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Farc: Hoffnungsschimmer für Farc-Geiseln

In den Kampf um die Freilassung von Geiseln der kolumbianischen Rebellenorganisation Farc kommt Bewegung: Vier Politiker sollen in den nächsten Tagen freigelassen werden, hat Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner nach Gesprächen in Caracas gesagt. Zuvor war nur von dreien die Rede.

Die Bemühungen um die Freilassung weiterer Geiseln der kolumbianischen Farc-Rebellen kommen nach französischen Angaben voran. Dabei gehe es inzwischen um vier Politiker, die in den kommenden Tagen oder Wochen freikommen sollten, sagte Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner nach Gesprächen mit Venezuelas Präsidenten Hugo Chávez in Caracas. Bislang war von nur drei Gefangenen die Rede gewesen.

Im vergangenen Monat hatte Chávez die Freilassung von zwei Geiseln in Kolumbien vermittelt und anschließend eine Anerkennung der linksextremistischen Farc (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) als politische Kraft gefordert. Darüber ist zwischen ihm und Kolumbiens Präsident Alvaro Uribe ein Streit entbrannt. Die USA und die Europäische Union betrachten die Farc als Terror-Organisation.

Chávez hatte für kurz vor Weihnachten die langersehnte Freilassung verhandelt. Hubschrauber warteten und US-Regisseur Oliver Stone war eigens gekommen, um den emotionalen Moment filmisch festgehalten. In letzter Minute ließ die Guerilla den Deal platzen. Die kolumbianische Regierung hat Chávez inzwischen das Mandat für die Vermittlung entzogen.

Betancourt seit sechs Jahren in Händen der Farc

Die jüngste Entwicklung hat Hoffnungen auf die Übergabe weiterer Gefangener geweckt - darunter die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt - die die kolumbianische und französische Staatsbürgerschaft hat - sowie drei US-Auftragsarbeiter, die seit Jahren von den Rebellen im Dschungel gefangengehalten werden. Das letzte offizielle Lebenszeichen Betancourts war eine im Oktober vergangenen Jahres aufgetauchte Videobotschaft. Bei den anderen Geiseln, die freigelassen werden sollen, handelt es sich um Gloria Polanco, Luis Eladio Perez und Orlando Beltran.

Inzwischen ist Betancourt seit sechs Jahren in den Händen der Guerilla. Zusammen mit ihrer Wahlkampfhelferin Clara Rojas wollte Betancourt am 23. Februar 2002 an einer Kundgebung einer Menschenrechtsorganisation in der mitten im Guerillagebiet gelegenen Stadt San Vicente teilnehmen. Sie kamen nie am. Am letzten Kontrollposten wurde der Jeep gestoppt und die weißen Fahnen vom Fahrzeug gerissen. Die beiden Frauen wurden als lebendiges Faustpfand festgehalten. An ihre Freilassung knüpft die Farc Bedingungen: den Austausch mit Kämpfern, die in kolumbianischen Haftanstalten sind.

"Wir vegetieren wie lebende Tiere"

Clara Rojas und die ehemalige Abgeordnete Consuelo Gonzàlez kamen Anfang des Jahres in Freiheit. Jetzt warten alle auf Ingrid. Fünf Mal soll Betancourt versucht haben zu fliehen. Aber sie wurde immer wieder - oftmals erst nach Tagen - im unwegsamen Regenwald von ihren Peinigern aufgegriffen. Was folgte, waren harte Strafen. Auch die langen Märsche von einem Guerilla-Camp zum nächsten zehrten an den Kräften, wie Rojas berichtete. Betancourt soll mehrfach erkrankt und auch stark abgemagert sein. Sie selbst berichtete im Oktober 2007: "Wir vegetieren wie lebende Tiere." Das Haar sei ihr in Büscheln ausgefallen.

Vor allem ihre Familie kämpft seit Jahren um die Freilassung von Betancourt. Ihre in Bogotà lebende Mutter Yolanda Pulecio mobilisiert die Öffentlichkeit, wird von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und Brasiliens Staatsoberhaupt Luiz Inacio Lula da Silva empfangen. Regelmäßig wendet sie sich über den Sender Caracol an ihre Tochter. Sie hat die Hoffnung, dass Ingrid irgendwo im stickigen Dschungel die Worte der Mutter über einen Weltempfänger hören kann. Betancourts Kinder aus erster Ehe, inzwischen 19 und 22 Jahre alt, organisieren Mahnwachen und Solidaritätskomitee. Ihr Ehemann ließ zehntausende Flugblätter mit den Fotos von Lorenzo und Mélanie über unwegsame Gebiete im Süden Kolumbiens abwerfen.

Betancourt führte seit Jahren ein Leben in ständiger Bedrohung. "Angst gehört hier zur Politik, aber wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen", hatte sie einmal gesagt. Betancourt stammt aus einer angesehen Diplomatenfamilie und besitzt den kolumbianischen und französischen Pass. 1998 gründete sie die Partido Oxigenio Verde (Grüne Partei). "Die Korruption ist die Aids-Krankheit Kolumbiens", hieß einer ihren Slogans, als sie 1994 das erste Mal als Abgeordnete kandidierte.

Verfolgt, weil sie gegen die Korruption kämpfte

Als Senatorin und im Kongress deckte sie dann die Namen von fünf korrupten Politikern auf. Von da an begannen die Drohungen, die Anrufe mit Beleidigungen von Unbekannten. Betancourt konnte nicht mehr ins Kino gehen, ihr Telefon wurde abgehört. Ein Dutzend Bodyguards gehörte zu ihren ständigen Begleitern. Als sie erfuhr, dass Killer auf sie und ihre Kinder angesetzt waren, floh die Familie nach Neuseeland. Sie selbst kehrte schon nach wenigen Wochen zurück, ihre Kinder blieben länger. Ihr Leben zwischen Angst und Bedrohung schrieb Betancourt 2001 in der Autobiografie "Die Wut in meinem Herzen" nieder. Insgesamt werden rund 3.000 Geiseln in den Händen der Farc vermutet. Einige leben schon seit mehr als zehn Jahren in Gefangenschaft.

Die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) führen seit 40 Jahren einen Guerilla-Kampf. Unter dem Dach der Farc hatten Bauern in den 60er Jahren für Landreformen gekämpft. Inzwischen ist die Gruppe aber in den Drogenschmuggel verstrickt und versucht, über Geiselnahmen Lösegelder zu erpressen und politischen Einfluss zu gewinnen.

Lio/ DPA/ AP/ Reuters / AP / DPA / Reuters