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Historie: "Alles auf Erden soll untergehen"

Ob an Oder, Elbe oder Rhein: Immer wieder wurden die Menschen von Sintfluten biblischen Ausmaßes heimgesucht.

Ein Monat und 660 Jahre liegen zwischen den beiden Ereignissen. Beim ersten herrschte Kaiser Ludwig IV. im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, beim zweiten regiert Kanzler Gerhard Schröder das Land der Deutschen - doch sonst gleichen sich die Szenen auf verblüffend erschreckende Weise.

"Flüsschen, die Müglitz, Weißeritz oder Prießnitz heißen, werden zu Monstern, die Häuser und Brücken niederwalzen oder auseinander reißen - sodass sie aussehen wie zerschnittene Puppenhäuser...Gotteshäuser sind Zufluchtstätten. ,Geht hinein, da ist noch Platz", sagt der Kantor der Frauenkirche. Und alle folgen, denn um sie herum ist nun der Fluss. So berichteten Reporter aktuell von der Hochwasserkatastrophe an Elbe und Donau im August des Jahres 2002. Und so schilderten Chronisten die große Flut im Juli 1342, die als "Magdalenenhochwasser" in die Geschichte eingegangen ist: "Es schien, als ob das Wasser von überallher hervorsprudelte, sogar aus den Gipfeln der Berge. Donau, Rhein und Main trugen Türme, sogar feste Stadtmauern, Brücken, Häuser und die Bollwerke der Städte davon...über die Mauern der Stadt Köln fuhr man mit Kähnen, und es fiel Regen auf die Erde wie im 600. Jahr von Noahs Leben."

Sintfluten biblischen Ausmaßes haben in den vergangenen tausend Jahren immer wieder Land und Leute an den deutschen Urströmen Elbe, Weser und Oder, Donau und Rhein heimgesucht. Chroniken belegen die Desaster und die Verwüstungen - und die Angst und Ohnmacht der Menschen vor der Natur und höheren Gewalten um.

Köln und Dresden besonders häufig unter Wasser

Eine der frühesten Katastrophennachrichten stammt aus dem Jahr 1012. "In jener Zeit trat die Donau über ihre Ufer und der Rhein ebenfalls. So kam eine unzählbare Menge Menschen und Vieh um", und "die Gewalt der Fluten", so heißt es in der hochdeutschen Übersetzung des mittelalterlichen Berichts lapidar, habe Bauwerke und Wälder zerstört. Im Laufe der Geschichte wurden Köln und Dresden besonders häufig unter Wasser gesetzt. In der Domstadt stieg im Februar 1784 der Flutpegel auf die heute noch gültige Rekordmarke von 13,55 Metern. Tausend Menschen kamen

Gut 60 Jahre später, im März 1845, strömte die Elbe mit Urgewalt durch die Dresdner Innenstadt. Zeitgenössischen Schilderungen von damals ähneln den Katastrophenberichten von heute: "Der Fluss führte ungeheure Massen von Holz und Hausgerät, sogar noch vollständige Häuser mit sich." Der fünfte Pfeiler der Augustusbrücke brach unter dem Druck der tosenden Wassermassen. Ein viereinhalb Meter hohes, vergoldetes Kruzifix wurde mitgerissen und fortgespült und ist nie wieder aufgetaucht. Die gewaltige Flut spülte auf dem Eliasfriedhof sogar die Toten aus ihren Gräbern. Einer der Augenzeugen der Sintflut an der Elbe war der Arzt und Maler Gustav Carus, ein Freund Goethes. Er schrieb: "Die hochaufrauschenden, trübgelben, mit Eisschollen gemischten Wogen...bildeten eine schwindelerregend rasch dahinziehende, weite und breite tosende Fläche, die alles mit sich hinfortschwemmte."

"Eine Skatspielergesellschaft ertrank am Spieltisch"

Im Juli des Jahres 1927 berichtete eine Anna Jessen aus Glashütte ihren Verwandten in Norddeutschland von einer großen Flut in Sachsen und Thüringen: "Das Wasser kam so plötzlich und mit so furchtbarer Gewalt, alles mit sich reißend: Häuser, Menschen und Tiere, riesengroße Bäume und Eisenbahnwagen...In dem benachbarten Städchen Berggießhügel sind 82 Menschen ums Leben gekommen und 17 Häuser völlig verschwunden...Eine Skatspielergesellschaft ertrank sogar am Spieltisch..."

Vor der Urgewalt der Fluten suchten zu allen Zeiten fromme Christen und zu Tode verängstigte Menschen Schutz in den Kirchen. Hier glaubten sie vor der Strafe Gottes sicherer zu sein, denn der hatte am Anfang der Zeit, ob der Bosheit der von ihm geschaffenen Menschen, schon einmal gezürnt und gesprochen: "Denn siehe, ich will eine Sintflut kommen lassen auf Erden, zu verderben alles Fleisch, darin Odem des Lebens ist, unter dem Himmel. Alles, was auf Erden ist, soll untergehen." (1. Mose, 6,17). Ungläubige analysieren die Gründe der verheerenden Hochwasserkatastrophen dagegen ziemlich banal und zynisch zugleich: Es regne eben manchmal viel - und die Menschen hätten zu nahe am Wasser gebaut. Meteorologen und Klimaforscher glauben Beweise dafür zu haben, dass die zunehmende Frequenz der sintflutartigen Unwetter von Menschen verursacht wird: Vor allem Treibhauseffekt und Klimaerwärmung seien schuld an den Naturkatastrophen.

Tatsächlich ist in Deutschland die Anzahl der Hochwasserfälle im Vergleich zu den vorangegangenen Jahrhunderten deutlich gestiegen: So haben sich etwa in Oberbayern die Starkniederschläge verdoppelt. Seit Kriegsende wurden bereits 40 große Überschwemmungen in Deutschland registriert. Allein in den vergangenen zehn Jahren brachte ein halbes Dutzend besonders schwerer Hochwasserkatastrophen Tod und Vernichtung. Der volkswirtschaftliche Schaden wird auf rund 30 Milliarden Euro geschätzt.

Drama mit dem gleichen Drehbuch

Das Drama spielt sich offenbar immer nach dem gleichen Drehbuch ab: Schlechtwetterfronten, meist atlantische Tiefausläufer, überqueren Europa. Es regnet ungewöhnlich stark, tage- und wochenlang. Die Böden saugen sich voll, die Wassermassen laufen in tieferliegende Gebiete. Aus begradigten Flüssen, Bächen und Rinnsalen werden reißende Ströme, die Dörfer und Städte überschwemmen.

Wie bei der ersten Flutkatastrophe des vergangenen Jahrzehnts, dem "Weihnachtshochwasser 1993". Im Einzugsbereich von Rhein, Mosel, Main und Neckar regnete es ununterbrochen. Kurz vor Weihnachten stieg der Hochwasserpegel in Köln auf die Marke von 10,63 Meter. Eine schlammige Brühe ergoss sich in mehrere tausend Gebäude in der Altstadt und den südlichen Vororten. 25000 Menschen mussten in höhere Stockwerke flüchten oder ihre Häuser vorübergehend verlassen. Nur 13 Monate später, im Januar 1995, folgte die nächste Flut im selben Gebiet. Wieder regnete es Tag und Nacht, und orkanartige Stürme mit Spitzengeschwindigkeiten bis zu 150 Stundenkilometern schoben lange Hochwasserwellen über die Flüsse in Westdeutschland.

Idyllische Flüsse als todbringende Ströme

Nicht nur der Rhein, idyllische Flüsse in ganz Deutschland verwandelten sich in todbringende Ströme: In der Nahe bei Bad Kreuznach ertrank ein 81-jähriger Mann; in der Lauter bei Stuttgart kam ein 19-jähriger Naturschützer um; ein dreijähriger Junge starb in einem reißenden Bach bei Höxter.

Im Sommer 1997 verursachte eine typische, dramatische Wetterfront nach Diagnose von Wissenschaftlern der Universität Marburg die "Jahrtausendflut" an der Oder: Feuchtwarme Luftmassen aus dem Osten seien auf ein kaltes Tiefdruckgebiet über Süddeutschland gestoßen und hätten "tagelang andauernde, großflächige, ergiebige Niederschläge" ausgelöst. Elbe und Oder traten über die Ufer. Am 13. Juli erreichte eine gigantische, langanhaltende Welle das polnische Breslau und das deutsche Brandenburg. Am Oderbruch, zwischen dem Oderberg und der Mündung der Warthe, brachen einige Deiche. In wenigen Stunden standen 50 Quadratkilometer Land unter Wasser.

Die ganz große Katastrophe

20000 Menschen waren gefährdet. 45000 Hilfskräfte, vor allem Bundeswehrsoldaten, kämpften gegen das Wasser. Bei Hohenwutzen rutschte der Deich unter den Gummistiefeln der Helfer weg. Doch Tausende von Soldaten schichteten Hunderttausende von Sandsäcken auf und verhinderten so an dieser strategisch wichtigen Stelle den endgültigen Deichbruch - und damit die ganz große Katastrophe. Nur Teile von Frankfurt/Oder und Eisenhüttenstadt und sechs Dörfer wurden überschwemmt. Der Kampf gegen die Oderflut ist auch als emotionales Gemeinschaftserlebnis von Ossis und Wessis in die jüngere deutsche Geschichte eingegangen. Während auf deutscher Seite das Schlimmste verhindert werden konnte, wurden auf der Ostseite der Oder in Tschechien und Polen riesige Landstriche überschwemmt. Hunderte von Städten und Dörfern standen unter Wasser. Mehr als 100 Menschen kamen um.

In Deutschland herrschte danach nur 15 Monate lang Ruhe an der Wasserfront. Dann, im November 1998, fielen wieder sintflutartige Regenfälle, und orkanartige Stürme rasten über das Ruhrgebiet und Südwestdeutschland. Der Kölner Rheinpegel kletterte auf 9,49 Meter. Die Mosel trat über die Ufer. In den Straßen von Baden-Baden stand das Wasser meterhoch. Und im Frühjahr 1999 hieß es erneut am Oberrhein Land unter. Zehntausende von Anwohnern entkamen nur knapp einer Katastrophe, als die Innenstädte von Basel und Speyer überflutet wurden. Am Oberrhein rächen sich am auffälligsten die Sünden, die Menschen dem Fluss angetan haben. Begradigungen, Kanalisierungen, der Umbau zur schnellen Wasserstraße haben den Auslauf des Wassers dramatisch verringert und die Strömungsgeschwindigkeit mehr als verdoppelt. Allein zwischen Basel und Iffezheim ist durch den Bau von zehn Wasserkraftwerken eine Überschwemmungsfläche von 130 Quadratkilometern verloren gegangen. Nun wälzt sich Vater Rhein fast jedes Jahr aus seinem zu schmal gewordenen Bett. Vorerst zum letzten Mal im März 2001.

Wolken wie Wasserballons

Im August dieses Jahres braute sich dann das größte Unwetter aller Zeiten in Deutschland zusammen. Im Süden und Südosten pladderte der Regen tagelang auf Städte, Landstriche und Flüsse. Ganze Städte an Donau und Elbe, Regensburg und Passau, Dresden und Magdeburg, tauchten tagelang im endlosen grauen Regen unter. Über dem Erzgebirge platzten prallvolle Wolken wie gigantische Wasserballons.

An einem einzigen Augusttag ergossen sich auf jeden einzelnen Quadratmeter des Örtchens Zinnwald 312 Liter ein Tag später waren es laut Kachelmann sogar 406 Liter Regen - damit wurde der deutsche Niederschlagsrekord aus dem Jahre 1954 um 52 Liter übertroffen. Die Wassermassen wälzten sich in die Flussniederungen. Die größte Hochwasserkatastrophe des Landes hatte begonnen.

Jürgen Petschull / print