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Spektakulärer Bankraub: Alle suchen die Millionen

Es war ein spektakulärer Banküberfall: 1995 brachen Gangster durch einen Tunnel in eine Berliner Commerzbank-Filiale ein, nahmen 16 Geiseln und flohen mit mehreren Millionen. Nun wurde einer der mutmaßlichen Täter in Schweden gefasst - doch von der Beute fehlen immer noch fast fünf Millionen Euro.

Von Nico Wingert

In dem kleinen idyllischen schwedischen Örtchen Degefors lebte bis vor ein paar Tagen völlig unauffällig der Libanese Ali I., 32. Der Araber war 2001 aus Beirut eingereist und bat um Asyl. Er bekam Arbeit in einer Pizzeria im benachbarten Örebro und erhielt 2006 die schwedische Staatsbürgerschaft.

Ein ganz normales Leben

Der Libanese schien nur einer von vielen Immigranten zu sein. Er änderte seinen Namen in Rodi I. und heiratete eine Libanesin, die er in Schweden kennen lernte. Inzwischen ist er Vater dreier Kinder. Ansonsten "fiel er nie polizeilich auf, hatte kaum Freunde und lebte in bescheidenen Verhältnissen in einem Vierfamilienhaus aus gelben Backsteinen", berichtet der schwedische Journalist Robert Triches.

Doch seit einigen Tagen ist die fröhliche Idylle für Ali alias Rodi I. vorbei: Interpol Schweden verhaftete den mit europäischem Haftbefehl gesuchten Bankräuber am 26. Mai. Der entscheidende Tipp kam dabei von den Deutschen: "Die Verhaftung war vor allem ein Verdienst der deutschen Zielfahnder", sagt Ken Widding von Interpol Schweden.

Anderthalb Jahre Tunnel gegraben

Ali I. wird vorgeworfen, an einem der dreistesten und größten Banküberfalle Deutschlands beteiligt gewesen zu sein. Er soll zu der legendären Tunnel-Räuber-Bande gehören, die 1995 in Berlin-Zehlendorf einen Supercoup landete und damit ganz Berlin in Atem hielt.

Damals, am 27. Juni 1995, waren die Bankräuber in die Commerzbank eingedrungen. Unterirdisch. Der Clou: Fast anderthalb Jahre hatte sich die vermutlich elfköpfige Bande völlig unbemerkt durch den Untergrund von Berlin-Zehlendorf gegraben - bis in die Breisgauer Straße, direkt unter die Commerzbank. Jeder Bergmann hätte an dieser Arbeit seine Freude gehabt: Der Tunnel war mit Holzbohlen komplett abgestützt und ausgekleidet. Einsturz - und transportsicher.

Anderthalb Jahre Tunnel gegraben

Die Räuber stemmten den Boden der Commerzbankfiliale von unten auf und nahmen 16 überraschte Angestellte als Geiseln. Zwei maskierte Männer brachen mit Stemmeisen rund 207 der 400 Bankschließfächer auf. Einer der beiden maskierten Männer soll der jetzt in Schweden gefasste, damals 19-jährige Ali I. sein. Er ist der Bruder des Vize-Chefs der Gang und des Türstehers Dergham I., der sein Tunnelbau-Know-How bei der Ausbildung kurdischer Kämpfer im Libanon erhalten haben soll.

Die anderen vier maskierten und bewaffneten Männer narrten indes die Berliner Polizei, die das Gebiet um die Zehlendorfer Bank komplett abgeriegelt hatte: Für das Leben der Geiseln forderten sie zusätzlich rund 5,6 Millionen Mark Lösegeld - und einen Fluchthubschrauber. Als dann die Elitepolizisten die Bank stürmte, war die Gruppe längst durch die zwei unterirdischen Tunnelstrecken verschwunden: Mit ihnen die Beute und zusätzlich das Lösegeld. Bis heute weiß niemand genau, wie hoch das Diebesgut gewesen ist. Von 16,3 Millionen Mark bis 25 Millionen Mark ist die Rede.

Sechs der Täter wurden verurteilt

Die Zweite Große Strafkammer des Berliner Landgerichtes verurteilte 1996 sechs der gefassten Tunnelräuber. Fünf von ihnen stammen aus Syrien oder dem Libanon. Die einzige Gemeinsamkeit der beiden Großfamilien: Ihre kurdische Abstammung. Der sechste Täter war ein deutscher "Hilfsarbeiter", der beim Tunnelbau die letzten Meter graben musste. Die Urteile: Von 13 Jahren Haft für den Chef der Bande, Kahled Al B., bis zu sechs Jahren.

Ob derzeit einer der damals verurteilten Tunnel-Räuber noch eine Gefängnisstrafe absitzen muss, wollte der Berliner Justizsprecher "mit Rücksicht auf die Persönlichkeitsrechte" nicht kommentieren. Nur einen Teil der Beute - 5,6 Millonen Mark, also rund 2,8 Millionen Euro - konnten die Ermittler bis heute sicherstellen. Mindestens fünf Millionen Euro fehlen noch.

Ein weiterer Täter agierte eher im Hintergrund: Bassam Karah-J., ein Leipziger Zahnarzt und mutmaßlicher Ex-Stasi-Agent, packte vor ein paar Jahren umfangreich aus und führte die Berliner Polizei zu einigen Geldverstecken in Brandenburg, Polen und Damaskus in Syrien.

Berliner Justiz fordert Auslieferung

Mindestens drei weitere Mittäter waren jedoch flüchtig, darunter auch der in Schweden gefasste Ali I. Dessen Auslieferung hat die Berliner Justiz jetzt bei den schwedischen Behörden beantragt. Nun soll ein schwedisches Gericht über das weitere Schicksal von Ali I. entscheiden.

Der Knackpunkt: Angeblich soll Ali I. für den Berliner Tunnelraub 1996 von einem Gericht in Beirut zu fünf Jahren Haft verurteilt worden sein. Darüber wurden damals die deutschen Ermittler in Kenntnis gesetzt, die in Beirut mit libanesischer Hilfe nach der Diebesbeute fahndeten. "Mein Mandant hat von der Strafe drei Jahre in Beirut abgesessen", sagt der schwedische Verteidiger Olof Swedjemark. Und fügt hinzu: "Unschuldig, denn I. war gar nicht an dem Tunnelraub beteiligt".

Weiterhin Haft unter verschärften Bedingungen

Bei der Haftprüfung am 4. Juni im schwedischen Karlskoga legte Verteidiger Swedjemark außerdem ein Dokument mit Fingerabdrücken seines Mandanten aus Beirut vor. Doch diesem "Beweis" wollte der Richter nicht folgen und ordnete weiterhin Haft unter verschärften Bedingungen an.

"Wir haben bis heute keine gesicherten Erkenntnisse, ob Ali I. tatsächlich in Beirut verurteilt wurde und in Haft saß, oder auch nicht" erklärt Michael Grunwald von der Berliner Justiz das deutsche Auslieferungsbegehren. Konkret werfen die deutschen Ermittler Ali I. vor, Mitglied der Tunnelräuber-Bande gewesen zu sein, die Decke zur Bank selbst durchbrochen zu haben und die Schließfächer aufgestemmt zu haben. Letztlich erhoffen sich die Ermittler auch Hinweise, wo der Rest der Millionen-Beute verblieben ist.