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Social Media im Hochwassergebiet: Zwitscherflut

In den Flutgebieten vernetzen sich die Menschen über Twitter, Facebook & Co: Sie bieten Schlafplätze, Sandsäcke und trockene Kleidung - die Social-Media-Kanäle mustern sich zu digitalen Helfern.

Von Alexander Sturm und Katharina Grimm

Braucht noch jemand Gummistiefel in Passau? Menschen, die ihre Keller und Erdgeschosswohnungen von Schlamm und Matsch befreien müssen, bekommen sie kostenlos. Ein ortansässiger Sportausstatter verteilt sie gratis – solange der Vorrat reicht. Auch der Werkzeugverkäufer Reidl hilft: Am Mittwoch und Donnerstag spendet die Firma ab 15 Uhr Aufräumpakete am Busbahnhof: Wasserschieber, Eimer, Besen und Schaufeln inklusive.

Das Hilfsangebot ist so überwältigend wie das Chaos, dass das Hochwasser hinterlassen hat. Zwar sinken die Pegelstände in den Städten an Donau und Inn, doch oft stehen die Bewohner vor den durchweichten Trümmern ihrer Existenz – und bekommen Unterstützung aus der digitalen Welt: Die Social-Media-Kanäle Facebook und Twitter sind zu Helfer-Plattformen mutiert. Trockene Kleidung, Übernachtungsmöglichkeiten oder helfende Hände – die Solidarität mit den Hochwasseropfern ist gewaltig. Wer helfen will oder Unterstützung braucht, findet auf Twitter und Facebook Sammelstellen und Spendennummern. Nach ihrem Aufstieg im Arabischen Frühling, als Twitter und Facebook dabei halfen, den Aufstand gegen nordafrikanische Diktatoren wie ein Lauffeuer im Internet zu verbreiten, zeigen die sozialen Netzwerke nun einmal mehr, dass sie mehr sind als oberflächlicher Zeitvertreib und Selbstdarstellungsfläche.

Überblick dank Web

Die Lederergasse in Passau hat es schwer erwischt, auch das Plattenantiquariat in Hausnummer 20 von Hans Langmaier ist überschwemmt. Er will seinen Laden wieder aufbauen. Seine Nachbarn in Nummer 18 holen sich dafür Hillfe über Facebook: Dominik Kopfinger und Hanna Wahleder suchen dort nach Helfern – ihre gesamte Erdgeschosswohnung stand unter Wasser.

Das Angebot ist enorm: Fast jeder Ort, der überschwemmt wurde, hat eine Seite eingerichtet. Unter "Helfen und Spenden beim Hochwasser in Bayern 2013" werden einige bayerischen Hilfsangebote gebündelt. Die Facebook-Seite "Passau räumt auf" bietet eine offizielle Anlaufstelle für Helfer in der Stadt. Ganz einfach ist es für sie nicht, den Überblick zu behalten – zu viele Aktionen wurden ins Leben gerufen. Schließlich kommt Unterstützung nicht nur aus den Flutregionen, aus ganz Deutschland bieten Feuerwehrmänner Hilfe an.

Ein wenig Überblick verschafft Twitter: Dort verbreiten User interaktive Google-Maps-Karten der Katastrophengebiete von Halle und Dresden: Wo Sandsäcke und Schaufeln fehlen, wo Straßen überflutet und Brücken gesperrt sind, wo Dämme zu brechen drohen und Not an Helfern herrscht – im Wirrwarr der Wassereinbruchs helfen sie, Bürgern und Rettungskräften ein wenig Orientierung zu geben und die Hilfe zu koordinieren.

Digitale Warnung vor Gefahrengut

In Dresden nutzen Twitterer den Kurznachrichtendienst, um vor zwei 18 Tonnen schweren Gascontainern zu warnen, die laut den Behörden südlich von Dresden auf der Elbe treiben. Und Radio Dresden verbreitet eine neue Polizeiverordnung der Stadt: Gaffern, die die Rettungsarbeiten behindern, können zu einer Geldstrafe von bis zu 1000 Euro Geldstrafe verurteilt werden – Twitter als Infokanal und Instrument der Staatsgewalt zugleich. Der Mitteldeutsche Rundfunk Sachsen-Anhalt sendet die Nummern der Katastrophenhotlines und den Aufruf der Stadt Halle, die Gefahrenzonen zu verlassen; private Helfer verbünden sich: "Hat jemand einen Autoanhänger um Teekocher, Kochplatten, Essen und Getränke an Brennpunkte zu bringen?", fragt ein Nutzer unter dem Hashtag "Fluthilfe". Ein anderer aus Dresden schreibt: "Im Hornbach kostenfreie Schaufeln!"

Doch selbst jetzt bleibt das übliche Gemecker auf Facebook und Co. nicht aus: Ein Nutzer erwartet nun internationale Katastrophenhilfe – Deutschland habe schließlich immer geholfen. Die Antwort der Facebookseite "Hilfe für Hochwasseropfer in Passau 2013" kam prompt: "Wenn Sie so auf Hilfe aus sind, nehmen Sie sich 'ne Schaufel und helfen den Leute aufräumen."

Von:

Alexander Sturm und