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Herausragendes Beispiel unterhaltsamer, humorvoller Berichterstattung: Kolumne: Unsere Besten

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Erschienen in SZ MAGAZIN 2005

Kurt Kister

Unsere Besten: Kurt Kister über das Personal der Berliner Republik - Ausgewählte Texte


Diese Woche: Jürgen Trittin, Bundesumweltminister

Es gibt Dinge, die möchte man nie erleben. Mit Helmut Kohl in einer Zwei-Mann-Sauna sitzen, an Bärbel Höhns Bett gefesselt werden oder mit Jürgen Trittin zwei Wochen segeln gehen. Trittin ist im zwischenmenschlichen Verhalten eine Mischung aus Rudolf Scharping, Otto Schily und Dschingis Khan. Wenn man Leute anruft und mit ihnen über den Menschen Trittin sprechen möchte, dann sagen sie, sie könnten wohl über Trittin etwas sagen, nichts aber über den Menschen Trittin. Joschka Fischer sagt über Trittin nur: « Ach, der Jürgen. » Fest steht, dass Trittin fast zwei Meter groß ist, Kommunist war und lange einen Schurbart getragen hat. Beim politischen Gegner ist Trittin ungefähr so beliebt wie Guido Westerwelle bei den Grünen. Die meisten grünen halten Trittin für einen politischen Gegner. Früher sind die Grünen in drei Flügel zerfallen: die Realos, die Fundis und Jürgen Trittin. Heute sind es immer noch drei Flügel: die Realos, Christian Ströbele und Jürgen Trittin. Unter unvoreingenommenen Analytikern, die es in Berlin nicht gibt, gilt Trittin als effizienter Ideologiepragmatiker. Das bedeutet, dass er immer das tut, was ihm am meisten nützt. Viele Grüne träumen von einer Zukunft ohne Trittin, so wie sie von einer Zukunft ohne Atomkraftwerke träumen. Allerdings haben Trittin und ein Atommeiler gemeinsam, dass sie nur ganz langsam rückbaubar sind.

Diese Woche: Hans Martin Bury, Staatsminister im Auswärtigen Amt

Irgendwer, es könnte Joschka Fischer gewesen sein, hat mal gesagt, die überflüssigsten Posten in der Bundesregierung seien die beiden Staatsminister im Auswärtigen Amt. Hans Martin Bury hat die Hälfte dieser Posten inne. Weil die Diplomaten wahnsinnig ehrpopelig sind, heißen die parlamentarischen Staatssekretäre bei ihnen Staatsminister. Bury wurde für die SPD 1990 mit 24 als jüngster Abgeordneter in den Bundestag gewählt. Seitdem ist er in erster Linie älter geworden. Vor ein paar Wochen hat er daraus Konsequenzen gezogen und angekündigt, dass er bei der nächsten Wahl nicht mehr kandidieren will. Das ist löblich, hat aber für die meisten anderen Parlamentarier – wir denken da speziell an Friedbert Pflüger und Petra Pau – leider keinen Vorbildcharakter. Was Bury genau im AA macht, weiß man nicht. Er ist für Europa zuständig, aber das sind wir ja eigentlich alle. Vorher war Bury schon drei Jahre Staatsminister im Kanzleramt, wo man auch nicht wusste, was er genau machte. Was man genau weiß, ist, dass Bury als Staatsminister 10 336,99 Euro verdient und als Abgeordneter noch man 3762 Euro. Das ist in richtigem Geld 28 000 Mark im Monat, brutto natürlich. Es gibt etliche Menschen in Berlin, die von Joschka Fischer genauso ignoriert werden wie Bury, dafür aber deutlich weniger verdienen.

Diese Woche: Gerhard Schröder, Bundeskanzler

Wir wollen niemals Auseinander Gehen, hat Heidi Brühl 1960 gesungen. Und jetzt geht er einfach. Weg. Fort. Zu Doris. Und Klara. Und Viktoria. Und Holly. Eine Journalistin mit großen Zähnen, zwei Beutetöchter und ein Borderterrier. Will man das wirklich als Mann, der Brioni geraucht und Cohiba getragen hat? Will er in der Küche sitzen und abends einen Bildband mit Werken seines Lieblingsmalers Bruno Banani studieren, statt Bush zu sekkieren und Merkel zu beleidigen? Und Deutschland? Was soll aus Deutschland werden? Nächste Woche stellt er die Vertrauensfrage. Natürlich vertraut ihm eigentlich niemand mehr, außer seine Tochter Viktoria und Otto Schily vielleicht. Er will jedenfalls nicht vom Hof gejagt werden, hat er mal gesagt. Das war 2002, als er unbedingt noch mal die Wahl gewinnen wollte. Dann hat er die Flut verursacht und die Amerikaner in den Irakkrieg getrieben. Allerdings hatte er damals weder Viktoria noch Holly. Aber schade ist es schon auch, dass er jetzt geht. Gab immer guten Wein bei ihm. War ein Genuss, ihm zuzuhören, wenn er über Heinrich den Löwen vortrug. Hat wunderbar über alle Politiker und Journalisten hergezogen. Konnte ganz laut lachen, manchmal auch über sich selbst. Die andere kann nicht lachen. Schon gar nicht über sich selbst. Und den Wein von Chirac kriegt man bei ihr auch nicht zu trinken. Den gibt sie wahrscheinlich Guido. Ist alles sehr traurig.

Diese Woche: Angela Merkel, Kanzlerkandidatin der CDU/CSU

Schwer zu sagen, wer in der Welt mehr Schaden angerichtet hat: Physiker oder Juristen. Letztere rechtfertigen jede denkbare Herrschaftsform mit ihren Gesetzen, Erstere haben die Atombombe erfunden. Gerhard Schröder ist Jurist, Angela Merkel ist Physikerin. Zwar konnte sie die Atombombe nicht mehr erfinden, aber immerhin Horst Köhler. Schröder hat ziemlich viel Schaden angerichtet, Merkel hatte außerhalb der CDU noch nicht so viel Gelegenheit dazu. Im Moment sieht es so aus, als werde sie diese Gelegenheit bekommen. Ein Hindernis auf diesem Weg sind die Physiker Lafontaine und der Jurist Gysi, welche die These bestätigen, dass es nichts Schlimmeres gibt, als wenn Physiker und Juristen gemeinsam nach Höherem streben (gilt auch für Merken/Stoiber sowie, noch übler, für Merkel/Westerwelle). Menschlich gesehen hat Merkel genauso blaue Augen wie Schröder. Außerdem färbt sie ihre Haare blond, was Schröder nie getan hat. Menschen, die Angela Merkel besser kennen, sagen, sie sei gar nicht so schlimm, wie es sie sagen, die sie gut kennen. Friedrich Merz, Wolfgang Schäuble und Horst Seehofer kennen Merkel gut. Als man Merkel in kleiner Runde einmal vorhielt, dass Männerleichen ihren Weg pflasterten, lachte sie. Man wusste nicht genau, ob über die Behauptung oder über die Leichen. Wenn man einen Termin bei Merkel hat, schaut sie gern auf die Uhr. Wahrscheinlich befürchtet sie, dass sich der große Zeiger dem kleinen Zeiger zu sehr annähert und die beiden dann etwas verabreden könnten, um ihr zu schaden.

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