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"Art Consultant": Kunsthändler Achenbach nach vier Jahren Knast: "Völlig krank. Aber ich wollte der große Helge sein."

Helge Achenbach war eine große Nummer im Kunst­betrieb, kaufte Bilder für die Reichen und Mächtigen. Dann kam raus: Er bereicherte sich selbst. Nach vier Jahren in Haft stellt er sich die Frage: Wie soll es für ihn weitergehen?


Kunsthändler Helge Achenbach über Knasterfahrungen und Zukunftspläne

Dienstwagen mit Geschichte: Helge Achenbach fuhr einst den alten Bentley von Joseph Beuys (r.u.). Nach Haft und Insolvenz zog er in eine Dachstube.

Bei Günter Wallraff unterm Dach gibt es zwei Wohnungen. Die rechte ist nur über eine Geheimtür zu erreichen, verdeckt von einem mannshohen Spiegel. Hier hatte Wallraff Akten versteckt, als es in den 80er Jahren Hausdurchsuchungen bei ihm gab wegen Filmaufnahmen zu "Ganz unten", seiner Enthüllungsreportage über den Stahlproduzenten Thyssen.

Die Tür zur linken Wohnung steht offen. Am Schreibtisch sitzt ein wuchtiger Mann, weißes Haar, schwarzes Hemd. Er reißt einen Briefumschlag auf und liest murmelnd vor: "Sehr geehrter Herr Achenbach, zurzeit machen wir folgende For­derung gegen Sie geltend: 21915,70 Euro zuzüglich 4,12 Prozent Zinsen. Der uns vorliegende Schuldtitel ist 30 Jahre wirksam. Mit freundlichen Grüßen, Stadtsparkasse Düsseldorf, Abteilung Spezialkreditmanagement."

Helge Achenbach lehnt sich in seinem Stuhl zurück und wirft den Brief auf den Tisch. Ein Blatt segelt zu Boden. "Günter?", ruft Achenbach durchs Dachgeschoss, "Sparkasse Düsseldorf schon wieder. Die lassen mich nicht in Ruhe. Kannst du da mal anrufen?"

Größter Kriminalfall der deutschen Kunstszene

Wallraff kommt die Treppe hoch. Er trägt eine ausgewaschene Jeans und Joggingschuhe, der Holzboden ächzt unter seinen federnden Schritten. "Zeig mal", sagt Wallraff und beugt sich über das Papier. "Nee, Helge, da rufste selbst an und sagst, wie es ist: dass du pleite bist und dass sie die Kohle in den Wind schreiben können."

Seit vergangenem Sommer wohnen Günter Wallraff, 76, und Helge Achenbach, 67, zusammen in einem Haus in Köln-Ehrenfeld. Wallraff ist einer der bekanntesten Journalisten des Landes. Er legte sich mit mächtigen Konzernen an, mit Thyssen, mit McDonald’s und dem Axel-Springer-Verlag und der "Bild"-Zeitung. Achenbach war der wohl bestverdienende Kunstberater Deutschlands in den vergangenen drei Jahrzehnten. Er vermittelte Millionären und Milliardären Werke weltberühmter Künstler.

Achenbach wusste nicht, wohin er gehen sollte, als er am 6. Juni 2018 aus der Justizvollzugsanstalt Moers-Kapellen entlassen wurde. Vier Jahre hatte er eingesessen. Während der Haftzeit ließ sich seine Frau Dorothee von ihm scheiden, seine beiden Villen in Düsseldorf waren gepfändet und später verkauft worden.

In der Wohnung von Günter Wallraff

Auf ein Käffchen: Achenbach und Wallraff in der gemeinsamen Küche

Achenbach hatte den Aldi-Erben Berthold Albrecht beim Verkauf von Bildern und Oldtimern betrogen und war zu 16,1 Millionen Euro Schadenersatz verurteilt worden. Ebenso hatte er Christian Boehringer hintergangen, Gesellschafter des Pharma­konzerns Boehringer-Ingelheim, und die Familie Viehof, Gründer der Supermarktkette Allkauf. Es ist der größte Kriminalfall, den die deutsche Kunstszene erlebt hat.

Wallraff lernte Achenbach vor Jahren bei einer Auktion kennen, auf der Kunst zugunsten politisch verfolgter Frauen versteigert wurde. Erst nach der Entlassung wurde der Kontakt zu Achenbach enger. Wallraff scheint die Rolle des Bewährungshelfers zu mögen. In seinem Altbau in der Thebäerstraße hat er auch mal einen Tresorknacker aufgenommen, als der aus dem Gefängnis freikam.

Helge Achenbach mit "Bruder" Günter Wallraff

Achenbach nennt den zehn Jahre älteren Wallraff seinen großen Bruder. "Günter, stimmt doch, oder?", sagt er in der Dachstube. "Du haust mir auf die Finger, bevor ich wieder Quatsch mache."

"Komm, wir trinken erst mal einen Kaffee", sagt Wallraff.

Die Männer gehen zwei Stockwerke tiefer, in die Küche. Gekocht wurde hier schon lange nicht mehr. Auf dem Herd liegen Mappen mit Zeitungsartikeln, in der Spüle stapeln sich Tassen. Aber die chromblitzende Kaffeemaschine funktioniert.

Am Küchentisch sitzen sie oft zusammen und überlegen, wie es weitergehen könnte für Achenbach. Was für ein Leben noch möglich ist nach den Jahren im Gefängnis, mit mehr als 20 Millionen Euro Schulden und einer Kunstszene, die nichts mehr von ihm wissen will.

Zurzeit arbeitet Achenbach für einen Verein, der sich um verfolgte Künstler kümmert. Auf einem Bauernhof in Kaarst bei Düsseldorf bekommenen sie eine Unterkunft und Ateliers. Im Moment wohnen vier Künstler dort, zwei Syrer, ein Ivorer und ein Japaner.

Babette Albrecht kommt  im Landgericht in Essen mit ihrem Anwalt an

Die Klägerin: Babette Albrecht, Witwe des 2012 verstorbenen Aldi-Erben Berthold Albrecht, zeigte Achenbach wegen Betrugs an. Sie hatte die erworbenen Kunstobjekte nach dem Tod ihres Mannes schätzen lassen.

Achenbach erhält von einer Stiftung, die auch den Verein in Kaarst unterstützt, 2100 Euro im Monat. Nach Steuern sind das 1600 netto, wovon 800 Euro für die private Krankenversicherung draufgehen, aus der er nicht mehr rauskommt. Bleiben 800 Euro zum Leben. Wenig für jemanden, der einst mit dem Bentley von Joseph Beuys durch Düsseldorf fuhr und Maßanzüge trug. Bei Achenbachs Sommerschuhen löst sich die Sohle; man kann bis auf die Socken gucken. Für den Winter hat er sich ein festeres Paar gekauft, für 49 Euro bei Deichmann.

Noch mal angreifen – oder aufgeben?

Es gibt da neben dem Künstlerhof in Kaarst noch ein anderes Projekt. Eines, das ihn befreien könnte von seinen Schulden, so hofft Achenbach. Eine große Nummer, die ihn zurück in die Kunstwelt katapultiert. Diese Sache treibt Achenbach mächtig um. "Günter, ich glaube, die Mallorca- Geschichte könnte was werden", sagt er. "Das wäre der Hammer, wenn das klappt."

"Ich hoffe, dass es scheitert", antwortet Wallraff.

Was genau die Mallorca-Geschichte sein soll, lässt sich schwer sagen, Achenbach erzählt sie jedes Mal ein wenig anders. In groben Zügen geht sie so: Ein 92 Jahre alter saudischer Prinz besitzt auf Mallorca eine Finca mit 24 Suiten und 300 Hektar Land. Der Prinz liegt im Sterben und will seine Finca verkaufen. Investoren aus Hongkong sind interessiert. Sie möchten einen Skulpturenpark in den Garten bauen, 50 Millionen Dollar Budget, nun suchen sie jemanden, der das Projekt kuratiert.

"Das ist meine Chance. Ich kriege da ein ordentliches Stück vom Kuchen und bin vielleicht eines Tages meine Gläubiger los", sagt Achenbach.

"Helge, du träumst und wirst in Versuchung geführt", sagt Wallraff.

"Für mich stellt sich doch die Frage, was ich mit dem Rest meines Lebens mache. Greife ich noch mal an? Oder gebe ich auf?"

"Wenn du Mallorca machst, bist du wieder voll drin in diesem Milieu. Du bist dann nicht mehr der Helge, der sich neu erfindet mit verfolgten Künstlern auf dem Bauernhof."

Achenbach unterwegs in Köln-Ehrenfeld

Endstation Köln-Ehrenfeld: Achenbach auf dem Weg zum Einkaufen in seinem neuen Viertel

"Aber Günter, darf ich nicht von den großen Sachen träumen?"

"Du bist ein liebenswerter Kerl, wirklich, aber du hast keine Distanz zu diesem ganzen Klumpatsch."

Einige Stunden später, als Achenbach in seinem VW-Transporter nach Kaarst fährt, sagt er, der Günter halte eben gern Küchenpredigten. "Aber warum sollte ich Mallorca denn nicht machen?", ruft Achenbach und schlägt mit einer Hand aufs Lenkrad. "Ich steige doch nicht ins Drogenge­schäft ein."

Die Autobahn ist voll, Feierabendverkehr, Achenbach kommt nur langsam voran. Nach einigen Minuten des Schweigens sagt er: "Ich hätte schon vor 30 Jahren aufhören können zu arbeiten. 1987 habe ich eine Sammlung gekauft, gemeinsam mit zwei anderen Händlern und einem Banker. Picasso, Beuys, Yves Klein, Jackson Pollock, allerbestes Zeug. Für 25 Millionen Mark. Heute würde das eine Milliarde Euro bringen, allein die beiden Pollocks kosten 200 Millionen. Und was mache ich? Haue das Zeug wieder raus, bloß fürs Doppelte. Und mit der ganzen Kohle mache ich Filialen auf, in Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt, München und Karlsruhe. Funktionierte überhaupt nicht. Aber ich habe immer weitergemacht und das Geld verbrannt. Völlig krank, aber ich wollte ja der große Helge sein."

Er erfand einen Beruf für sich

Achenbach kam als Seiteneinsteiger ins Kunstgeschäft. Er hatte Sozialpädagogik in Düsseldorf studiert, war aber oft mit Studenten der Kunstakademie unterwegs. Er begriff schnell, wie man reden musste über Bilder und Skulpturen. Den Jargon, das Reden in Andeutungen, das Schwärmen über New York und Paris – Achenbach machte es zu seiner Sprache. Und er erfand einen Beruf für sich, den es damals im Westdeutschland der 70er Jahre noch gar nicht gab: "Art Consultant". Er half Firmen und vor allem vermögenden Privatpersonen wie Mick Flick, Frieder Burda und Rudolf Wöhrl beim Aufbau von Kunstsammlungen. Achenbach war der Mann, an den man sich halten musste, wenn man ein Bild von Gerhard Richter oder Keith Haring kaufen wollte, eine Skulptur von Günther Uecker oder eine Fotografie von Andreas Gursky. Achenbach war eine Institution.

Im seinem VW-Transporter läuft leise WDR2, Brexit-Krise. Achenbach dreht das Autoradio aus und sagt, er müsse das noch mal erzählen, wie das wirklich war mit Berthold Albrecht, dem Aldi-Erben.

Nämlich nicht so, wie es im Urteil stand.

Achenbach lässt die Geschichte Mitte des vergangenen Jahrzehnts beginnen. Seine Version lautet so: Ein Wirtschaftsprüfer aus Essen hat zu einem Dinner geladen. Achenbach sitzt an einem Tisch mit Berthold Albrecht und dessen Frau Babette. Man kommt ins Gespräch, Achenbach erzählt von seinem Job und den vielen namhaften Künstlern, die er kennt. Albrecht sagt am Ende des Abends zum Gastgeber: "Der Achenbach ist ein netter Typ. Aber Kunst werde ich ihm niemals abkaufen."

Achenbach hält Kontakt zu Albrecht, er will ihn unbedingt für sich gewinnen. Wieder ein klangvoller Name mehr auf der Kundenliste. Achenbach nimmt ihn mit zu Kunstmessen, Ausstellungen und Atelierbesuchen, und tatsächlich fasst Albrecht bald Vertrauen. Achenbach wird zur Geburtstagsfeier von Albrecht nach Essen-Bredeney eingeladen und wundert sich über das Büfett: Es gibt Kartoffelsalat von Aldi, Würstchen von Aldi und Sekt von Aldi.

Frieder Burda und Tochter Patricia und Helge Achenbach

Vor seinem Absturz war Achenbach ein Liebling der Prominenten: Achenbach mit Frieder Burda und Stieftochter Patricia

An einem Samstagnachmittag im Mai 2009 sagt Albrecht zu Achenbach: "Ich kriege im November 60 Millionen Euro ausgezahlt. Ich will das Geld nicht den Banken geben, denn da gibt es eh kaum Zinsen. Ich würde gern Kunst bei dir kaufen."

Achenbach legt gleich los. Er bastelt ein Buch, das er mit "B&B Collection" betitelt, wie Berthold&Babette. In dem Buch sind Abbildungen großer Kunstwerke versammelt, von Beckmann bis Warhol, allesamt Meisterstücke des 20. Jahrhunderts.

Albrecht ist begeistert. Achenbach bekommt den Auftrag, eine Sammlung aufzubauen. Bloß beim Honorar für Achenbach gibt es Unstimmigkeiten. Normalerweise berechne er 25 bis 30 Prozent Provision, sagt Achenbach. "Die zahle ich nicht", sagt Albrecht. "Du kriegst fünf Prozent." Achenbach willigt per Handschlag ein. Das ist ein mieser Deal, Achenbach weiß es. Er ist wütend: auf Albrecht, der seine Expertise offenbar nicht wertschätzt, und auf sich, weil er eingeknickt ist, ohne auch nur zu handeln. Diese Wut will nicht vergehen, auch nach Wochen und Monaten nicht.

Achenbach macht Albrecht einen Vorschlag für den Ankauf eines ersten Gemäldes. "London Tower Bridge II" von Oskar Kokoschka. Das würde doch gut passen, jetzt, da Albrechts Töchter in England zur Schule gingen. "Da habt ihr wenigstens etwas England fürs Wohnzimmer", sagt er. Achenbach reist nach London zur Galerie Marlborough International Fine Art, um zu verhandeln. Die Engländer verlangen 1,3 Millionen Euro. Achenbach kann den Preis auf 800.000 Euro reduzieren.

Frisierte Rechnungen

Er fliegt zurück nach Düsseldorf und berichtet Albrecht von seinem Verhandlungserfolg. Dann stellt er die Rechnung. 40.000 Euro Provision stehen ihm zu. Das findet Achenbach doch sehr wenig für ein Bild, das ursprünglich 1,3 Millionen Euro kosten sollte. Er nimmt die Rechnung der Galerie und macht mit Schere und Pritt-Stift aus 800.000 Euro einfach 900.000 Euro. Er schlägt fünf Prozent Provision auf, also 45.000 Euro. Dann legt er die Collage auf den Kopierer. Fertig ist die Rechnung für Albrecht. Jetzt fühlt Achenbach sich besser.

So macht er monatelang weiter: Er frisiert Rechnungen und räumt sich Provisionen ein, die er seiner Meinung nach verdient hat. Insgesamt neun Mal, sagt Achenbach. Und nicht 32 Mal, wie ihm vorgeworfen worden sei. Nach dem neunten Betrug, so erzählt es Achenbach, habe er zu Albrecht gesagt: "Berthold, deine fünf Prozent machen mich kirre. Ich komme damit nicht hin." Albrecht habe geantwortet: "Gut, dann sag, was du haben musst."

Achenbach fährt von der Autobahn ab. Der Transporter ruckelt über einen Feldweg auf ein Gehöft aus rotem Klinkerstein zu. Achenbach stellt den Motor ab, aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende.

"Ich hätte damals zu Berthold sagen sollen: Hör zu, ich hab dich ein paarmal betrogen. Lass uns reinen Tisch machen. Verzeih mir. Wir sind doch Freunde."

Achenbach hat sich nach vorn gebeugt, seine Stirn liegt auf dem Lenkrad. "Und ich Arschloch habe das nicht geschafft. Ich hab das einfach nicht gepackt. Ich dachte: Das fliegt nie auf, und ab jetzt sind wir ehrlich miteinander."

Helge und Dorothee Achenbach mit Veronica Ferres und Carsten Maschmeyer

Achenbach mit seiner damaligen Frau Dorothee, Veronica Ferres und Carsten Maschmeyer

Achenbach steigt aus dem VW und geht auf den Hof. Er schiebt das Tor der Scheune auf, dort stehen Schnitzarbeiten eines afrikanischen Künstlers. Riesige Holzfiguren, schwarz angemalt, sie werden von der Dunkelheit des Raumes fast geschluckt. "Hier muss mehr Luft und Licht rein", sagt Achenbach, "es gibt auch schon Pläne. Das hier wird alles eine große Begegnungsstätte. Ein Forum für Künstler in Not aus aller Welt. Mein Freund David Chipperfield kümmert sich drum."

Sir David Chipperfield, Architekt aus Großbritannien, der gerade den Südwestflügel des Metropolitan Museum of Art in New York gestaltet, soll in Kaarst übernehmen. "Ja, wieso denn nicht?", ruft Achenbach. "Ich habe David Anfang der Neunziger nach Deutschland geholt. Das hat er mir bis heute nicht vergessen."

Er geht zurück auf den Hof und klopft an die Tür eines umgebauten Viehstalls. Das ist das Atelier von Yahia Al-Selo aus Syrien. "Yahia, mein Freund", sagt Achenbach, "was macht die Kunst?" Al-Selo hebt gerade zu einer Erklärung an, was er da formt mit gekräuseltem Papier, da klingelt Achenbachs Handy.

"Markus, schön, dass du anrufst. Sag mal, wie stehen die Chancen bei Mallorca? Sag mal aus dem Bauch raus: 50 Prozent? – Nur 30? Hmm. – Okay, 40 sagst du. Das klingt schon mal besser als 30. – Muss ich mich gedulden, klar. – Ciao."

"Ich male jetzt auch selbst"

Achenbach drängt zum Aufbruch. Schnell schließt er noch eine weitere Scheune auf. Dort lehnen großformatige Bilder an den Wänden, meist in fließenden Gelb- und Orangetönen. "Ich male jetzt auch selbst", sagt er, "meistens abends und nachts. Da bin ich wie im Rausch. Für so eine Lichtstimmung auf Lanzarote habe ich bloß zwei Stunden gebraucht." Übrigens könne man die Bilder auch kaufen. Das Insel- Motiv "Distant Shores" koste 12.000 Euro, das Geld würde er der Stiftung spenden.

Einige Wochen später in Köln. Günter Wallraff wartet auf Achenbach im Gartenhaus, das hinten im Hof steht. Man schaut auf einen kleinen Anbau, wo Wallraff einst Wolf Biermann und Nina Hagen unterbrachte, als sie aus der DDR ausgebürgert wurden. Wallraff sitzt an einem alten Holztisch. Darauf liegen ein Reibstein aus Mali und Kugeln aus Mauretanien. "Die wurden den Toten als Wegzehrung in den Mund gelegt", sagt Wallraff.

"Lass uns nicht über den Tod reden, Günter", sagt Achenbach und setzt sich dazu.

"Was bleibt uns am Ende?", sagt Wallraff, "ein paar Freundschaften?"

Helge Achenbach und Udo Jürgens

Achenbach mit Udo Jürgens

"Tja", sagt Achenbach, "zu meinem 60. Geburtstag waren 400 Gäste da. Jetzt halten noch zehn Leute zu mir, vielleicht zwanzig." Er erzählt, wie sehr es ihn schmerze, dass sich viele Freunde und Kollegen abgewendet hätten. Die Nummern hat Achenbach alle noch in seinem Handy gespeichert. Oft nimmt niemand ab. Oder das Gespräch ist schnell beendet.

Vor allem Gerhard Richter ist ihm ein Rätsel. Sie kennen sich seit Jahrzehnten, der große Maler, der teuerste lebende Künstler, dessen Leben unter dem Titel "Werk ohne Autor" verfilmt wurde. Achenbach und Richter sind gemeinsam durch Japan gereist Anfang der Neunziger, immer hatten sie einen guten Draht. Bis zur Inhaftierung. "Der Gerhard ist irgendwie immer noch ein Freund", sagt Achenbach, "ist halt etwas schwierig zurzeit. Gibt sich wieder."

"Wenn er wirklich ein Freund wäre, hätte er sich doch längst bei dir gemeldet", sagt Wallraff.

"Ich ruf ihn mal an", sagt Achenbach.

Er wählt Richters Nummer.

Kitsch

"Gerhard? Helge hier. Wie geht’s? – Beschissen? – Hömma, ich gehe heute Abend in deinen Film. – Taugt nichts? Doch, ich muss mir das antun. – Sag mal, mein Terminwunsch, dass wir uns mal treffen… wie sieht es aus? – Sag mal, ist es eher, weil du nicht willst – oder weil du nicht kannst? – Ja, klar, verstehe. Eher nicht können. Das ist ja schon mal... – Du entscheidest das, und ich gehe dir nicht auf den Sack. – Du meldest dich. – Halte durch. – Ciao. Tschüss."

Am Abend schaut sich Achenbach "Werk ohne Autor" an, den Gerhard-Richter-Film. Nach einer Stunde sagt Achenbach: "Das ist nicht der Gerhard, das ist Kitsch." Er holt sein Smartphone hervor und checkt nun alle paar Minuten seine E-Mails, SMS und Whatsapp-Nachrichten. Nichts Neues aus Mallorca.

"Okay", sagt Achenbach, als der Abspann läuft, "dann eben morgen."

Dieser Artikel ist der aktuellen Ausgabe des stern entnommen: