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LPT-Skandal Behörden schließen zwei Labore – in einem dritten gehen die Tierversuche weiter. Warum?

Tierversuchsanstalt LPT bei Hamburg; Hund
Das Unternehmen LPT aus Hamburg geriet nach der Veröffentlichung von Aufnahmen aus dem Inneren der Tierversuchsanstalt in die Negativschlagzeilen – und in den Fokus von mehreren Staatsanwaltschaften
© Bodo Marks / DPA, Soko Tierschutz
Nach Hinweisen auf Tierquälerei haben die Behörden in Niedersachsen und Hamburg dem Tierversuchslabor LPT verboten, weiterhin Tiere zu halten. Am Standort in Schleswig-Holstein gehen die Studien dagegen weiter – obwohl der Betreiber derselbe ist.

Hunde vegetierten einsam in ihrem eigenen Blut, Affen wurden brutal behandelt, Tiere hockten in viel zu kleinen Käfigen: Die Zustände in einem Tierversuchslabor der Firma LPT (Laboratory of Pharmacology and Toxicology/Labor für Pharmakologie und Toxikologie) sorgten für heftige Reaktionen – und letztendlich für das Ende der Experimente an zwei Standorten des Unternehmens in und bei Hamburg. In einem dritten LPT-Labor in Schleswig-Holstein gehen die Tierversuche allerdings weiter – obwohl der Betreiber derselbe ist, sehen die Behörden derzeit keine Handhabe gegen ihn.

Zunächst kam der Landkreis Harburg in Niedersachsen am 17. Januar zu dem Schluss, dass die Zuverlässigkeit des Betreibers nicht mehr gegeben ist und verbot dem Unternehmen, am Standort Mienenbüttel bei Hamburg Tiere zu halten (der stern berichtete). Cornelia-Prüfer Storcks (SPD), die Gesundheits- und Verbraucherschutzsenatorin Hamburgs, folgte der Einschätzung am vergangenen Freitag und teilte für das Labor im Stadtteil Neugraben mit: "Aufgrund der Erkenntnisse, die wir in den vergangenen Wochen durch die gründliche Prüfung gewinnen konnten, haben wir entschieden, der Firma LPT die Erlaubnis zur Tierhaltung mit sofortiger Wirkung zu entziehen." Die Entscheidungen bedeuteten nach Jahrzehnten das Aus für die umstrittenen Tierversuche in den beiden Laboren. LPT setzt sich am Verwaltungsgericht Lüneburg gegen das Tierhaltungsverbot für Mienenbüttel zur Wehr.

Ermittlungen gegen LPT-Verantwortliche

Hintergrund für den Entzug der Tierhalteerlaubnis sind Ermittlungen mehrerer Staatsanwaltschaften gegen Verantwortliche des Unternehmens. Diese waren ins Rollen gekommen, nachdem die Tierschutzorganisation "Soko Tierschutz" im vergangenen Jahr heimlich gedrehte Videoaufnahmen aus dem Tierversuchslabor in Mienenbüttel veröffentlicht hatte.

Hund im Labor

Der Verein hatte nach eigenen Angaben über Monate einen Mitarbeiter in das Labor eingeschleust, der mit versteckter Kamera die irritierenden Zustände aus dem Inneren der Anstalt dokumentierte. Es folgten Vorwürfe, LPT habe Studien manipuliert. Beispielsweise sollen in Versuchsreihen verstorbene Tiere kurzerhand durch lebende ausgetauscht worden sein, ohne dies ordnungsgemäß zu vermerken oder im weiteren Studienverlauf zu berücksichtigen – mit entsprechenden Risiken auch für die Gesundheit von Menschen. Das Unternehmen selbst mit seinen 175 Mitarbeitern (Stand: 2017) wies die Vorwürfe der Tierquälerei stets zurück. Konkrete Nachfragen ließen die Verantwortlichen immer wieder unbeantwortet.

Die Enthüllungen der "Soko Tierschutz" lösten international Entrüstung aus. Im November demonstrierten rund 15.000 Menschen für ein Ende der Tierversuche bei LPT – für die Standorte Mienenbüttel und Neugraben am Ende mit Erfolg. Nach Razzien wurden sie geschlossen, die verbliebenen Tiere musste das Unternehmen an geeignete Halter abgeben. So konnten unter anderem rund 100 Beagle vor dem Tod in den Studien bewahrt werden.

Kein Verbot für Tierversuche in Schleswig-Holstein

Doch das Unternehmen betreibt noch ein weiteres Labor. Im Kreis Plön in Schleswig-Holstein führt LPT auf einem ehemaligen Gutshof unter anderem Versuche an Kaninchen, Meerschweinchen, Wachteln, Ratten, Mäusen und sogenannten Minischweinen durch – und darf dies dort vorerst auch weiterhin tun. 

Drei Tierversuchslabore in drei Bundesländern – und ein Verantwortlicher: Jost L. ist der im Handelsregister eingetragene Geschäftsführer der LPT Laboratory of Pharmacology and Toxicology GmbH & Co. KG. (Jahresgewinn 2017 laut Bundesanzeiger: rund 5,8 Millionen Euro) und einziger Geschäftsführer der Mutterfirma.

stern 1982
Blick ins stern-Archiv: Das LPT-Labor bei Hamburg stand schon 1982 in der Kritik
© stern

L. gilt in Hamburg und Niedersachsen mit seiner Firma als unzuverlässig für die Tierhaltung – die Behörden stützen sich dabei unter anderem auf die Ermittlungsergebnisse der Staatsanwaltschaft Stade zum Vorwurf der Tierquälerei und eigene Prüfungen. Sie sind sich ihrer Entscheidungen sicher. 

Weiter nördlich, in Schleswig-Holstein, ist der Entzug der Erlaubnis zum Halten von Versuchstieren bei den Behörden kein Thema – zumindest vorerst. LPT führe im Kreis Plön mehrere gesetzlich vorgeschriebene Studien an Tieren zu möglichen Auswirkungen von Arzneiwirkstoffen auf die Fortpflanzung durch, teilte das schleswig-holsteinische Umweltministerium dem stern mit.

Aber weshalb kann ein und derselbe Mensch mit ein und demselben Unternehmen mal als unzuverlässig und mal als korrekt in Sachen Tierhaltung gelten? 

Der Kreis Plön verwies auf stern-Nachfrage auf die unterschiedliche Charakteristik der Labore. Auf dem Gutshof würden beispielsweise keine Affen und Katzen gehalten, zudem seien die Mitarbeiter zum großen Teil andere als in Neugraben und Mienenbüttel. "Gerade weil die Tierversuchseinrichtungen so unterschiedlich sind, ist jeder Standort somit rechtlich und tierschutzrechtlich für sich zu bewerten", ließ Landrätin Stephanie Ladwig (parteilos) über eine Sprecherin mitteilen. Mehrere angekündigte und unangemeldete Kontrollen im vergangenen Jahr hätten keine Beanstandungen ergeben. "Somit kann isoliert betrachtet nur aufgrund der Feststellungen im Kreis Plön die mangelnde Zuverlässigkeit des Betreibers der LPT bisher nicht festgestellt werden."

Tierschützer planen Demonstration gegen LPT-Labor

Dass die Behörden in Niedersachsen und Hamburg Jost L. und LPT als unzuverlässig betrachten und das Halten von Tieren verboten haben, sei "bislang nicht bestandskräftig", erklärte die Landrätin mit Blick auf die Klage vor dem Verwaltungsgericht in Lüneburg. Dennoch versicherte sie: "Der Standort Löhndorf steht unter laufender behördlicher Beobachtung und gleichzeitig verstärkter Kontrolle."

Zudem stehe der Kreis in Kontakt mit den übrigen beteiligten Behörden, Sollten bei den Ermittlungen der Staatsanwaltschaften und den Prüfungen der Tierversuche durch das grün-geführte schleswig-holsteinische Umweltministerium belastende Erkenntnisse zu Tage treten, könnten sich "Maßnahmen bezüglich des Standortes ergeben". Bis dahin kann LPT im Kreis Plön weiter mit Tieren experimentieren.

Die ehrenamtlichen Tierschützer von der "Soko Tierschutz" wollen sich mit dem Status quo nicht zufriedengeben. "Wir fordern von der Regierung und den Behörden in Schleswig-Holstein die gleichen, konsequenten Maßnahmen wie in Hamburg und Niedersachsen. Wer dort als Gefahr für Mensch und Tier gilt, darf nicht unbehelligt bleiben“, erklärte Friedrich Mülln, der Vorsitzende des Vereins. Die Tierrechtsorganisation hat für Samstag zu einer Demonstration in Kiel aufgerufen. Ihr Ziel: "Das letzte LPT-Todeslabor schließen."


Der stern berichtete umfassend über den LPT-Skandal:


Quellen: Landkreis HarburgBehörde für Gesundheit und Verbraucherschutz Hamburg, "Soko Tierschutz", LPT, Bundesanzeiger, Nachrichtenagentur DPA


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