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Trauerfeier in Duisburg: "Die Loveparade wurde zum Totentanz"

Duisburg nimmt Abschied von den Opfern der Loveparade. Besonders bewegend auf der zentralen Trauerfeier: Die Rede von NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Die drastischsten Worte fand Kirchenmann Nikolaus Schneider.

Trauer in Duisburg: Bei der Gedenkfeier zur Tragödie der Loveparade haben sich der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider, mit tröstenden Worten an die Hinterbliebenen gewendet. Sie fanden auch nachdenkliche und mahnende Sätze an die Verantwortlichen. Zu dem ökumenischen Gottesdienst in der Salvatorkirche kamen rund 500 Besucher, einige Plätze blieben leer. Unter den Gästen waren Bundespräsident Christian Wulff, Bundestagspräsident Norbert Lammert, Kanzlerin Angela Merkel und Außenminister Guido Westerwelle.

Besonders ergreifend war die Rede der nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Sie wandte sich am Ende der Feier in einer Ansprache an die Trauergemeinde und kämpfte sichtlich bewegt mit den Tränen. "Jede Katastrophe erschüttert uns, lässt uns die Frage nach dem 'Warum' stellen. Für diese Katastrophe gilt das in besonderer Weise", sagte Kraft. Fragen nach Schuld und Verantwortung müssten beantwortet werden. Zum Abschluss zitierte sie die Bitte, die der Vater einer Verstorbenen an sie heran getragen habe. "Der grausame Tod seiner Tochter könnte im Nachhinein noch einen Sinn bekommen, wenn dieser Tod uns alle mahnt, unser aller Wertesystem zu überdenken. Der Mensch, sein Wohlergehen und seine Sicherheit müsse wieder wichtigste Leitlinie unseres Handelns sein vor allen anderen Motiven. Das muss und wird unsere gemeinsame Verpflichtung sein."

Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter erntete Kraft viel Lob für ihre Rede. "Authentische Rede von Hannelore Kraft. Bei Politikern eher selten!", lobte ein Twitter-Nutzer. "Hannelore Kraft hat bei der Trauerfeier die passenden Worte gesagt, zu denen andere unfähig waren. Das Schweigen des Bundespräsidenten störte dagegen manche Kommentatoren.

Totentanz Loveparade

Die Zeremonie wurde in mehr als zehn Kirchen auf Großbildleinwänden gezeigt. Zur Übertragung und Andacht im Fußballstadion des MSV Duisburg, in dessen Mitte die Veranstalter ein großes Kreuz gelegt hatten, kamen nach Polizeiangaben entgegen der Erwartungen nur rund 2.600 Menschen. Gerechnet hatte die Stadt mit mehreren Zehntausend.

"Die Loveparade wurde zum Totentanz", sagte Kirchenmann Schneider. "Mitten hinein in ein Fest überbordender Lebensfreude hat der Tod uns allen sein schreckliches Gesicht gezeigt." Der Präses appellierte an die Gläubigen, sie sollten ihr Gottvertrauen und den Lebensmut nicht aufgeben. "Unser Glaube an Gott ist keine Versicherung gegen die Erfahrung von Leid und Tod. Aber wir können darauf vertrauen: Gottes liebevolle Gegenwart auf allen unseren Wegen ist uns zugesagt." Schneider thematisierte auch die Frage nach dem "Warum?" und sprach die Rolle des Veranstalters und der Behörden an. "Warum ließ Gott das zu? Und wie verlangt Gott Rechenschaft von denen, die Verantwortung für das Unglück zu tragen haben?" Der Essener Bischof Overbeck sagte, auch Gott habe die Menschen nicht vor dem Leid bewahrt. "Er gibt auch keine Antworten auf viele unserer Fragen. Und doch heilt er und ist da: für die Toten, für die Verletzten, für die Trauernden, für die Fragenden und auch für diejenigen, die sich der Verantwortung stellen müssen." Es sei schwer, mit dem Geschehenen zu leben, sagte Overbeck. "Und doch bleibt etwas und geht weiter, was auch der Name der 'Loveparade' zum Ausdruck bringt: die Liebe. In der Bibel heißt es, dass Gott die Liebe ist. Sie bleibt, sie verbindet uns Menschen, miteinander und mit Gott - über den Tod hinaus."

Im Anschluss an die Ansprachen zündeten Rettungskräfte Kerzen für die Verstorbenen an. In einer Fürbitte hieß es: "Gib uns Klarheit und Wahrhaftigkeit, um die Ursachen des Unglücks aufzudecken. Lass diejenigen, die an Schuld zu zerbrechen drohen, Deine Barmherzigkeit erfahren. Und bewahre uns alle davor, Menschen vorschnell zu verurteilen, damit Wurt und Zorn nicht weiter die Stadt regieren."

AP/kmi / AP