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Neue Studie über Opfer der Pandemie So hoch ist die Sterblichkeit in Deutschland und bei seinen europäischen Nachbarn

Konvoi bringt Särge aus Bergamo
Der Konvoi der italienischen Armee aus Bergamo transportiert die Leichen der Verstorbenen vom Coronavirus zum Friedhof von Ferrara. Mehr als 100.000 Corona-Tote hat die Region bis heute zu beklagen.
© Massimo Paolone / DPA
Weltweit versuchen Forscher die Zahl der an Corona verstorbenen Menschen zu ermitteln. Nun liegen erste Daten vor. In Deutschland gibt es vergleichsweise wenig zusätzliche Tote, in anderen Ländern aber sieht es düsterer aus. 

Während Ex-US-Präsident Donald Trump seit Beginn der Pandemie mit teils unsinnigen Aussagen über das Virus verwirrte und seine Kollegen wie der brasilianische Präsident Bolsonaro die Gefahr herabspielten, zeigt eine neue Studie: Die Zahl der Corona-Opfer ist hoch. Ein deutsch-israelisches Forscherteam hat die Todesrate während der Pandemie von rund 100 Ländern untersucht. In einem statistischen Überblick versuchen die Studienautoren, die Übersterblichkeit der Bevölkerung – die Zahl der Toten über die gewöhnlich zu erwartende Sterblichkeit hinaus – seit Beginn der Pandemie genau zu beziffern.

Wie die Studie zeigt, hat die Corona-Pandemie in knapp 70 der untersuchten Länder zu einem Anstieg der Sterblichkeitsrate geführt. Für Deutschland fällt die Bilanz allerdings positiv aus, denn im Vergleich zu anderen europäischen Ländern blieb die Übersterblichkeit seit Beginn der Pandemie niedrig. Die Ergebnisse des Forscherteams von der Universität Tübingen und der Hebräischen Universität Jerusalem wurden online im Fachjournal "eLife" veröffentlicht.

Für ihre Untersuchung haben die Forscher Daten aus 103 Ländern ausgewertet. Grundlage der Untersuchung bildeten unter anderem Statistiken von Eurostat, das wöchentlich Daten über die Sterblichkeit in Europa bereitstellt, sowie die Datenbank "Short Term Mortality Fluctuations" (STMF), worüber ebenfalls wöchentlich Daten aus 35 Ländern gesammelt und öffentlich bereitgestellt werden. Um genau bemessen zu können, wie die Corona-Pandemie die Sterblichkeit der Bevölkerung beeinflusst, griffen die Studienautoren auf allgemeine Sterbedaten seit 2015 und nicht auf die reinen Corona-Statistiken der Länder zurück. Diese, so die Kritik der Forscher, könnten durch unterschiedliche Teststrategien, aber auch durch unterschiedliche Zählweisen der Corona-Toten verfälscht werden.

Keine zusätzlichen Toten in Dänemark, Australien und Neuseeland

Insgesamt, so das Ergebnis der Studie, hat sich die Pandemie in 69 von 103 Ländern negativ auf die Sterblichkeit ausgewirkt und die Todesrate im Vergleich zu Vor-Coronazeiten erhöht. Allerdings, so räumen die Studienautoren ein, liefert die Studie kein Endergebnis. "Dieses kann es erst nach dem Ende der Pandemie geben, weil die Daten ständig weiter einlaufen und sich bis beispielsweise Oktober noch etwas verändern kann", sagt Mitautor Dmitry Kobak von der Universität Tübingen.

Für Länder, die besonders von der Pandmie betroffen waren, berechneten die Studienautoren eine Übersterblichkeit von mehr als 50 Prozent der normalerweise erwarteten jährlichen Todesrate. Die höchste Übersterblichkeit verzeichneten die Vereinigten Staaten mit 640.000 Toten, gefolgt von Brasilien – Länder, in denen führende Politiker die Gefahr des Virus verleugneten und eine Infektion unter anderem als "Schnüpfchen" herabgestuft hatten.

Mit rund 50 zusätzlichen Toten pro 100.000 Einwohnern habe Deutschland in der Pandemie eine viel geringere Übersterblichkeit erfahren – nicht nur global gesehen, sondern auch europaweit. In den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Österreich und der Schweiz wurden über 100 zusätzliche Tote gezählt. In Tschechien und Polen waren es mehr als 300. Nur Dänemark verzeichnete keine zusätzlichen Toten.

Ähnliches zeigen die Daten für Australien und Neuseeland. Dort sei die Sterblichkeit in den Wintermonaten sogar unter das normale Niveau gesunken. Derart niedrige Todesraten führen die Forscher auf strikte Lockdowns, Abstands- und Hygienemaßnahmen zurück. So konnten zudem Todesfälle durch andere Infektionskrankheiten wie etwa die Grippe reduziert werden. Auch für Deutschland nehmen die Forscher an, dass in den Wintermonaten vergleichsweise wenig Menschen an herkömmlichen Atemwegserkrankungen gestorben sind.

In manchen Ländern stimmt die Corona-Statistik nicht

In ihre Berchnungen zogen die Autoren nicht nur die Corona-Pandemie ein. Die Sterblichkeit könne durch verschiedene Faktoren beeinflusst werden, darunter auch Hitzewellen, Umweltkatastrohen, Kriege oder eine Überlastung des Gesundheitssystems. Allerdings kommen die Forscher zu dem Ergebnis, dass das Coronavirus den größten Beitrag zur Übersterblichkeit geleistet habe. Andere Faktoren spielten eine vergleichsweise kleine Rolle.

Viele Länder, so schreiben die Studienautoren, meldeten genaue Zahlen über ihre Covid-19-Todesfälle. Bei anderen Ländern, darunter Nicaragua, Russland und Usbekistan, gehen die Forscher davon aus, dass dies nicht der Fall war. Anhand ihrer Datenbank schätzen sie, dass es in diesen Ländern mindestens 1,4-mal mehr Todesfälle gegeben hat als gemeldet – dies wären insgesamt über eine Million zusätzliche Todesfälle.


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