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Schweinegrippe-Pandemie: Ulla Schmidt warnt vor Panikmache

Nach dem Ausruf der höchsten Warnstufe durch die WHO rechnet Gesundheitsministerin Ulla Schmidt mit weiteren Schweinegrippen-Fällen in Deutschland. Sie warnte vor Panikmache, gestand aber ihre Sorge ein. Für Deutschland werde sich "nichts ändern" - vorerst.

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hat vor Panik im Zusammenhang mit der weltweiten Schweinegrippe-Epidemie (Pandemie) gewarnt. Sie riet dennoch zur Wachsamkeit und empfahl regelmäßiges Händewaschen zur Vorbeugung einer Infektion. "Ich bin nicht in Panik, aber schon in Sorge und rechne auch damit, das wir in den nächsten Wochen auch mehr Fälle haben werden", sagte Schmidt am Donnerstagabend in Berlin.

In Deutschland sei die Zahl der Infektionen auf über 100 hochgeschnellt. Die Erkrankung sei aber nach bisherigem Wissen "gut behandelbar", sagte die Ministerin. Man werde "wachsam sein", ob sich das Virus noch verändere. Obwohl die Weltgesundheitsorganisation WHO die Schweinegrippe wegen ihrer starken Ausbreitung auf zwei Kontinenten zur Pandemie erklärt hat, werde sich für Deutschland vorerst "nichts ändern", betonte sie. Deutschland sei "gut vorbereitet".

Sie hoffe, dass es nicht so weit kommen werde, "dass wir Großveranstaltungen absagen müssen". Zu überlegen sei aber bei Infektionen von Schülern die vorübergehende Schließung der Schule. In jedem Einzelfall müsse darüber entschieden werden, wie Kranke zu isolieren seien. Schmidt forderte bei Verdacht auf Infektion mit dem Schweinegrippevirus dazu auf, sofort den Arzt zu konsultieren und diesen genau über Reisen aus Infektionsgebieten zu informieren.

Der Präsident des Robert Koch-Instituts, Jörg Hacker, räumte ein, dass das neue H1N1-Virus mutieren könne. Er gehe aber davon aus, dass die notwendigen Impfstoffe rechtzeitig im Herbst vor Beginn der neuen Grippesaison verfügbar seien. Die neue Situation "nimmt uns nicht gefangen. Wir haben das erwartet, dass es zu einer Ausrufung der Phase 6 kommt." Für Deutschland bedeutet das keine Änderung der Strategie: Die wesentlichen Bausteine der Infektionsbekämpfung seien "bereits etabliert".

Es ist der erste Ausbruch einer Grippepandemie seit 41 Jahren. Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden weltweit bislang fast 30.000 Krankheits- und 144 Todesfälle als Folge der Schweinegrippe bestätigt. Die WHO rief ihre Mitglieder auf, keine Grenzen zu schließen und den Welthandel nicht zu unterbrechen. Die Behörde stehe in engem Kontakt mit den Herstellern von Grippemedikamenten.

Warnung vor Überreaktionen

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon warnte vor Überreaktionen. "Lassen sie mich betonen: Dies ist eine formale Erklärung über die geographische Ausbreitung der Krankheit. Es ist kein Grund zur Panik", sagte Ban in New York. Obwohl das Virus ansteckend sei, sei die Erkrankung nicht so schwerwiegend wie befürchtet, und die Todesraten blieben bisher niedrig. "Trotzdem müssen wir auf der Hut sein. Wir wissen nicht, welches Bild sich in den kommenden Monaten entwickelt", sagte Ban

Die Entscheidung, die Alarmstufe 6 auszurufen, fiel nach einer Dringlichkeitssitzung von UN-Gesundheitsexperten in Genf. Aus den USA, Europa, Australien und Südamerika waren zuvor steigende Infektionszahlen gemeldet worden. Das Robert-Koch-Institut (RKI) verwies darauf, dass in Deutschland jährlich 8000 bis 11.000 Menschen an Grippe sterben.

Die Zahl der Erkrankten stieg unterdessen auch in Deutschland. An der Japanischen Schule in Düsseldorf wurden bisher 46 Schüler positiv getestet, wie der Leiter des Gesundheitsamtes, Heiko Schneitler, sagte. Die Zahl infizierter Kinder könne weiter steigen, da noch nicht alle Tests ausgewertet seien. Die Betroffenen und ihre Familien befänden sich in häuslicher Quarantäne. Ganz überwiegend handele es sich um leichtere Krankheitsverläufe. Die Schule, die von rund 560 Kindern besucht wird, ist bereits am Dienstag bis Ende nächster Woche vorsorglich geschlossen worden.

Nach den bisherigen Ermittlungen gab es gleich zwei verschiedene Infektionswege, die zum bisher größten Ausbruch der Schweinegrippe in Deutschland führten. Rund 25 Schüler hätten sich offenbar in der vergangenen Woche auf einer Klassenfahrt nach Kassel, Erfurt, Eisenach und Weimar infiziert. Ein anderer Schüler habe sich offenbar im Urlaub auf der Mittelmeerinsel Gozo angesteckt und dann in der Schule mehrere Mitschüler infiziert, sagte Schneitler. Auch der Vater dieses Kindes sei positiv getestet worden. Lehrer der Schule seien dagegen nicht erkrankt.

Zahlreiche Neuerkrankungen in Deutschland

Aus Düsseldorf wurden zwei weitere Erkrankungen gemeldet, in Köln stieg die Zahl der mit Schweinegrippe infizierten Schülerinnen am Erzbischöflichen Irmgardis-Gymnasium auf acht an, wie die Sprecherin der Stadt, Inge Schürmann, sagte. In Baden-Württemberg gab es zwei neue Fälle, in Niedersachsen und Schleswig-Holstein jeweils einen. In München wurde eine Kindertagesstätte geschlossen, nachdem zwei Kinder positiv getestet worden waren. Bestätigt wurde außerdem die Schweinegrippe-Erkrankung eines Soldaten an Bord der Fregatte "Sachsen"

Die Schweinegrippe verläuft nach WHO-Angaben zumeist glimpflich. Beunruhigend war für Experten jedoch, dass unter den Todesopfern viele junge und gesunde Menschen waren - die sonst kaum einer normalen Grippe zum Opfer fallen würden. Zudem hat sich die Verbreitung des Virus' mit dem Beginn des Sommers in der nördlichen Halbkugel entgegen der bei einem normalen Grippevirus kaum verlangsamt.

Die letzte Pandemie, die Hongkong-Grippe von 1968, hat rund eine Million Todesopfer gefordert. An den Folgen einer normalen Grippe sterben weltweit jährlich rund 250.000 bis 500.000 Menschen. WHO-Generalsekretärin Margaret Chan hatte noch am Mittwoch erklärt, vor der Ausrufung einer Pandemie müsse zunächst zweifelsfrei bewiesen werden, dass sich das Virus tatsächlich außerhalb von Nordamerika selbstständig ausbreite. Die Schweinegrippe war Ende April zuerst in Mexiko ausgebrochen.

DPA/AP / AP / DPA