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stern-Gespräch

Psychiater Andreas Heinz: Nach der entsetzlichen Tat von Frankfurt: Wie die Gesellschaft mit potenziellen Gewalttätern umgeht

Nach der entsetzlichen Tat von Frankfurt stellen sich Fragen. Der Psychiater Andreas Heinz über Menschen mit Psychosen – und über den Umgang der Gesellschaft mit potenziellen Gewalttätern.


Tragödie von Frankfurt: Psychiater warnt vor falschen Schlüssen

Blumen und Kerzen am Frankfurter Hauptbahnhof. Am 29. Juli wurden hier eine Mutter und ihr Kind auf ein Gleis gestoßen. Nur die Mutter überlebte.

Vergangene Woche hat in Frankfurt der 40-jährige Habte A. eine Frau und ihren achtjährigen Sohn vor einen einfahrenden ICE gestoßen. Die Frau konnte sich gerade noch retten, der Junge starb. Als Sie von dem Fall hörten – was haben Sie gedacht?

Ich verstehe die Anteilnahme am Schicksal der Opfer und der Angehörigen sehr gut, und auch mir geht das nah. Doch das Ausmaß der Diskussion über den Täter hat mich ein Stück weit überrascht. Es ist ja leider in der Vergangenheit schon einige Male passiert, dass jemand einen Menschen vor einen Zug gestoßen hat. Aber bisher wurde es meist wenig beachtet.

Prof. Andreas Heinz, 59, ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie. Er leitet zudem die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Charité Campus Mitte in Berlin.

Prof. Andreas Heinz, 59, ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie. Er leitet zudem die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Charité Campus Mitte in Berlin.

Soweit man das sieben Tage nach der Tat sagen kann, gibt es zwei Umstände, die sie besonders machen. Der früher vollkommen unauffällige A. soll seit einigen Monaten unter Verfolgungswahn gelitten haben. Und: Er kam 2006 als Flüchtling aus Eritrea in die Schweiz. 

Was ärgerlicherweise dazu führt, dass einzelne Gruppierungen aus der Tat etwas ableiten wollen über die angebliche Gefährlichkeit von Flüchtlingen im Allgemeinen. Ich habe keine Informationen über den ­Täter von Frankfurt und kann mich deshalb natürlich nicht über diesen Einzelfall äußern. Aber eines kann ich Ihnen ganz grundsätzlich versichern: Psychische Erkrankungen können jeden von uns ­treffen, nicht nur Menschen mit Fluchterfahrungen. 

Wie gefährlich sind Menschen, die an Psychosen leiden?

Psychisch Kranke sind nicht häufiger gewalttätig als alle anderen Menschen auch. Einzelne Menschen mit Psychosen können, insbesondere bei zusätzlichem Drogenkonsum, zu einer Gefahr für andere werden – wenn sie beispielsweise Stimmen in ihrem Kopf hören, die sie zu einem aggressiven oder gewalttätigen Verhalten drängen. Aber: Im Laufe seines Lebens erkrankt in Deutschland etwa einer von hundert Menschen an einer Psychose. Nicht alle haben schwere Wahnvorstellungen oder andere ausgeprägte Symptome, und nur ein geringer Teil von ihnen ist gefährlich für andere. Wenn überhaupt, dann verletzen sich die meisten selbst. Sie können verwahrlosen, sich zurückziehen und leiden oft an massiven Ängsten. Anderen fallen sie am ehesten durch ihr Verhalten auf, wenn sie zum Beispiel mit lauter Musik ihre halluzinierten Stimmen übertönen wollen.

Im U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz in Berlin wird im Januar 2016 eine junge Frau vor einen Zug gestoßen und stirbt. Der Täter ist psychisch krank.

Im U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz in Berlin wird im Januar 2016 eine junge Frau vor einen Zug gestoßen und stirbt. Der Täter ist psychisch krank.

2016 wurde eine 20-Jährige in Berlin vor einen Zug gestoßen, sie starb. Der Täter war vorher mehrfach mit der Diagnose Schizophrenie in der Psychiatrie gewesen. In Reinbek bei Hamburg ermordete 2017 ein junger Mann seinen Stiefvater mit einer Axt. Die Mutter und die Schwester hatten vorher dringend gebeten, den Mann in eine psychiatrische Einrichtung einzuweisen. Auch wenn nur wenige psychisch Kranke gefährlich werden können: Müssen Angehörige, Nachbarn und die Gesellschaft nicht besser vor solchen Menschen geschützt werden?

Das ist ein sehr vielschichtiges Thema. In Deutschland ist die höchstrichterliche Rechtsprechung getragen von Respekt vor der Freiheit jeder individuellen Person. Jemand darf nur dann festgehalten oder gegen seinen Willen in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen werden, wenn ein unabhängiger Gutachter und ein Richter zu dem Schluss kommen, dass eine relevante Eigen- oder Fremdgefährdung vorliegen. Es kann passieren, dass jemand falsch eingeschätzt wird, dass der Betreffende auf den Gutachter oder die Polizei einen anderen Eindruck macht als etwa auf seine besorgten Angehörigen. Aber das ist eher selten.

Mahnwache nach Tötungsdelikt  : "Diese Tat widerspricht allem, wofür wir in Frankfurt stehen"

Der Sozialpsychiater Klaus Dörner trug in den 80er Jahren maßgeblich zur Entstigmatisierung psychisch Kranker bei. Von ihm stammt der Satz: "Ein gelingendes Leben bedarf auch der Last." Gemeint ist: Ein gewisses Maß an "Verrücktheit" müssten die Menschen bei ihren Mitbürgern aushalten. 

Der Dörner'sche Geist ist im Verfassungsgericht sehr gut repräsentiert heute – aber das heißt natürlich nicht, dass es nicht ebenso wichtig wäre, die Gesellschaft keinen großen Risiken auszusetzen. Man muss alle Hilfestellungen dafür geben, dass möglichst niemand ernsthaft gefährdet wird. Leider ist es manchmal erst in der Rückschau klar, dass sich etwas Furchtbares angebahnt hat. Und wir können und dürfen nicht jeden, der merkwürdige Dinge glaubt oder tut oder der überzogen reagiert, unter Verdacht stellen und in eine Klinik einweisen. Es darf nicht sein, was ich vor 30 Jahren als Student in einem Beschwerdezentrum für Psychiatrie erlebt habe: Ein Mann war 18 Jahre lang gegen seinen Willen in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht worden. Er war, als ich ihn danach kennenlernte, in einem guten geistigen Zustand. Er sagte, er sei nicht gegen Zwangseinweisungen, aber ein Richter müsse das regelmäßig prüfen. Heute ist eine fehlende Prüfung durch einen unabhängigen Richter eher ein Kennzeichen totalitärer Regime.

Ein 31-Jähriger tötet im August 2017 in Reinbek seinen Stiefvater mit einer Axt. Er ist schwer krank, fühlt sich verfolgt.

Ein 31-Jähriger tötet im August 2017 in Reinbek seinen Stiefvater mit einer Axt. Er ist schwer krank, fühlt sich verfolgt.

Weil der Täter von Frankfurt aus Eritrea in die Schweiz kam und offenbar über Jahre friedlich und sehr gut integriert war, wird jetzt auch darüber diskutiert, wie riskant die seelischen Wunden von Flüchtlingen für uns sind. Kann es sein, dass sich ein Trauma aus der Vergangenheit mit einem Mal Bahn bricht – und muss man damit rechnen, dass viele Geflüchtete wegen ihrer schweren Erlebnisse irgendwann gewalttätig werden?

Wie gesagt: Über den Täter von Frankfurt habe ich keine Kenntnisse. Aber grundsätzlich wissen wir aus der neurobiologischen Forschung, dass Psychosen einschließlich Schizophrenien durch schwere Belastungen, durch hohen Stress, ausgelöst werden können, also etwa durch Traumatisierungen. Diese Daten sind nicht neu, aber man hat das lange zu wenig beachtet und zu sehr auf erbliche Einflüsse geschaut. Wer eine schwere seelische Erschütterung erlebt hat, kann offenbar auch ohne genetische Vulnerabilität eine Psychose entwickeln.

Dann müssen wir also damit rechnen, dass einige traumatisierte Flüchtlinge zu einer Gefahr für die Allgemeinheit werden können?

Das kann bei allen Menschen passieren, die bestimmte Formen schwerer psychischer Erkrankung erleiden, insbesondere wenn zusätzlich Drogen im Spiel sind. Aber man sollte das ins Verhältnis setzen zu anderen Faktoren: Männer sind etwa neunmal so häufig gewalttätig wie Frauen, und unter Alkoholeinfluss sind auch Gesunde viel häufiger gewalttätig als im nüchternen Zustand. Jeder zweite Mord in Deutschland findet unter Alkoholeinfluss statt. Es wird auch immer wieder einzelne Menschen mit psychischen Erkrankungen geben, die gefährlich werden können und bei denen die Gefährlichkeit nicht rechtzeitig erkannt wurde. Aber das ist gegenüber den Gewalttaten unter Alkohol selten. Und ich rechne nicht damit, dass es überzufällig häufig unter Geflüchteten vorkommen wird. Allerdings sollte man sich gewahr sein, dass ein Teufelskreis entstehen kann: Menschen, die ohnehin seelisch labil sind, können sich eher bedroht fühlen. Sie können aggressiv werden oder in seltenen Fällen auch eine Psychose entwickeln, wenn sie sich stigmatisiert fühlen, wenn sie merken, dass man ihnen misstraut und dass man sie ausgrenzt und beobachtet – ein Grund-Misstrauen ist also für niemanden hilfreich.

Eine junge Mutter stirbt in Voerde im Juli 2019, nachdem ein 28-Jähriger sie auf ein Gleis gestoßen hat. Der Mann war schon mehrmals gewalttätig.

Eine junge Mutter stirbt in Voerde im Juli 2019, nachdem ein 28-Jähriger sie auf ein Gleis gestoßen hat. Der Mann war schon mehrmals gewalttätig.

Meistens steckt ja keine diagnostizier­bare psychische Erkrankung hinter aggressiven Ausbrüchen und Übergriffen. Vor zwei Wochen wurde eine Frau in Voerde auf ein Gleis gestoßen – der Täter war vorher bereits polizeibekannt. Er randalierte, pöbelte, drohte. Auch jener Mann, der 2016 eine Frau an der U-Bahn in Berlin die Treppen hinuntertrat, war  hoch aggressiv, aber nicht psychisch krank. Müsste man bei solchen Gewalttätern früher eingreifen?

Gewalt und Aggression sind Teil unserer Gesellschaft, es ist deshalb wie beim Umgang mit psychischen Erkrankungen: Man muss abwägen. Mir ist vor wenigen Tagen selbst etwas passiert, das für mich die Problematik sehr gut illustriert. Ich war zu Fuß auf dem Bürgersteig unterwegs, ein Fahrradfahrer kam mir entgegen, ich konnte nicht rechtzeitig aus dem Weg springen. Er rempelte mich an und verlor das Gleichgewicht. Dann stand er vor seinem umgekippten Fahrrad und holte aus, um nach mir zu schlagen. Er verfehlte mich und radelte weiter. Was wäre gewesen, wenn ich später erfahren hätte, dass der Mann bei der nächsten Gelegenheit einen Menschen zusammengeschlagen hat? Hätte ich die Polizei rufen sollen, weil ich ihn als sehr aggressiv erlebt hatte? Es ist leider sehr schwer, da immer die richtige Entscheidung zu treffen. 

Wie kann es gelingen, dass die Menschen in Deutschland sich nach einem Vorfall wie in Frankfurt wieder sicherer fühlen?

Eine Tat wie diese, die jeden treffen kann, löst Angst und ein Gefühl von Hilflosigkeit aus. So etwas erschüttert das Grundvertrauen. Nach Beziehungstaten ist es einfacher, sich als Außenstehender zu distanzieren – da ist ja meist klar, dass man selbst nicht das Opfer hätte werden können. Man sollte sich nach Terrorakten oder einem Ereignis wie in Frankfurt klarmachen: So furchtbar die Taten sein können – die Wahrscheinlichkeit, dass einem selbst oder den eigenen Angehörigen so etwas passiert, ist verschwindend gering. Auch diese Fakten, die Ängste vermindern können, müssten medial prominenter sein. Gleichzeitig kann man sich vornehmen, hellhörig zu sein, wenn man den Eindruck hat, dass jemand aus der eigenen Umgebung deutliche psychische Probleme hat.

Und was tut man dann? 

Man kann sich an den Sozialpsychiatrischen Dienst wenden, den es in allen Regionen Deutschlands gibt. Oder bei aggressivem Verhalten an die Polizei. Selbst wenn das erst mal keine Konsequenzen hat, so ist die Sache doch schon einmal dokumentiert – und wenn wieder etwas passiert, entsteht ein klareres Bild. Allerdings soll das bitte keine Aufforderung sein, jede Abweichung vom Normalen anzuzeigen. Im Internet kursiert ein Video, da heißt es, in Berlin dürfe man nicht mal nackt tanzen, sofort werde die Polizei geholt, und man komme zwangsweise in die Psychiatrie. Das stimmt nicht: Ich habe noch nie erlebt, dass jemand deswegen in die Psychiatrie kommt. Wenn allerdings jemand nackt den Verkehr regelt, das Ganze vielleicht sogar im Winter, dann sollte man sich schon mit seinem psychischen Zustand beschäftigen, um ihn selbst und seine Mitbürger zu schützen – derjenige könnte schließlich einen schweren Unfall verursachen, erfrieren oder überfahren werden.

Wie kann es der Mutter des in Frankfurt getöteten Jungen gelingen, ihren Verlust zu verarbeiten?

Mit Sicherheit ist es eine der schwersten Situationen im Leben, wenn das eigene Kind umkommt. Opfern muss über einen langen Zeitraum therapeutische Begleitung angeboten werden. Und es ist wichtig, dass das Umfeld solidarisch und mitfühlend reagiert. Deshalb ist die große Solidaritätsbewegung, die es gibt, ganz sicher gut.

Dieser Artikel ist dem aktuellen stern entnommen: