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Alternative Realitäten Verschwörungsgläubige, Neonazis, Esoteriker – so reden Sie mit Menschen, die nur ihre eigene Wahrheit kennen

Corona-Demo in Berlin
Sie wähnen sich im Widerstand – und sind stolz darauf: Demonstranten in Berlin am vergangenen Wochenende
© Florian Boillot
Verschwörungsgläubige und Esoteriker, Impfgegner und Neonazis, es ist eine seltsame Mischung, die sich auf Corona-Demos wie in Berlin zusammenfindet. Gemeinsam ist ihnen: Ein andere Sicht auf die Dinge als die ihre, ist ihnen fremd. Wie soll man diesen Menschen umgehen?
Text und Protokolle: Claudia Minner

Runter mit der Sklavenmaske!“ „Ich lebe in einer echten Corona-­Diktatur.“ „Gib Gates keine Chance.“ All diese Zitate stammen vom vergangenen Wochenende. Gefallen sind sie auf den Straßen Berlins und in den ­sozialen Medien. Fast jeder hat in den vergangenen Monaten Sätze wie diese gehört oder ­gelesen. Im echten Leben ebenso wie in der digitalen Welt. Die beste Freundin meint plötzlich, Corona sei eine Erfindung, die Sterbefall-Statistiken seien ­gefälscht. Bekannte schicken über Whats­app Links zu Videos, in denen vermeintliche Experten von einer ­Verschwörung raunen. Und auf Demos wie am vergangenen Wochenende in Berlin wettern Teilnehmer nicht nur gegen Corona-Maßnahmen, sondern auch immer wieder gegen Journalisten der „Lügenpresse“, denen man keinen Glauben schenken sollte. „Die Wahrheit ist, dass die Menschen versklavt werden“, erzählt eine Teilnehmerin mit schwarz-rot-gold beklebter Kappe. Eine andere meint, dunkle Machenschaften seien im Spiel. Man wolle hier deshalb „nur ganz, ganz friedlich sagen: Irgendwas stimmt doch nicht!“ Bereits im Februar sprach die WHO von einer „massiven Infodemie“: einem Überangebot an Informationen zum ­Virus, in dem wahre Information von Falschmeldungen oft kaum noch zu unterscheiden ist. In einer im Juli veröffentlichten Umfrage der Friedrich-Naumann-Stiftung, die sich mit „Corona-Fakes“ in Deutschland und sechs anderen ­Ländern beschäftigt, heißt es: „Noch nie haben sich ­Desinformationen so schnell und flächendeckend verbreitet und hartnäckig festgesetzt.“

Woran liegt das? Und wie geht man damit um? Wie soll man reagieren, wenn man im persönlichen Umfeld mit Verschwörungserzählungen konfrontiert wird? Die Herausforderung an sich ist nicht neu. Ver­schwörungsglauben gibt es nicht erst, seit Corona die ­Menschen in Aufruhr versetzt, und der Vorwurf der „Lügenpresse“ ist wohl so alt wie Gutenbergs Druckerpresse selbst. Aber während man darüber früher höchstens mit Nachbarn, Kollegen und Freunden sprach, können sich solche Geschichten heute durch die digitalen sozialen Netzwerke rasant verbreiten. Und weil Negatives unsere Aufmerksamkeit stärker bindet als Positives – Psychologen sprechen von Negativitätsdominanz –, werden Fake News besonders oft geteilt. Was dort steht, klingt ungeheuerlich, regt auf, macht wütend. Eine Untersuchung von Forschern des Massachusetts Institute of Technology (MIT) zeigt, dass Twitter-Nutzer Falschmeldungen im Durchschnitt fast doppelt so häufig weiterleiten wie andere Inhalte. Und es sind nicht nur jugendliche Smartphone-Nutzer, die Angst und ­Unsinn massenhaft im Netz verbreiten. Laut einer ­Studie der Universitäten Princeton und New York ­teilen Facebook-Nutzer, die 65 Jahre oder älter sind, Artikel mit Fake News fast sieben Mal häufiger als 18- bis 29-Jäh­rige – womöglich liege das an mangelnder Medienkompetenz der Senioren, sagen die Forscher. Hinzu kommt die Algorithmus-Falle: Was man auf Google, Facebook, ­Youtube und anderen Plattformen als Erstes findet, hängt damit ­zusammen, was man vorher angeklickt hat und was gerade besonders populär ist.

Eine Welt alternativer Realitäten

So erreichen Lügen und Halbwahrheiten mit wenigen Klicks Millionen Menschen. Die Corona-Pandemie erschüttert die Sicherheit und fördert die Angst vor Kontrollverlust. Das macht Menschen empfänglich für einfache Erklärungsmuster und Feindbilder. Die Erzählungen geben Halt: Hier unten die Guten, beziehungsweise ein paar wenige Gute, die erkannt haben, worum es wirklich geht. Und dort oben, da sind die Bösen, die alle unter einer Decke stecken. 34 Prozent der Deutschen glauben, dass etablierte Medien auf Druck der Regierung Fakten über das Virus verschweigen, so die „Corona-Fakes“-Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung.

Das ist gefährlich. Denn wenn Menschen glauben, dass sie von Politikern und Medien systematisch belogen werden, verlieren sie das Vertrauen und fühlen sich womöglich nicht mehr an die staatlichen Spielregeln gebunden. Außerdem schwindet das Gefühl, eine gemeinsame Realität zu haben. Patrick Gensing, Leiter des ARD-Faktenfinders und Autor des Buchs „Fakten gegen Fake News oder: Der Kampf um die Demokratie“ formuliert das so: „Fake News bedrohen die demokratische Öffentlichkeit, da sie die Wahrnehmung verzerren, einen Vertrauensverlust bewirken und den Diskurs vergiften. Wir brauchen einen Konsens, auf welche überprüfbare Fakten wir uns stützen können, um dann in der Sache zu streiten, welche Schlussfolgerungen daraus zu ziehen sind. Wenn aber ‚alternative Fakten‘ diesen Konsens zerstören, wenn Meinungen als Tatsachen veredelt und wissenschaftliche Erkenntnisse zu Meinungen degradiert werden, dann erodiert der gesamte demokratische Diskurs.“

Plakate mit Fotomontagen und Bildern von Politikern und Journalisten
Plakate in Berlin: Politiker und Journalisten sagen angeblich nicht die Wahrheit über das Virus
© ddp images/Steffens

Große soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter, ­Youtube und Instagram, die sich lange Zeit darauf berufen haben, nur neutrale Plattformen zu sein, lenken inzwischen ein und entwickeln Strategien für den Umgang mit fragwürdigen und demokra­tiefeindlichen Inhalten. Um die aktuelle Infodemie ­einzudämmen, werden etwa Falschinformationen zu Covid-19 gelöscht oder mit Warnhinweisen versehen, Inhalte der WHO oder von lokalen Gesundheitsbehörden werden bevorzugt angeboten. Dass die Plattformen nun vermehrt als Torwächter auftreten, hat auch ­Donald Trump zu spüren bekommen: Im Juli löschte Twitter in seinem Account einen Tweet mit einem Video, in dem eine Ärztin behauptet, das umstrittene Malaria-Medikament Hydroxychloroquin würde Covid-19-Patienten heilen. Auch Whatsapp hat im April seine Funktionsweise ­geändert: Nachrichten, die bereits fünfmal ge-teilt wurden, können seitdem nicht mehr an mehrere Chats gleichzeitig, sondern nur noch an einzelne Chats ­weitergeleitet werden. Mit Erfolg: Innerhalb weniger Wochen sei die Anzahl der weitergeleiteten Nachrichten weltweit um 70 Prozent zurückgegangen, so das Unternehmen.

Kritisches Denken gegen Fake News

Es gibt darüber hinaus immer mehr Angebote im Netz, die helfen, Dichtung von Wahrheit zu unterscheiden. So hat die Fraunhofer-Gesellschaft vergangenes Jahr eine Software vorgestellt, mit der Behörden und Unternehmen große Datenmengen aus Social-Media-Netzen auf Falschmeldungen überprüfen können. Auch für den digitalen Endverbraucher tut sich was: Die öffentlich-rechtlichen Sender bieten Faktenchecks an wie den ARD-Faktenfinder, den #Faktenfuchs vom Bayerischen Rundfunk oder den ZDFheuteCheck. Das durch Spenden und Stiftungsgelder finanzierte Journalisten-Team Correctiv entlarvt auf seiner ­Webseite ­Correctiv.org und in Newslettern aktuelle Falschmeldungen und Verschwörungserzählungen. Das Bundesgesundheitsministerium klärt in einem Corona-Infokanal zum Beispiel auf Telegram oder Whatsapp viele Falschmeldungen auf. Und auf What­thefact.info liefert die Nemetschek Stiftung Zahlen und Daten zu populären Themen und einen Fakten-Test.

Allerdings ist solches „Debunking“, das Entlarven, kein Allheilmittel. Wer bereits in eine alternative Realität abgedriftet sei, den erreiche man mit Tatsachen kaum noch, sagt Faktenchecker Gensing. Manche versteifen sich sogar noch mehr auf ihre Thesen, wenn man versucht, sie zu widerlegen. All die anderen aber, die gegenüber Verschwörungserzählungen unentschlossen oder gleichgültig sind oder gerade erst ins Zweifeln gekommen sind, was nun wahr ist und was nicht – die kann man erreichen. Es sind viele: 51 Prozent der Deutschen empfinden die Unterscheidung von Nachrichten und Falschmeldungen zum Coronavirus als schwierig – Fakten mindern ihre Unsicherheit.

Dass es die Mühe wert ist, zeigt das Beispiel Finnland. Seit 2016 steht „Kritisches Denken“ im Lehrplan der Schulen. Schüler lernen fächerübergreifend, Fakten zu hinterfragen und seriöse Quellen zu finden. Mit Erfolg: Im „Media Literacy ­Index“, einem Ranking, das die Widerstandsfähigkeit der europäischen Staaten gegen Fake News misst, belegt Finnland den Siegerplatz.

Wie sehr sich Fake News und Verschwörungserzählungen verbreiten, hängt also nicht nur von den Tech-Konzernen und ihren Algorithmen ab. Sondern auch und vor allem davon: wie wir alle mit der Informationsflut umgehen. Wie wir sprechen und widersprechen. So können wir uns langsam, aber sicher gegen das Fake-News-Virus immunisieren.

„Keine harmlose Spinnerei“

Katharina Nocun
© www.GordonWelters.com

Katharina Nocun, 33, Bürgerrechtlerin, Politologin und Autorin aus Berlin, klärt in Vorträgen über Verschwörungstheorien auf

Immer wieder werde ich gefragt, was meine lustigste Verschwörungserzählung ist. Ich antworte dann, dass ich darüber nicht mehr lachen kann. Es ist nicht witzig, wenn Menschen der Meinung sind, mit den Kondensstreifen von Flugzeugen wolle man uns vergiften oder 5G-Strahlen würden Corona-Infektionen auslösen. Denn das ist keine harmlose Spinnerei, sondern ein Radikalisierungsbeschleuniger. Menschen, die glauben, dass sie systematisch belogen werden, sind eher geneigt, Gewalt als legitimes Mittel zu betrachten. Das sieht man auch an den Morddrohungen, die Menschen erhalten, die sich kritisch mit Verschwörungsgläubigen auseinandersetzen.

Ich finde es wichtig, dass wir alle erkennen, wie gefährlich Verschwörungserzählungen sind, gerade jetzt, in einer Zeit, in der mehr Menschen dafür anfällig geworden sind, weil sie von irrationalen Ängsten und existenziellen Sorgen getrieben werden. Einige glauben, verstanden zu haben, was die große Masse angeblich noch nicht begriffen hat, und betrachten sich als etwas Besonderes. Deshalb habe ich gemeinsam mit der Sozialpsychologin Pia Lamberty ein Buch geschrieben („Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“). Neulich hat mir eine Leserin geschrieben, wie ihr das Buch im Umgang mit Verschwörungsgläubigen geholfen hat. Die Gespräche mit Familienangehörigen eskalieren nun nicht mehr so oft, und sie hat Hoffnung, dass sie zu einem Umdenken führen. Nachrichten wie diese freuen mich sehr.

Ich halte außerdem Vorträge und gebe Workshops zu dem Thema, meistens in Vereinen und Verbänden, Stiftungen und Universitäten. In letzter Zeit fragen auch Parteien, Fraktionen und die Jugendorganisationen der Parteien an. Diese Arbeit macht mir Mut, weil sie mir zeigt, dass es viele Menschen gibt, die die Gefahr von Fake News und Verschwörungserzählungen erkennen und anfangen wollen, selbst zu handeln.“

So reden Sie mit Verschwörungsgläubigen

Sechs Tipps zur guten Gesprächsführung von Katharina Nocun


Nicht warten

Wichtig ist, dass man gleich reagiert, wenn man so etwas hört. Je früher man ins Gespräch kommt, desto besser kann man die Leute erreichen. Wer schon im Sog der Parallelwelt steckt, kann sich meist nicht mehr davon lösen. Dennoch lohnt es sich, auch auf solche Menschen einzugehen, vor allem wenn man bislang einen guten Kontakt zu ihnen hatte. Über eine gute persönliche Beziehung hat man die besten Chancen, jemanden zum Nachdenken zu bringen.

Fragen stellen

Viele neigen dazu, gleich Gegenargumente zu liefern. Ich würde eher erst einmal Fragen stellen: „Woher hast du das? Wer behauptet das? Wer ist dieser Experte oder was ist das für eine Quelle? Und warum glaubst du das?“ Und dann lieber ein oder zwei gute Argumente benennen, statt auf 20 Fakten-Checks zu verweisen. Zu viele Informationen können beim Gegenüber dazu führen, dass es die Schotten dichtmacht und sich sogar noch mehr auf seine Thesen versteift.

Sachlich bleiben

Auch wenn manche Äußerungen einen aufregen, sollte man unbedingt darauf achten, dass das Gespräch nicht eskaliert. Ruhe bewahren, nicht laut werden, den anderen ausreden lassen. Auf keinen Fall herablassend reagieren. Man kann kritische Fragen stellen, sich von Äußerungen abgrenzen und Kritik üben, aber gleichzeitig die Hand ausstrecken, damit der andere ohne Gesichtsverlust einen Irrtum einräumen kann.

Empathisch sein

Es ist wichtig, herauszufinden, wie es dem anderen geht, und ein Verständnis für seine Situation zu entwickeln. Fragen wie „Wie geht es dir? Welche Sorgen hast du?“ geben dem anderen das Gefühl, ernst genommen zu werden. Man sollte so ein Gespräch un­bedingt unter vier Augen führen, damit sich die andere Person traut, offen zu sprechen.

Klar sein

Wer mit Pauschalisierungen wie „die Medien“ oder „die Politiker“ konfrontiert wird, sollte auf jeden Fall verdeutlichen, dass diese zu kurz greifen. Es ergibt auch hier wieder Sinn nachzufragen: „Warum hältst du alle Medien für gleichgeschaltet? Es gibt doch ganz unterschiedliche Zeitungen, Magazine, Portale oder Beiträge mit verschiedenen Schwerpunkten und Finanzierungsmodellen. Welche hast du dir denn anguckt?“ Auch diskriminierende Äußerungen sollte man nicht unkommentiert stehen lassen, sondern sich klar davon abgrenzen.

Dranbleiben

Verschwörungsgläubige brechen oft den Kontakt zu denen ab, die damit nichts anfangen können. Oder sie entwickeln einen so großen Bekehrungsdruck, dass sie ständig darüber sprechen wollen, bis ihr Umfeld den Kontakt meidet. Man sollte realistisch sein: Der Umgang mit Verschwörungsgläubigen ist schwierig. Manche wird man nicht zum Umdenken bewegen können. Man kann lediglich versuchen, Zweifel zu säen und auf diese Weise langsam Risse in die Kruste eines geschlossenen Weltbildes zu treiben.

„Demokratie ist kein Selbstläufer“

Fabian Müller

Fabian Müller, 32, Politologe am Adolf-Bender- Zentrum in St. Wendel, gibt Argumentationstrainings gegen Stammtischparolen

Fake News und Verschwörungsmythen begegnen uns überall, im echten Leben morgens beim Bäcker oder beim Abendessen mit Freunden ebenso wie als Post bei Facebook und Twitter oder als Nachricht bei Whatsapp und Telegram. Oft vermischen sie sich mit Pauschalisierungen und Diskriminierungen. Und selbst Staatschefs twittern heute den größten Müll. Ich finde diese Entwicklung sehr bedenklich.

Zum Glück erkennen immer mehr Menschen die Gefahr. Noch vor zehn Jahren wurde das Argumentationstraining, das ich anbiete, vor allem als berufliche Fortbildung von pädagogischen und sozialen Fachkräften genutzt. Mittlerweile kommen immer mehr Menschen zu uns, die im privaten Umfeld oder Ehrenamt mit Vorurteilen, Fake News und Verschwörungserzählungen konfrontiert sind und im Umgang damit sicherer werden wollen. Viele sind entsetzt, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt, und spüren, dass eine Demokratie kein Selbstläufer ist. Deshalb wollen sie endlich selbst aktiv werden.

Das Argumentationstraining gegen Stammtischparolen wurde vor mehr als 25 Jahren für Volkshochschulen entwickelt, es hat aber weit darüber hinaus Verbreitung gefunden und lässt sich nicht nur auf klassische Vorurteile wie ,Die Ausländer nehmen uns die Arbeit weg‘ anwenden, sondern auch auf aktuelle Fake News und Verschwörungsmythen. Das Grundprinzip funktioniert unverändert: Wir haben keinen Vortrag im Gepäck und keine fertigen Handouts. Thematisiert wird das, was die Gruppe besprechen möchte, also die individuellen Erlebnisse der Teilnehmer. Die eine möchte über die Stammtischparolen ihres Onkels sprechen, die er bei jedem Familientreffen von sich gibt. Ein anderer hat eine Bekannte, die regelmäßig Fake News weiterleitet. In den letzten Jahren waren die Teilnehmer meist mit Vorurteilen und Falschmeldungen über Geflüchtete und den Klimawandel konfrontiert, aber auch Impfen und die 5G-Technologie sind immer wieder Thema. Aktuell geht es natürlich vor allem um Corona.

Kernbestandteil eines Argumentationstrainings sind Rollenspiele. Ein Teil der Gruppe äußert im Spiel die Falschmeldungen, über die wir uns vorher ausgetauscht haben, ein anderer Teil versucht damit umzugehen. Ein weiterer Teil der Gruppe beobachtet das Geschehen und gibt Feedback. Anschließend entwickeln und diskutieren wir mögliche Gegenstrategien. Viele Ideen bringen die Teilnehmer selbst mit. So merken sie, wie handlungsfähig sie sind. Sie darin zu bestärken ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit.

In den Rollenspielen wird deutlich, wie wichtig es ist, ruhig, sachlich und freundlich zu bleiben, auch wenn einen manche Äußerungen extrem aufregen. Eine heftige Reaktion kann beim Gegenüber schnell zur Blockade führen.

Bei Menschen, die man näher kennt und mit denen man im Gespräch bleiben möchte, sollte man unbedingt auch fragen, wie es dem Gegenüber geht. Verunsicherung, Sorgen und Ängste können dazu führen, dass Menschen anfälliger werden für einfache Erklärungen, wie sie manche Verschwörungsmythen liefern.

Wir reden in den Trainings außerdem über unsere eigenen Werte und Urteilsmaßstäbe, um Sensibilität dafür zu wecken, dass Gesprächen unterschiedliche Weltanschauungen zugrunde liegen. Der eine ist beispielsweise überzeugt davon, dass sich eine Gemeinschaft an Regeln halten muss, der andere hält sie für überbewertet. Und, ganz wichtig: Wir reflektieren unsere eigenen Vorurteile. Niemand ist ganz frei davon, und in gewisser Weise erleichtern sie uns das Leben, weil sie Orientierung geben. Nur wenn wir das verstehen, können wir glaubhaft diskutieren und darauf achten, dass wir nicht selbst in die Pauschalisierungsfalle tappen. Das bedeutet dann auch, dass wir nicht alle Menschen, die Corona-Falschmeldungen verbreiten oder gegen die Einschränkungen demonstrieren, als weltfremde Spinner abtun.“

„Hat Putin Löwen freigelassen?“

Juliane von Reppert-Bismarck
© Jan Zappner/re:publica

Juliane von Reppert-Bismarck, 47, ist Gründerin des Projekts „Lie Detectors“. Sie sagt: Wer Meinungsmache im Netz bekämpfen will, muss Medienkompetenz fördern

„Dir kann man eh nicht glauben, du bist ja Journalistin!“ – Als mir dies vor vier Jahren von einem lieben Familienmitglied vorgeworfen wurde, war ich schockiert, wie sehr die Glaubwürdigkeit der Medien ins Wanken geraten war. Zur gleichen Zeit, kurz vor den US-Wahlen 2016, erzählte mir mein 13-jähriges Patenkind aus Niedersachsen, die Hälfte seiner Klasse würde Trump wählen. Warum?, fragte ich erstaunt. Als Erklärung schickte es mir einen Screenshot von einem Beitrag auf Instagram, in dem wüste Gerüchte über Hillary Clinton verbreitet und Medien, die anderes behaupteten, als unglaubwürdig dargestellt wurden. Ich beschloss, dieser Meinungsmache etwas entgegenzusetzen.

So entstand die Idee für „Lie Detectors“. Bei dem Projekt bilden wir Jugendliche zwischen 10 und 15 Jahren zu Lügendetektoren aus. Dazu bieten wir Schulen kostenlose Workshops an, in denen Journalisten mit der Klasse erarbeiten, mit welchen Fragen und Werkzeugen man Fake News entlarven kann. Seit 2017 haben etwa 200 Journalisten mehr als 900 Schulklassen in Deutschland, Österreich und Belgien besucht. Wegen der Pandemie machen wir das Ganze nun online und mit direktem Bezug zu Corona- Fakes, die auf Plattformen wie Ins­tagram, Snapchat oder Whats­app kursieren: Stimmt es wirklich, dass Putin Löwen freigelassen hat, um Ausgangssperren durchzusetzen? Hilft Knoblauchwasser gegen Corona? Und wurde das Virus absichtlich in die Welt gesetzt?

Die meisten Jugendlichen sind sehr verunsichert, was sie glauben können. Und auch Lehrern fehlt es oft an Medienkompetenz. Aber, und das macht mir Mut: Beide Gruppen sind total empfänglich für das Thema. Wir zeigen, wie man Tatsachen, Fälschungen, Irrtümer und Meinungen unterscheidet und Quellen prüft, um sich auf der Basis zuverlässiger Infos eine eigene Meinung zu bilden. Denn das ist die Grundlage jeder Demokratie! Außerdem geben die Journalisten einen ehrlichen Einblick in ihre Arbeit. Sie erzählen zum Beispiel, dass auch ihnen Fehler unterlaufen. Wir wollen den Schülern und Lehrern damit zeigen, dass Fehler passieren können, dass dahinter aber keine bewusste Manipulation steckt.

Auch auf politischer Ebene muss man gegen Fake News und Verschwörungserzählungen kämpfen, finde ich. Als Mitglied von Expertengruppen berate ich zum Beispiel die EU, wie man Desinformation begrenzen und Medienkompetenz stärken kann. Unsere Forderungen sind klar: Wir wollen, dass Medienkompetenz in die Lehrpläne von Schulen und Lehramtsstudiengängen aufgenommen wird und bei Pisa-Studien mit getestet wird. Und wir fordern, dass Social-Media-Plattformen stärker kontrolliert werden.

Das ist ein langwieriger Kampf, deswegen ist die direkte Arbeit mit den Jugendlichen so wichtig. Denn: Solange wir auf den Datenautobahnen im World Wide Web keine Geschwindigkeitsbegrenzungen einführen können, sollten wir zumindest darauf achten, dass alle, die dort fahren, einen Führerschein haben – sich also selbst­sicher und kritisch durch die Medienwelt bewegen können.“

„Wenn ich nur ein Kind erreiche, hat es sich gelohnt“

Jenni Schnarr

Jenni Schnarr, 29, ist Theaterpädagogin am Landestheater Detmold. In ihren Workshops für Schulklassen versucht sie, Schüler zum Nachdenken anzuleiten

Was ist überhaupt eine Nachricht? Mit dieser Frage fange ich meine Workshops oft an. Die Antworten der Jugendlichen zeigen, wie verworren das Thema ist. Da werden Insta­gram-Storys und Whatsapp-Kettenbriefe erwähnt, die Nachricht einer Freundin ebenso wie der weitergeleitete Link zu einer Webseite. Klassische Zeitungen oder Nachrichtensendungen im Fernsehen kommen kaum vor. Es wird dabei deutlich, dass viele Jugendliche die Infos, die auf sie einprasseln, nicht einordnen können. Was stimmt und was nicht? Und woher stammt diese Nachricht überhaupt? Ist die Quelle seriös?

Die Jugendlichen haben viele Fragen. Ich will ihnen helfen, Antworten darauf zu finden. Die Workshops richten sich an Schüler und Schülerinnen ab der siebten Klasse, sie dauern zwei bis vier Stunden und finden einmalig statt. Natürlich kann das Thema Fake News in einem Termin nicht umfassend behandelt werden, es ist komplex. Aber wir können einen Impuls geben.

Meist arbeite ich mit einem Experten aus dem bildungspolitischen Bereich zusammen, zum Beispiel mit Leuten vom Verein „Digitalcourage“. Und eine Lehrkraft ist natürlich auch dabei. Um den Workshop lebendig und anschaulich zu gestalten, arbeite ich mit Elementen aus dem Theater wie Konfetti, Musik und Bewegung. Zum Beispiel bei der Barometer-Übung: Da positionieren sich die Schüler und Schülerinnen zu Aussagen wie: „Ich kann Falschnachrichten erkennen“ oder „Ich finde es wichtig, informiert zu sein“ auf einer imaginären Skala im Raum zwischen „Ich stimme voll und ganz zu“ und „Ich stimme gar nicht zu“. So kommen sie untereinander und mit den Workshop-Leitenden ins Gespräch und überlegen gemeinsam, was Fake News sind, wie man sie entlarven und wo man seriöse Informationen finden kann.

Ich glaube, dass wir mit den Workshops einen Reflexionsprozess in Gang setzen. Wir können darauf aufmerksam machen, dass Falschnachrichten und Filterblasen die Wahrnehmung unserer Realität beeinflussen. Aber auch, dass es in Deutschland einen Pressekodex gibt, der wahrheitsgemäßes Berichten zu einem der wichtigsten Werte für Journalisten erklärt. Und dass man es selbst in der Hand hat, ob und wo man sich informiert. Letztlich geht es darum, die Medienkompetenz zu fördern.

Ich bin immer berührt, wenn ich mitbekomme, dass es geklappt hat, die Jugendlichen zum gemeinsamen Nachdenken zu bewegen. Wenn ich nur ein oder zwei Kinder einer Klasse für das Problem Fake News sensibilisieren kann, hat es sich schon gelohnt.“

Der stern unterstützt Exit-Deutschland. Diese Initiative hilft Menschen, die mit dem Rechtsextremismus brechen und sich ein neues Leben aufbauen wollen. Wir leiten Ihre Spende weiter. Stiftung stern e.V. – IBAN DE90200700000469 950001 – BIC DEUTDEHH – Stichwort: EXIT

Erschienen in stern 37/2020

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