiktatur einfordern. Trump mag ein Rassist sein, aber er haut keine Sätze raus wie: „Meine Söhne werden keine Schwarze heiraten, dafür sind sie zu gut erzogen.“ Trump mag dem Wahlkampf zuliebe paramilitärische Sicherheitskräfte in die Städte schicken, aber er verkündet nicht, dass Verbrecher „sterben sollen wie Kakerlaken“. Im vergangenen Jahr tötete die Polizei allein in Rio 1814 Menschen, viele so brutal wie George Floyd, 78 Prozent von ihnen waren Schwarze. Wenn „Black Lives Matter“ irgendwo eine ganz besondere Berechtigung hat, dann in Brasilien.

Und Trump mag jedes zweite Umweltgesetz kippen, aber er rodet nicht die Wälder der Rocky Mountains und will keine Ureinwohner dezimieren. Bolsonaro sagte einst über Indigene: „Schade, dass die brasilianische Kavallerie nicht so effizient war wie die amerikanische. Die hat die Indios ausgelöscht.“

Vielleicht ist Bolsonaro nicht so sehr der „Tropen-Trump“, als der er gern bezeichnet wird. Vielleicht eher ein Möchtegern-Mussolini.

Brasiliens Verwüster, Zerstörer und Pychopath

Die Auswirkungen von 19 Monaten Bolsonaro spüren die Menschen 2500 Kilometer entfernt von Rio und 1200 von der Hauptstadt Brasilia. Dort, im östlichen Amazonas, im Reservat Praia Alta, verteidigen 13 Frauen eines Umweltkollektivs die letzten unberührten Hektar Urwald der Gegend.

Einige ihrer Mitstreiter sind ermordet worden, gegen andere gibt es zahlreiche Morddrohungen von Großgrundbesitzern und deren Handlangern, oft Polizisten. Als der stern die Frauen zuletzt besuchte, Ende 2019, waren die Drohungen gerade wieder sehr konkret. Nun, in der Pandemie, ist die Situation noch mal dramatischer geworden, erzählt Claudelice Santos, eine der Aktivistinnen, die jetzt für sechs Monat Zuflucht im Ausland erhält. „Die In­vasoren benutzen die Pandemie als Deckmantel für den Großangriff“, sagt sie am Telefon. „Jeder ist mit Covid-19 beschäftigt, also sorgen sie in dessen Schatten für klare Verhältnisse. In den staatlichen Umweltstellen hier sitzen jetzt Militärs, die die Rodung durchsetzen. Wir erleben die Militarisierung des Amazonas.“

Ganz in der Nähe wurden gerade 90 Hektar wertvollen Urwalds illegal gerodet, um sie in Weideflächen zu verwandeln. Im ganzen Amazonasbecken ist die Abholzung binnen zwei Jahren um 72 Prozent gestiegen. „Die Eindringlinge sagen uns ins Gesicht: Bolsonaro ist auf unserer Seite. Keiner wird uns stoppen“, sagt Santos.

Hinzu kommt, dass das Virus sich tatsächlich bis in den hintersten Winkel des Amazonas ausgebreitet hat. Claudelice Santos, Nachfahrin von Ureinwohnern, hat einige indigene Freunde bereits an Covid-19 verloren und beinahe auch ihren Bruder. Selbst im tiefsten Amazonas, im Vale do Javari, nahe Peru, wo die höchste Zahl Völker ohne Kontakt zur Außenwelt lebt, ist das Virus angekommen.

Ein Mitarbeiter der Indigenenbehörde Funai, der vor Ort arbeitet, sagt dem stern, dass mit Ausnahme der Korubo und Matis alle Völker bereits Corona haben, eingeschleppt von Goldschürfern und Holz­fällern. „Die Ureinwohner haben keine Antikörper. Das Virus kann hier besonders wüten. Ich darf das eigentlich nicht mitteilen, uns wurde ein Maulkorb verpasst, aber die Welt muss es erfahren.“

Auf tragische Weise könnte Bolsonaro seinen Willen bekommen: Indigene Völker werden so sehr dezimiert, dass einige womöglich ums blanke Überleben kämpfen. „Das Virus macht die Arbeit für ihn“, sagt Claudelice Santos. „Und er als Präsident lässt es geschehen.“

Wenn sie, die angehende Rechtsanwältin, das Phänomen Bolsonaro beschreibt, klingt der Präsident wie Brasiliens Zerstörer, Verwüster, Psychopath.

Und Schurke Nummer eins.

Mit der Hilfe unserer Leser unterstützen wir bereits Gesundheitsvorsorge am Amazonas und Nachbarschaftshilfe in Favelas. Bitte spenden Sie an: IBAN DE20 2007 0000 0469 9500 00 – BIC DEUTDEHH – Stichwort „Brasilien“; www.stiftungstern.de

Erschienen in stern 32/2020

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker