Vertreibungs-Zentrum Wenn eine Debatte aus dem Ruder läuft


Der Vorfall offenbart, wie tief die Polen dem Vorhaben misstrauen, in Berlin ein Zentrum gegen Vertreibungen zu errichten. Das Titelblatt eines polnischen Magazins zeigt die BdV-Präsidentin Erika Steinbach in SS-Uniform, wie sie auf dem Kanzler reitet.

Die Verunglimpfung ist der bisherige Tiefpunkt in der immer heftiger werdenden Debatte um ein Zentrum gegen Vertreibungen. Die Fotomontage des polnischen Magazins "Wprost" zeigt die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach, in SS-Uniform, wie sie auf Bundeskanzler Gerhard Schröder reitet. Auch wenn polnische Politiker diese Form der Auseinandersetzung verurteilen, offenbart der Vorfall doch, wie tief die östlichen Nachbarn dem Vorhaben des BdV misstrauen, in der deutschen Hauptstadt eine derartige Gedenkstätte zu errichten.

"Ein Teil europäischer Geschichte"

Die Idee ist mittlerweile drei Jahre alt. Im Juni 2000 stellte die CDU-Bundestagsabgeordnete Steinbach die Konzeption vor. Eine Dauerausstellung soll den Schicksalsweg der 15 Millionen deutschen Vertriebenen und Flüchtlingen zeigen. Das Zentrum will Steinbach aber auch als einen Teil europäischer Geschichte verstanden wissen, das ebenso die Vertreibung anderer Völker dokumentiert. Zu den Unterstützern des Projekts zählen mit dem SPD-Politiker Peter Glotz oder dem ungarischen Schriftsteller György Konrad auch Personen, die revisionistischer Gedanken unverdächtig sind.

Führende Koalitionspolitiker gingen aber bald auf Distanz. Bereits am 3. September 2000, als erstmals ein SPD-Kanzler bei einem Tag der Heimat auftrat, äußerte Schröder seine Skepsis. Inzwischen formuliert Schröder seine Ablehnung klarer. Er halte nichts davon, weil der Standort Berlin Gefahr liefe, allzu einseitig das den Deutschen widerfahrene Unrecht in den Vordergrund zu stellen und dabei die historischen Ursachen der Vertreibung, den deutschen Faschismus, auszublenden. Außenminister Joschka Fischer sieht das ähnlich und warnt vor Belastungen der Beziehungen zu den Nachbarn.

Scharfe Angriffe in der "Jungen Freiheit"

Mittlerweile ist der Streit so eskaliert, dass Bundespräsident Johannes Rau alle Beteiligten zur Mäßigung mahnte. "Ich gestehe, dass mich der Ton und der Stil mancher Beiträge in dieser Debatte bedrücken", sagte Rau am 6. September, als auch er erstmals bei einem Tag der Heimat auftrat. Für Irritationen sorgte dann aber wenige Tage später Steinbach, als sie die Gegner scharf angriff und sich dafür die rechtsgerichtete Wochenzeitung "Junge Freiheit" auswählte. Für den FDP-Chef Guido Westerwelle ist dies ein Blatt, dem man am besten gar kein Interview gibt. Steinbach hielt dem SPD-Politiker Markus Meckel vor, die Proteste im Ausland bestellt zu haben.

Im Kern gipfelt die Kritik aus dem In- und Ausland in der Befürchtung, dass die Vertriebenen mit dem Zentrum die Geschichte umschreiben, die Täter zu Opfern machen wollen. Dass die Vorbehalte in Tschechien und Polen so heftig ausfallen, verwundert nicht, hatten beide doch besonders unter den Verbrechen Nazi-Deutschlands gelitten. 6,5 Millionen Menschen, ein Viertel der polnischen Bevölkerung, kamen durch Krieg und Besetzung ums Leben, darunter drei Millionen polnische Juden.

Der frühere polnische Außenminister und ehemalige Auschwitz- Häftling Wladyslaw Bartoszewski argwöhnt, Berlin als Ort würde in Polen böse Erinnerungen wecken. Marek Edelmann, das letzte lebende Mitglied des Kommandostabs der Warschauer Ghetto-Kämpfer, formuliert kompromisslos: "Ich werde nicht die Stiefel der Henker anziehen." Der tschechische Historiker Jan Sicha erinnert daran, dass Flucht und Vertreibung das Ende waren. Davor standen eine verbrecherische Ideologie, die Überfälle auf die Nachbarn, der Holocaust, Sklaven- und Zwangsarbeit. "Erika Steinbach ist eine ehrgeizige und fähige, aber für Mittel- und Osteuropäer inakzeptable Politikerin; sie ist zu einem politischen Problem Deutschlands geworden", schrieb Sicha im "Tagesspiegel".

Kritiker nur schwer zu überzeugen

Steinbach weist die Vorwürfe entschieden zurück und versichert: Die Vertriebenen wollten die Geschichte nicht revidieren. "Ohne Hitler hätte es keine Vertreibungen gegeben." Ihre Kritiker kann Steinbach damit aber bislang nicht überzeugen. Anfang Oktober sprachen sich in Prag 150 Unterzeichner eines internationalen Aufrufs für eine offene Diskussion aus. Für sie zeigt der Streit, dass "kein Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen werden kann".

Norbert Klaschka DPA

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