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Neonazi-Anschläge: Erhöhte Sicherheitsvorkehrungen auf dem Oktoberfest

Nach dem vereitelten Neonazi-Attentat in München ist die Angst vor weiteren möglichen Anschlägen groß. Das am 21. September startende Oktoberfest wird nach Auskunft von Bayerns Innenminister Beckstein auf "höchstem Sicherheitsniveau" stattfinden.

Nach dem vereitelten Neonazi-Anschlag in München wird die Video-Überwachung des bevorstehenden Oktoberfestes verschärft. Das kündigte Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) am Freitag in München an. Das Oktoberfest werde "auf höchstem Sicherheitsniveau" stattfinden. 1980 hatte ein Neonazi auf dem Oktoberfest einen Bombenanschlag verübt, bei dem 13 Menschen starben. Die Polizei konnte nicht klären, ob Rechtsextremisten die Hintermänner waren. Die "Wiesn" beginnt am 21. September.

Neonazis hatten möglicherweise weitere Anschläge geplant

Neben einem Bombenanschlag auf die geplante neue Münchner Synagoge haben die festgenommenen Neonazis möglicherweise weitere Anschläge geplant. Das teilte die Bundesanwaltschaft am Freitag in Karlsruhe mit. Es sei noch unklar, ob sich das in München beabsichtigte Attentat gegen das Gelände der neuen Synagoge oder direkt gegen den Festakt zur Grundsteinlegung mit Bundespräsident Johannes Rau gerichtet habe - mit einer dann möglicherweise hohen Zahl von Opfern. Die Anschlagspläne wurden in der Öffentlichkeit mit größtem Entsetzen aufgenommen..

"Ich sehe mich in meiner Einschätzung bestätigt, dass wir die Gefahr aus dem rechtsextremistischen Bereich äußerst ernst nehmen müssen", sagte Bundesinnenminister Otto Schily (SPD). Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber forderte eine harte und abschreckende Bestrafung der Beschuldigten. "Die bayerischen Bürger verabscheuen diese geplante Wahnsinnstat", sagte der CSU-Chef. Der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, rief zu anhaltender Wachsamkeit gegenüber Rechtsradikalismus und Antisemitismus auf.

Noch keine Anhaltspunkte für Oktoberfest als Anschlagsziel

Die Sprecherin der Bundesanwaltschaft, Frauke-Katrin Scheuten, sagte: "Es gibt Hinweise, dass die Beschuldigten verschiedene Anschlagsziele im Visier hatten." Für einen möglichen Anschlag auf das diesjährige Münchner Oktoberfest gebe es aber keine Anhaltspunkte.

Insgesamt neun Neonazis stehen nach Angaben der Bundesanwaltschaft in Verdacht, "sich vor dem Hintergrund einer gemeinsamen rechtsradikalen Einstellung zu einer terroristischen Vereinigung zusammengeschlossen zu haben". Ihr Ziel sei die Begehung von Sprengstoffanschlägen und schweren Gewalttaten gewesen. Das Amtsgericht München habe sieben Haftbefehle erlassen, zwei weitere Beschuldigte sollten noch am Freitag dem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs vorgeführt worden.

Die Präsidentin der Jüdischen Gemeinde in München, Charlotte Knobloch, sagte: "Die Auswirkungen eines Sprengstoff-Anschlages während der Grundsteinlegung am 9. November wären unvorstellbar gewesen." Knobloch zeigte sich tief bestürzt über die "neue Dimension des Terrors". Es sei bitter, dass Juden in Deutschland immer noch nicht frei von Angst leben könnten: "65 Jahre nach der Zerstörung der Hauptsynagoge durch die Nationalsozialisten wollten Neonazis erneut ein Zentrum jüdischen Lebens in München zerstören." Sie habe aber vollstes Vertrauen in die Polizei

Grundsteinlegung sollte am Jahrestag der Reichsprogromnacht erfolgen

An der Feier am 9. November, dem Jahrestag der Reichspogromnacht, wird neben Bundespräsident Johannes Rau der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, teilnehmen. Mehrere hundert Gäste werden erwartet. Laut bayerischem Innenminister Günther Beckstein haben die Sicherheitsbehörden "eines der empörendsten Verbrechen der deutschen Nachkriegszeit verhindert".

Charlotte Knobloch kündigte an, dass die Feier wie vorgesehen stattfinden werde: "Wir werden an Ort, Datum und Zeit mit Unterstützung der Münchner Bevölkerung festhalten." Am Münchner Jakobsplatz in der Stadtmitte sollen bis 2005 ein neues Gemeinde- und Kulturzentrum, die Hauptsynagoge und das Jüdische Museum gebaut werden.

14 Kilogramm Sprengstoff sichergestellt

Bei dem in München geplanten Anschlag handelt es sich nach Aussage einer Sprecherin des Bundesinnenministeriums um eine "neue Dimension kriminellen Handelns". Im Zusammenhang mit den Festnahmen der Neonazis hatte die Polizei am Dienstag in München 14 Kilogramm Sprengstoff sichergestellt - darunter 1,7 Kilogramm des hochexplosiven TNT.

Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) sagte: "Ich halte es für nötig, dass die gesamte Zivilgesellschaft jetzt auch ein Zeichen setzt." Die demokratische Gesellschaft dürfe sich von den "kranken Hirnen" rechtsextremistischer Täter nicht einschüchtern lassen. SPD-Landtagsspitzenkandidat Franz Maget sprach von "Ekel erregenden Vorgängen".

Bayerische Grüne äußern Entsetzen

Der Münchner Erzbischof, Kardinal Friedrich Wetter, verurteilte den geplanten Anschlag als "Angriff auf die Menschlichkeit". "Es ist niederschmetternd, was für ein Ausmaß an Barbarei und Menschenverachtung die Pläne antisemitischer Strömungen in unserem Land auch heute noch annehmen", schrieb Bayerns evangelischer Landesbischof Johannes Friedrich in einem Brief an Knobloch.

In einer gemeinsamen Erklärung von Spitzenpolitikern der bayerischen Grünen hieß es: "Es ist eine unerträgliche Vorstellung, dass es Neonazis in Bayern fast gelungen wäre, mit einem Bombenanschlag am Jahrestag der Reichspogromnacht ein schreckliches Fanal für ihre menschenverachtende Gesinnung zu setzen."

Paul Spiegel wanrt vor rechter Gewalt

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, mahnte zur Wachsamkeit gegenüber rechter Gewalt. Der Vorfall habe "auf tragische Weise" verdeutlicht, dass die Gesellschaft in ihrer Wachsamkeit gegenüber Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus nicht nachlassen dürfe.