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Die Serie zum Wettbewerb Er war der Erzähler im Moria-Video von Joko und Klaas: Was wurde aus Milad Ebrahimi?

Milad Ebrahimi, 21, ein Geflüchteter aus Afghanistan, beim stern-Interview auf Lesbos Ende April
Milad Ebrahimi, 21, beim stern-Interview auf Lesbos Ende April. Der junge Afghane lebt seit Januar 2020 im Lager auf der Insel und wartet auf eine Entscheidung über seinen Asylantrag.
© Julian Busch für den stern
Vergangenen September berichtete Milad Ebrahimi zur Prime Time auf Pro7 vom Elend der Geflüchteten auf der griechischen Insel Lesbos. 18 Millionen sahen das Video im TV und im Netz. Doch für den jungen Afghanen hat sich seither wenig geändert.
Von Franziska Grillmeier

Im September 2020 nutzten die beiden Moderatoren Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf 15 Minuten Prime Time Sendezeit, die sie in einer Gameshow im Fernsehsender Pro7 gewonnen hatten, um auf die verzweifelte Lage Tausender Geflüchterer auf der griechischen Insel Lesbos aufmerksam zu machen. Tage zuvor war das dortige Lager "Moria" fast vollständig von Feuern zerstört worden. Winterscheidts und Heufer-Umlaufs Film "A Short Story of Moria" nimmt am diesjährigen Nannen Preis Wettbewerb teil.

Vor drei Wochen sagte Milad Ebrahimi sich: „Es reicht. Es hat keinen Sinn mehr.“ Warum sollte er die Situation im Lager Moria auf der griechischen Insel Lesbos weiter mit der Handykamera dokumentieren, wenn seine Bilder doch nichts bewirkten? Er sprach mit einem Freund über seine Gedanken. Der sagte: „Hörst du auf, existierst du nicht mehr. Dann haben sie gewonnen.“

Es gab eine Zeit, sie liegt nicht lang zurück, da klang Milad Ebrahimi anders. „Ich bin Milad Ebrahimi, 21 Jahre alt, und ich komme aus Afghanistan“, sprach er damals in die Handykamera. „Seit neun Monaten lebe ich im Flüchtlingslager Moria auf der Insel Lesbos… Ändert die Zustände hier! Ändert die Situation!“

Eine Gruppe Geflüchteter flieht am 9. September 2020 aus dem brennenden Lager Moria auf der griechischen Ägäis-Insel Lesbos.
Eine Gruppe Geflüchteter flieht am 9. September 2020 aus dem brennenden Lager Moria auf der griechischen Ägäis-Insel Lesbos.
© Petros Giannakouris/AP/dpa

Die beiden Entertainer Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf unterlegten Ebrahimis Notruf mit dramatischer Musik, ergänzten Handyaufnahmen der katastrophalen Zustände in und um Moria. Von überladenen Schlauchbooten in Seenot, von Familien, die bei Nacht aus der brennenden Zeltstadt fliehen, von schreienden Kindern im Tränengasnebel. Dazwischen, immer wieder, die ruhige Stimme von Milad Ebrahimi: „Ist das Europa? Ist das die Wirklichkeit oder nur ein schlechter Traum?“

Ein Video verstärkt die Welle der Empörung

Kanpp eine Million Zuschauer sahen „A Short Story of Moria“ Mitte September 2020 auf Pro7. Mehr als 17 Millionen klickten den 15-minütigen Film im Netz an. #shortstoryofmoria gehörte tagelang zu den meistbenutzten Hashtags in der deutschsprachigen Twitter-Welt. Durch viele Städte des Landes zogen in diesen Tagen trotz Corona Demonstrationen in Solidarität mit den Geflüchteten. Das emotionale Zeugnis aus erster Hand, das „A Short Story of Moria“ transportierte, brachte diese in Deutschland nie dagewesene Welle der Empörung über das Elend an der griechischen EU-Außengrenze wie kein zweiter Medienbeitrag auf den Punkt. Und verstärkte sie weiter.

Doch heute, knapp acht Monate später, sitzt Milad Ebrahimi, der Erzähler des Films, immer noch auf Lesbos fest. Das alte, abgebrannte Lager haben die griechischen Behörden durch ein neues ersetzt, errichtet auf einem ehemaligen Schießübungsplatz des Militärs direkt an der Küste. Am Eingang stehen zwei Bereitschaftspolizisten mit Schutzschilden. „Die Mauern sind höher und unser Bewegungsradius noch kleiner als zuvor,“ sagt Ebrahimi über das neue Moria.

Hinter dem Lager am Ostrand der Insel kräuselt sich das Wasser der Ägäis. Manche Zelte stehen nur wenige Zentimeter vom Ufer entfernt. Wegen des ständigen Winds von See ist es hier trotz der Aprilsonne spürbar kälter als in der nahen Inselhauptstadt Mitilini. Ebrahimi zieht seinen Pullover enger. Zum Frühstück habe er eine Orange gegessen, sagt er. Das Stück Brot, das es außerdem gab, brachte er nicht herunter.

Zehn Männer auf engstem Raum, ohne Tür und Fenster

„Fast mein ganzes Leben spielt sich auf zweieinhalb Quadratmetern ab“, sagt der junge Afghane. Er zeigt auf das vorderste von drei großen Zelten neben einem Bagger. Hier lebt er zusammen mit zehn Männern in einem abgetrennten Raum. Es gibt keine Tür, die man schließen kann, und keine Fenster, durch die man frische Luft atmet. „Der Stress sammelt sich wie eine Faust im Bauch“, sagt er.

Eine Frau läuft mit ihren Kindern durch das Lager "Kara Tepe" auf der griechischen Insel Lesbos.
Eine Frau läuft mit ihren Kindern durch das Lager "Kara Tepe" auf der griechischen Insel Lesbos, das die griechischen Behörden als Ersatz für das vom Feuer zerstöre Lager Moria errichtet haben. Heute leben hier immer noch mehr als 6000 Geflüchtete.
© Panagiotis Balaskas/AP/dpa

Ebrahimis Blick schweift über das Gewusel im Lager. Mehr als sieben Monate nach dem Brand von Moria harren noch immer über 6000 Menschen hier aus. Ende März hob die letzte Maschine nach Deutschland ab. Als einer von wenigen EU-Staaten hatte die Bundesrepublik vergangenen Herbst zugesagt, zur Entlastung Griechenlands Menschen mit anerkanntem Fluchtstatus aus den dortigen Lagern aufzunehmen. Und zwar genau 1535. Ebrahimi war nicht unter ihnen, er wartet noch immer auf die Entscheidung über seinen Asylantrag. 16 Monate sind vergangen, seit er ihn kurz nach der Ankunft auf Lesbos bei den griechischen Behörden eingereicht hat.

Seither versucht er, seine Zeit möglichst sinnvoll zu nutzen, indem er die ausweglose Lage der Geflüchteten mit der Handykamera dokumentiert. Als Mitglied der Filmschule „Refocus Media Labs“ liefert er Bilder an internationale Medien, wenn die griechische Regierung Reporter:innen den Zugang verwehrt. Oft darf über Wochen kein Journalist ins Lager.

Die Stimme der Gestrandeten

Dann interviewt Ebrahimi Campbewohner:innen, die davon erzählen, wie man sich an einem Ort einrichtet, der einen nicht ankommen lässt. Was es heißt, wenn jedes Lichterflackern einen an vergangene Feuer erinnert, wie sie sich fühlen, wenn die Scheinwerfer der Lagerwachen nachts die Zeltreihen abtasten und sie sich schämen, ihren Kindern nicht den Frieden geben zu können, für den sie ihre Heimat verlassen haben.

„Ohne Stimme“ sollten die Menschen hier bleiben, sagt Ebrahimi. Weil er sich damit nicht abfinden will, ist er als Geflüchteter selbst zum Chronisten der Fluchtkrise geworden. Zur Stimme der Gestrandeten.

Milad Ebrahimi ist ein zierlicher Mann mit dunklem, lockigen Haar. Immer wieder vergräbt er den Kopf in den Händen und streicht sich über die Stirn, als wolle er seine Gedanken mit der Hand sortieren. Wenn er über seinen Alltag im Lager spricht, macht er viele Pausen. Als wollte er die Bilder in seinem Kopf erst noch einmal abtasten, bevor er sie beschreibt.

Von einem Hügel blickt Milad Ebrahimi auf die Zeltreihen des neuen Lagers für Geflüchtete auf Lesbos.
Von einem Hügel blickt Milad Ebrahimi auf die Zeltreihen des neuen Lagers für Geflüchtete auf Lesbos. Seit 16 Monaten wartet der junge Afghane hier auf eine Entscheidung über seinen Asylantrag.
© Julian Busch für den stern

Seine Frustration von vor drei Wochen hat er inzwischen überwunden. Er will nicht davon ablassen, an die menschenunwürdigen Zustände zu erinnern, unter denen er und Tausende anderer Geflüchteter leben müssen. Es sei ihm egal, sagt er im Gespräch mit dem stern, wie viele Filme er noch drehen, wie viele Interviews er noch führen müsse. Auch wenn nur noch eine letzte Person in einem der Zelte sitze, werde er nachts auf den Hügel über dem Lager gehen und ein weiteres Video aufnehmen. „Ich weiß, was die Menschen hier fühlen, denn ich bin einer von ihnen“, sagt er. „Ich will, dass sie es aus dem Lager herausschaffen.“

Ringen um ein Stückchen Hoffnung

Auch für sich selbst hat er schon einen Plan. Milad Ebrahimi möchte Informatik studieren. Am liebsten in Deutschland, denn dort hat er Verwandte. Im Iran, wo er als Sohn geflüchteter Eltern aufwuchs, war ihm der Zugang zur Universität verwehrt.

„Das Erste, was nach der Ankunft auf Lesbos stirbt, ist die Gewissheit, irgendwo anzukommen“, sagt Milad Ebrahimi. Trotzdem beharrt er auf ein Stückchen Hoffnung für sich und die anderen Gestrandeten von Moria. Seit dem Brand vor über sieben Monaten hat er seine Haare nicht geschnitten. „Das tue ich erst wieder, wenn ich das Lager endlich verlassen kann.“

Qualitätsjournalismus – wie wird der heutzutage eigentlich gemacht? Wie kommt ein Thema auf? Welche Quellen nutzen Reporter*innen für ihre Recherche? Welche Möglichkeiten bieten neue und traditionelle Medien? Welche Rolle spielt die Presse für eine lebendige, demokratische Gesellschaft? Um diese und andere Fragen zum modernen Journalismus kreist unsere neue Serie zum Wettbewerb um den Nannen Preis 2021, den der stern und das Verlagshaus Gruner + Jahr ausrichten. Im Lauf der kommenden Wochen werden wir hier eine Reihe journalistischer Arbeiten aus dem aktuellen Wettbewerb um die renommierteste Auszeichnung für deutschsprachigen Journalismus näher beleuchten.

Die Auswahl der Arbeiten, auf die wir an dieser Stelle in loser Folge eingehen, ist gänzlich unabhängig von der Arbeit der Jurys, die in geheimen Beratungen die Preisträger küren. Hier geht es nicht um die Frage: Welche Arbeit macht das Rennen? Sondern darum Sie, unser Publikum, teilhaben zu lassen an der beeindruckenden Vielfalt journalistischer Kreativität, die sich in den Einreichungen zum Nannen Preis 2021 zeigt.
Die anderen Folgen unserer Serie zu Arbeiten aus dem aktuellen Wettbewerb und weitere interessante Artikel rund um den Nannen Preis finden sie hier.
Ihr Nannen Preis Team

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