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Exponentielles Wachstum Frankreich erneut im Würgegriff des Coronavirus - Macron schließt weiteren Lockdown nicht aus

Frankreich erlebt in diesen Tagen einen exponentiellen Anstieg der täglichen Corona-Neuinfektionen
Frankreich erlebt in diesen Tagen einen exponentiellen Anstieg der täglichen Corona-Neuinfektionen
© Julien Mattia/ / Picture Alliance
Am Samstag ist die Tour de France gestartet. Ausgerechnet jetzt, wo Frankreich ein Wiedererstarken des Coronavirus erlebt. Die täglichen Neuinfektionen liegen beinahe auf dem Stand vom März. Einen landesweiten Lockdown versucht die Regierung mit einer Reihe von Maßnahmen zu verhindern.

"Acces interdit" - Zutritt strengstens verboten. Mit riesigen, drei Meter hohen Wänden wurde am Samstag die Auftaktstation der Tour de France im Herzen von Nizza abgeschottet. Notgedrungen, denn das berühmte Rennen rollt in Zeiten von Corona durch Frankreich. Die Fahrer geben deshalb in diesem Jahr keine Autogramme und machen keine Selfies mit den Fans. Viele sind ohnehin nicht vor Ort, statt 5000 Zuschauer*innen tummeln sich nur jeweils 400 an Start- und Zielbereich.

Und dennoch: Dass die Tour de France in diesen Tagen überhaupt stattfindet, wenn auch nach zweimonatiger Verzögerung, ist ein Symbol. "Wir wollen der Welt ein Beispiel geben. Wir wollen zeigen, dass auch unter den Bedingungen der Pandemie solche Veranstaltungen möglich sind", erklärte Nizzas Bürgermeister Christian Estrosi.

Frankreich steckt tief in der Corona-Krise

Denn Frankreich erlebt in diesen Tagen ein Wiedererstarken des Coronavirus: Am Samstag hat das französische Gesundheitsministerium 5453 neue Corona-Infektionen binnen eines Tages registriert. Tags zuvor lag der Wert mit 7379 Neuinfektionen noch einmal deutlich höher und nur knapp vor dem Rekordhoch von 7.578 am 31. März. Die Gesamtzahl der Corona-Toten stieg auf 30.602 - damit ist Frankreich eines der am schwersten von der Corona-Pandemie betroffenen Länder in Europa. Die Zahlen steigen rasant: "Die Dynamik des Fortschreitens der Epidemie ist exponentiell", hieß es aus dem Gesundheitsministerium.

Die Regierung versucht nun mit einer Reihe von Maßnahmen, den Anstieg in den Griff zu bekommen. Seit Freitag gilt in Paris die Maskenpflicht auch unter freiem Himmel, nur beim Sport muss man keinen Mund-Nasen-Schutz tragen. In der Hafenstadt Marseille müssen Bars um spätestens 23 Uhr schließen. Die regionalen Einschränkungen dienen vor allem einem Ziel: einen zweiten, landesweiten Lockdown zu verhindern.

"Wir tun alles, um eine weitere Abriegelung und insbesondere eine landesweite Abriegelung zu vermeiden", sagte Präsident Emmanuel Macron am Freitag vor Journalisten. Er fügte jedoch hinzu, es sei gefährlich, jedes Szenario auszuschließen. Grenzschließungen will er aber auf jeden Fall vermeiden.

Am Dienstag öffnen die Schulen

Dass nun überhaupt die Möglichkeit eines erneuten Herunterfahrens des öffentlichen Lebens diskutiert wird, kommt für Frankreich zur Unzeit: Denn am Dienstag sollten die Schulen wieder öffnen, was weithin als ein großer Schritt zurück zur Normalität gesehen wird. Dann werden mehr als zwölf Millionen Kinder wieder zur Schule gehen, die meisten zum ersten Mal seit mehr als fünf Monaten.

Die Lage ist angespannt, aber nicht außer Kontrolle. So führte der rasche Anstieg der Fallzahlen noch nicht zu einem ähnlichen Anstieg der Krankenhauseinweisungen oder Todesfällen - ein Phänomen, das sich auch in Deutschland beobachten lässt. Die Zahl der Menschen, die sich mit Covid-19 in krankenhäuslicher Behandlung befanden, blieb mit 4535 unverändert, und die Zahl der Patient*innen auf Intensivstationen stieg um lediglich sechs auf 387.

Eine Ursache: Den Behörden zufolge breitet sich das Coronavirus nun verstärkt unter jüngeren Menschen aus, bei denen es weniger wahrscheinlich ist, dass sie schwere Symptome zeigen.

Corona-Infektionen sanken auf 115 Fälle pro Tag

Durch einen landesweiten Lockdown konnte Frankreich die Zahl der Neuinfektionen auf ein sehr niedriges Niveau drücken. Zwei Wochen nach dem Ende am 11. Mai sank die Zahl der täglichen Corona-Infektionen auf den Tiefstand von 115 und einen Sieben-Tage-Durchschnitt von 272. Doch als das Land nach und nach Restaurants, Museen und Einkaufszentren wieder öffnete, stieg die Zahl der bestätigten neuen Fälle bis Ende Juni auf rund 500 pro Tag. Diese Zahl verdoppelte sich bis Ende Juli auf etwa 1000 pro Tag, bis Mitte August fand eine erneute Verdopplung auf etwa 2000 statt. Die Zahlen stiegen in dieser Woche auf mehr als 5000 Fälle pro Tag.

Sollte alles gut gehen, werden die 22 teilnehmenden Teams der Tour de France am 20. September Paris erreichen. Ob die Fahrer jedoch von Zuschauermassen auf der Champs-Elysées begrüßt werden, das dürfte sich in den kommenden Wochen entscheiden.


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