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Geldtransporter ausgeraubt Nicht die "RAF-Rentner", sondern Thomas Drach: Diese Überfälle werden dem Reemtsma-Entführer angelastet

Reemtsma-Entführer Thomas Drach
Reemtsma-Entführer Thomas Drach im Jahr 2000 im Hamburger Landgericht
© Michael Probst / DPA
Erst galten auch drei untergetauchte Ex-RAF-Mitglieder als mögliche Täter, nun wurde ein anderer alter Bekannter festgenommen: Der Reemtsma-Entführer Thomas Drach soll für drei Überfälle auf Geldtransporter verantwortlich sein. Um diese Fälle geht's.

Er ist einer der bekanntesten Kriminellen Deutschlands – und zugleich einer der brutalsten: Thomas Drach wurde 2001 wegen der Entführung des Hamburger Milliardärs Jan Philipp Reemtsma zu 14,5 Jahren Haft verurteilt und Ende 2013 vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen. Jetzt, rund siebeneinhalb Jahre später, sitzt der 60-Jährige wieder hinter Gittern.

Die niederländische Polizei hat Drach am Dienstagmorgen in Amsterdam festgenommen. Das meldeten zunächst die "Bild"-Zeitung, der "Spiegel" und die Nachrichtenagentur DPA übereinstimmend. Ihm wird vorgeworfen, gemeinsam mit Komplizen in den Jahren 2018 und 2019 mindestens drei Geldtransporter in Köln und Frankfurt am Main bewaffnet überfallen zu haben.

Die Taten sorgten bundesweit für Aufsehen – auch weil zunächst ganz andere, nicht minder prominente Straftäter als Verdächtige galten. Die Parallelen zwischen den drei Fällen sind frappierend:

Diese Überfälle werden Thomas Drach zur Last gelegt

  • Ikea-Filiale Köln-Godorf, 24. März 2018. Auf dem Weg von dem Möbelhaus zu seinem Geldtransporter wurde ein 60-Jähriger mit einer Waffe bedroht und ihm das Geld geraubt. Mindestens zwei Täter sind anschließend in einem BMW mit geklauten Kennzeichen geflüchtet, der wenig später von Passanten brennend entdeckt wurde. Die Polizei leitete eine Fahndung, auch mit einem Hubschrauber, ein, die Täter konnten dennoch unerkannt entkommen. Die Tat wurde auch von der ZDF-Fernsehsendung "Aktenzeichen XY ... ungelöst" aufgegriffen.
Einer der Täter beim Raubüberfall in Köln-Godorf
Einer der Täter beim Raubüberfall in Köln-Godorf
© Polizei Köln
  • Flughafen Köln/Bonn, 6. März 2019. Nach Polizeiangaben überfielen mindestens zwei unbekannte Täter einen Geldtransporter am Konrad-Adenauer-Flughafen. Mindestens ein Schuss fiel, ein Wachmann wurde am Oberschenkel getroffen und schwer verletzt. Er schwebte zwischenzeitlich in Lebensgefahr. Im Kölner Stadtteil Porz musste wenig später die Feuerwehr ausrücken, die Täter hatten ihren Fluchtwagen brennend zurückgelassen. In dem Wrack fanden Beamte eine zurückgelassene Kalaschnikow, die mutmaßliche Tatwaffe. Der dunkle Audi wurde zuvor in Amsterdam geklaut und ebenfalls mit gestohlenen Kennzeichen ausgestattet. Die Täter konnten trotz Großfahndung – unter anderem mit einem Hubschrauber – entkommen. Ihre Beute sei nur eine "geringfügige Summe" Geld gewesen, sagte der Kölner Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer nach der Tat, ohne näher ins Detail zu gehen. Ein von der Polizei als authentisch bewertetes Video eines Augenzeugen zeigte die Abfahrt der Täter.
  • Ikea-Filiale Frankfurt-Nieder-Eschbach, 9. November 2019. Hier notierte der Polizeibericht: "Gegen 11.25 Uhr verließ ein 56-jähriger Mitarbeiter eines Geldtransportunternehmens das Gebäude des Ikea-Einrichtungshauses mit einer Geldkassette. Genau in diesem Moment attackierte ihn ein bislang unbekannter Mann. Nach einer kurzen Rangelei gelang es dem Täter, die Geldkassette an sich zu bringen. In der Folge kam es zu einem Schusswechsel zwischen dem Geldboten und dem Räuber, bei dem der Geldbote angeschossen und schwer verletzt wurde." In der Nähe des Möbelhauses wurde kurze Zeit später ein ausgebrannter Audi A8 entdeckt. Er wurde vorher gestohlen und hatte ebenfalls geklaute Kennzeichen montiert. Die Fahndung blieb ohne Erfolg.
Polizei vor Frankfurter Ikea-Filiale
Beim Überfall auf die Frankfurter Ikea-Filiale wurde ein Geldbote schwer verletzt
© Frank Rumpenhorst / DPA

Es gab 2018 noch einen weiteren Überfall auf einen Geldtransporter mit einem ähnlichen Modus Operandi in Limburg (lesen Sie hier im stern mehr dazu). Diesen rechnen die Ermittler offenbar nicht Drach und seinen Komplizen zu.

Thomas Drach gilt als "Masterimind" der Reemtsma-Entführung1996

Zunächst geriet auch ein Trio von untergetauchten Angehörigen der früheren Terrorgruppe Rote-Armee-Fraktion (RAF) ins Visier der Fahnder. "Wir prüfen auch, ob die drei als Mitglieder der ehemaligen RAF gesuchten Ernst-Volker Staub, Burkhard Garweg und Daniela Klette mit den Überfällen in Verbindung stehen", sagte ein Sprecher der Frankfurter Polizei 2019 im Gespräch mit dem stern. "Alles andere wäre nicht professionell." Man gehe von "professionell agierender Bandenkriminalität" aus, hieß es seinerzeit.

Die drei als "RAF-Rentner" bekannten Ex-Terroristen stehen seit Jahren ganz oben auf der Fahndungsliste des Bundeskriminalamtes. Sie werden immer wieder mit Raubüberfällen auf Geschäfte und Geldtransporter in Verbindung gebracht, mit denen sie ihren Lebensunterhalt finanzieren sollen. Sie werden unter anderem wegen versuchten Mordes gesucht. Doch für den Fall der drei Thomas Drach zur Last gelegten Überfälle teilten Kölner Staatsanwaltschaft und Polizei mit: "Gelegentlich in den Medien geäußerte Vermutungen, wonach Mitglieder der ehemaligen Rote-Armee-Fraktion an den Taten beteiligt gewesen sein könnten, haben sich in den Ermittlungen nicht bestätigt."

LKA Niedersachsen fahndet nach diesen drei Ex-RAF-Mitgliedern

Auf die Spur gekommen ist die Polizei dem Reemtsma-Entführer durch Videoaufnahmen aus dem März 2018 vom Flughafen Köln/Bonn. Nach den "daraufhin geführten sehr aufwendigen, zum Teil verdeckt geführten Ermittlungen" sei es den Kölner Fahndern gelungen, die Spur eines darin zu sehendenFluchtautos bis in die Niederlande zu verfolgen, so die Staatsanwaltschaft am Dienstag. Der Wagen sei inzwischen sichergestellt. Nach mindestens zwei Mittätern von Thomas Drach werde noch gefahndet.

Dem 60-Jährigen wird gemeinschaftlicher schwerer Raub in drei Fällen sowie ein Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz vorgeworfen. Im Falle einer Verurteilung wird er vermutlich für den Rest seines Lebens nicht mehr in Freiheit kommen. Er schrammte nach der Entführung des Millionenerben Jan Philipp Reemtsma und einer späteren Erpressung seines Bruders aus dem Knast heraus bereits kurz an der Sicherungsverwahrung vorbei. Drach soll am Mittwoch von der niederländischen Justiz befragt werden, die deutschen Behörden haben bereits einen Auslieferungsantrag gestellt.

Reemtsma-Entführung
Sogenannte Lebensbeweis der Reemtsma-Entführer von 1996
© Polizei Hamburg / DPA

Im März 1996 hatten Drach und seine Komplizen den Hamburger Soziologen und Erben der Tabak-Dynastie, Jan Philipp Reemtsma, entführt und nach 33 Tagen wieder freigelassen. Gegen 15 Millionen D-Mark und 12,5 Millionen Schweizer Franken Lösegeld. Zum Verbleib des Lösegelds hatte Drach stets geschwiegen beziehungsweise seinen Bruder reingezogen – der Millionen versenkt habe. Staatliche und private Ermittler im Auftrag Reemtsmas sicherten noch Reste des Lösegelds. Dass Drach nun als Krimineller rückfällig geworden sein soll, würde dafür sprechen, dass von der Beute aus der Reemtsma-Entführung nichts mehr übrig ist.

Quellen: "Spiegel", "Bild-ZeitungStaatsanwaltschaft und Polizei KölnPolizei FrankfurtPolizei Köln (1), Polizei Köln (2)Polizei Westhessen, Bundeskriminalamt, Nachrichtenagentur DPA


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