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Planetensystem: Liebesbriefe an Pluto - Kleine Fans wollen Zwergplaneten wieder groß machen

Zwölf Jahre ist es schon her, dass Pluto seinen Planetenstatus verlor. Die Entrüstung über die Degradierung zum Zwergplaneten ist aber nach wie vor riesig. Vor allem Kinder treibt Plutos Schicksal um.

Schematische Abbildung des Sonnensystems mit den Zwergplaneten Ceres und Pluto.

Das Sonnensystem mit den Zwergplaneten Ceres (links neben der Sonne) und Pluto (ganz links). 

Als die "International Astronomical Union" den Pluto 2006 von einem Planeten zu einem Zwergplaneten herabstufte, hatten die Forscher wohl nicht mit einem so starken Echo auf ihre Entscheidung gerechnet. Bis heute lässt das Schicksal des kleinen Himmelskörpers die Menschen nicht los. Dass, der alte Merksatz für die Reihenfolge der Planeten "Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Planeten" nicht mehr funktioniert, ärgert zusätzlich. (Er lautet jetzt "Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unseren Nachthimmel").

Wo die meisten Erwachsenen sich auf Augenrollen und Meckern über Merksätze beschränken, drücken Kinder ihre Wut aus. Der US-amerikanische Astrophysiker und Fernsehstar Neil deGrasse Tyson veröffentlichte 2009 ein Buch mit dem Namen "The Pluto Files", in dem er die Entscheidung, den Planeten zum Zwergplaneten zu machen, verteidigt. Darin geht er auch auf die von ihm so genannten, "Hass-Briefe" ein, die er seit Plutos Degradierung bekommt. Absender der Briefe: Grundschulkinder.

"Hass-Briefe" von Grundschulkindern

Damit ist der Wissenschaftler als Adressat nicht alleine, auch große Forschungsorganisationen erhalten regelmäßig Post von enttäuschten Kindern. 

Jüngstes Beispiel: die sechsjährige Cara Lucy aus Irland. Ihr Brief an die Nasa ging in den letzten Wochen viral, nachdem eine irische Lokalzeitung darüber berichtete. Laut "Washington Post" schrieb das Mädchen, die Nasa solle Pluto bitte wieder als Planeten klassifizieren. Seine jetzige Klassifizierung als Zwergplanet sei "unfair". 

Pluto wird "unfair behandelt" - Cara Lucys gesamten Brief an die Nasa finden sie hier.

Pluto wird "unfair behandelt" - Cara Lucys gesamten Brief an die Nasa finden sie hier.


Der damals sechsjährige Merlin schrieb 2015 mit dem gleichen Anliegen an das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt. "Ich denke Pluto ist traurig, dass er kein Planet mehr sein darf", erklärte er seinen Standpunkt. Welch ein Trauerspiel sich da im Sonnensystem ereignete, beschrieb 2007 auch der stern. Als klar wurde, dass Pluto nicht einmal der größte unter den Zwergplaneten ist, schrieb stern.de: "Armer kleiner Pluto".  

Brief des sechsjährigen Merlin an das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt

"Warum ist Pluto kein Planet mehr?" fragte der sechsjährige Merlin das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt 2015.


Auch amerikanische Kinder halten zu Pluto

Die Briefe der europäischen Kinder decken sich inhaltlich mit denen, die Neil deGrasse Tyson erhalten hat. Plutos Lobby agiert also global. "Warum sagen sie, dass Pluto kein Planet mehr ist? Ich mag ihre Antwort nicht! Pluto ist mein Lieblingsplanet! Sie müssen alle Bücher wegwerfen und es wieder ändern. Pluto ist ein Planet!!!", heißt es in einem Schreiben des kleinen Emerson an deGrasse Tyson. Verziert ist der Brief mit einer Zeichnung des weinenden Planeten Saturn, der seinen Freund Pluto vermisst. Ähnlich leidenschaftlich zeigte ein Autor des "Guardian"; er veröffentlichte 2015 einen "Liebesbrief an Pluto".

Ein Brief des kleinen Emerson an den Astrophysiker Neil deGrasse Tyson.

Entrüstet schreibt der kleine Emerson an den Astrophysiker Neil deGrasse Tyson. (Brief aus: The Pluto Files, Norton, 2009)


Ein Mädchen namens Madeline ist ebenfalls empört: "Manche Menschen mögen Pluto, wenn Pluto nicht mehr existiert, dann haben sie keinen Lieblingsplaneten mehr." Sie sorgt sich um mögliche Bewohner des Zwergplaneten. Wenn Pluto kein Planet mehr ist, existieren die Bewohner dann überhaupt noch? Auf ihre bestechende Kinderlogik fordert sie eine Antwort - aber bitte nicht in Schreibschrift.

Ein Brief von Madeline an Neil deGrasse Tyson.

Madeline trauert um ihren Lieblingsplaneten. (Brief aus: The Pluto Files, Norton, 2009)

Mögliche Bewohner auf Pluto? Unwahrscheinlich. Madelines Interesse ist aber verständlich, denn über den Zwergplaneten am äußerten Rand unsere Sonnensytems ist relativ wenig bekannt. Auch daher speist sich seine Faszination. Erst 2015 wurden im Rahmen der Nasa-Mission "New Horizons" Pluto hochauflösend kartiert und Daten über die Ausdehnung der Atmosphäre des Zwergplaneten gesammelt. 

Doch auch die Faszination des Unbekannten konnte Pluto nicht vor seinem Schicksal bewahren. 2006 degradierte ihn die "International Astronomical Union" zum Zwergplaneten. Dafür wurden die Kriterien für eine Einstufung zum Planeten so verschärft, dass Pluto sie fortan nicht mehr alle erfüllte. Ein Planet muss demnach: eine Sonne auf einer Umlaufbahn umrunden, genug Masse besitzen, um durch die eigenen Gravitationskräfte in eine Kugelform gebracht zu werden und durch seine Gravitation die Umgebung seiner Umlaufbahn von anderen Himmelskörpern bereinigt haben. Das letzte Kriterium erfüllt Pluto nicht. 

Unter Wissenschaftlern sind Plutos Klassifizierung als Zwergplanet und die Kriterien des Planetenstatus weitgehend akzeptiert. Wie es sich für die Forschung gehört, stellt sich jedoch eine kleine Gruppe von Nasa-Wissenschaftlern hinter die aufgebrachten Kinder. 2017 veröffentlichte sie eine neue Planeten-Definition, die auch Zwergplaneten einschließt. Dass die "International Astronomical Union" sich auf diese Definition einigt, ist unwahrscheinlich. Trotzdem tut sich damit ein Weg auf, dem kleinen Pluto wieder zu alter Größe zu verhelfen. 

Ein Planet namens Einhorn

Die sechsjährige Cara Lucy erhielt nach einigen Monaten von einem Wissenschaftler der Nasa Antwort auf ihren Brief. Eine Ernennung von Pluto zum Planeten konnte er ihr nicht versprechen. "Für mich ist es nicht so wichtig, ob Pluto ein Zwergplanet ist oder nicht. Pluto ist ein faszinierender Ort, den wir weiter untersuchen müssen", schrieb er. "Ich hoffe, dass du einen neuen Planeten entdecken wirst und ich bin mir sicher, wenn du weiterhin fleißig in der Schule bist, werden wir dich eines Tages bei der Nasa sehen." Einen neuen Planeten zu entdecken, ist nun Carlas erklärtes Ziel. Sie will ihn "Planet Einhorn" nennen.

ar